Vierter Auftritt

[576] Voriger. Valentin, in bürgerlicher Tracht als Tischlermeister, einen Hobel im Sack, kommt trillernd. Er hat schon dunkelgraues Haar.


VALENTIN.

Wenn ein Tischler früh aufsteht,

Tralalala –


Sieht Flottwell.


Schau, schau, da ist ein armer Mann. Ich muß ihm doch was schenken. Er nimmt einen Groschen aus dem Sack und will ihn Flottwell reichen, doch stutzt er, als er ihn erblickt. He Alter! Flottwell kehrt sich gegen ihn. Was ist – Ich weiß nicht, dieses Gsicht – das Gsicht ist mir bekannt – Jetzt trau i ihm fast den Groschen gar nicht zu geben –

FLOTTWELL. Was wollt Ihr denn?

VALENTIN noch gereizter. Die Stimm – das wird doch nicht? Er zittert. Sie, hören S' – das wär entsetzlich – Bitt um Verzeihung! Sie, kennen Sie das Schloß?

FLOTTWELL gerührt. Ob ich es kenne, Freund? Es war ja einst mein Eigentum!

VALENTIN schreit rasch. Mein gnädger Herr! Eine Mischung von Freude, Wehmut und Erstaunen macht ihn erzittern, er weiß sich nicht zu fassen. Ruft noch einmal. Mein gnädger Herr!


Die Tränen treten ihm in die Augen, er küßt ihm stumm die Hand.


FLOTTWELL. Wer bist du, Freund?[576]

VALENTIN. Der Valentin. Kennen mich Euer Gnaden denn nimmermehr? Der Tischlergsell, der einmal bei Ihnen gearbeitet hat und den Sie als Bedienten aufgenommen haben, weil er Ihnen so gut gfallen hat.

FLOTTWELL gutmütig. Valentin? der gute ehrliche Valentin. Und du erinnerst dich noch meiner?

VALENTIN. Ob ich mich erinnere? O Gott! Euer Gnaden waren ja so gut mit mir und haben mir ja so viel geschenkt. Einen Dukaten hab ich mir noch aufgehoben, Gutmütig. aber die andern hab ich alle ausgegeben.

FLOTTWELL. Und geht es dir gut?

VALENTIN. Nu mein! Wies halt einen armen Tischler gehn kann. Auf dem Land ist ja nicht viel zu machen. Ich bin zufrieden.

FLOTTWELL. Dann bist du glücklich!

VALENTIN. Nu, man nimmts halt mit, solang als Gott will. Aber Euer Gnaden scheinen mir gar nicht zufrieden zu sein.

FLOTTWELL. Nicht wahr, ich hab mich sehr geändert?

VALENTIN verlegen. Ah nein! nein! Euer Gnaden schauen gut aus – gut – recht gut. A Bissel strapaziert, aber – Beiseite. Das kann man ja einen solchen Herrn nicht sagen.

FLOTTWELL. Mein guter Valentin, nun kann ich dich nicht mehr beschenken.

VALENTIN. Beschenken? Euer Gnaden werden mich doch jetzt nicht mehr beschenken wollen. Da müßt ich Euer Gnaden richtig völlige Grobheiten antun. Faßt sich. Bitt um Verzeihung! Ich red manchmal, als wenn ich Hobelschatten im Kopf hätt. Seit ich wieder Tischler bin, hab ich meine ganze Politur verloren.

FLOTTWELL für sich. Soll ich mich ihm entdecken?

VALENTIN für sich. Ich trau mir ihn gar nicht zu fragen. Mir scheint, er ist voll Hunger.

FLOTTWELL. Gehst du nach Hause?

VALENTIN. Nein! Ich soll im Wirtshaus drüben die Tür zusammnageln, weil s' gestern einen hinausgeworfen haben, und da ist er ihnen a bißel angekommen an die Tür,[577] und da hat s' einen Sprung kriegt. Und dann hab ich der Schulmeisterin eine neue Linier machen müssen. Sie hat s' an ihren Mann abgeschlagen, weil sie ihn manchmal liniert.

FLOTTWELL kämpft mit sich, seufzt, greift sich an die Stirne und sagt dann. Nun so leb wohl! Will gehn.

VALENTIN hält ihn auf. Wo wollen denn Euer Gnaden hin? Euer Gnaden werden mir doch nicht wieder davonlaufen? Jetzt hab ich ja erst die Ehr gehabt zu sehen. Beiseite. Wann ich nur wüßte, wie ich das Ding anstellen soll?

FLOTTWELL seufzt. Was willst du denn noch?

VALENTIN. Euer Gnaden verzeihen – Aber – Sagen mir Euer Gnaden aufrichtig: Sein Euer Gnaden heut schon eingeladen?

FLOTTWELL lächelt. Nein, lieber Mann!

VALENTIN. Dürft ich wohl so frei sein und dürft mir die Ehr ausbitten, auf eine alte Hausmannskost?

FLOTTWELL gerührt. Ich danke dir. Rechtschaffener Mensch! Ich komme.

VALENTIN. Nichts kommen. Ah beleib. Ich laß Euer Gnaden nimmer aus. Die sollen sich ihre Tür selbst zusammennageln. Ich muß mit meinen gnädigen Herrn nach Haus gehn jetzt.

FLOTTWELL. So komm!

VALENTIN. Aber das sag ich gleich, so gehts bei mir nicht zu, wies einmal bei uns da Aufs Schloß deutend. zugegangen ist – Ah – Schlagt sich aufs Maul. Schon wieder so ein Hobelschattendiskurs.

FLOTTWELL. Ich werde mit allem zufrieden sein.

VALENTIN. Nichts! Nein! Wird nicht so schlecht ausfallen, ich koch ja selbst. Ah, wir werden uns schon zusammnehmen, ich und meine Alte. Wird sich schon wo ein übertragens Geflügelwerg finden. Solang der Valentin was hat, werden Euer Gnaden nicht zu Grund gehen. Jetzt werden wir unsern Einzug halten. Ah, so kanns nicht ablaufen. Euer Gnaden müssen eine Auszeichnung haben. Ich geh voraus, und Euer Gnaden kommen nach; und[578] alle meine Kinder müssen Spalier machen, und wie Euer Gnaden eintreten, müssen s' schreien, daß ihnen die Brust zerspringen möchte: Vivat! unsern Vatern sein gnädiger Herr soll leben!

FLOTTWELL. Guter Valentin.

VALENTIN. Das ist ein Leben auf der Welt!


Flottwell geht Arm in Arm mit ihm ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 576-579.
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