Das vierdte Capitel.

[162] Padua ist der Tebel hohl mer eine brave Stadt; ob sie gleich nicht gar groß ist, so hat sie doch lauter schöne neue Häuser und liegt eine halbe Stunde von Rom. Sie ist sehr Volckreich von Studenten, weil so eine wackere Universität da ist. Es sind bisweilen über dreißig tausend Studenten in Padua, welche in einem Jahre alle mit einander zu Doctors gemacht werden. Denn da kan der Tebel hohl mer einer leicht Doctor werden, wenn er nur Speck in der Tasche hat und scheuet darbey seinen Mann nicht.

In derselben Stadt kehrete ich mit meinem Pferde und grossen Kober in einen Gast-Hofe (zum rothen Stier genant) ein, allwo eine wackere, ansehnliche Wirthin war. Sobald ich nun mit meinen grossen Kober von dem Pferde abstieg, kam mir die Wirthin gleich entgegen gelauffen, fiel mir um den Halß und küssete mich. Sie meynete aber nicht anders, ich wäre ihr Sohn! Denn sie hatte auch einen Sohn in die Frembde geschickt und weil ich nun unangemeldet flugs in ihren Gast-Hoff hinein geritten kam und sie mich nur von hinten ansichtig wurde, so mochte sie in den Gedancken stehen, ihr Sohn käme geritten. So kam sie Spornstreichs auf mich zu gewackelt und kriegte mich von hinten beym Kopffe und[162] hertzte mich. Nachdem ich ihr aber sagte: daß ich der und der wäre und die Welt auch überall durchstanckert hätte, so bat sie hernach bey mir um Verzeihung, daß sie so kühne gewesen wäre.

Es hatte dieselbe Wirthin auch ein paar Töchter, die führeten sich der Tebel hohl mer galant und propre in Kleidung auff, nur Schade war es umb dieselben Menschen, daß sie so hochmüthig waren und allen Leuten ein Klebe-Fleckchen wusten anzuhängen, da sie doch der Tebel hohl mer von oben biß unten selbst zu tadeln waren. Denn es kunte kein Mensch mit Frieden vor ihren Hause vorbey gehen, dem sie nicht allemahl was auff den Ermel heffteten und kiffen sich einen Tag und alle Tage mit ihrer Mutter. Ja, sie machten auch bisweilen ihre Mutter so herunter, daß es Sünde und Schande war und hatten sich an das heßliche Fluchen und Schweren gewöhnet, daß ich der Tebel hohl mer viel mahl gedachte: Was gilts? die Menscher werden noch auff den Miste sterben müssen, weil sie ihre eigene Mutter so verwünschen. Allein es geschahe der Mutter gar recht, warum hatte sie dieselben in der Jugend nicht besser gezogen!

Einen kleinen Sohn hatte sie auch noch zu Hause, daß war noch der beste. Sie hielt ihn unterschiedene Präceptores, aber derselbe Junge hatte zu dem Studiren keine Lust. Seine eintzige Freude hatte er an den Tauben und auch (wie ich in meiner Jugend) an dem Blase-Rohre. Mit demselben schoß er im Vorbeygehen, wenn es Marckt-Tages war, die Bauren[163] immer auff die Köpffe und versteckte sich hernach hinter die Hauß-Thüre, daß ihn niemand gewahr wurde. Ich war denselben Jungen recht gut, nur des Blase-Rohrs halber, weil ich in meiner Jugend auch so einen grossen Narren daran gefressen hatte.

Nun waren auch viel Studenten da im Hause, mit denenselben stunden der Fr. Wirthin ihre Töchter vortrefflich wohl. Sie lieffen des Morgens immer zu den Studenten auff die Stuben und quälten sie so lange, biß sie musten ein gut Frühstücke hohlen lassen. Wenn das Ding nun gleich ihre Mutter sahe oder wuste, daß ihre Töchter die Studenten-Stuben besuchten, so sagte sie ihnen der Tebel hohl mer nicht das geringste, sondern wenn sie gewahr wurde, daß die Studenten ein gut Glaß Wein hatten hohlen lassen, so machte sie sich auch ein Gewerb zu sie und schnabelirte da so lange mit, biß es alle war. Hernach so ging sie wiederum ihrer Wege und sagte zu den Töchtern: Wenn sie gnung hätten, solten sie bald nachkommen, welches sie auch bisweilen thaten. Ich kunte die Menscher aber niemahls um mich leiden, denn vors erste redeten sie kein klug Wort mit einem und wer mit mir dazumahl reden wolte, der muste der Tebel hohl mer Haare auff den Zähnen haben. Vor das andere, so hatte ich vor denselben Menschern flugs einen Abscheu, wenn sie mir nur etwas zu nahe traten, denn sie hatten einen erbärmlichen übelrüchenden Athem.

Nun kunten die guten Mädgens wohl nichts dafür, denn so viel ich aus dem Geruche abnehmen[164] kunte, hatten sie wohl das Vitium von ihrer Mutter gelernet, denn die Mutter kunte man der Tebel hohl mer flugs rüchen, wenn man sie gleich nicht einmahl sahe. Es hätte auch diese Wirthin so gerne wieder einen Mann gehabt, wenn sie nur einer hätte haben wollen, denn der sappermentsche Huren-Sohn, der Cupido, muste ihr eine abscheuliche grosse Wunde mit seinen Pfeile gemacht haben, daß sie in ihrem 60 Jährigen Alter noch so verliebt umb den Schnabel herum aussahe. Sie hätte – halt ich dafür – wohl noch einen Leg dich her bekommen, (weil sie ihr gutes Auskommen hatte), so aber stunck ihrs so lästerlich aus dem Halse, daß einen, wer sie nur von ferne sahe, flugs aller Appetit vergehen muste. Den gantzen Tag redete sie von nichts anders als von Hochzeitmachen und von ihrem Sohne, welcher in der Frembde wäre und sagte: was derselbe vor ein so stattlicher Kerl wäre.

Ich hatte, halt ich davor, noch nicht drey Wochen bey derselben Wirthin logiret, so stellte sich ihr frembder Sohn zu Hause wieder ein. Er kam der Tebel hohl mer nicht anders als ein Kessel-Flicker auffgezogen und stunck nach Toback und Brantewein wie der ärgste Marode-Bruder. Ey sapperment! was schnitte der Kerl Dinges auff, wo er überall gewesen wäre und waren der Tebel hohl mer lauter Lügen!

Wie ihn nun seine Mutter und Schwestern wie auch sein kleiner Bruder bewillkommet hatten, so wolte er mit seinen Schwestern Frantzöisch an zu[165] reden fangen, allein er kunte der Tebel hohl mer nicht mehr vorbringen als ouy. Dann wenn sie ihn auff teutsch fragten: Ob er auch da und da gewesen wäre, so sagte er allemahl ouy. Der kleine Bruder fieng zu ihn auch an und sagte: Mir ist erzehlet worden, du solst nicht weiter als biß Halle in Sachsen gewesen seyn – ists denn wahr? So gab er ihn gleichfalls zur Antwort: Ouy. Als er nun hierzu auch ouy sprach, muste ich mich der Tebel hohl mer vor Lachen in die Zunge beissen, daß ers nicht merckte, daß ich solche Sachen besser verstünde als er. Denn ich kunte es ihn gleich an Augen absehen, daß er über eine Meile Weges von Padua nicht muste gewesen seyn!

Wie ihm das Frantzöisch-Reden nicht wohl fliessen wolte, so fieng er teutsch an zu reden und wolte gerne frembde schwatzen, allein die liebe Fr. Mutter-Sprache verrieth ihn immer, daß auch das kleinste Kind es hätte mercken können, daß es lauter gezwungen Werck mit seinen Frembde reden war. Ich stellte mich nun dabey gantz einfältig und gedachte von meinen Reisen anfänglich nicht ein Wort. Nun, da hat der Kerl Dinge hergeschnitten, daß einen flugs die Ohren davon hätten weh thun mögen und war nicht ein eintzig Wort wahr. Denn ich wuste es alles besser, weil ich dieselben Länder und Städte, da er wolt gewesen seyn, schon längst an den Schuhen abgerissen hatte.

Die Studenten, so im Hause waren, die hiessen ihn nicht anders als den Frembden, und zwar aus[166] den Ursachen, weil er wolte überall gewesen seyn. Man dencke nur, was der sappermentsche Kerl, der Frembde, vor abscheuliche grosse Lügen vorbrachte; denn als ich ihn fragte, ob er auch was rechts da und da zu Wasser gesehen und ausgestanden hätte, so gab er mir zur Antwort: Wann er mirs gleich lange sagte, so würde ich einen Quarck davon verstehen. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem nichtswürdigen Bärenhäuter, daß er, mir da von einem Quarge schwatzte! Es fehlete nicht viel, so hätte ich ihn eine Presche gegeben, daß er flugs an der Tisch-Ecke hätte sollen kleben bleiben. So aber dachte ich: Was schmeist du ab – du wilst ihn nur aufschneiden lassen und hören, was er weiter vorbringen wird. Ferner so fieng der Frembde nun an, von Schiff-Fahrten zu schwatzen. Nun kan ichs der Tebel hol mer nicht sagen, was der Kerl vor Wesens von den Schiffen machte und absonderlich von solchen Schiffen, die man nur Dreck-Schüten nennet. Denn er erzehlete seinen Schwestern mit grosser Verwunderung, wie er bey abscheulichen Ungestüm und Wetterleuchten auff einer Dreck-Schüte mit 2000 Personen von Holland nach Engelland in einem Tage gefahren wären und hätte keiner keinen Schuch naß gemacht. Worüber sich des Frembden seine Schwestern sehr verwunderten. Ich aber sagte hierzu nicht ein Wort, sondern muste innerlich bey mir recht hertzlich lachen, weil der Frembde so ein grosses Wesen von der lumpichten Dreck-Schüte da erzehlete. Ich mochte ihn nur nicht beschimpften und auff seine Auffschneidereyen antworten. Denn wenn der Kerl hätte hören sollen, wie daß ich mit meinen[167] verstorbenen Bruder Graffen über hundert Meilen aufs ei[nen] Brete schwimmen müssen, ehe wir einmahl Land gerochen hätten und wie daß auch einsmahls ein eintziges Bret unser 50 das Leben errettet. O sapperment! wie der Frembde die Ohren auffsperren sollen und mich ansehen! So aber dachte ich, du wilst ihn immer auffschneiden lassen – warum seyn die Menscher solche Narren und verwundern sich flugs so sehre über solchen Quarck! Weiter erzehlete der Frembde auch, wie er wäre in Londen gewesen und bey den Frauenzimmer in solchen Ansehen gestanden, daß sich auch eine sehr vornehme Dame so in ihn hätte verliebt gehabt, daß sie keinen Tag ohne ihn leben können, denn wenn er nicht alle Tage wäre zu sie gekommen, so hätte sie gleich einen Cammer-Juncker zu ihn geschickt, der hätte ihn müssen auf einer Schese Rolande mit 11 gelben Rappen bespannet allemahl holen müssen; und wann er nun zu derselben vornehmen Dame gekommen wäre, so hätte sie ihn allezeit erstlich einen guten Rausch in Mastix-Wasser zugesoffen, ehe sie mit ihm von verliebten Sachen zu schwatzen angefangen.

Er häte es auch bey derselben Dame so weit gebracht, daß sie ihn täglich funfftzig tausend Pfund Sterlings in Commißion gegeben, damit er nun anfangen mögen, was er nur selbsten gewolt. O sapperment! was waren das wieder vor Lügen von dem Frembden! und seine Schwestern, die gläubten ihn nun der Tebel hohl mer alles mit einander. Die eine[168] fragte ihn, wie viel denn ein Pfund Sterlings an teutscher Müntze wäre? So gab er zur Antwort: Ein Pfund Sterlings wäre nach teutscher Müntze 6 Pfennge! Ey sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Kerl, daß er ein Pfund Sterlings nur vor 6 Pfennge schätzte, da doch der Tebel hohl mer nach teutscher Müntze ein Pfund Sterlings ein Schreckenberger macht, welches in Padua ein halber Patzenn ist.

Über nichts kunte ich mich innerlich so hertzlich zu lachen, als daß des Fremden sein kleiner Bruder sich immer so mit drein mengte, wann der Frembde Lügen erzehlete! Denn derselbe wolte ihn gar kein Wort nicht gläuben, sondern sagte allemahl: Wie er sich doch die Mühe nehmen könte, von diesen und jenen Ländern zu schwatzen, da er doch über eine Meile Weges von Padua nicht gekommen wäre. Den Frembden verschnupffte das Ding, er wolte aber nicht viel sagen, weils der Bruder war, doch gab er ihn dieses zur Antwort: Du Junge verstehest viel von den Tauben-Handel! Den kleinen Bruder verdroß das Ding auch, daß der Frembde ihn einen Jungen hiesse und von den Tauben-Handel schwatzte, denn die Wetter-Kröte bildete sich auch ein, er wäre schon ein grosser Kerl, weil er von dem 6ten Jahr an biß in das funffzehende schon den Degen getragen hatte. Er lieff geschwind zur Mutter und klagte ihrs, daß ihn sein frembder Bruder einen Jungen geheissen hätte. Die Mutter verdroß solches auch und war[169] hierauff her und gab ihn Geld, schickte ihn hin auff die Universität in Padua, daß er sich da muste inscribiren lassen und ein Studente werden.

Wie er nun wieder kam, so fing er zu seinen frembden Bruder an und sagte: Nun bin ich doch auch ein rechtschaffener Kerl geworden und trotz sey dem geboten, der mich nicht dafür ansieht. Der Frembde sahe den kleinen Bruder von unten biß oben, von hinten und von forne mit einer hönischen Mine an und nachdem er ihn überall betrachtet hatte, sagte er: Du siehest noch Jungenhafftig gnug aus! Dem kleinen Bruder verdroß das Ding erschröcklich, daß ihn der Frembde vor allen Leuten so beschimpffte. Er war her und zog sein Fuchtelgen da heraus und sagte zu dem Frembden: Hast du was an mir zu tadeln oder meynest, daß ich noch kein rechtschaffener Kerl bin, so schier dich her vor die Klinge, ich wil dir weisen, was Bursch-Manier ist! Der Frembde hatte nun blut wenig Hertze in seinem Leibe, als er des kleinen Bruders blossen Degen sahe. Er fing an zu zittern und zu beben und kunte vor grosser Angst nicht ein Wort sagen, daß auch endlich der kleine Bruder den Degen wieder einsteckte und sich mit den Fremden in Güte vertrug. Wie sehr aber der neue Academicus von den Hauß-Burschen und andern Studenten gevexiret wurde, daß kan ich der Tebel hohl mer nicht sagen. Sie hiessen ihn nur den unreiffen Studenten. Ich fragte auch, warum sie solches thäten, so wurde mir zur Antwort gegeben: Deßwegen würde er nur der unreif Studente geheissen,[170] weil er noch nicht tüchtig auff die Universität wäre und darzu so hielte ihn seine Mutter noch täglich einen Moderator, welcher ihn den Donat und Grammatica lernen müste. Damit aber der unreiffe Studente die Schande nicht haben wolte, als wenn er noch unter der Schuhl-Rute erzogen würde, so machte er den andern Studenten weiß, der Moderator wäre sein Stuben-Geselle.

Indem mir nun einer von den Hauß-Burschen solches erzehlet hatte und noch mehr Dinge von den unreiffen Studenten erzehlen wolte, so wurde ich gleich zur Mahlzeit geruffen.

Über Tische fieng der Frembde nun wieder an, von seinen Reisen auffzuschneiden und erzehlete, wie daß er wäre in Franckreich gewesen und bey einer Haare die Ehre gehabt, den König zu sehen. Wie ihn nun seine Schwestern fragten: Was vor neue Moden ietzo in Franckreich wären? so gab er ihnen zur Antwort: Wer die neuesten Trachten und Moden zu sehen verlangete, der solte nur ihn fragen, denn er hielte biß dato noch einen eigenen Schneider in Franckreich, welchen er jährlich Pension-Gelder gäbe – er möchte ihn nun was machen oder nicht. Wer was bey demselbigen wolte von den neusten Moden verfertigen lassen, der solte nur zu ihn (als nemlich zu den Frembden) kommen. Er wolte es ihn hineinschicken, denn derselbe Schneider dürffte sonst niemand keinen Stich arbeiten, wenn ers nicht haben wolte. Ich kans der Tebel hohl mer nicht sagen,[171] wie der Frembde seinen Leib-Schneider heraus strich und verachtete darbey alle Schneider in der gantzen Welt; absonderlich von den Schneidern in Teutschland wolte er gar nichts halten, denn dieselben (meynte der Frembde) waren nicht ein Schoß Pulver werth – aus Ursachen, weil sie so viel in die Hölle schmissen.

Nachdem er solches erzehlet und seine Jungfer Schwestern hierzu nicht viel sagen wolten, so ruffte er den Haus-Knecht, derselbe muste geschwinde in die Apothecken lauffen und Ihn vor 4 gl. Mastix-Wasser hohlen. Nun kan ichs der Tebel hohl mer nicht sagen, was der Frembde vor Wesens und Auffschneidens von dem Mastix-Wasser machte! Wie nemlich dasselbe früh Morgens vor die Mutter-Beschwerung und vor den Ohren-Zwang so gesund wäre und wie es dem Magen einen so brav zu rechte wieder harcken könte, wenn es einem speierlich im Halse wäre. Ich dachte aber in meinen Sinn, lobe du immer hin dein Mastix-Wasser, ich will bey meiner Bomolie bleiben! Denn ich sage es noch einmahl, daß auff der Welt nichts gesünders und bessers ist, als ein gut Gläßgen voll Bomolie, wann einem übel ist. Als nun der Hauß-Knecht mit den Mastix-Wasser kam, ey sapperment! wie soff der Frembde das Zeug so begierig in sich hinein! Es war nicht anders, als wenn[172] er ein Glaß Wasser in sich hinein gösse und giengen ihm die Augen nicht einmahl davon über.

Nachdem der Frembde nun vor 4 Groschen Mastix-Wasser auff sein Hertze genommen hatte, so fieng er ferner an zu erzehlen von denen Handelschafften und Commercien in Teutschland und sagte: Wie daß sich die meisten Kauffleute nicht recht in die Handlungen zu finden wüsten und der hunderte Kauffmann in Teutschland nicht einmahl verstünde, was Commercien wären. Hingegen in Franckreich, da wären brave Kauffleute, die könten sich weit besser in den Handel schicken, als wie die dummen Teutschen. O sapperment! wie horchte ich, als der Frembde von den dummen Teutschen schwatzte! Weil ich nun von Geburt ein Teutscher war, so hätte ich ja der Tebel hohl mer wie der ärgste Bärenhäuter gehandelt, daß ich darzu stille schweigen sollen, sondern ich fieng hierauff gleich zu ihn an und sagte: Höre doch, du Kerl, was hast du auff die Teutschen zu schmählen? Ich bin auch ein Teutscher, und ein Hundsfott, der sie nicht alle vor die bravsten Leute aestimiret! Kaum hatte ich das Wort Hondsfott den Frembden unter die Nase gerieben, so gab er mir unversehener Weise eine Presche, daß mir die Gusche flugs wie eine Bratwurst davon aufflief! Ich war aber her und kriegten den Frembden hinter den Tische mit so einer artigen Manier bey seinen schwartzen Nischel zu fassen und gab ihn vor die eine Presche wohl tausend Preschen! O sapperment! wie geriethen mir seine Schwestern wie auch der unreiffe[173] Studente und der Moderator, oder daß ich recht sage, des unreiffen Studentens sein Stuben-Geselle, in meine Haare und zerzausten mich da wichtig. Ich wickelte mich aber aus dem Gedränge eiligst heraus, sprang hinter den Tische vor und lieff nach den Kachel-Ofen zu. Daselbst hatte ich in der Hölle meinen grossen Kober an einen höltzernen Nagel hängen, denselben nahm ich herunter, und weil er von dem Specke (welchen ich von den barmhertzigen Brüdern im Kloster geschenckt bekommen) brav schwer war, so hätte man da schöne abkobern gesehen, wie ich so wohl des Frembden Schwestern und unreiffen Studenten wie auch des unreiffen Studentens Moderator (ey – wolte ich sagen Stuben-Gesellen!) und Frembden selbst mit meinen grossen Kober da zerpumpte! Daß auch der Frembde vor grosser Angst das Mastix-Wasser, welches er über Tische so begierig hineingesoffen hatte, mit halsbrechender Arbeit wieder von sich spie und unter währenden Speyen um gut Wetter bat. Wenn er ausgespien hätte, so wolte er die gantze Sache mit mir vor der Klinge ausmachen.

O sapperment! was war das vor ein Fressen vor mich, als der Frembde von der Klinge schwatzte! Worauff ich auch alsobald Tob sagte und ihn mit meinen grossen Kober nicht mehr schmiß. Des unreiffen Studentens Stuben-Gesellen aber koberte ich Gottsjämmerlich ab, und ich sage, daß ich ihn endlich gar hätte zu Tode gekobert, wenn nicht des Frembden Mutter und Schwestern so erschröcklich vor ihn[174] gebeten hätten, denn er stund überaus wohl bey den Töchtern und der Mutter. Daß auch die Mutter, als nehmlich die Wirthin, offtermahls zu den andern Hauß-Burschen sagte: Sie hätte noch niemahls so einen feinen Menschen zum Moderator vor ihren Sohn gehabt als wie sie ietzo hätte, und wenn er so bliebe, wäre er werth, daß man ihn in Golde einfassete. Die andern aber, welche sie sonst gehabt, hätten sie allemahl meistens betrogen. Absonderlich erzehlete sie immer von einem im weissen Kopffe, der hätte ihr so viel Geld abgeborget und keinmahl nichts wieder gegeben, und von einem, welcher alle Schlösser aufmachen können und ihr viel Sachen heimlicher Weise entwendet hätte. Allein ich habe ihre Nahmen wieder vergessen. –

Nachdem der Frembde nun mit Speyen wieder fertig war, hieng ich meinen grossen Kober wieder in die Hölle und suchte meinen langen Stoß-Degen zur Hand, welchen ich dazumahl trug, und forderte ihn hierauff vors Thor. Der Frembde suchte seinen Degen auch hervor, dasselbe war nun eine grosse breite Mußquetier-Plempe mit einem abscheulichen Korbe, damit marchireten wir beyde nun spornstreichs nach dem Thore zu. Der unreiffe Studente wolte mit seinen Stuben-Gesellen auch hinten nachgelauffen kommen – allein ich und der Frembde jagten die Bärenhäuter wieder zurücke.

Wie wir nun vor das Thor hinaus kamen, so war gleich flugs nahe an der Ring-Mauer ein hoher spitzigter Berg, denselben kletterten wir hinauff und[175] oben auff der Spitze des Berges giengen wir zusammen. Wir hätten uns zwar unten am Berge schlagen können, allein so hatten wir keine Secundanten bey uns; denn wenn wir Secundanten gehabt, hätten dieselben mit blossen Degen müssen hinter uns stehen, damit von uns keiner zurücke weichen können. In Ermangelung derselben aber muste uns der hohe spitzige Berg secundiren, denn da durffte und kunte von uns beyden auch keiner ausweichen, denn wenn nur einer ein Strohalm breit aus seiner Positur gewichen, so wären wir der Tebel hohl mer alle beyde den Berg hinunter gepurtzelt und hätten Halß und Beine über unsere Schlägerey mursch entzwey gebrochen. So aber musten ich und der Frembde oben auff der Spitze Katze inne halten und unter wärenden Schlagen wie eine Maure auff den Knochen stehen. Ehe wir uns aber anfiengen zu schmeissen, so fing der Frembde zu mir an und sagte: Ich solte mit ihn auff den Hieb gehen, weil er keinen Stoß-Degen hätte oder wenn ichs zufrieden wäre, so wolte erden ersten Gang mit mir auff den Hieb gehen, den andern Gang wolte er mit mir auff den Stoß versuchen. Ich sahe aber nun gleich, daß der Frembde kein Hertze hatte, sondern sagte: Kerl, schier dich nur her! Es gilt mir alles gleich, ich will mit dir nicht lange Federlesens machen. Damit so zogen wir beyde von Leder und giengen mit einander da auff den Hieb zusammen. Ey sapperment! wie zog ich meinen Stoß-Degen mit so einer artigen Manier aus der Scheide heraus! Den ersten Hieb aber, so ich mit[176] meinen Stoß-Degen nach dem Frembden that, so hieb ich ihn seine grosse Plempe flugs glat von den Gefäße weg und im Rückzuge streiffte ich ihn die hohe Quarte über der Nase weg und hieb ihn der Tebel hohl mer alle beyde Ohren von Kopff herunter! O Sapperment! wie lamentirete der Frembde, da er seine Ohren vor sich liegen sahe! Ich hatte auch Willens, ihn (wie den See-Räuber Hans-Barthe) eine stumpfichte Nase zu machen – weil er aber so sehr um die Ohren that und mich bath, daß ich ihn ungeschoren lassen solt und daß er Zeitlebens keinen Deutschen wieder verachten wolte, sondern allezeit sagen: Die Teutschen wären die bravsten Leute unter der Sonnen, so stackte ich meinen Stoßdegen wieder ein und hieß ihn beyde Ohren nehmen und damit eiligst zum Balbier wandern – vielleicht könten sie ihn wieder angeheilet werden.

Hierauff war er her und wickelte seine Ohren in ein Schnuptuch und nahm seine zerspaltene Plempe mit den grossen Korb-Gefäße unter den Arm und gieng mit mir in die Stadt Padua hinein. In dem grossen Hause flugs am Thore neben den Auffpasser wohnete ein berühmter Feldscheer (welcher auch wacker wolte gereiset seyn), zu demselben hieß ich den Fremden mit seinen abgehauenen Ohren gehen und solte da hören, ob sie ihn wol könten wieder angeheilet werden? Der Fremde aber hatte keine Lust, zum Feldscheer hinzugehen, sondern sagte, er[177] wolte erstlich ein gut Gläßgen Mastix-Wasser auff die Schmertzen aussaugen, hernach so wollte er sich zum Schinder in die Cur begeben und bey dem hören, ob seine Ohren wieder könten angeheilet werden.

Nachdem er dieses zu mir gesaget, so gieng er von mir und nahm seinen March immer nach der Apothecke zu. Ich aber war her und schlich mich heimlich in des Fremden seiner Mutter Haus (alwo ich im Qvartier lag), daß mich keiner gewar wurde und practicirte mit so einer artigen Manier meinem grossem Kober aus der Stube hinter der Hölle weg, satzte mich wieder auff mein gewonnenes Pferd und ritt da ohne Stallgeld und ohne Abschied immer zur Stadt Padua hinaus und nach Rom zu.

Von derselben Zeit an habe ich den Fremden, wie auch den unreifen Studenten mit seinem Moderator oder sage ich Herrn Stuben-Gesellen mit keinem Auge wieder gesehen. Nachricht aber habe ich Zeithero von dem Universitäts-Bothen aus Padua erhalten, daß der Schinder den Fremden die Ohren wiederum feliciter solte in 2 Tagen angeseile[t] haben. Er häte aber die 2 Tage über vortrefflichen Fleiß bey ihm angewendet und hätte unterwährender Cur der Fremde über 12 Kannen Mastix-Wasser Mutter-Stein allein ausgesoffen und von demselben Mastix-Wasser (meinte der Universitäts-Bothe) wär er meistentheils wieder zu rechte geworden.

Was den unreiffen Studenten und Moderator wie auch des Fremden gantze Familie anbelanget, so habe[178] ich biß dato nichts erfahren können, was sie machen müssen.

Nun Adieu, Badua – Signor Schelmuffscky muß sehen, wie Rom aussiehet!

Quelle:
Christian Reuter: Schelmuffskys kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande. Stuttgart 1979, S. 162-179.
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