Der Reliquienschrein

[577] Draußen wartete auf alle Ringe

und auf jedes Kettenglied

Schicksal, das nicht ohne sie geschieht.

Drinnen waren sie nur Dinge, Dinge

die er schmiedete; denn vor dem Schmied

war sogar die Krone, die er bog,

nur ein Ding, ein zitterndes und eines

das er finster wie im Zorn erzog

zu dem Tragen eines reinen Steines.


Seine Augen wurden immer kälter

von dem kalten täglichen Getränk;

aber als der herrliche Behälter

(goldgetrieben, köstlich, vielkarätig)[577]

fertig vor ihm stand, das Weihgeschenk,

daß darin ein kleines Handgelenk

fürder wohne, weiß und wundertätig:


blieb er ohne Ende auf den Knien,

hingeworfen, weinend, nichtmehr wagend,

seine Seele niederschlagend

vor dem ruhigen Rubin,

der ihn zu gewahren schien

und ihn, plötzlich um sein Dasein fragend,

ansah wie aus Dynastien.


Quelle:
Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke. Band 1–6, Band 1, Wiesbaden und Frankfurt a.M. 1955–1966, S. 577-578.
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