Meine Tante

[295] Meine Tante ist eine Blinde

Und obendrein geistesgestört,

Was ich doch noch rüstig empfinde,

Weil sie auf dem einen Ohr hört.
[295]

Ihr Rückgrat ist wie ein Henkel.

Sie geht deshalb etwas gebückt.

Doch hat sie am oberen Schenkel

Ein Grübchen, das jeden entzückt.


Ein Grübchen, wie manch eine Haut hat,

Nur zarter und doch wieder stark,

Daß jeder, der es geschaut hat,

Erfreut etwas zahlt. Meist drei Mark.


Sie hat Perioden mit Äther.

Ich breche mitunter mit ihr

Beziehungen ab, die ich später

Erneure bei angeblich Bier.


Denn sie ist doch eine volle

Mimosengestalt, ein Genie,

Und immer noch unter Kontrolle.

Ich garantiere für sie.

Quelle:
Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 1: Gedichte, Zürich 1994, S. 295-296.
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