Eine lederne Ster.

[144] Mitten im Sommer und mitten im Winter waren die Zeiten, in welchen wir Schneider am wenigsten Arbeit hatten. Zwar stets waren wir bestrebt, das Frühjahr recht weit in den Juni und Juli, und den Herbst in den Dezember und Jänner hinauszudehnen, aber schließlich hat alles seine Grenze, und wenn der Schneider im Herbste nicht kommt, so wartet der Bauer auf das Frühjahr; denn in den kurzen Tagen des Winters richten die Handwerker nichts aus, begehren aber ebensoviel Kost und Lohn, wie an den langen.

So geschah es wohl mehrmals – und das waren bittere Tage –, daß wir in der Werkstatt keinen Stich Arbeit hatten und ins »Heuheben« ausgehen mußten. Da tänzelten und hüpften wir auf der Wiese herum, wie die Heuschrecken, aber in unserem Innern nagte der Gram über die Geschäftslosigkeit, die uns nicht so sehr des entgehenden Gewinnes wegen, als vielmehr aus andern Gründen weh tat. Zur Winterszeit schnappte uns unser Feind, der ungarische Schneider, manche Ster weg und machte sich über uns oft noch lustig. Zu solcher Zeit, wenn wir keine frische Arbeit hatten, trennten wir unsere eigenen Kleider auf und nähten sie wieder zusammen. Wir nannten diese Arbeit »übermachen«, doch war die[145] Verbesserung mitunter derart, daß wir, wenn es ging, noch einmal auftrennten und noch einmal zusammennähten, um den alten Zustand wieder herzustellen.

An einem solchen Wintertag des Grames war's, daß wir durch einen Wegboten eingeladen wurden auf die Ster zum Bachrüppel im Fischgraben. Da unsere Hosen gerade frisch wieder zusammengeschneidert waren, so wollten wir in der ersten Freude alsogleich aufspringen und zum Bachrüppel gehen, aber schließlich siegte die Vernunft; denn, sagte der Meister, es werfe kein günstiges Licht auf ein paar Handwerker, wenn sie gar so schnell zuwege wären. Zum mindesten etliche Tage müsse man warten lassen. So taten wir. Kein Mensch glaubt es, was das für drei langweilige Tage waren, aber endlich waren sie vorbei und am vierten machten wir uns auf den Weg in den drei Stunden entfernten Fischgraben. Dieser Fischgraben ist eine entlegene, bewaldete Bergschlucht zwischen Fischbach und Birkfeld, und dieser Umstand erregte in uns schöne Hoffnungen. An belebten Straßen und in größeren Orten, wo es allerlei Leute gibt, hat der Handwerker keinen Glanz; dort kennt man ihn als reisenden und fechtenden Burschen. Aber in einschichtigen Gegenden gehört der Weber, der Schuster und besonders der Schneider schon zu den höheren Erscheinungen; sie werden mit Ehrfurcht behandelt, sie kriegen die feinste Speise, deren die Küche fähig ist, das beste Bett, das im Hause steht.

»Wenn wir nur einmal dort wären,« sagte der Meister unterwegs, da wir uns im Schnee mühevoll weiter arbeiteten, »fehlen wird uns nichts beim Bachrüppel.«[146]

Wir waren noch niemals dort gewesen, aber die ausgesprochene Zuversicht erwärmte und stärkte wie der feurigste Schnaps die ermüdeten Glieder.

Endlich kamen wir zum Häuschen; es stand im Engtale mitten im Walde und hatte zu solcher Jahreszeit zwei Monate lang keine Sonne. Es war mit Stroh gedeckt.

Vor dem Häuschen stand ein kleiner Mann in Pelzrock und Hauthose, der war ganz rot im bartstoppeligen Gesichte und hatte entzündete Augen. Eine Pelzhaube hatte er über das Haupt und die Ohren herabgebunden. An den Händen hatte er ein Paar lederne Fäustlinge, mit einer Schaufel warf er Schnee an die Wand.

»Zuweg wirfst denn Schnee aufs Hänsel?« fragte mein Meister den kleinen Mann.

»Daß mir keine Kälte hinein kann,« antwortete der Schaufler.

»Bist du der Bachrüppel?«

»Freilich.«

»So sind wir schon recht dran. Wir sind die Schneider.«

»So,« antwortete der kleine Mann, aber die Betonung des Wortes war höllisch kalt. »Wollt's mir vielleicht dableiben?«

»Gern, sind ja desweg' gekommen.«

»Nachher geht's nur hinein, sie ist eh' drinnen.«

Wir gingen in das Haus und mein Meister murmelte, als er über die Türschwelle stieg: »Lederner Patron!«

Die Stube war dunkel und frostig; in einem Winkel saß das Weib, das ebenfalls einen Pelzrock trug und dessen Haupt mit Lappen turbanartig umwunden war. Es war beschäftigt, es schnitt Rüben in einen Topf.[147]

»Grüß Gott!« sagten wir und legten unseren Zeug auf den Tisch, von welchem wir zwei Hühner verscheuchten, »wir sind die Schneider!«

»So,« versetzte das Weib, »er ist eh' draußen.«

»Wer kriegt denn was?« fragte der Meister, »weil ich anmessen will.«

Jetzt kam der Rüppel hinkend in die Stube. »Zusammengerichtet sind wir halt nicht recht,« sagte er; dann gab er an, daß er ein ganzes Gewand haben wolle, Hosen, Janker und Leibel. Und wenn was übrig bliebe, so kriege sie ein Jöppel.

Der Meister nahm dem kleinen rotäugigen Mann das Maß ab und fragte dabei: »Bei wem hast denn bisher arbeiten lassen? Dein Pelzjanker ist dir zu kurz.«

»Wird zusammenkrochen sein,« meinte der Rüppel, »mag ihn schon Stuck ein fünfzehn Jahr tragen; hab' ihn dazumal einem Juden abgeschachert. Nit, Alte?«

»Wird eh' sein,« bestätigte sie.

»Bringst mir nachher den Stoff, daß ich zuschneiden kann,« sagte der Meister. Der Rüppel ging und brachte unter beiden Armen zwei Bündel Schafhäute und Bockfelle herbei, die zum Teile auf der einen Seite glattgegerbt, auf der andern wollig waren.

»Bin nimmer jung und durch und durch so viel gicht und gallisch,« meinte der Häusler, »und laß mir's wieder vom Pelz machen.«

Der Meister drehte und wendete die Häute, maß hin und maß her und begann endlich zuzuschneiden. Die Schere knurrte, sie hatte keine Zähne für solches Futter. Der Meister fluchte in sich hinein; ich kramte meine größten und schärfsten Nadeln hervor.[148]

Nebenbei ließen wir unsere Augen fragend in der Stube herumgleiten und ließen dieselben fast herausfordernd auf der Hausfrau ruhen, die, in ihrem Pelze zusammengekauert, immer noch Rüben in den Topf schnitt. Wir waren doch gewohnt, eine Ankunftsjause einzunehmen, und besonders nach so weitem Gange. Ich fand in meiner Tasche ein Stückchen Semmel, zog es hervor und begann auffallend daran zu knuspern.

»Hast vielleicht noch ein Stückel?« fragte mich der Meister erklecklich laut, »ich möcht' auch was beißen.«

Vergebens, das Weib schnitt Rüben in den Topf und rührte sich nicht. Uns fror an den Fingern. Endlich wurde es finster. Das Weib brachte eine brennende Talgkerze und dann hielt sie den Kopf mit beiden Händen und ging in die Küche, wo wir sie wimmern hörten. Zu unserem Troste begannen in der Küche endlich die Flammen zu knattern.

Wir hörten Töpfe rücken und Pfannen klirren, hörten allmählich etwas wie das Prasseln von schmorendem Fette. Wir schmunzelten uns gegenseitig an und der Meister lispelte: »Paß auf, wir werden heut' noch satt!«

Ein ganz merkwürdig prickelnder Geruch drang an unsere Nasen. Wir gewannen unsere Laune wieder, obgleich in den Häuten eine Nadel um die andere brach. Endlich hinkte der Rüppel daher, er hatte einen bösen Fuß, und als er Anstalten traf, den Tisch zu decken, machten wir ihm freudig Platz. Bald dampfte vor uns die Schüssel, und wir schlugen das Tischgebet an. Der Rüppel schob uns Löffel vor: »Esset, Schneider, werdet eh schon hungrig sein!«

Wir widersprachen ihm nicht. Mir lachte das Herz.[149]

Das erste Gericht war zwar nur eine Gerstensuppe, aber ich dachte an das Prasseln in der Küche und beschloß, mich an eitel Gerstensuppe nicht zu sättigen. Nach einer Weile brachte das Weib ein zweites Gericht. Bohnen in Essig. Wir warfen uns einen etwas erschrockenen Blick zu; aber die Bohnen konnten doch unmöglich so geprasselt und geduftet haben. Auch erwogen wir, daß in einem Hause, in welchem es so viele Häute gab, naturgemäß auch das Fleisch nicht fehlen könne. Ehrenhalber, oder was merkwürdigerweise dasselbe ist, schandenhalber aßen wir doch ein weniges von den sauren Bohnen. Als wir die Löffel weglegten, drang der Rüppel in uns, doch noch zuzulangen, ansonst müßten wir hungrig ins Bett. Das ist so eine Redensart, dachten wir und dem Gauch wäre es lieber, es bliebe vom Kuchen oder vom Braten ein größeres Rest übrig, als von den sauren Bohnen. Wir aber waren entschlossen, uns heute einmal mit gänzlicher Außerachtlassung aller Bescheidenheit auf etwas Fettes und Duftendes zu stützen.

»Ist es doch richtig wahr, daß die Schneider so viel wenig essen,« bemerkte der Rüppel in fröhlicher Stimmung und dann zu seinem Weibe: »Mußt morgen keine Bohnen mehr sieden, wenn sie nachher nicht gegessen würden. Wir haben nur gemeint, daß wir heute etwas Besseres hätten. Ist allemal eine schöne Sach', wenn die Leut' so zufrieden sind. So, nachher beten wir.« Und er begann: »Wir danken dir, o Herr, für deine Speis' und Trank usw.«

Wir waren beide wie gelähmt. Unverständlich stammelten unsere Zungen zum Gebete und während desselben fuchtelten und warfen wir mit den Häuten herum[150] und murmelten allerlei Verwünschungen in die Stücke hinein, aus denen dem Bachrüppel die Hosen gedeihen sollten.

Nach dem Gebete geht die Küchentür auf. Was ist das? Die Bachrüppelin erscheint mit einer dampfenden Pfanne, setzt dieselbe auf den Tisch und wir lugen so seitlings hin auf den grünlichen Brei, der in wohlduftendem Fette schwimmt. Was geschieht? Das Ehepaar setzt sich an den Tisch, breitet vor sich zwei Leinwandfetzen aus, taucht Späne in den dampfenden Brei und beginnt diesen auf die Leinwand zu streichen.

»O mein, das ist ein übel!« seufzte der Rüppel, »ihr glaubt es nicht, Schneider, was sie einen martert!«

»Wer?« fragte der Meister gleichgültig.

»Die Gicht und die Gall. Ich hab's im Fuß; sie hat's im Kopf. So ist uns geraten worden, daß wir Salbeiblätter in Schweinschmalz backen und diese Salben auf ein Pflaster streichen und auslegen.«

»Ich hab' die Gicht und Gall im Magen,« murmelte der Meister.

»Ei, doch nicht!« rief der Rüppel bedauernd, »im Magen meinst, Schneider? Ja so, im Magen? Das muß erst ein Elend sein! Desweg schaust so jämmerlich aus. Geh' du, leg' auch so ein Pflaster auf, ich rat' dir gut, leg' auf eins. Wirst sehen, was dir so eine Fetten gut tun wird!«

»Auswendig nicht!« entgegnete der Meister und knack, war im harten Lederzeug wieder eine Nadel hin.

Dem Nachtmahle angemessen war das Nachtlager auf dem Stroh zu Füßen des Ehebettes, in welchem jetzt sie wimmerte, dann er ächzte, bis sie in ihren Schmerzen[151] uns Gesunde endlich zu Schlafe gewimmert hatten. Und dem angemessen war auch das Frühstück am anderen Morgen. Wir waren durch und durch verzagt und es war keine Aussicht, sobald aus diesem Hause zu kommen, denn der Stoff, den wir zu verarbeiten hatten, war so widerbockig und starr, daß wir damit nicht vorwärts kamen. – Lassen wir alles im Stich und gehen durch! Wie nahe lag dieser Gedanke; aber der Meister sagte: »Weil ich den Toifel jetzt zugeschnitten hab', müssen wir ihn ausarbeiten, sonst wär's eine Schand und ein Spott für uns zweie, wenn es aufkäme, daß es uns bei der angefangenen Arbeit ausbrennt und abtrumpft hätt'. Der ungarisch' Schneider wollt' das sauber umeinander tragen! 's ist das erste- und das letztemal, daß ich mich mit so verdankten Häuten abgeb'. Wenn ich's vorweg gewußt hätt', daß die Nadel nicht will durchgehen, ich wollt' dem alten Geizhals den ganzen Saggra vor die Füß' geworfen haben, daß es nur alles gestaubt hätt'. Aber da wir einmal anbissen haben –«

Kricks, war wieder eine Nadel um.

»Das ist kein Geschäft für uns,« sagte ich, »das gehört dem Kürschner zu. Klagen geht uns der Birkfelder Kürschner noch, wenn er's erfährt, daß wir ihm ins Geschäft pfuschen.«

»Und wenn's aufkommt, daß zwei Schneider mit einer ledernen Hosen nicht fertig geworden sind, so haben wir unser Lebtag den Spott. Auf die Schneider sind die Leut' eh' bissig wie der Teufel –«

Kracks – sprang die Nadel ab.

»Höllisch G'frött!« schrie der Meister und schleuderte Haut und Fingerhut von sich.[152]

Kurz, wir kamen nicht zurecht. Was wir uns auch mühten, daß uns der Schweiß auf der Stirne stand und die Finger zitterten, es ging nicht voran. Mutlos sanken uns endlich die Hände.

»Was ist zu machen?« fragte der Meister.

Meine Antwort war: »Ja, das weiß ich auch nicht.«

»Soll ich jetzt gehen und es dem Rüppel sagen, daß wir stecken 'blieben sind? Ewig nicht.«

»Ja, was heben wir sonst an?«

»Ewig nicht, sag' ich dir!«

Gescheiter war der Meister, als ich, der Lehrling, das wies sich fast in allen Dingen, aber diesmal glaubte ich einen Gedanken zu haben, auf den der Meister nicht gekommen zu sein schien.

»Darf ich was probieren?« fragte ich.

»Möcht wissen, was du probieren willst.«

»Hilft's nicht, so schadet es auch nicht. Ich fange was an. Ich gehe und gebe den Bachrüppelleuten die Schuld, daß wir stecken.«

»Meinetwegen, probier's; wirst wohl sehen, was herauskommt.«

Mit dieser Vollmacht ging ich in die Küche. Das Weib des Rüppel saß wieder tief in den Pelz gekrochen, das Haupt in Tücher geschlagen, und säuberte Bohnen, die sie auf einem Brette vor sich hatte, in denen sie mit den dürren Fingern herumwühlte und aus denen sie den Staub blies. Sie mochte dabei denken: Haben sie gleichwohl gestern nicht Bohnen gegessen, so werden sie sicher heute Bohnen essen. Und wahrlich, sie konnte recht haben, wenn ich nur nicht plötzlich alles anders gemacht hätte.[153]

Ich trat hin zu dem Weibe des Rüppel und sagte:

»Jetzt, Rüpplin, täten wir ihn schon brauchen.«

Sie hob den Kopf und fragte: »Wen?«

»Den Bockzwirn.«

»Bockzwirn? Was für einen Bockzwirn?«

»Ihr werdet doch einen Bockzwirn in Bereitschaft haben!« sagte ich mit entsprechender Lebhaftigkeit, »Ihr werdet doch wissen, daß der Mensch ohne Bockzwirn kein ledernes Gewand machen kann!«

»Du erschreckst mich, Schneider,« sagte sie, »ich hab' keinen anderen Zwirn als den, der vor euch auf dem Tisch liegt.«

Ich stand wie sprachlos da. Endlich sagte ich leise: »Was machen wir nachher? Der Zwirn da drinnen ist nur für Loden- und Tuchgewand. Zum Leder gehört der Bockzwirn und den kriegt man nur beim Lederer z'Wien.«

»Was du sagst!« versetzte sie und ihre Hände zitterten, daß etliche Bohnen vom Brette kollerten.

»Wir stehen jetzt da und haben keine Arbeit!« sagte ich vorwurfsvoll. Da stand sie auf, ging in die Stube.

»Was eins aber aushalten muß auf der Welt,« wimmerte sie, »das Kopfweh alleweil und die Schneider dazu. Wenn der Zwirn nicht recht ist, müßt's halt heimgehen, bis wir einen Bockzwirn kriegen.«

»So weit hertappen im Schnee,« brummte ich, »und die Sachen nicht finden, wie man sie braucht!«

Sie bat förmlich um Verzeihung, und dann waren wir frei und konnten gehen.

Der Meister wendete sich an mich: »Was du eigentlich für ein durchtriebener Schlingel bist! – Mir ist's[154] recht, daß wir jetzt heimgehen, aber daß du's weißt, unsere Arbeit lassen wir deswegen nicht im Stich. Die nehmen wir mit; vielleicht geht's daheim besser und wenn nicht, so gebe ich sie auf Umwegen zum Kürschner und schicke sie dann fertigerweise dem Bachrüppel zu. So machen wir's.«

Dann ging er zur Rüpplin: »Ja, wir gehen heim und das Zugeschnittene nehmen wir mit; werden schon einen Bockzwirn finden.«

»Wenn's ihm recht ist,« sagte die Rüpplin.

Der Bachrüppel aber schaute uns mit seinen entzündeten Augen scharf an und rief: »So sauber! Da kommen sie einem hell ungeheißen ins Haus, machen nichts, als wie alleweil ein finsteres Gesicht und wollen am End' noch das ganze Zeug davonschleppen.«

»Hell ungeheißen ins Haus?« fragte mein Meister, als hätte er nicht recht verstanden. »Hast uns nicht einladen lassen?«

»Wer? Ich? Weiß nichts davon. Ich brauch' keinen Schneider. Meine Felle hätt' ich zum Kürschner geben. Na, weil ihr schon selber zugesprochen habt, so hab' ich mir gedacht: Heikel bin ich nimmer und ganz verschneidern werden sie mir die Häut doch nicht.«

Das war genug. Das war mehr als genug. Wortlos, aber im Innern bebend, räumte der Meister seine Sachen in die Tasche, ich folgte seinem Beispiele. Als das geschehen war, als wir die Tasche schon an der Seite hängen hatten und die Elle an der linken Hand hielten, trat mein Meister festen Schrittes hin vor den Bachrüppel, hob die Rechte gegen Himmel und sprach: »So wahr wir zween einstmal zu Gott kommen wollen,[155] Rüppel, ich bin zu dir geladen worden. Wenn du nichts weißt davon, so hat mir das ein Feind getan.«

Dann gingen wir und ließen die zwei Leutchen zurück im Waldhäuslein bei ihren zerschnittenen Häuten und bei ihrer Gicht und Gall.

»Das hat mir der ungarische Schneider angetan!« sagte unterwegs mein Meister.

»Wenn ich's nur gewiß wüßte, dem tät' ich's heimzahlen.«

Der Bote, der uns zum Bachrüppel beschieden hatte, war nirgends mehr zu finden. Mein Rat war, wir könnten einen anderen Boten schicken, der den ungarischen Schneider zum Bachrüppel auf die Ster laden sollte; in der Art und Weise, wie er diese Einladung aufnehme, müsse er sich verraten.

Mein Meister sagte zu mir: »Wenn du für die Arbeit auch so viel Witz im Kopfe hättest, als wie für Schelmenstücke, so könntest du der erste Schneider im Lande sein.« – Der erste Schneider im Land, das war ihm der Inbegriff aller Vollkommenheit. Indes handelte er diesmal nach meinem Rate. Der Bote wurde geschickt und kam bald vom ungarischen Schneider zurück.

»Na, was hat er zu der Einladung gesagt?«

»Ausgejagt hat er mich und sollt schauen, daß ich weiterkäm',« berichtete der Bote.

»'s ist richtig,« sagten wir, »der Ungarische hat's getan. Der weiß drum; sonst lehnt dieser Sterbettler all seiner Tag keine Arbeit ab.« – »Aber halt!« rief mein Meister und hielt den Zeigefinger an die Nasenspitze, »just weil dieser Paprikafresser glaubt, er hätte uns mit der Lederarbeit was an getan und weil er meint,[156] ein Schneider, wie etwan er selber, kunnt damit nicht fertig werden, so wollen wir es ihm beweisen, daß wir mit einer häutenen Hosen auch noch fertig zu werden wissen. Und wenn ich ein Jahr lang mit dem Leder zu tun hab', dem ungarischen Herlaufer zu Trutz machen wir dem armen Bachrüppel das Gewand.«

Mit aller Höflichkeit bat er sich vom Rüppel die zugeschnittenen Stücke aus, wir arbeiteten daheim zwei Wochen lang, da war unser ganzer Nadelvorrat alle, waren unsere Finger versteift und zerschunden, aber Hosen und Janker waren fertig.

Und am nächsten Sonntage auf dem Kirchplatz zu Fischbach prangte der Bachrüppel in seinem neuen Leder und schrie es jedem ins Gesicht, er wisse auf der Welt keinen besseren und wohlfeileren Schneider, als den Natz. Der habe ihm die Schafs- und Bockhäute – man müsse nur wissen, was das heiße, mit so einem Lederarbeiten! – wie an den Leib gegossen. Sein Lebtag habe er noch kein Gewand gehabt, das ihm so gut gepaßt, als wie die neue Kluft (der neue Anzug). Der Meister hätte auch nicht einen Kreuzer dafür angenommen, und so ein braver Mensch, wie der, wäre ihm, dem Rüppel, noch nicht vorgekommen. Ohne geladen worden zu sein, wäre er mit seinem Gesellen, der auch so viel ein handsam Bürschel, gekommen, daß er dem armen Kleinhäusler das Gewand mache; und in der Kost und Verpflegung seien sie nicht ein bissel wunderlich gewesen und wenn er, der Bachrüppel, jemandem einen Schneider anraten müsse, so sage er: Der Natz und nur der Natz!

Quelle:
Peter Rosegger: Waldheimat. Band 3: Der Schneiderlehrling, Gesammelte Werke von Peter Rosegger, Band 16, Leipzig 1914, S. 144-157.
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