Das heiltum

[294] In der alment des Stollen.


1.

Zu Meidenburg ein kaufman saß,

an gut mechtig und reich,

neben im sein gefatter was,

der im vor jaren gleich

gewesen war an gut und hab,

der aber ietz abnam von tag zu tage.

Sein unheusliches weib das macht

und sein bös hausgesint,

auf welches er het gar kein acht,

war sam darob erblint,

merkt nicht, das er darvon nam ab;

eins mals tet er seinem gfattren die frage:

»Mein lieber gfatter saget mir,

wie das ir euch mert, und ich tu abnemen?

füren doch gleichen handel wir!«

der gfatter aber wolt in nit beschemen

und zu im: »lieber gfatter!« sprach:

»wißt, ich hab ein heiltum,

das ich im haus in alle gmach

dreimal am hals trag alle tag herum.


2.

Drum nem ich zu von tag zu tag.«

der arm sprach: »leiht mir das

heiltum, das ich es auch umtrag,

ob es mir ging dest bas.«

der reich ein haselnus balt nam

und überzogs mit einer roten seiden

Und leiht sie seim gfattren nachmals,

der nams mit freuden an[295]

und hing das heiltum an sein hals,

tet mit im haus umgan.

als er mit in den keller kam

und sach die faß, umfieng in groß herzleiden,

Wie man verschütt het bier und wein.

balt er die schlüßel alle heisch,

fand auch in der speiskamer sein

hart schimlich brot, erstunken fleisch

fand in der kuchen ungespült

pfannen, schüßel, teller,

sam hetten die seu drin gewült,

verwüst, zerbrochen all ding hin und her.


3.

Int werkstat und schreibstuben kam,

fand als unfletig gar,

in dem kam er ins gwelb und kram,

fant vil verpofelt war,

ging darnach in die kamer sein,

fant die federbet butzet und zerrißen.

In der ehalten kamer funt

er vil abtragen ding;

auf dem boden fand er zu grunt

koren und habern gring,

fand in all gmachen groß und klein,

das man sein gut unfleißig ein tet schlißen,

Sach wol, das weib, kint, magt und knecht

heten verderbt mit dem bösen haushalten.

nach dem sah auf sein handel recht,

tet auch sein haus selber fleißig verwalten.

darum wer reich wil sein am gut,

auf sein ding sehen sol;

dan das alt sprichwort sagen tut:

des herren fuß dünget den acker wol.

Quelle:
Hans Sachs: Dichtungen. Erster Theil: Geistliche und weltliche Lieder, Leipzig 1870, S. 294-296.
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