Die ungleichen kinder Eve

[212] In dem zarten ton Frauenlobs.


25. august 1546.


1.

Nachdem Eva vil kinder het

gezeugt, verstet!

eins tags der her wolt kumen, das er mit ir ret.

ir schönste kinder sie aufmutzt,

sie badet, strelet, zaffet, zopfet, ziert und putzt

und stellen tet,[212]

das der her segnet sie.

Ir ander kinder ungestalt,

jung unde alt,

verstieß sie in das heu und stro und sie fast schalt;

eins teils schub sie ins ofenloch.

so verbarg Eva sie, weil sie besorget hoch

des herren gwalt,

der würt verspotten die.

Als nun der her zu Eva kam eingangen

wart von den schönen kindern er entpfangen

sie gunden vor im prangen,

wie sie Eva het angelert.

der her geert, sich zu in kert

und segnet sie alhie.


2.

Sprach zu eim: »du ein künig sei!«

zu dem darbei:

»sei ein fürst!« und zum dritten: »du ein grafe frei!«

zum vierten: »sei ein ritter schon!«

zum fünften sprach er: »und du sei ein edelmon!«

zum sechsten: »ei,

du sei ein burger reich!«

Als Eva hort des segens wort,

da loff sie fort,

holt ire kinder iegliches von seinem ort

und stellet sie alle für got

ein gstrobelt unlustig grindig und lausige rot,

schwarz und verschmort,

fast den zigeunern gleich.

Der her tet des rostigen haufen lachen,

tet bauren und hantwerker aus in machen,

zum malen und zum bachen,

schuster, weber und lederer

schmit und hafner, waidleut, fischer

furleut und der geleich.


3.

Eva die sprach gar trotzigleich:

»o herre, reich!

wie teilest du den segen aus so ungeleich?[213]

weil die kinder sind allesame

geboren von mir und von meinem man Adame,

dein segen gleich

solt über sie all gan!«

Got sprach: »es stet in meiner hant,

das ich im lant

mit leuten muß besetzen ein ieglichen stant,

darzu ich dan leut auserwel

und iedem stant seines geleichen leut zu stel,

auf das niemant

gebrech, was man sol han.«

Also durch dise fabel wirt bedeute,

das man zu iedem stant noch findet leute;

darbei man spüret heute,

wie got so wunderbar regiert,

mit weisheit ziert, er ordiniert

zu iedem werk sein man.

Quelle:
Hans Sachs: Dichtungen. Erster Theil: Geistliche und weltliche Lieder, Leipzig 1870, S. 212-214.
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