Resignation

[129] Eine Phantasie


Auch ich war in Arkadien geboren,

Auch mir hat die Natur

An meiner Wiege Freude zugeschworen,

Auch ich war in Arkadien geboren,

Doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur.


Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder,

Mir hat er abgeblüht.

Der stille Gott – o weinet, meine Brüder –

Der stille Gott taucht meine Fackel nieder,

Und die Erscheinung flieht.


Da steh ich schon auf deiner Schauerbrücke,

Ehrwürdge Geistermutter – Ewigkeit.

Empfange meinen Vollmachtbrief zum Glücke,

Ich bring ihn unerbrochen dir zurücke,

Mein Lauf ist aus. Ich weiß von keiner Seligkeit.


Vor deinem Thron erheb ich meine Klage,

Verhüllte Richterin.

Auf jenem Stern ging eine frohe Sage,

Du thronest hier mit des Gerichtes Waage

Und nennest dich Vergelterin.


Hier – spricht man – warten Schrecken auf den Bösen,

Und Freuden auf den Redlichen.

Des Herzens Krümmen werdest du entblößen,

Der Vorsicht Rätsel werdest du mir lösen

Und Rechnung halten mit dem Leidenden.


Hier öffne sich die Heimat dem Verbannten,

Hier endige des Dulders Dornenbahn.

Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten,

Die meisten flohen, wenige nur kannten,

Hielt meines Lebens raschen Zügel an.[130]


»Ich zahle dir in einem andern Leben,

Gib deine Jugend mir!

Nichts kann ich dir als diese Weisung geben.«

Ich nahm die Weisung auf das andre Leben,

Und meiner Jugend Freuden gab ich ihr.


»Gib mir das Weib, so teuer deinem Herzen,

Gib deine Laura mir.

Jenseits der Gräber wuchern deine Schmerzen.« –

Ich riß sie blutend aus dem wunden Herzen

Und weinte laut und gab sie ihr.


»Du siehst die Zeit nach jenen Ufern fliegen,

Die blühende Natur

Bleibt hinter ihr – ein welker Leichnam – liegen.

Wenn Erd und Himmel trümmernd auseinanderfliegen,

Daran erkenne den erfüllten Schwur.«


»Die Schuldverschreibung lautet an die Toten«,

Hohnlächelte die Welt,

»Die Lügnerin, gedungen von Despoten,

Hat für die Wahrheit Schatten dir geboten,

Du bist nicht mehr, wenn dieser Schein verfällt.«


Frech witzelte das Schlangenheer der Spötter:

»Vor einem Wahn, den nur Verjährung weiht,

Erzitterst du? Was sollen deine Götter,

Des kranken Weltplans schlau erdachte Retter,

Die Menschenwitz des Menschen Notdurft leiht?


Ein Gaukelspiel, ohnmächtigen Gewürmen

Vom Mächtigen gegönnt,

Schreckfeuer, angesteckt auf hohen Türmen,

Die Phantasie des Träumers zu bestürmen,

Wo des Gesetzes Fackel dunkel brennt.


Was heißt die Zukunft, die uns Gräber decken?

Die Ewigkeit, mit der du eitel prangst?[131]

Ehrwürdig nur, weil schlaue Hüllen sie verstecken,

Der Riesenschatten unsrer eignen Schrecken

Im hohlen Spiegel der Gewissensangst;


Ein Lügenbild lebendiger Gestalten,

Die Mumie der Zeit,

Vom Balsamgeist der Hoffnung in den kalten

Behausungen des Grabes hingehalten,

Das nennt dein Fieberwahn – Unsterblichkeit?


Für Hoffnungen – Verwesung straft sie Lügen –

Gabst du gewisse Güter hin?

Sechstausend Jahre hat der Tod geschwiegen,

Kam je ein Leichnam aus der Gruft gestiegen,

Der Meldung tat von der Vergelterin?« –


Ich sah die Zeit nach deinen Ufern fliegen,

Die blühende Natur

Blieb hinter ihr, ein welker Leichnam, liegen,

Kein Toter kam aus seiner Gruft gestiegen,

Und fest vertraut ich auf den Götterschwur.


All meine Freuden hab ich dir geschlachtet,

Jetzt werf ich mich vor deinen Richterthron.

Der Menge Spott hab ich beherzt verachtet,

Nur deine Güter hab ich groß geachtet,

Vergelterin, ich fodre meinen Lohn.


»Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder!«

Rief unsichtbar ein Genius.

»Zwei Blumen«, rief er, »– hört es, Menschenkinder –

Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,

Sie heißen Hoffnung und Genuß.


Wer dieser Blumen eine brach, begehre

Die andre Schwester nicht.[132]

Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre

Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre.

Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.


Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen,

Dein Glaube war dein zugewognes Glück.

Du konntest deine Weisen fragen,

Was man von der Minute ausgeschlagen,

Gibt keine Ewigkeit zurück.«


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 129-133.
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