Am Rheine

[352] 1802


Du freundlich ernste starke Woge,

Vaterland am lieben Rheine,

Sieh', die Tränen muß ich weinen,

Weil das alles nun verloren!

Die Felsen, so die Ritter sich erkoren,

Schweigend dunkle Klagen trauern,

Noch zerstückt die alten Mauern

Traurig aus dem Wasser ragen,

Wo in alter Vorzeit Tagen

Hohe Helden mutig lebten,

Voll von Lust nach Ruhme strebten;

Franken, Deutsche und Burgunden,

Die nun im dunkeln Strom verschwunden,

Tapfre Lanzen damals schwungen,

Noch die deutschen Lieder sungen,

Die Verderbnis weit verjugen,

Hand in Hand zum Bunde schlugen,

In edlem Rittertume,

Aus aller Tugend Eine Burg zum Ruhme

Durch alle Land' erbauten;

Da der Mann dem Mann noch traute,

Deutsche Lust im Walde blühte,

Glaub' in Demut liebend glühte,[352]

Ach da keiner noch alleine,

In des Herzens tiefem Schreine,

Um sein Vaterland mußt' klagen,

Selbst sich bittre Wunden schlagen,

Wie ich hier am heil'gen Rheine

Hohen Unmuts Tränen weine.


Dunkle Trauer zieht mich nieder,

Will in Wehmut ganz vergehen;

Wenn ich sehe, was geschehen,

Wenn ich denke, was gewesen,

Will die Brust in Schmerz sich lösen! –


So fahrt denn wohl, ihr lieben Wogen,

Wo ich Schmerz und Mut gesogen;

Denn den Mut auch fühl' ich schlagen,

Und inmitten solcher Klagen

Springt die Quelle starker Jugend,

Und es waffnet feste Tugend

Unsre Brust mit Heldentreue.

Da entweicht denn alle Reue;

Kann ich gleich mit euch nicht leben,

So ergreift euch doch mein Streben.

Wo ich wandre, wo ich weile,

Glühen Männer, blühen Lieder

Und ich fühle wohl Vertrauen,

Auf des Herzens Fels zu bauen,

Eine neue Burg der Liebe,

Die in allem Sturme bliebe,

Mächtig durch die fernen Zeiten

Einen allvereinten Strom zu leiten,

Einen Strom von Lust und Schmerzen,

Alles aus dem eignen Herzen,

Wo die Lieder all' verschlungen

Alle Herzen wiederklungen,

Hohe Freunde dann verbündet,

So der Freude Reich gegründet.


Quelle:
Friedrich von Schlegel: Dichtungen, München u.a. 1962, S. 352-353.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Über den Umgang mit Menschen

Über den Umgang mit Menschen

»Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können. – Das heißt: Ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.« Adolph Freiherr von Knigge

276 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon