|
aus eigener Erzehlung folgender massen an:
Ich bin, meine Herren! ließ er sich vernehmen, eines Dorff-Schulmeistes Sohn aus der Ober-Laußnitz, und im Jahr 1702. gebohren. Mein Vater hatte dreyerley Professionen, er war nicht allein Schulmeister, sondern zugleich auch Schneider und Leinweber im Dorffe, so daß er, als ein sehr arbeitsamer Mann, sein Brodt wohl verdienen konte, denn wenn ein Handwerck nicht gehen wolte, so nahm er das andere vor. Ich war sein eintziger, jüngster und liebster Sohn, weil er ausser mir lauter Töchter gezeuget hatte, wovon jedoch nur 4. am Leben blieben. Seines herannahenden hohen Alters ohngeacht, vermeynte mein Vater dennoch, so[424] lange zu leben, meine Gelahrsamkeit sich zum Stubtifuten setzen zu lassen, derowegen muste ich gleich von der Wiege an, nicht nur die Principia von der Schulmeisterey, sondern auch von der Schneider- und Leinweberey lernen. Ja mein Vater wuste, um mich zu einem recht tüchtigen Manne zu machen, die Tages-Stunden dermassen einzutheilen, daß mir würcklich sehr wenig Zeit zum Spielen übrig blieb. Was dieses vor eine Marter vor einen solchen Jungen, wie ich, war, ist nicht auszusprechen, denn mein gröstes Vergnügen bestund darinnen, mit den Bauer-Jungens auf dem Dorffe, die Saue und den Kräusel zu treiben, oder solche Spiele zu spielen, welche die Jahrs-Zeit unumgänglich zu erfodern schien. Mein Vater hingegen war dergestallt unbarmhertzig, daß er mir wöchentlich kaum zwey Stunden darzu vergönnete, und zwar auf allerhöchste Vorbitte meiner Mutter, welche befürchtete, das liebe Kind möchte gantz und gar zusammen wachsen. Selbst das verdrüßliche Schicksaal konte den harten Sinn meines Vaters, aus mir, einen recht vollkommenen Schulmeister zu machen, nicht brechen, denn ohngeacht in meinem 12ten Jahre die Künste schon am gantzen Leibe, dergestalt auszubrechen begunten, daß es schien, als ob ich lauter Gelencke, und in jedem Gelencke doppelte und dreyfache Courage hätte, so erbarmete sich doch mein Vater nur in so weit, mich zwar eine Zeit lang mit der Schneider- und Leinweberey zu verschonen, hergegen muste ich von Morgen an biß auf den Abend dermassen über den Büchern liegen, daß meiner Mutter[425] angst und bange wurde: ich möchte mit der Zeit etwa gar ein Advocat oder ein Narr werden, als welchen Leuten sie am allergrämsten war, denn ein Advocat hatte sie um eine reiche Erbschafft gebracht, und ihr erster Mann war von einer liederlichen Vettel, vermittelst eines Liebes-Truncks, zum Narren gemacht und angereitzt worden, meine Mutter zu verlassen, und mit der Hure davon zu lauffen. Indem ich nun ein rechtes, so zu sagen, Pferde-mäßiges Gedächtniß hatte, konte ich nicht allein in meinem 13ten Jahre fast alle Evangelia und Episteln, sondern über dieses, welches zu verwundern, alle Declinationes und Conjugationes auf dem Nagel herbeten, der lieben Psalmen zu geschweigen, denn mein Vater ärgerte sich solchergestalt fast über nichts mehr, als daß der König David nicht zum wenigsten noch ein paar hundert mehr gemacht hätte. In der Schneider- und Leinweber-Kunst war ich auch, seinen Gedancken nach, weit avancirt, daß er mich ohne ferneres Bedencken hätte können zum Meister machen lassen, derowegen fehlete nichts weiter, meine erfahrne Person sich substituiren zu lassen, als das eintzige, nehmlich, daß ich nicht 8. oder 10. Jahre früher auf die Welt gekommen wäre.
Mittlerweile sahe der Pfarrer und die Gemeine, ich weiß nicht aus was vor Ursachen, meinen 63. jährigen Vater vor älter an, als er sich selbst zu seyn bedünckte, und da sonderlich der Gemeine nicht anstund: daß ich fast alle Sonntage an seiner statt cantorirte, meine Mutter aber wöchentlich mehr als 5. Tage den Schulmeister agirte, weil[426] der Vater indessen die bestellte Schneider- oder Leinweber-Arbeit abwarten muste; so kam es durch ein und andere Verdrüßlichkeiten endlich dahin, daß meinem Vater aus dem Consistorio ein Substitute gesetzt wurde, und zwar, dem Vorgeben nach, aus keiner andern Ursache, als: weil sich die Gemeine anheischig gemacht, in ihre Kirche eine Orgel bauen zu lassen, die mein Vater gar nicht, der Stubtifute aber desto besser spielen könte.
Mein Vater wolte diesen Schimpff durchaus nicht verdauen, so bald aber unsere Gemeine den Anfang zum Orgel-Baue machen ließ, lieff er mit mir, fast alle Tage, 3. Viertel Meilwegs in die nächste Stadt, um in seinem hohen Alter, annoch das Orgel-Spielen zu erlernen, und hiermit bey bevorstehender Orgel-Probe seinen Stubtifuten über den Tölpel zu werffen, meine Gelahrthafftigkeit, muste von dem höchst intonirten Stadt-Organisten, vor wöchentliches baares Geld, Käse, Butter, junge Hühner und andere Dinge ohngerechnet, auch lectiones nehmen, allein, wir hatten kaum die Claves kennen, und den Choral: O wir armen Sünder etc. spielen lernen, als mein Vater, der täglichen Strapazen wegen, bettlägerig wurde, und bald hernach verstarb. Mit ihm wurde zugleich meine Hoffnung auf den zukünfftigen Schul-Dienst unseres Dorffs, nebst meiner gantzen Organisten-Kunst zu Grabe getragen, und so bald meine Mutter nebst den zwey jüngsten, annoch unverheyratheten Schwestern, das Schul-Hauß quittiren muste, muste auch ich mich beqvemen, bey dem Manne meiner ältesten Schwester, der ein[427] Schneider-Meister in der Stadt war, in die Lehre zu treten, ohngeacht mein gantzes Hertze, ich weiß nicht warum, einen hefftigen Eckel vor diesem Handwercke hatte.
Es verdroß mich hefftig, daß ich nunmehro erstlich gantz von neuen anfangen, und einen Schneider-Jungen abgeben solte, allein, die Lehre währete nicht viel über 6. Wochen, denn so bald sich mein hochtrabender Herr Schwager ein wenig zu mausig machen, und mich, der ich schon vor Geselle arbeiten, auch zur Noth ein Kleid zuschneiden konte, allzu Jungenhafft tractiren wolte, warff ich ihn eines Tages die Scheere nach dem Kopffe, und lieff zu meinem andern Schwager dem Leinweber. Dieser mißbilligte des Schneiders hochtrabendes Verfahren, und beredete mich, bey ihm als Leinweber in die Lehre zu treten, mit dem Versprechen, mich täglich noch ein paar Stunden im Schreiben, Rechnen und Latein informiren zu lassen, damit ich mit der Zeit etwa die Hand nach einem Ehren-Amte ausstrecken könte. Über dieses ließ er mich, aus seinem alten blauen Mantel, von Fuß auf neue kleiden, und diese Manu mea gemachte Montur, stund mir in meinen eigenen Augen dermassen wohl an, daß ich nicht geringe Ursache zu haben vermeynete, mir etwas rechts einzubilden.
Immittelst schien es doch, als ob es mir bey diesem Schwager besser gefallen wolte als bey dem ersten, denn ich durffte nur nach Belieben, so viel als ich wolte, arbeiten, und weil er etliche Gesellen sitzen hatte, die die schönsten Arten von Damaßken[428] und andern Zeugen machten, so fielen mir dabey verschiedene Kunst-Griffe in die Augen.
Bey so gestallten Sachen war es Schade, daß mein Schwager ein gantz heimlicher Narre war, denn weil er etwas weniges schreiben und im Donate Mensa decliniren gelernet, ließ er sich den Dünckel einkommen, es wäre niemand als er, würdiger, mit ehesten ein Viertels-Meister, hernach Raths-Herr, und endlich gar Burgemeister in der Stadt zu werden. Alldieweiln aber sein gantzes Vermögen nur in einem kleinen Hause und dann in den Weber Stühlen versteckt war, gleichwohl zu dergleichen Aemtern, ein grosses Hauß, nebst Brau-Ackern und andern liegenden Gründen erfordert wurden, mochte er sich vielleicht im Traume haben vorkommen lassen: als ob in seinem Keller ein Schatz vergraben wäre. Derowegen streckte der arme Schlucker sein gantzes Vermögen dran, diesen Schatz, von berühmten Schatz-Gräbern heben zu lassen, allein, je mehr er sich darbey in recht hefftig drückende Schulden gesetzt, je stärcker fand er sich auf die letzte betrogen, so daß er, ehe man sich dessen versahe, nebst meiner Schwester, 4. Kindern und allen Hauß-Gesinde, worunter auch meine Personalität begriffen war, gantz plötzlich aus dem Hause gestossen wurde, und kaum die auf dem Leibe tragenden Kleider mit hinweg nehmen durffte.
Demnach fahe ich mich genöthiget, meiner Mutter, welche sich nebst meinen beyden jüngsten Schwestern, in der Stadt bey einem Posamentirer, der zugleich ein Raths-Herr war, eingemiether hatte, die besten Worte zu geben, daß sie mir nur die[429] tägliche Kost und einigen Vorschub reichte, mich in der Stadt-Schule auf das Studiren zu legen. Sie ließ sich beschwatzen, kauffte mir einen alten blauen Mantel, nebst etlichen darzu gehörigen Büchern, und ich fieng solchergestalt ohne allen Schertz an, auf einen Dorff-Priesters-Dienst loß zu studiren, hatte jedoch den beständigen Trost darbey, daß zum wenigsten ein Dorff-Schulmeister aus mir werden müste, weil ich aus vielen Umständen vermerckte, daß meines Vaters Geist zweyfältig in mir wohnete.
Jedoch, ehe ich von meinen eigenen Angelegenheiten weiter rede, muß ich vorhero melden, wie es meinem ehrlichen Herrn Schwager Leinweber ergangen: Dieser nun fand sich nicht allein von seiner Schwieger-Mutter, dem Schwager Schneider; sondern auch von allen andern Befreundten, seines thörichten Wesens halber, gäntzlich verlassen, muste dahero nebst seiner Frauen bey andern Meistern ums Lohn arbeiten, damit nur das tägliche Brod vor ihre, und der 4. Kinder Mäuler verdienet würde. Ich glaube, der arme Tropff zog sich diese verdrüßliche Lebens-Art dergestalt zu Gemüthe, daß er vollends ein, oder etliche Sparren zu viel oder zu wenig bekam, welches daraus abzunehmen, weil er kurtze Zeit hernach um den erledigten Calcanten-Dienst, bey der Geistlichkeit und dem Stadt-Rathe, ein selbst elaborirt und eigenhändig-geschriebenes Memorial folgendes Inhalts eingab:
[430]
Hoch-Ehrwürdige, Hochgelahrte, Hoch-Achtbare, Hochweise, Hocherfahrne, Hochgeehrteste Herren und mächtige Beförderer.
Ich Endes unterschriebener Bürger, Zeug- und Leinweber allhier, bin in Erfahrung kommen, daß der menschenfreßende Todt, welcher nach Syrachs und anderer frommen Lehrer Ausspruche, keine Person ansiehet, vor etlichen Tagen ihren dahero gewesenen Calcanten oder Orgel-Bälgen-Treter, den Wohlehrbaren und Nahmhafften, Meister N.N. mit seiner Sense, als einen frischen Kraur-Strunck abgehauen und ins Grab geworffen hat; alß worüber Dieselben, wie nicht unbillig, in großes Leydwesen versetzt worden, denn es verdrießet ja wohl dem Müller, wenn ihm ein Esel umfallt, warum solte es denn nicht nahe gehen, wenn ein ehrlicher Mann und frommer Kirchen-Bedienter, in seinen besten Jahren, die Beine, wormit er, wie mir gesagt worden, die Bälge über 13. Jahr getreten, in die Höhe reckt. Ich will zu ihrer eigenen Hochpreißlichen Untersuchung anheim gestellet und gegeben seyn lassen, ob ihn der Doctor, durch das vor etlichen Wochen eingegebene Vomitiv oder Brech-Pulver, die Schwindsucht verursacht, oder ob er sich dieselbe, vielleicht durch seinen überflüßigen Fleiß, an den Halß getreten hat. Denn der gute Mann[431] wolte zwar, wie ich selbst öffters gesehen habe, seine Geschicklichkeit gar zu sehr zeigen, allein es fehlete ihm am besten, denn er war nicht musicalisch. Mit mir hat es gar eine andere Beschaffenheit, denn ich kan nicht allein alle Chorale nach der Tabulatur und Noten auswendig, sondern spiele auch selbst etwas auf der Geige, wiewohl ohne Ruhm zu melden. Ew. Hochwürdigẽ, Hochgelahrtheiten etc. etc. werden also nach ihren ziemlichen Verstande gleich mercken, daß ich um den Calcanten-Dienst anhalten will, und hierinnen fehlen sie nicht, deñ es ist bey meiner höchsten Treue mein rechter Ernst, weil ich durch böse Leute-Beschmeißer vor kurtzer Zeit sehr ins Armuth gebracht worden bin. Ich weiß zwar aus gewissen Uhrkunden sehr wohl, daß auch ein anderer Bürger und Schneider alhier, und denn wiederum ein Holtzhauer, um dieses Ehren-Aemtgen herum gehen, wie die Katzen um den heißen Brey, allein, ich kan es Meinen Hochgeehrtesten Herrn mir guten Gewissen nicht rathen, mir diese Leute vorzuziehen, denn wenn der erste sein Bügel-Eisen nicht in der Ficke hat, möchte er zu leichte seyn, und vielleicht, wenn zumahl der Hencker sein Spiel hätte, wohl gar einmahl in das Ventil hinnein geschluckt werden. Mit dem andern groben Bengel aber ist es gar nichts, und was das Hauptwerck abermahls ist, so sind beyde auch nicht musicalisch, wie ich. Derowegen glaube steiff und feste, Ew.[432] Hochwürd. und Hochgelahrtheiten, werden in Betrachtung meiner Person und angebohrnen Geschicklichkeit, mir dieses Kirchen- und Ehren-Amt, vor allen andern gönnen, wie ich mich denn dieserwegen gleich zum voraus bedancken will, damit Sie der Mühe überhoben sind, noch eine Dancksagungs-Schrifft von mir durchzulesen, ich aber ebenfalls fernerer Schreiberey und Aufwands entübriget sey. Wegen der Bestallung, die sich jährlich auf 10. fl. etliche Scheffel Getrayde ohne die Accidentien von Braut-Messen und dergleichen beläufft, will ihnen die Sorge alleine überlassen, weil ich schon weiß, daß sie an dieser alten Stifftung, die noch ans den katholischen Wesen herrührer, keine Aenderung machen, sondern es bey den alten Löchern lassen werden, doch bleibet Ihnen unverwehrer, eine Zulage entweder an baaren Gelde oder Geträyde zuthun, weil ich von dato an beständig seyn und bleiben will
Ew. Hochwürd. und Hochgelahrtheiten
Meiner insonders Hochgeehrsten Herren
und mächtigen Beförderer
gehorsamer Bürger und Calcante
bey Freude und Leyd
Michel Conrad N.
[433]
Es ist leicht zu erachten, daß die mächtigen Beförderer über dergleichen einfältiges und doch hochtrabendes Memoriale nicht wenig werden gelacht haben, jedoch er bekam das Fiat gleich auf der Stätte, mit der einzigen Bedingung, daß er sich von dem Stadt-Organisten erstlich solte tentiren lassen. Dieser nun war ein gantz besonderer Spaas-Vogel, und mochte entweder das Memoriale selbst gelesen, oder wenigstens den gantzen Inhalt gehöret haben, mithin wurde mein Schwager, der vielleicht noch nicht Zwirn genung im Kopff hatte, vollends zum Narren gemacht, denn weil er wegen seiner Probe durchaus ein schrifftliches Attestat von dem Organisten verlangete, erhielt er endlich folgendes:
Ich Endes unterschriebener bekenne durch diese, daß Meister Michel Conrad N. bey seiner abgelegten Calcanten-Probe sehr wohl, und fast besser, als sein Antecessor bestanden, denn nachdem er von mir durch alle musicalische Regeln, die einem Kunstet fahrnen Calcanten zu observiren nöthig sind, durchgenommen worden, so habe an ihm nichts auszusetzen gefunden, als daß er nicht so leicht moll als dur treten, oder, nach der Kunst zu schreiben, spielen kan, welches sich aber bey fernern Exercitio schon geben wird, denn der Mann hat in Wahrheit sehr feine Maniren an sich, welche sich ein anderer, der nicht von Jugend auf die Füsse unter dem Weber-Stuhle gehabt, nicht so leicht angewöhnen möchte. Ubrigens ist er auch gegen andere[434] gantz Unwissende in der Music gar sonderlich erfahren. Welches alles zu Steuer der Wahrheit mit Hand und Siegel bekräfftiget
N.N.
bestalter Stadt-Organiste.
In folgenden Zeiten hat dieser Organist fast immer seinen Schertz mit diesem gelehrten Calcanten getrieben, und ihm gemeiniglich die Thone angezeiget, aus welchen er treten solle, so daß derselbe auf die Gedancken geräth, das Werck könne unmöglich recht gehen, wenn er nicht vorhero mit dem Organisten behörige Abrede genommen hätte. Jedoch einesmahls, da der Organist unpaß, und der Cantor, welcher ein sehr mürrischer Mann war, die Orgel zur Music selbst spielen muste, kam mein Schwager eiligst hervor gelauffen, und fragte den Cantor: aus welchem Tone das Stücke gienge, ob es dur oder moll, auch was es vor Tact wäre? der Cantor, welchem der Kopff eben nicht recht stund, wurde desto verdrüßlicher, und sagte: was hudelt ihr euch um das Stück? gehet hin, und tretet eure Bälge, oder ich werde euch die Wege weisen. Mein Schwager wolte dem ohngeacht lange nicht von der Stelle gehen, biß ihn endlich des Cantors zornige Gebärden zurück in die Bälg-Kammer trieben, dieser wegen aber rührete er dennoch keinen Balg an, worüber der Cantor, welcher wohl zehnmahl geklingelt hatte, immer rasend zu werden gedachte, denn die Music solte angehen, und in der Kirche wunderte sich ein jeder Mensch über das lange Stillschweigen. Er schickte einen Schüler[435] nach dem andern fort, um den Calcanten zum Treten anzumahnen, oder selbst die Bälge zu treten, allein dieser stieß einen jeden zurück, der ihm ins Handwerck fallen wolte, schwur auch hoch und theuer, er träte eher keinen Balg, biß ihm der Cantor sagen lassen, aus welchem Tone die Music gehen, und was es vor Tact seyn solte. Ich erbarmte mich endlich, nachdem ich erfahren, woran es läge, über meinen wurmsichtigen Schwager, that, als ob ich dem Cantor gefragt und erfahren hätte: daß das musicalische Stücke aus dem fis moll gienge, und 5/4tel Tact wäre, dahero er sich endlich bewegen ließ, die Bälge zu treten, der Cantor aber war dergestalt zum Eyffer, hergegen die Musicanten und Concertisten zum greulichen Gelächter gereitzt worden, so, daß immer eine Saue nach der andern heraus kam, biß endlich alles stecken blieb, und das gantze Stück von neuen angefangen werden muste. So bald endlich die Music mit Kummer und Noth verbracht war, ließ der Cantor einem Schüler den Glauben spielen, er aber lieff als eine Furie hinter in die Balg-Kammer, um meinen Schwager einen tüchtigen Ausputzer zu geben, da ihm nun dieser kein Wort verschwieg, ließ sich der Cantor vom Zorne dergestalt übermeistern, daß er dem Calcanten ein paar Maulschellen gab, dieser restituirte dieselben cum lnteresse, warff auch des Cantors schwartze Peruque zum Schall-Loche auf den Kirchhoff hinunter ihn aber selbst endlich zur Balg-Kammer hinaus, worüber eine abermahlige Unordnung entstund, denn mittlerweile waren die Bälge aufgelauffen, weßwegen die Orgel stille schwieg, jedoch[436] ich schlug mich noch ins Mittel, und vertrat die Vices meines Schwagers, welcher sich so wohl als der Cantor dergestalt ergifftet hatte, daß er kein Glied stille halten konte. Die Sache kam zur Klage und Untersuchung, mein Schwager aber war nicht faul, seine Defensions-Schrifft in folgenden Zeilen einzugeben.
P.P.
Der weise Hauß-Zucht- und Sitten-Lehrer Syrach schreibet im ersten Versicul des 8ten Capitels seines Büchleins die nachdencklichen Worte: Zancke nicht mit einem Gewaltigen, daß du ihm nicht in die Hände fallest. Hätte dieses unser Herr Cantor bedacht, und keine Ursache, mit mir zu zancken, vom Zaune gebrochen, auch mich mit den Tractamenten, womit er seine Schul-Jungens zu beneventiren pfleger, ich meyne, ein paar Maulschellen, verschonet, so würde mich schwerlich jemand haben bereden können, dem ehrlichen Manne durch ein paar Dutzend Ohr- und Augen-Feigen, blaue Fenster zu machen, und ihm, in dem Grimme meines Zorns die schwartze Zodel-Peruque zum Schall-Loche hinnaus zu werffen. Der Geitz ist eine Wurtzel alles Ubels, und also auch der Ehr-Geitz, wäre der Cantor nicht so ehrgeitzig und eigensinnig gewesen, sondern hätte mit mir, als einer Haupt-Person bey der Kirchen-Music, sein überlegt, wie das Stücke am besten zu practiciren und tractiren wäre, so wären viele [437] Solennitäten unterwegens geblieben, nehmlich, es wären keine Sauen gemacht worden, und die übrige Prostibulation hätte auch unterwegens bleiben können. Davor muß ich sagen, daß der Organiste 1000. mahl mehr Verstand in seinem kleinen Finger hat, denn es wird mir und ihm, sonderlich, so lange ich die Calicanten Charge verwaltet habe, kein Mensch nachsagen können, daß wir nur das geringste Ferckel, geschweige denn solche Sauen in der Music gemacht hätten, als am vergangenen Sonntage herum gelauffen sind. In der Musica ist die Harmonica die allerschönste Tugend und diese muß sich nicht allein in den Geigen und Pfeiffen, sondern auch unter den Personen finden lassen, aber ich weiß gar wohl, daß es grobe Flegels giebt, welche den Calicanten weit geringer schätzen wollen, als einen Stadt-Pfeiffer-Jungen, der kaum in die Lehre getreten ist, welcher Unverstand aber von der löblichen Stadt-Obrigkeit, billig nach befinden, mit ein paar Alten oder wohl gar Neuen-Schock-Straffe belegt werden solte. Ich hoffe also meine Unschuld klar genung dargethan zu haben, und weil ich ohnedem gewohnt bin, meine schrifftlichen Sachen sehr kurtz zu fassen so bitte Ew Hoch Ehrwürd. und Hochgelahrtheiten, mir in allen Dingen Recht zu sprechen, und dem Cantor, wenn sie ihm ja die Straffe schencken wollen, dahin anzuweisen, daß er sich in zukunfft besser mit mir confirmire,[438] damit keine fernern Solennitäten verübt werden, denn wenn es auf das Punct horis, kömmt, bin ich freylich sehr kützlich, und lasse mir nicht gern im Maule mähten, vielweniger ins Amt greiffen, wie die Schüler am vergangenen Sonntage mit der Balgtreterey thun solten. Schließlich habe noch zu erinnern, daß mir der Cantor am Sonntage Schuld gegeben, ich hätte mich im Brandteweine vollgesoffen wie ein Schwein, welches aber vor aller Welt erstuncken und erlogen ist, weil nicht mehr als vor einen Dreyer in mein Maul gekommen, verlange derowegen eine Abbitte, Ehren-Erklärung und Bezahlung des Schimpffs vor allen Leuten, die in der Kirchen gewesen sind. Ubrigens wünsche Ew. Hoch Ehrw und Hochgelahrtheiten wohl zu leben, und verbleibe etc. etc.
Dieses machte aber so wohl meinem Schwager als dem Cantori vielen Verdruß, und fehlete wenig, daß der erste nicht sehr zeitig wiederum den Dienst verlohren hätte, der andere aber sonsten gestrafft worden; Jedoch endlich wurde alles in der Güte beygelegt, ich weiß aber selbst nicht auf was vor Art, weil mich etliche aufrührische Schüler beredeten, mit ihnen fort zu gehen, und eine andere Schule zu suchen, wo die Schüler nicht so strenge, als von unsern Schul-Collegen gehalten würden.
Ich war um selbige Zeit gleich 16. Jahr alt, und sung eine ziemlich seine Stimme, wormit ich mich bey dem Cantore dasiges Orts ziemlich recommendirte, so, daß er mir sehr gute Hospitia ausmachte,[439] und allen Fleiß anwandte, mich zu einem perfecten Concertisten zu machen; worbey ich denn auch, was die Latinitæt unter dem Rectore und Conrectore anbetraff, nicht unter die schlimmsten, jedoch auch nicht unter die besten zu rechnen war. Immittelst konte doch Jahr aus Jahr ein so viel verdienen, mich in Kleidung, Wäsche und dergleichen selbst frey zu halten. Da aber drittehalb Jahr hernach eben derselbe Schulmeister, welcher in meinem Gebuhrts-Dorffe an meines Vaters Stelle gekommen war, verstarb, ließ mir meine Mutter solches so gleich schrifftlich berichten und rathen: ich solte eiligst nach Hause kommen, und um den Dienst anhalten, denn sie zweiffelte im geringsten nicht, daß ich so wohl im Orgel-spielen, als andern darzu gehörigen Wissenschafften, so viel würde begriffen haben, noch eines weit wichtigern Dienstes würdig zu seyn.
Diese Post war kaum eingelauffen, als in meinen Gedancken schon alles richtig war, bedaurete also nichts, als daß ich mir nur vor wenig Wochen ein Spannagel neues Farben-Kleid angeschafft hatte, jedoch mein bester Trost war, daß es könte schwartz gefärbet werden. Meine Mutter, die mich in so langer Zeit nicht gesehen, erfreuete sich hertzlich einen dergestalt ansehnlichen Sohn zu haben, wie nicht weniger unser Herr Hospes der Posamentirer, der einen besondern Estim und Liebe vor mich bezeigte. Ja, was noch mehr, so verliebte sich noch selbigen ersten Tages, dessen jüngste Jungfer Tochter in mich, zu mahlen, da sie vernahm, daß ich anitzo in Begriff sey, um einen[440] Schuldienst auf dem Dorffe anzuhalten, und mir dabey das Prædicat als Herr Cantor und Organiste geben zu lassen.
Ich machte nicht viel Schwürigkeiten, diesen gantz feinen Mädgen meine Gegen-Liebe zu erkennen zu geben, überreichte immittelst mein Bitt-Schreiben um den Schul-Dienst, gehöriges Orts, und bekam sehr gute Vertröstungen, wie denn auch der Raths verwandte Herr Posamentirer, sich viele Mühe gab, mich bey den Herrn Patronis bestens zu recommendiren, u. endlich selbst die sichere Nachricht brachte, daß mir seines Vorspruchs wegen der Dienst unmöglich entgehen könte. Ich wuste zur schuldigen Danckbarkeit vor seine vielfältige Mühwaltung nichts bessers zu ersinnen, als ihn um seine 17. jährige jüngste Jungfer Tochter anzusprechen. Der gute Mann machte nicht viel Umschweiffe, sondern richtete gleich folgenden Tages einen kleinen Schmaus aus, worbey ich und dessen Jungfer Tochter ordentlich mit einander verlobt wurden. Lange Zeit hernach habe ich erstlich erfahren, daß er die gröste Ursach gehabt also zu eilen, und seine Tochter mit Ehren unter die Haube zu bringen, denn weil sie jederzeit eine ungemeine Liebhaberin von Mannes-Fleisch gewesen, und er- der Vater selbst, die Tochter sehr offt des Nachts mit den Schülern auf der Strasse, nicht selten auch einen oder den andern in ihrer Schlaff-Kammer angetroffen hatte, so mochte derselbe befürchten, seiten ihrer, ehe als es ihm angenehm sey, Groß-Vater zu werden. Solchergestalt wurde ich in allergröster Geschwindigkeit ein Bräutigam, und[441] schätzte mich bey einer so schönen Liebste der glückseligste Mensch von der Welt zu seyn, weil aber Glück und Unglück sehr selten weit von einander entfernet ist, so muste auch ich armer Schelm, solches zu meinem grösten Verdrusse erfahren, denn da ich schon alle Anstalten zu meiner bevorstehenden Cantors-Haußhaltung machte, bekam ein anderer den Dienst, und ich das Nachsehen.
Dieser Streich verdroß mich dergestalt hefftig, daß ich so gleich noch in der ersten Boßheit einen Schwur that, nimmermehr wiederum um einen Kirchen- und Schul-Dienst anzuhalten, sondern bey meinem Schwieger-Vater das Posamentir-Handwerck zu erlernen, nach ausgestandenen Lehr-Jahren, Geselle und Meister auf einmahl zu werden, und hernach meine Braut darauf zu nehmen und zu ernehren. Mein Schwieger-Vater war zwar so wohl als die Braut ziemlich stutzig, jedoch das Verlöbniß war ein vor allemahl geschehen, und ohnmöglich zu wiederruffen, weiln in Gegenwart sehr vieler Leute alle Ceremonien darbey observirt waren. Endlich muste sich auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde alles geben, denn mein Schwieger-Vater versprach: daferne ich mit seiner Tochter fein keusch und züchtig leben würde, er binnen zwey Jahren alles dahin bringen wolte, mich so wohl zum Meister, als vergnügten Ehe-Manne zu machen. Demnach wurde ich in meinem 19ten Jahre zum drittenmahle als ein Lehr Junge aufgedungen, und kame nachhero fast niemahls aus dem Hause, weil ich mich vor den Spott-Reden der Schneider und Leinweber-Jungen,[442] am meisten aber vor den leichtfertigen Schülern furchte. Dieses nutzte indessen so viel, daß ich, ehe ein Jahr vergieng, das gantze Handwerck besser begriffen, als mancher, der schon etliche Jahr darauf gereiset war, denn mein Meister und Schwieger-Vater, ließ wahrhafftig die schönsten und besten Sachen arbeiten, und hatte beständig 8. biß 9. gangbare Stühle, auch gemeiniglich 4. biß 5. recht wohl erfahrne Gesellen, die mir vor öfftere freye Bier-Zechen, die künstlichsten Sachen machen lerneten. Meine Liebste inzwischen war sehr übel zufrieden, daß diese Jahre länger als 14. Tage lang daureten, und mochte wohl desto unvergnügter seyn, daß ich mich gar zu genau an meines Schwiegers-Vaters Lehren band, und ihr, ausser einem keuschen Kusse, weiter keine nachdrücklichern Liebkosungen erwiese, jedoch, ich glaube mein Schutz-Engel hat mich deßfalls von vielen Verdrüßlichkeiten zurück gehalten, denn, da mein anderes Lehr-Jahr schon etwas über die Helffte verlauffen war, kam erstlich meine jüngste Schwester, und 5. Tage hernach, meine Liebste, jede mit einem jungen, wohlgestalten Söhnlein darnieder. Die erste bekandte auf meinen Herrn Schwieger-Vater, und die letztere auf meine Personalität. Ich, der ich mich in meinem Gewissen von dieser Schuld vollkommen rein befand, wurde dergestalt ergrimmt, daß meinen alten Degen ergriff, und so wohl den Schand-Mutz in ihrem Wochen-Bette, als auch den Schwieger-Vater selbst erstechen wolte. Jedoch meine Mutter schlug sich ins Mittel, und eröffnete mir das Verständniß, durch den Bericht,[443] daß der alte Susannen-Bruder meine Schwester zu heyrathen, mir aber 200. Thlr. im Voraus zu geben versprochen, wenn ich seiner losen Tochter Kind, vor das meinige annehmen wolte; welches ihr eigentlich ein abgereiseter Schüler hinterlassen hätte.
Wider den ersten Punct, daß nehmlich aus dem Schwieger-Vater ein Schwager werden solte; hatte ich nicht das geringste einzuwenden, allein vor meine Person fand ich höchst unbillig, eines andern Schand-Balg anzunehmen, vielmehr verschwur ich mich hoch und theuer, diesen Schimpff mit Blute auszuwischen, wenn man mich nicht, noch ehe es Abend würde, mit baaren Gelde befriedigte, und den Leuten den rechten Vater des Hur-Kindes bekandt machte. Uber dieses sprach ich ferner, wäre es nicht genung, daß der alte geile Bock meine Schwester nunmehro als eine geschändete heyrathete, denn da sie ihm als Frau gut genug zu seyn geschienen, hätte er sie wohl in Ehren darzu verlangen, und annehmen können, weil sie ehrlicher Leute Kind, und noch bessern Herkommens, als er selbst sey. Ich wuste aber schon, war mein Zusatz, was ich vor einen Streich zu spielen bey mir beschlossen hätte. Diese und dergleichen Drohungen, worbey ich den blossen Degen nicht von abhänden kommen ließ, würckten so viel, daß ich binnen wenig Stunden von dem Alten durch meine Mutter 100. Thlr. baar Geld ausgezahlet bekam, mit dem Bedeuten, daß wenn ich das Hauß verlassen, und die übrigen wenigen Lehr-Monate bey einem andern Stadt-Meister ausstehen wolte, ich[444] noch ein Stücke Geld auf die Reise bekommen solte.
Das war Wasser auf meine Mühle, derowegen nahm kein Bedencken, meiner Mutter Zuredungen gehorsame Folge zu leisten, begab mich auch also fort zu einem andern Meister, stund meine Zeit vollends aus, empfieng hernach von dem neuen Schwager, welcher meine Schwester würcklich geheyrather hatte noch 50. Thlr. ohngeacht ich nach der Zeit seine Schwelle nicht wieder betreten, vielweniger meine gewesene Liebste des Ansehens gewürdiget hatte, und reisete zu Ende des 1721ten Jahres in die Frembde, ließ auch keinen Heller von meinem Gelde zu Hause, ausgenommen das wenige Erbtheil, welches meiner Mutter verblieb, weil ich den gäntzlichen Vorsatz hatte, nimmermehr wieder in mein Vaterland zurück zu kehren, doch habe drey Jahre hernach von einem Lands-Manne in Hamburg erfahren, daß mein Mitbuhler und Vorfischer, etwa anderthalb Jahr hernach, seine Geschwächte nebst dem Kinde abgeholet, und sich mit ihr trauen lassen; weil er den Organisten-Dienst in einer kleinen Stadt nebst der Stadt schreiberey überkommen. Also muste diese Jungfer scil. dennoch auf einen Gelehrten fallen.
Ich habe nachhero in meiner 3. biß vierdtehalbjährigen Reise-Zeit manchen lustigen Streich gespielet, indem ich mich zuweilen vor einen verdorbenen Studenten, zuweilen vor einen Schneider- oder Leinweber-Purschen ausgegeben, so lächerlich aber dieselben Streiche gewesen, so weiß ich doch, daß mein Gewissen von groben Sünden und Boßheiten befreyet geblieben. Es mögen dieselben biß[445] auf andere Gelegenheiten zum Erzehten ausgesetzt bleiben, voritzo will zum Beschlusse nur noch melden, daß nachdem ich mir an verschiedenen Orten ein mäßiges Stückgen Geld zu demjenigen, welches ich von Hause mitgenommen, gesammlet hatte, ich mir endlich in Hamburg die Lust ankommen ließ, eine Reise nach Ost-Indien vorzunehmen, weil ich vernommen, daß offt ein armer Schelm, der keinen Thaler im Vermögen gehabt, binnen 3. oder 4. Jahren etliche hundert biß 1000. Thaler mit zurück gebracht. In solchen Absichten reisete ich also nach Amsterdam, erkundigte mich nach Schiffen, die nach Ost-Indien reiseten, und wurde endlich unvermuthet zu des Herrn Capitain Wolffgangs bevollmächtigten Mons. Horn geführet, der mich biß auf die Zurückkunfft des Herrn Capitains mit Warte-Geldern versahe, und endlich in Dienste brachte, denn gegenwärtiger Herr Wolffgang ließ sich mein immer aufgeräumtes Humeur vor andern wohlgefallen und sagte, daß er mir sonderlich wegen der Profession gewogen, weil er selbsten eines Posamentirers Sohn sey. Ich kan nicht anders sagen, sondern muß es vielmehr mit schuldigsten Danck erkennen, daß er mich auf dem Schiffs vor verschiedenen andern Mit-Reisenden sonderlich distinguirt, und endlich auf dieser Insul vollkommen glücklich gemacht hat. Der Himmel gebe ihm die Vergeltung davor, ich aber werde Zeit Lebens bemühet seyn, mich hiesiges Orts so auf zuführen, daß ihnen, meine Herrn, hoffentlich nicht gereuen soll, meine Wenigkeit in ihre Freund- und Schwiegerschafft aufgenommen zu haben.[446]
Hiermit beschloß Mons. Harckert die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, und wir waren eben im Begriff uns zur Abreise zu schicken, da der Tischler Lademann kam, und nach Mons. Litzbergen fragte, welcher schon vor länger als einer Stunde nach Roberts-Raum voraus gegangen sey. Indem wir aber von demselben weder etwas gesehen noch gehöret hatten, war die Verwunderung desto grösser, und wir fiengen fast an, uns ein oder andere Sorge über dessen Aussenbleiben zu machen, schickten auch einen Bothen in die Weinberge um zu erfahren, ob er sich etwa bey dasigen Wächtern befände, um die frembden Affen vertreiben zu helffen, allein unsere Bekümmerniß war nicht allein vergebens, sondern verwandelte sich endlich in das allerangenehmste Vergnügen, denn nachdem sich der Alt-Vater durch Mons. Harckerts, und anderer, vielfältiges Bitten endlich bereden lassen: diese Nacht nebst uns allen seinen Gefährten in Roberts-Raum zu schlaffen, ließ sich mit hereinbrechenden Abend, im dicken Gebüsche des Gartens, ein Säytenspiel hören, welches wir in möglichster Stille bewunderten, und nach langen præludiren endlich von einer artigen Tenor-Stimme, folgende Cantata unter dem Säyten-Klange vernahmen.
Nicht alles und doch alles haben,
Scheint zwar ein dunckler
Spruch zu seyn;
Doch trifft er bey Vergnügten ein.[447]
Die alle, lernen viel verachten,
Da viele sonst nach allen trachten,
Denn vielen ist die Welt zu klein,
Ihr Lecker. Maul recht wohl zu laben.
Da Capo.
Wir Felsenburger sind
Die Reichsten auf der Welt
Das macht, wir lassen uns begnügen
Mit dem, was unser Feld,
Wald, Fluß und See zur Nothdurfft reicht.
Hier weht kein seichter Wollust-Wind.
Hier kan so leicht kein eitler Wahn betrügen.
Hier wird die schwerste Arbeit leicht.
Hier ist ein irrdisch Paradieß.
Hier schmeckt, was andern bitter scheint,
Recht Zucker süß.
Hier wird der Nahme, Freund,
Mit Ernst und Wahrheit ausgesprochen;
Hier ist ja, ja, und nein ist nein.
Hier wird durch falschen Schein
Kein zugesagtes Wort gebrochen,
Hier hört man nichts von Gräntz- und andern Streite.
Denn kurtz gesagt: wir sind vergnügte Leute.
Wucher, Hoffart, eitler Tand,
Setzen sonst das beste Land
Leicht in volle Glut und Brand,
Himmel steure diesen Feinden,
Daß sie uns vertrauten Freunden
Niemahls ins Gehege gehn.[448]
Laß uns nach der alten Weise,
Uns zum Nutzen, dir zum Preise
Ihnen kräfftig widerstehn.
Da Capo.
Bleib weg von uns du toller Kleider-Pracht!
Hier wird dein Gauckel-Spiel ins Fäusigen ausgelacht.
Was helffen uns Brabandsche Spitzen,
Die nicht einmal zu guten Zunder nützen?
Was sollen Frantzen, Knötgen, Gold und Silber Band?
Was nützt die Seyden-Waare?
Was, die gekräuselten und falschen Haare?
Hat nicht so mancher kluger Geist
Dergleichen Werck, auch wo es Mode heist:
Vor Quackeley und Affen-Spiel erkannt?
Drum wollen wir bey unsrer Einfalt bleiben,
Und doch die Zeit
In süssester Zufriedenheit
Gantz fein vertreiben?
Die Frömmigkeit sey unser schönstes Feyer-Kleid,
Und Tugend unser alle Tags-Gewand;
Hiernächst wird See und Land
Schon so viel Flachs und Thiere geben:
Worvon, so lange wir auf Erden leben,
Weib, Kind und Mann
Die Kleidung rein und zierlich haben kan.
[449] So sind wir denn alle nach Wunsche zufrieden,
So lange die Wurtzel des Ubels nicht grünt.
Zwar sind wir nicht alle von Fehlern befreyet,
Der Saame, den Satan in Eden gestreuet,
Wird wider Vermuthen gar öffters erquick;
Jedennoch durch Fasten und Beten erstickt.
Indessen wird vieles was Eitel vermieden,
Das manchen vor diesen zum Falle gedient.
Da Capo.
Es ist unbeschreiblich, was diese unvermuthete Neuigkeit vor ein gantz besonderes Vergnügen in aller Anwesenden Hertzen verursachte, ja es ist leichtlich zu glauben, daß die auf der Insul gezogen und gebohren, unsern lieben Litzberg, als welcher eben die vortreffliche Music machte, gantz erstaunend bewundert haben, denn weilen seit anno 1661. da ein naseweiser Affe des Alt-Vaters eintziges musicalisches Instrument, nemlich die vom Lemelie ererbte Cyther zerlästert, niemand weiter das geringste von einem Säyten-Spiele gehöret hatte, war die Verwunderung desto grösser. Es hatte aber Mons. Litzberg nebst dem Tischler Lademannen, schon seit einem halben Jahre her, jedoch in aller Stille und Heimlichkeit an diesem Instrumente gearbeitet, ehe sie dasselbe, sonderlich der Säyten[450] wegen zum Stande gebracht, jedoch dergleichen inventieusen Köpffen wie diese beyden hatten, muste so zu sagen alles nach Wunsche gehen, denn wie ich nachhero gesehen, war von ihnen eine solche Menge allerley Säyten bereitet worden, und zwar aus den Därmen der wilden und zahmen Ziegen, wie auch anderer Thiere, daß man wohl noch 200. dergleichen Instrumente, als dieses, welches die ziemliche, doch in etwas weniges veränderte Gestalt einer Laute zeigte, hätte damit beziehen können.
Mons. Litzberg spielete hierauf, zu unserm Vergnügen, noch verschiedene andere artige Stücke, und accompagnirte wechselsweise mit seiner anmuthigen Stimme, bis endlich der liebe Alt-Vater gegen Mitternacht hierdurch in einen süssen Schlaff gebracht wurde, weßwegen wir übrigen uns nach ihm richteten, und sämtlich die Ruhe suchten, folgenden Tages aber nach eingenommenen Frühe-Stücke erstlich gegen Mittag wiederum von einander reiseten.
Zeitwährender Wein-Lese machten wir uns sämtlich bald in dieser, bald in jener Pflantz-Stadt ein und andere vergnügte Veränderung, so bald aber dieselbe vorbey, alles eingesammlet, und zur neuen Bestell-Zeit behörige Anstalt gemacht war, ersuchte ich den Alt-Vater mir nebst andern Europäern und denen, so ausser dem noch Lust darzu hatten, eine Fahrt zur See auf die benachbarte Insul Klein-Felsenburg zu thun. Er ließ sich durch unabläßiges Anhalten endlich bereden, zumahlen da der Vater David Julius, alias[451] Rawkin, sich zum Schiffs-Patrone anboth, derowegen wurde das in der Bucht liegende Schiff, binnen wenig Tagen völlig ausgebessert, worauf wir sämtlichen letzt angekommenen Europäer, ausgenommen Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang uns am 28. Apr. 1727. embarquirten, und die Reife bey guten Wetter und Winde antraten. Es war eben kein allzustarcker Hazard dergleichen Fahrt vorzunehmen, denn wir gelangeten in wenig Stunden auf der lustigen Insul Klein-Felsenburg, und zwar in dem vortrefflichen Hafen an, welcher auf dem beygefügten Kupffer-Stiche mit A bezeichnet ist. Der Ort, wo wir bequemlich aussteigen konten, ist mit B. bemerckt, und hieselbst baueten wir sämtlichen an der Zahl 36. Personen, in der Geschwindigkeit 6. geraumliche Lauber-Hütten von abgehauenen Baum-Aesten auf, vergassen auch nicht, aus denen 3. mitgenommenen kleinen Canonen, eine dreymahlige Salve zu geben, um unsern Freunden in Groß-Felsenburg kund zu thun: daß wir glücklich angelandet wären, worauf uns dieselben gleichfalls dreymahlige Antwort gaben.
Diesen ersten halben Tag brachten wir also mit Untersuchung der Nordlichen Gegend zu, durchstreifften dieselbe, so weit uns die ziemlich angelauffenen Wasser-Flüsse das Gehen erlaubten, nemlich wie auf dem Kupffer-Stiche zu sehen, von B. zu C.D.E.F. und kamen mit einbrechender Nacht sehr ermüdet zurück an den Ort B, allwo unsere Hütten aufgebauet waren. Wir hatten, ausser unzähligen fruchtbaren Bäumen vortrefflicher[452] Gräserey, süssen Wasser-Bächen und der mit D. bezeichneten saltzigen See, worinnen sich eine grosse Menge Fische aufhielt, nichts sonder- und wunderbares angemerckt, als einen unvergleichlich fetten Erdboden, der ungemein geschickt wäre seinen Art-Leuten die angewandte Mühe und Bestellungs-Kosten zu ersetzen, ingleichen eben die Arten von Wildprät, Ziegen und Vögeln, wie sich dieselben auf der Insul Groß-Felsenburg befanden, jedoch wir stelleten keinen nach, indem wir Proviant zur Gnüge bey uns führeten, auch zum Zugemüse noch allerhand frische Früchte, Kräuter und Wurtzeln erblickten. Kurtz zu melden, dieses Land hatte mit dem Groß-Felsenburgischen fast einerley Art, nur daß allhier die blosse Natur, dorten aber zugleich die menschlichen Künste und Wissenschafften mit würckten. Folgendes Tages fuhren wir mit zwey kleinen Booten in die durch den Meer-Busen abgesonderte Westliche Gegend G. wanderten hinunter biß an die Nord-Spitze, von dar mehrentheils am Gestade, zurück biß an das Gebürge H. allwo wir die Mittags-Stunden über ausruheten, etwas von unsern mitgenommenen Speisen zur Erquickung nahmen, hernach das Gebürge umgiengen, die Sud-Ecke I. betrachteten, abermahls einen grossen Meer-Busen K. und weiter hin die grosse See L. antraffen, und endlich zurück an den Ort kamen, wo der in die kleine See lauffende Fluß die kleine Insul C. macht. Allhier überfiel uns die Nacht, weßwegen wir uns bey einem angemachten Feuer niederlagerten, und in guter Ruhe biß zu Aufgang[453] der Sonne schlieffen. Wir hatten also nur noch das Oestliche Theil der Insul zu betrachten, vor uns, weil aber der Strohm, der sich aus der grossen in die kleine See ergoß, gestriges Tages allzu breit und tieff befunden worden, solte, um alle Gefahr zu vermeiden, der Rückweg zu den Booten angetreten werden; Allein der Tuchmacher Lorenz Wetterlingund der Bötticher Melchior Garbe, hiessen uns ohne alle Sorge auf der Stätte warten, und sie nur machen zu lassen, indem sie durch den Strohm schwimmen, und ehe 2. Stunden verlieffen, mit den Booten bey uns seyn wolten. Es wolte zwar keiner von uns darein willigen, sondern viel lieber den Rückweg in Compagnie antreten, allein sie liessen sich nicht wehren, schwummen auch bey der kleinen Insul um die Gegend a. glücklich durchhin, und kamen noch, ehe wir uns dessen versahen, in einem Boote den Fluß herunter gefahren, schleppten auch das andere angebundene Boot hinter sich her, nahmen uns ein, so daß wir die kleine See durch passiren, und in der Gegend M. aussteigen konten. Nachdem die Boote befestiget, besahen wir erstlich die grosse See von dieser Seite, kosteten deren Wasser, und befanden dasselbe, ohngeacht verschiedene süsse Bäche hinein flossen, gantz grausam saltzig, weßwegen Mons. Litzberg par curiositeè ein Feuer anmachte, eine kupfferne Schaale mit diesem See-Wasser angefüllet, darauf setzte, selbiges verrauchen ließ, und gar bald das vortrefflichste Saltz abschäumete. Nach diesen, schlugen wir uns lincker Hand, nach dem grossen Gebürge N. zu, umgiengen und bestiegen dasselbe,[454] fanden zwar Merckmahle, daß selbiges Ertz oberhalb aber keine Weinstöcke, wie das Unserige in Groß-Felsenburg trüge. Hierauf vertheileten wir uns öffters in 2, öffters auch in 3. Partheyen, durchstreifften den Wald und die steilen Klippen am Ufer gegen Osten zu, fanden aber nichts besonderes als eine ungemeine hohe Felsen-Spitze, welche entsetzlich hoch in die Höhe lieff, und kaum auf die Helffte zu erklettern war. Mons. Litzberg, Lademann, Plager und ich waren dennoch so curieux so weit hinauf zu steigen, als ohne allergröste Gefahr möglich war, unsere Mühe aber war nicht gäntzlich vergebens, denn wir entdeckten durch ein mitgenommenes 8. Fuß langes Perspectiv, gegen den Süder-Pol zu, ein groß Stücke Land, welches nach Mons. Litzbergs Meynung ohngefehr 40. biß 50. Meilen von uns entfernet, und dem Augenmasse nach wenigstens etliche 30. oder mehr Meile in der Breite halten müsse, die Länge aber, von uns gegen Süden zu, war nicht anzumercken. Alle unsere Gefährten, die etwas von der Geographie verstunden, glaubten fest, daß dieses ein den Europäern noch gantz unbekandtes Land seyn müsse, weil man auf keiner eintzigen Land- oder See-Carte um diese Gegend etwas angemerckt befunden. Wäre es nach unsern Köpffen, und nicht wieder des Alt-Vaters expressen Befehl gegangen, so hätten wir gleich folgenden Tages unsere Seegel dahin gerichtet, so aber muste es unterbleiben. Immittelst kamen wir auf dem Platze P. alle 36. Mann ohnbeschädigt wieder zusammen,[455] kochten ein Gerichte Fische, welche etliche der Unsen aus den Bächen gefangen hatten, hielten noch ein und anderes Gespräch über das neu-erblickte Land, und schlieffen mit einbrechender Nacht bey dem Feuer ohn alle Sorgen ein.
Am vierdten Tage unseres Daseyns wurde endlich der übrige Theil der Oestl. Gegend vollends ausgekundschafft, da aber weiter nichts sonderliches merckwürdiges zu betrachten vorkam, machten wir beyzeiten Feyerabend, schossen jedoch ein kleines Wild, um das auf dieser Insul erzeugte Wildprät theils gekocht, theils gebraten zu versuchen, befanden aber gegen unser Groß-Felsenburgisches nicht den geringsten Unterschied. Nächstfolgenden fünfften Tages setzen wir uns bey der kleinen See in aller Frühe wieder in unsere Boote, ruderten den Strohm hinauf, wendeten uns aber über der kleinen Insul um, und kamen gegen Mittag auf der mit B. bezeichneten Städte an, allwo unser Schiff vor Ancker liegend, und die aufgebaueten Lauber-Hütten annoch unversehrt angetroffen wurden. Es gefiel uns allen noch eine Nacht in diesen, noch ziemlich frischen Laub-Hütten zu schlaffen, derowegen wendeten wir den übrigen Theil des Tages darzu an, eine grosse Menge derer besten Früchte, Kräuter und Wurtzeln aufs Schiff zu schaffen, um solches unsern Freunden zum Schertz als etwas seltsames mitzubringen. Lademann, Herrlich und andere mehr machten sich indessen ebenfalls uñöthige Mühe, indem sie verschiedene gerade Bäume und Stangen umhieben, und dieselbe zum mitnehmen mit gröster Mühe aufs Schiff schafften. Mons. Litzberg[456] nahm zur Curiositeé sein gesottenes Saltz, Plager aber eine grosse Menge Ertzhaltige Steine aus dem Gebürge mit, als woran er sich nebst etlichen andern fast halb kranck getragen hatte, wir lachten ihn dieserwegen ziemlich aus, allein er lachte wieder und sagte: Meine lieben Herren, es wird schon die Zeit kommen, daß ihr oder eure Kinder Glocken, Brau-Pfannen, Kessel und anderes Kupffer und Meßing-Geschirr verlangen werdet, ists nun nicht gut, wenn man weiß, wo das darzu benöthigte Ertz zu suchen ist? Solchergestalt musten wir ihm in Wahrheit recht geben.
Nachdem aber alles seine Richtigkeit, auch Mons. Litzberg den ohngefähren Abriß von dieser kleinen Insul, welche er auf dem Gebürge völlig übersehen können, verfertiget hatte, kehreten wir Sonnabends den 3ten Maji wiederum zurück aufs Schiff und bald Nachmittags zu der Insul Groß-Felsenburg, allwo uns unsere Freunde, erstlich, nachdem wir sie mit 3. Salven gegrüsset, gleichfalls mit etlichen Stück-Schüssen, bey glücklicher Anländung aber dergestalt hertzlich bewillkommeten, als ob wir 10. Jahr aussen gewesen wären, und die halbe Welt umseegelt hätten. Ein jeder, der sich herbey nahete, wurde mit ausländ. sogenandten Früchten beschenckt, welches ein hertzliches Gelächter, sonderlich bey dem Alt-Vater erweckte, denn er bekam den besten Theil, über dieses statteten wir ihm einen richtigen Rapport von unserer Untersuchung der kleinen Insul ab. Da aber Mons. Litzberg auf das erblickte unbekandte Land kam, und zu vernehmen gab; wie er sehr grosse Lust hätte[457] selbiges genauer zu betrachten, sprach der Alt-Vater: Mein Sohn! dieses Land haben ich und der alte Amias schon vor vielen Jahren, nur aber zu gewissen Zeiten, wenn das Wetter nicht allzu klar und auch nicht gantz trübe gewesen, ohne Perspectiv gesehen. Ich glaube selbst, daß es eines von den gegen den Süder-Pol gelegenen unbekandten Ländern auch vielleicht unbewohnt und dennoch fruchtbar, aber auch wol nur ein blosser Schatten oder Blendwerck der Augen seyn kan. Allein, gesetzt auch, daß es ein würckliches gutes Land wäre, was nützet uns, sonderlich anitzo, dergleichen Untersuchung, genung wenn wir unsern Nachkommen hiervon einige Nachricht hinterlassen. Es wird, wie ich glaube, noch eine ziemliche Zeit hingehen, ehe sich meine Geschlechter dergestalt vermehren, daß sie auf Groß- und Klein-Felsenburg nicht mehr Platz und Nahrung haben können, als denn ist es erstlich Zeit, daß sie sich nach andern Insuln oder festen Ländern umsehen. Bey jetzigen Umständen aber und ferner in einem Seculo oder noch länger, wäre es mit unter die eiteln Lüste zu rechnen, wenn sich jemand grosse Mühe dieserhalb geben wolte. Denn was solte wohl an solchen Orten zu suchen seyn, welches wir nicht in grossen Uberfluß besässen, oder wenigstens entrathen könten. Demnach schämeten wir uns wegen des neuentdeckten Landes sämtlich dermassen, daß hinführo in Gegenwart des Alt-Vaters, ferner kein eintziger ein Wort davon erwehnen wolte, zumahlen da uns itzo Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang ziemlich damit aufzogen.[458]
Immittelst war doch nunmehro auch diese Neugierigkeit und Lust gebüsset worden, bald hernach rückte die etwas rauhere Herbst- und Winters-Zeit heran, welche aber unser Vergnügen keinesweges stöhrete, denn nunmehro war ein jeder, sonderlich zur Regen-Zeit desto fleißiger seine Hauß-Arbeit, die unter dem Dache verrichtet werden konte, vorzunehmen.
Monsieur Litzberg, Lademann, Plager und Herrlich brachten bey dieser Zeit zwey vollkommen gute Clavicordia zuwege, und schenckten eins darvon auf die Albertus-Burg, damit zuweilen Herr Mag. Schmeltzer oder ich, uns darauf üben und dem Alt-Vater die lange Weile vertreiben konten. Die Drat-Seyten hatte Mons. Plager hierzu gezogen, und guten Theils übersponnen, als warum Lademann anfänglich die meiste Sorge getragen. Ausser diesen wurden auch bald 2. Violinen und eine Baß-Geige fertig, welche zwar nicht alle Europäische Zierrathen, jedoch einen sehr guten Klang hatten. Demnach befanden wir uns im Stande eine vollstimmige Music zu machen, wenn nehmlich Mons. Litzberg die Laute, Kramer und Herckert die Violinen, Lademann den Violon, ich aber das Clavier spielete, und weil Mons. Litzberg, sonderlich aber Herr Mag. Schmeltzer etwas von der Composition verstunden, so wurde gar bald Anstalt zu einer Kirchen-Music gemacht, und selbige auch nicht selten zu allerseitigen Vergnügen abgelegt. Unter unserer studirenden Jugend fanden sich gar geschwind tüchtige Subjecta, so wol zur Vocal- als Instrumental-Music, und weil Lademann nebst seinen Lehrlingen nach[459] und nach immer mehr dergleichen Instrumente verfertigten, war kein Zweiffel binnen weniger Zeit ein vollkommenes Chor zu bestellen.
Endlich ließ sich der künstliche Lademann gar in den Sinn kommen, eine Orgel in die Kirche zu bauen, indem er sich derer, in der Nonnen-Kirche erlernten Wissenschafften, annoch sehr wohl erinnerte, und da ihm vollends Herr Mag. Schmeltzer in vielen Stücken und sonderbaren Vortheilen Rath zu geben, auch würckliche Hülffe zu leisten versprach, ließ er alle andere nicht so gar nöthige Arbeit liegen, und fieng mitten im Winter an das Holtz zum Gehäuse zuzurichten. Die Pfeiffen solten erstlich von ordinairen Orgel-Bauer-Metall gemacht werden, nachdem aber weiter von der Sache gesprochen worden, ließ der Alt-Vater durch mich, aus seiner Schatz-Kammer, verschiene Silber-Klumpen hervor langen, da sich denn Mons. Plager so gleich verobligirte: mit Morgenthals und ihrer beyder Lehrlinge Hülffe, die Platten zu den Pfeiffen behörig auszuarbeiten, und nach Lademanns Anweisung zusammen zu löthen. Jedoch weil dieses vortreffliche Werck im 1728. Jahre noch nicht einmal zur Helffte gebracht war, und ich Eberhard Julius darüber nach Europa gereiset bin, kan ich dessen Zustand der Gebühr nach voritzo nicht beschreiben, hoffe aber selbiges, bey meiner Zurückkunfft meistens fertig, zu finden, da ich denn nicht ermangeln werde, meinem Europäischen Herrn Correspondenten, durch den Capitain Horn auch deßfalls sichern Bericht abzustatten.
Hergegen hatte Mons. Plager zu Ausgange des Monaths Julii 1727. seine vor einiger Zeit angefangene[460] grosse Uhr vollkommen zur Richtigkeit gebracht, auch bereits zwey Schaalen oder Glocken darzu gegossen, worvon die Vierthel-Seiger-Glocke 55, die vollschlagende aber 112. Pf. wog, Es war unter seiner zugerichteten Glocken-Speise mehr als die Helffte Silber, woher dann ein vortrefflich rein und heller Klang entstund. Demnach wurde die Uhr in den ersten Tagen des August-Monaths oben auf die Albertus-Burg gestellet, und konte solchergestalt fast von den meisten Einwohnern gehöret werden, welches eine unaussprechliche Freude unter dem gantzen Volcke verursachte.
Von allen unsern Europäern war nunmehro um diese Zeit kein eintziger mehr übrig, der seine besondere Profession nicht behörig hätte treiben können: als Kleemann der Pappier-Müller, und Wetterling der Tuchmacher, dem letztern zu Gefallen brach Lademann von seinem höchst-fleißigen Orgelbauen einige Tage ab, und verfertigte ihm in kurtzer Zeit 2. tüchtige Tuchmacher-Stühle, vor das übrige war der Meister Tuchmacher selbst besorgt, brachte es auch in wenig Wochen dahin, so viel Baumwollen-Garn aufzuziehen, darvon er zur ersten Probe wenigstens 80. Ellen Zeug oder Tuch, wovor man es halten wolte, darlegen konte. Spinnerinnen fanden sich zur Gnüge an, wie denn auch zwey tüchtige Lehr-Pursche, dero wegen wünschte Wetterling, daß sich nur unsere Schaaffe täglich vermehren möchten, um sattsame Wolle zu rechtschaffenen Tüchern zu bekommen, auch war der Drechsler so behülfflich, ihm etliche Woll-Räder zu machen, worauf er die Weibs-Personen[461] spinnen lehrete, und also war der Wunsch dieses fleißigen Arbeiters zum wenigsten auf die Helffte erfüllet, indem er mittler weile entweder lauter Baumwollen, oder zur Helffte leinen Garn würcken konte.
Uber den Pappiermüller Kleemann erbarmete sich unser ehrlicher Müller Krätzer, und machte den Anfang, ihm eine Pappier-Mühle bauen zu helffen, welche der gute Kleemann zwar bey seiner Wohnung selbst errichten, aber nicht zum Stande bringen können. Jedoch weil es noch zur Zeit ohnedem an gnugsamen Materialien zur Pappiermacherey fehlete, gieng es nicht eben allzu hurtig mit dem Mühlen-Baue zu allein er hat dennoch endlich im Mittel des 1728ten Jahres seine erste Probe so wol mit sehr feinen weissen, als auch andern schlechten Sorten von Pappier abgelegt, welches uns allen zu sonderbaren Vergnügen gereichte, zumahlen da auch er seine Profession auf die Insulaner fortzupflantzen bereit war, und dieserwegen gleich anfänglich 3. junge Pursche auf ein mahl in die Lehre nahm.
Also stunde es nun um damahlige Zeit mit unsern Künstlern und Handwercks-Leuten, denn indem die selben ihren Fleiß den sämmtlichen Gemeinden zum besten anwendeten, so waren im Gegentheil nicht allein ihre Weiber besorgt, die Haußhaltungs- und Nahrungs-Mittel anzuschaffen, sondern es wurde einem jeden an Geträyde und Victualien durch ihre Nachbarn und Freunde dermassen viel zugetragen, daß sie in allen Dingen beständigen Uberfluß hatten.
Herr Mag. Schmeltzer, Monsieur Litzberg,[462] Herr Wolffang und ich waren immittelst täglich bemühet, unsere angenommenen Schüler auf solche Art wie schon oben erwehnet, zu informiren, und weilen nunmehro seit kurtzem auch das Studium musicum darzu gekommen war, brachten wir sämtlich sehr wenig Stunden müssig zu, der Alt-Vater hatte sein innigliches Vergnügen, die Jugend also fleißig zu sehen, besuchte derowegen sehr öffters die Schul-Stuben, ausser dem aber vertrieb er seine Zeit mit Lesung geistlicher Bücher, ingleichen seine Chronicke ordentlich fort zu schreiben, weil ihm biß dato die Augen noch sehr klar und helle waren.
Solchergestalt befand sich das Kirchen-Schul- und Hauß-Wesen eins so wol als das andere in vollkommen guten Stande, Kummer, Sorge und andere Verdrüßlichkeiten aber, waren uns gäntzlich unbewust. Nur allein befand sich in meiner Seele sehr öffters eine grosse Betrübnis, wenn ich an meine zurückgelassene Schwester, vornehmlich aber an meinen lieben Vater Franz Martin Julium gedachte, als von welchem ich nicht wuste ob er unter die Todten oder Lebendigen zu zählen sey. Demnach wartete ich in Wahrheit mit einiger Ungedult auf die Zurückkunfft des Capitains Horns, und beschloß gäntzlich, daß wo derselbe aufs längste vor Ablauff des 1728ten Jahres nicht käme, ich sodann dem Alt-Vater keine Ruhe lassen wolte, bis er mich mit benöthigter Fracht an Gold, Perlen und Edlen-Steinen auf die Insul St. Helenæ schiffen liesse, von wannen ich dann schon weiter zu kommen trauete, um zu erfahren, ob sich mein lieber Vater bey unsern guten Freunden nicht etwa[463] gemeldet hätte; oder da ich ja nicht so glücklich seyn solte, von ihm sichere Nachricht einzuziehen; so war doch mein ernstlicher Vorsatz durch Bezahlung seiner Schulden ihn von aller üblen Nachrede zu befreyen, nächst dem bey ein oder andern guten Freunde ihm einen schrifftlichen Bericht von meinem erlangten Glücke und dem Orte meines Aufenthalts zu hinterlassen, nächst diesen allen Fleiß anzulegen, meine Schwester zur Reise-Gefährtin auf die Insul Felsenburg zu bereden, jedoch daferne sich dieselbe annoch in ihrem ledigen Stande befände, widrigenfalls ich ihr nicht das geringste von meinem Schicksaal zu eröffnen, sondern sie nur mit einem kostbaren Geschencke abzu, fertigen beschloß. Dieses waren also meine eintzigen Grillen, welche durch Gedult zu unterdrücken, ich genugsame Mühe anwenden muste, jedoch die täglich sehr vielfältig abwechslenden Geschäffte musten die besten Sorgen-Vertreiber seyn, und außer diesen konten die musicalischen Instrumenta, sonderlich aber mein Vogel mir manches Vergnügen erwecken. Denn dieses artige Thier hatte sich sehr viel vergnügende Redens-Arten, auch andere lustige Streiche angewöhnen lassen, und guten Theils selbst aufgefangen, welche es zuweilen von ohngefehr zu gröster Verwunderung und Gelächter aller Anwesenden sehr artig anzubringen wuste. Ich hätte meiner liebsten Cordula ungemein gern ein Præsent mit diesen schönen Vogel gemacht, weil aber der Alt-Vater sich selbst fast täglich mit ihm bespracht, und allerhand Schertz trieb, wolte ich demselben in seinem hohen Alter dieses Vergnügens nicht berauben.[464]
Jedoch des Alt-Vaters Vergnügen zeigte sich desto völliger, da mit Ausgange des Monats Aúgusti, bey denen am 23. p. Trin: voriges Jahrs copulirten, Europæischen und Felsenburgl. Eheleuten, der erfreuliche Ehe-Seegen immer nach und nach zum Vorscheine zu kommen begunte. Denn es war recht zu bewundern, wie auf der Alberts-Burg immer eine erfreuliche Zeitung nach der andern, von der glücklichen Niederkunfft einer oder der andern Wöchnerin, einlieff. Unter denen letzt angekommenen Europäern traff das Glück am ersten Mons. Kramern, der am 28. Aug. eine junge Tochter bekam. Hierauff erhielt am 29. dito früh, Herrlich eine Tochter, und gegen Abend Morgenthal einen Sohn. Den 30ten Mons. Plager und Schreiner jeder eine Tochter. Den 1. Sept Herr Mag. Schmeltzer einen Sohn, und der Müller Krätzer, eine Tochter. Den 3ten Sept. Mons. Litzberg einen Sohn, den 4ten Sept. Melchior Garbe eine Tochter. Den 6. Sept. Lademann einen Sohn, und Wetterling eine Tochter. Den 8. Sept. Kleemann eine Tochter, und den 9ten dito Mons. Harckert einen Sohn. Die Liebes-Pfänder der eingebohrnen Ehe-Leute aber, halte voritzo zu specificiren nicht rathsam, sondern will selbige biß zur Jahr-Rechnung auffbehalten. Immittelst hatte Herr Mag. Schmeltzer bey dieser Zeit fast tägliche Ammts-Geschäffte, indem er die neugebohrnen Kinder zu tauffen, immer von einem Orte zum andern reisen muste, dieweil nicht rathsam schien: die allzuweit entlegenen in die Kirche zur Tauffe zu bringen. Jedoch Kramers, Litzbergs, Krätzers[465] und Herr Mag. Schmeltzers Kinder, empfiengen wegen der nächstgelegenheit, die Heil. Tauffe in der Kirche, meine Cordula aber hatte nebst dem Altvater und Herrn Mag. Schmeltzers Schwieger-Vater die Ehre, von diesem unsern werthen Seel-Sorger mit zur Tauff-Zeugin seines jungen Söhnleins erwehlet zu werden, welches die Nahmen Albertus Georgius empfieng.
Nachdem aber die Sechswöchnerinnen allerseits einen frölichen Kirch-Gang gehalten, wurde bald hier bald dort von den erfreuten Kind-Tauffen Vätern eine kleine Collation angestellet, worzu ein jeder vornehmlich den Altvater und Herr Mag. Schmeltzern, nächst diesen aber seine Nachbarn, und dann die letzt angekommenen Europäer zu bitten pflegte. Demnach hatten wir auch in diesem Früh-Jahre vielerley vergnügende Veränderungen. Unter andern war mein Gevatter Peter Morgenthal beschäfftiget gewesen, seine erbethenen Gäste bestens zu bewirthen, denn derselbe hatte ohngeacht seines täglichen Fleisses in der Werckstadt, dennoch immer so viel Zeit abgebrochen: seine Hauß-Wirthschafft im Acker-Garten-Bau und Vieh-Zucht aufs ordentlichste einzurichten, er war auch der erste gewesen, der sich von Herrn Kramern allerley Sorten, der aus Europa mitgebrachten Thiere ausgebethen, die sich denn allbereits in seinem Revier nicht wenig vermehret hatten. Jedoch ich besinne mich, daß um diese Zeit, schon alle Arten von Viehe unter die 9. Gemeinden vertheilet waren, biß auf das Rind-Vieh, und Pferde, welche letzern Mons. Wolffgang, Litzberg und Kramer um besserer[466] Zucht willen, annoch in Alberts- und Christians-Raum vertheilt hielten. Zur Zeit war noch kein Pferd, weder zum reiten, fahren, vielweniger zum pflügen gebraucht worden: allein eben bey dieser Collation, beredete sich Morgenthal mit Mons. Litzbergen, Lademannen und andern geschickten Holtz-Arbeitern, ehestens etliche Pflüge zu verfertigen, welche von Pferden und Ochsen, auch wohl vielleicht von zahm gemachten Hirschen gezogen werden könten, hiernächst den Insulanern das Pflügen und Aegen zu lehren, damit ihnen in Zukunfft, bey stärckerer Vermehrung der Menschen und Thiere, der Feld-Bau erleichtert werden möchte. Der Altvater hörete diese Invention, als eine Sache, worvon er mit Herr Wolffgangen schon zum öfftern gesprochen, mit grösten Vergnügen an, lobete derowegen den guten Vorsatz. Nach fernern ernsthafften Gesprächen aber, bezeugte derselbe ein besonderes Verlangen, auch dieses unseres guten Wirths,
Buchempfehlung
Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.
68 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.
396 Seiten, 19.80 Euro