An Cäcilie

[204] Du nennst ein Räthsel, nennest verschlossen mich,

Der Alles jüngst, was in der geheimsten Brust

Ihm blühte, was im tiefsten Herzen

Heilig sich spiegelte, dir gestanden?


Du weißt es Alles, was ich dir sagen kann;

In jedem Blick, in jedem gedämpften Laut,

Im stummen Gram und in des Frohsinns

Sonnigem Lächeln enthüllt mein Herz dir;


Daß du allein ihm Leben und Liebe bist,

Daß zart und innig jedes Gefühl in mir

Dein Eigenthum ist, daß dein Blick nur

Kraft in die Brust mir und Milde senkte.


So weht belebend um das entkeimte Grün

Mit duft'gem Flug des seligen Lenzes Hauch,

So gaukelt freundlich in der Quelle

Rieselndem Silber der Rose Bildniß.


Und ach, doch kann dein heiliger, zarter Sinn

Worin die fremde Thräne so leicht den Thau

Des weichen Mitleids weckt, doch kannst du

So mich mit bitterem Argwohn kränken?
[205]

Ach, still und kindlich trug ich die sel'ge Lust

Im keuschen Herzen, betete nur zu dir,

Und dir nur dankt' ich, wenn die Schönheit,

Wenn mich ein großes Gefühl emporhob.


Mit heil'gem Schweigen ehrt' ich das Göttliche,

Das mir genaht war, wähnte das süße Glück,

Den Traum des Himmels zu verscheuchen,

Wenn ich mit irdischem Laut ihn grüßte!


Der Sitz, wo du einst ruhtest, der Wiese Pfad,

Den du gewandelt, war mir ein Heiligthum;

Nie wagt' ich deines Schleiers Saum nur

Leise mit bebender Hand zu fassen.


Wer ist's, der mächtig aus der Ermattung Schlaf

Mein Herz emporrief, welcher mich selbst mir gab,

Daß kühn ich in den hohen Kreis der

Edleren treten und stolz gestehn darf:


Nehmt, ich verdien' es, nehmet den Euern auf,

Der euch zur Seite kämpfen und siegen will,

Der Haß dem Unrecht, der dem Schönen

Liebe, der Treue dem Recht geschworen!


Ach, was beginnst du? Willst du dein eignes Werk,

Das Werk zerstören, welches ein lichter Strahl

In jenem goldnen Kranze seyn wird,

Welcher im Himmel dich einst umleuchtet?
[206]

Vertraue dem, was tief in die Seele mir

Du selbst geprägt hast, glaub' an die eigne Macht!

Ach, wenn du zweifelst, muß ich dann nicht

Selbst an dem eigenen Herzen zweifeln?


Zürnst du vielleicht, daß ewiger Frohsinn mir

Die Stirn bekränze, daß ich mit kälterm Sinn

Nur in des Glückes lichtem Schimmer

Wandelte, nie der Empfindung Thräne,


Des tiefern Herzens lindernden Thau geweint,

Die zarte Thräne, welche den düstern Gram

Zum Engel umschafft, der in Wehmuth

Göttlicher wird und des Himmels werther?


Ach, oft verkündet Lächeln den stummen Gram,

In heitern Schein hüllt oft sich ein blutend Herz,

Und in der goldbesäumten Wolke

Lauschte verderblich ein schwarzer Sturm oft.


Gleich Aeolsharfen regen, vom geist'gen Hauch

Geküßt, der Rührung leisere Saiten sich;

Nicht mag mit Worten ich's entweihen,

Was mir die göttliche Stimme kündet.


Der Spott nur fühlt sich heimisch im leeren Traum

Der dunklen Erde: aber verlassen schließt

Empfindung sich ins tiefre Herz und

Blickt zu den Sternen und schweigt und lächelt.
[207]

So birgt der Kelch der nächtlichen Blume sich

Der Gluth des Tages, nur in der Dämmerung

Entfaltet scheinlos sie den Kelch: doch

Woget in reinerem Duft die Nacht rings.


Keusch sey des Herzens heiliges Zartgefühl

Und gebe nie dem Hohne der Welt sich hin;

Nur blenden kann des höhern Lichtes

Flamme den Thoren, doch nicht ihm leuchten.


O gieb ein Blümchen, wenn du nicht reden darfst,

Gieb deines Lächelns flüchtigsten Sonnenstrahl,

Den stillsten Blick mir nur zum Pfande,

Daß du mein Inneres ganz errathen.

Quelle:
Ernst Schulze: Sämmtliche poetische Schriften, Band 4, Leipzig 1819–1820, S. 204-208.
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