Das Eßlinger Mädchen

[253] Melac, der Franzen General

Mit seinen wütigen Scharen

Gezogen kam durch's Neckarthal,

Gen Eßlingen gefahren.[253]

Und auf der Burg da sitzt er schon,

Man hört ihn lachend sprechen,

Wie er die Stadt zum Trotz und Hohn

Am andern Tag will brechen.


Er tritt zu äußerst auf den Wall

Am Pulverdampf sich labend,

Der wolkig zieht, mit seinem Schwall

Die ganze Stadt begrabend.

Doch wie den Qualm zertheilt der Wind,

Sieht er ein Häuslein stehen,

Daraus ein schönes Bürgerkind

In halbem Nebel gehen.


Er ist in welscher Glut entbrannt:

»Das Mägdlein will ich haben!

Es giebt in diesem Schwabenland

So viele schöne Gaben;

Mir will der Wein in diesem Thal

Schier wie der heim'sche munden,

Darum verlangt mein Herz zumal

Nach heim'schen Schäferstunden!«


Noch an demselben Abend steht

Ein Herold vor den Thoren,

Und an die Stadt sein Ruf ergeht:

Will sie nicht sein verloren,

Soll sie alsbald die schöne Magd

Dem argen Dränger senden,

Sonst raucht die Stadt, sobald es tagt,

Von tausend Feuerbränden.


Der frommen Bürger Antwort hat

In gutem Deutsch geklungen:

»Von einer freien Reichesstadt

Wird solches nicht bedungen;

Wir gehen freudig in den Fall,

Wenn keine Seel' verdorben,

Und sterben unsre Töchter all,

So sind sie keusch gestorben!«
[254]

Der andre Morgen dämmert still,

Die Glocken alle schallen,

Die Stadt als Eine Seele will

Gen Himmel betend wallen.

Da schmückt sich bei der Glocke Klang

Die Jungfrau auserkoren,

Zur Kirche wallt des Volkes Drang

Sie wandelt nach den Thoren.


Auf geht die Pforte kaum berührt,

War's durch die Hand der Wächter?

War's Gottes Arm, der helfend führt

Die reinste seiner Töchter?

Durch Freund' und Feinde frei sie geht,

Die Magd mit stillem Tritte,

Hinauf bis wo die Fahne weht

Von Melac's Lagerhütte.


Gesprungen war er auf in Wut,

Weil ihn ein Traum betrogen,

Der ihm von heißer Küsse Glut

Betrüglich vorgelogen;

Er wirft sich in die Waffen stolz:

Sie sollen's alle fühlen!

Am dürren und am grünen Holz

Will seine Brunst sich kühlen.


Wie er will schreiten aus dem Saal,

Sieht er die Thüre gehen,

Und mit dem ersten Sonnenstral

Die Jungfrau vor sich stehen;

Mit ihrem Häublein spielt das Licht

Als einem Heil'genscheine,

Aus ihrem blauen Auge bricht

Des deutschen Sinnes Reine.


Nicht Angst, nicht andre Regung zückt

Durch ihre schlanken Glieder,

Die Brust mit frischem Strauß geschmückt

Wallt friedlich unter'm Mieder;[255]

Die Hände fromm gefaltet sind,

Schlicht sind die blonden Locken,

Sie schaut ihm, wie ein fragend Kind,

In's Antlitz unerschrocken.


So deutscher Schönheit klares Licht

Es leuchtet ihm entgegen,

Auf sein geblendet Angesicht

Muß er die Hände legen.

Gehemmt ist ihm das welsche Wort

Aus seiner schnellen Zungen,

Es zieht ihn rückwärts, treibt ihn fort,

Hat ihn auf's Pferd geschwungen.


Hinaus mit seiner Schar in's Thal

Jagt's ihn weit in die Ferne,

Als fürchtet' er den Blitzesstral

Aus ihrem Augensterne. –

Die Glocken sind noch nicht verhallt,

Da wandelt zu den Thoren

Herein die fromme Magdgestalt,

Siegreich und unverloren.

Quelle:
Gustav Schwab: Gedichte. Leipzig [um 1880], S. 253-256.
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