Allgemeines Gebeth

Aus dem Englischen des Herrn Pope


Vater Aller, alle Erdenkreise,

Alle Zeiten ehren dein Geboth;

Hordenwilde, Heilige und Weise

Nennen Zevs dich, Jovah oder Gott.


Großer Urquell, den ich nie ergründe,

Dahin nur beschränkst du meinen Sinn,

Daß ich immer deine Güte finde,

Und nur seh, daß ich ein Blinder bin.


Doch du gabst mir in dem finstern Stande

Das Gefühl, was Gut und Böse sey;

Legtest die Natur in ihre Bande,

Aber ließest meinen Willen frey.[1]


Wo Gewissensregungen mich ziehen,

Oder wo der Warner mir verbeut,

Laß mich dieses mehr als Hölle fliehen,

Jenes suchen mehr als Seligkeit.


Segnet deine Milde mein Verlangen,

Laß mich deinen Segen nicht entweihen;

Menschen zahlen Dir nur durch Empfangen,

Und genießen heißt gehorsam seyn.


Aber nicht in unsre enge Scene

Sey mir deine Vaterhuld begränzt,

Mehr als Herr der armen Erdensöhne,

Da ein Weltenwirbel um uns glänzt.


Nie laß meine schwache Hand es wagen,

Deinen Blitz zu schleudern auf den Feind,

Noch Verdammniß rund umher zu tragen

Jedem, der dein Widersacher scheint.


Wenn ich richtig wandle, Vater, schenke

Mir die Gnade, richtig fort zu gehn;

Wenn ich aber irre, Vater, lenke

Du mein Herz, den bessern Weg zu sehn.[2]


Schütze mich vor Stolz, der Thoren blendet,

Und der Frevler Unzufriedenheit,

Wenn mir dieß nicht deine Weisheit spendet,

Oder dieß mir deine Huld verleiht.


Laß mich meiner Brüder Schmerz empfinden,

Und den Fehler decken neben mir;

Die Erbarmung, die bey mir sie finden,

Die Erbarmung sind' ich dann bey dir.


Niedrig bin ich, doch nicht ganz von Erde,

Da dein Hauch zu leben mir geboth;

Führe du, wohin ich gehen werde,

Heute mich durch Leben oder Tod.


Gib zum Loos mir heute Brot und Frieden;

Jede andre Gabe der Natur

Wird mir, ist es gut, von dir beschieden;

Und dein Wille, Gott, geschehe nur.


Gott, dein Tempel ist der Himmel Sphäre,

Erde, Meer und Luft dein Opferhain!

Jauchzt, was lebt, im Chor zu seiner Ehre,

Und das Weltall müsse Weihrauch streun.

Quelle:
Johann Gottfried Seume: Gedichte. Wien und Prag 31810, S. 1-3,10-11.
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