Dritte Szene

[207] Warkworth. Ein Zimmer in der Burg.


Percy kommt mit einem Brief in der Hand.


PERCY. – »Allein was mich selbst betrifft, ich könnte es wohl zufrieden sein, mich dabei zu finden, in Betracht der Liebe, die ich zu Eurem Hause trage.« Er könnte es zufrieden sein; warum ist er es denn nicht? In Betracht der Liebe, die er zu unserm Hause trägt, – er zeigt dadurch, daß er seine eigne Scheure lieber hat als unser Haus. Laßt mich weiter sehn: »Das Unternehmen, das Ihr vorhabt, ist gefährlich.« – Ja, das ist gewiß: 's ist gefährlich, den Schnupfen zu kriegen, zu schlafen, zu trinken; aber ich sage Euch, Mylord Narr, aus der Nessel Gefahr pflücken wir die Blume Sicherheit. »Das Unternehmen, das Ihr vorhabt, ist gefährlich; die Freunde, die Ihr genannt, ungewiß; die Zeit selbst unpaßlich; und Euer ganzer Anschlag zu leicht für das Gegengewicht eines so großen Widerstandes.« Meint Ihr? meint Ihr? So meine ich wiederum, Ihr seid ein einfältiger feiger Knecht, und Ihr lügt. Welch ein Einfaltspinsel! Bei Gott, unser Anschlag ist so gut, als je einer gemacht ward; unsre Freunde treu und standhaft; ein guter Anschlag, gute Freunde und die beste Erwartung; ein trefflicher Anschlag, sehr gute Freunde! Was ist das für ein frostig gesinnter Bursch? Lobt doch Seine Hochwürden von York unsern Anschlag und die ganze Anordnung des Unternehmens. Blitz! wenn ich jetzt bei dem Schurken wäre, so könnte ich ihm mit seiner Frauen Fächer den Kopf einschlagen. Ist nicht mein Vater, mein Oheim und ich selbst dabei? Lord Edmund Mortimer, der Erzbischof von York und Owen Glendower? Ist nicht endlich der Douglas dabei? Habe ich nicht Briefe von allen, daß sie mich am Neunten des nächsten[207] Monats bewaffnet treffen wollen? Und sind nicht einige von ihnen schon ausgerückt? Was ist das für ein ungläubiger Schurke? Ein Heide! Ha, ihr sollt nun sehen, aus wahrer, aufrichtiger Furcht und Engherzigkeit wird er zum Könige gehn und ihm alle unsre Anstalten vorlegen. Oh, ich könnte mich zerteilen und mir Maulschellen geben, daß ich einen solchen Milchbrei zu einer so ehrenvollen Unternehmung habe bewegen wollen. Zum Henker mit ihm! Er mag's dem Könige sagen: wir sind gerüstet. Ich will noch diese Nach aufbrechen.


Lady Percy tritt auf.


Nun, Käthchen? Ich muß Euch in zwei Stunden verlassen.

LADY PERCY.

O mein Gemahl, was seid Ihr so allein?

Für welchen Fehl war ich seit vierzehn Tagen

Ein Weib, verbannt aus meines Heinrichs Bett?

Sag, süßer Gatte, was beraubt dich so

Der Eßlust, Freude und des goldnen Schlafs?

Was heftest du die Augen auf die Erde

Und fährst so oft, wenn du allein bist, auf?

Warum verlorst du deiner Wangen Frische?

Gabst meine Schätze und mein Recht an dich

Starrseh'ndem Grübeln und verhaßter Schwermut?

Ich habe dich bewacht in leichtem Schlummer

Und dich vom eh'rnen Kriege murmeln hören,

Dein bäumend Roß mit Reiterworten lenken

Und rufen: »Frisch ins Feld!« Dann sprachest du

Von Ausfall und von Rückzug, von Gezelten,

Laufgräben, Pallisaden, Parapetten,

Feldschlangen, Basilisken und Kanonen,

Gefangner Lösung und erschlagnen Kriegern

Und jedem Vorfall einer heißen Schlacht.

Dein Geist in dir ist so im Krieg gewesen

Und hat im Schlafe so dich aufgeregt,

Daß Perlen Schweißes auf der Stirn dir standen,

Wie Blasen in dem erst getrübten Strom:

Und im Gesicht erschien gewalt'ge Regung,

Wie wenn ein Mensch den Odem an sich hält

In großer, schneller Eil'. Oh, was sind dies für Zeichen?[208]

Ein schwer Geschäft hat mein Gemahl in Händen,

Und wissen muß ich's, wenn er noch mich liebt.

PERCY.

Heda! Ist Wilhelm fort mit dem Paket?


Ein Bedienter kommt.


BEDIENTER.

Ja, gnäd'ger Herr, vor einer Stunde.

PERCY.

Ist Butler mit den Pferden da vom Sheriff?

BEDIENTER.

Ein Pferd, Herr, hat er eben jetzt gebracht.

PERCY.

Was für ein Pferd? Ein Rapp', ein Stutzohr, nicht?

BEDIENTER.

Ja, gnäd'ger Herr.

PERCY.

Der Rappe rafft mich weg.

Gut, ich besteig' ihn gleich. – O Espérance! –

Laßt Butler in den Park hinaus ihn führen?

LADY PERCY.

So hört doch, mein Gemahl!

PERCY.

Was sagst du, meine Gemahlin?

LADY PERCY.

Was reißt dich so von mir hinweg?

PERCY.

Ei, mein Pferd,

Mein Kind, mein Pferd!

LADY PERCY.

O du tollköpf'ger Affe!

Ein Wiesel hat so viele Grillen nicht,

Als die dich plagen. Traun,

Ich will's erfahren, Heinrich, ja durchaus.

Ich fürchte, daß mein Bruder Mortimer

Sein Recht betreibt und hat zu Euch gesandt

Um Vorschub für sein Werk; doch, gehet Ihr –

PERCY.

So weit zu Fuß, so werd' ich müde, Kind.

LADY PERCY.

Komm, komm, du Papagei! Antworte mir

Geradezu auf das, was ich dich frage:

Ich breche dir den kleinen Finger, Heinrich,

Wenn du mir nicht die ganze Wahrheit sagst.

PERCY.

Fort, fort,

Du Tändlerin! – Lieben? – Ich lieb' dich nicht.

Ich frage nicht nach dir. Ist dies 'ne Welt

Zum Puppenspielen und mit Lippen fechten?

Nein, jetzo muß es blut'ge Nasen geben,

Zerbrochne Kronen, die wir doch im Handel

Für voll anbringen. – Alle Welt, mein Pferd! –

Was sagst du, Käthchen? Wolltest du mir was?[209]

LADY PERCY.

Ihr liebt mich nicht? Ihr liebt mich wirklich nicht?

Gut, laßt es nur; denn, weil Ihr mich nicht liebt,

Lieb' ich mich selbst nicht mehr. Ihr liebt mich nicht?

Nein, sagt mir, ob das Scherz ist oder Ernst?

PERCY.

Komm, willst mich reiten sehn?

Wenn ich zu Pferde bin, so will ich schwören,

Ich liebe dich unendlich. Doch höre, Käthchen:

Du mußt mich ferner nicht mit Fragen quälen,

Wohin ich geh', noch raten, was es soll.

Wohin ich muß, muß ich: und kurz zu sein,

Heut abend muß ich von dir, liebes Käthchen.

Ich kenne dich als weise, doch nicht weiser.

Als Heinrich Percys Eh'frau; standhaft bist du,

Jedoch ein Weib, und an Verschwiegenheit

Ist keine besser: denn ich glaube sicher,

Du wirst nicht sagen, was du selbst nicht weißt,

Und so weit, liebes Käthchen, trau' ich dir.

LADY PERCY.

Wie? So weit?

PERCY.

Nicht einen Zollbreit weiter. Doch höre, Käthchen:

Wohin ich gehe, dahin sollst du auch;

Ich reise heute, du sollst morgen reisen.

Bist du zufrieden nun?

LADY PERCY.

Ich muß ja wohl.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 207-210.
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