Vierte Szene

[777] Ebne bei Tewksbury.


Ein Marsch. Königin Margareta, Prinz Eduard, Somerset, Oxford und Soldaten.


MARGARETA.

Ihr Lords, kein Weiser jammert um Verlust,

Er sucht mit freud'gem Mut ihn zu ersetzen.

Ist schon der Mast nun über Bord gestürzt,

Das Tau gerissen, eingebüßt der Anker,

Die halbe Mannschaft in der Flut verschlungen,

Doch lebt noch der Pilot; wär's recht, daß er

Das Steu'r verließe, wie ein banger Knabe

Die See vermehrte mit betränten Augen

Und das verstärkte, was zu stark schon ist,

Indes das Schiff bei seinem Jammern scheitert,

Das Fleiß und Mut noch hätte retten mögen?

Ach, welche Schande, welch Vergeh'n wär' das!

War Warwick unser Anker auch: was tut's?[777]

Und Montague der große Mast: was schadet's?

Erschlagne Freunde unser Tauwerk: nun?

Sagt, ist nicht Oxford hier ein andrer Anker?

Und Somerset ein andrer wackrer Mast?

Die Freund' aus Frankreich Tau- und Segelwerk?

Und warum dürften Eduard und ich,

Zwar ungeübt, für diesmal nicht das Amt

Des wohlgeübten Steuermanns versehn?

Wir wollen nicht vom Ruder weg und weinen,

Wir lenken (sagt der Wind schon nein) die Fahrt

Von Sand und Klippen weg, die Schiffbruch drohn.

Die Wellen schelten, hilft so viel als loben,

Und was ist Eduard als ein wütend Meer?

Was Clarence, als ein Triebsand des Betrugs?

Und Richard, als ein tödlich schroffer Fels?

Sie alle unsers armen Fahrzeugs Feinde.

Setzt, ihr könnt schwimmen: ach, das währt nicht lange;

Den Sand betretet: schleunig sinkt ihr da;

Den Fels erklimmt: die Flut spült euch hinweg,

Sonst sterbt ihr Hungers, das ist dreifach Tod.

Dies sag' ich, Lords, um euch zu überzeugen,

Wenn euer einer fliehen wollte, sei

Mehr Gnade nicht zu hoffen von den Brüdern

Als von ergrimmten Wellen, Bänken, Klippen.

Getrost denn! Das bejammern oder fürchten,

Was unvermeidlich ist, wär' kind'sche Schwäche.

PRINZ.

Mich dünkt, ein Weib von solchem tapfern Geist,

Wenn ein Verzagter so sie reden hörte,

Müßt' ihm die Brust mit Heldenmut erfüllen,

Daß nackt er einen Mann in Waffen schlüge.

Dies sag' ich nicht, als zweifelt' ich an wem,

Denn hätt' ich jemand in Verdacht der Furcht,

So wär' ihm zeitig wegzugehn vergönnt,

Daß er in unsrer Not nicht einen andern

Anstecke und ihm gleichen Mut einflöße.

Wenn hier ein solcher ist, was Gott verhüte!

So zieh' er fort, bevor wir sein bedürfen.

OXFORD.

Weiber und Kinder von so hohem Mut[778]

Und Krieger zaghaft, – ew'ge Schande wär's!

O wackrer Prinz! Dein rühmlicher Großvater

Lebt wieder auf in dir; lang' mögst du leben,

Sein Bild erhalten, seinen Glanz erneu'n.

SOMERSET.

Und wer für solche Hoffnung nicht will fechten,

Geh heim ins Bett, so wie bei Tag die Eule,

Beim Aufstehn dann verhöhnt und angestaunt!

MARGARETA.

Dank, lieber Somerset und werter Oxford!

PRINZ.

Nehmt dessen Dank, der noch nichts weiter hat.


Ein Bote tritt auf.


BOTE.

Bereitet euch, ihr Lords, denn Eduard naht

Zum Schlagen fertig: also seid entschlossen.

OXFORD.

Das dacht' ich wohl: 's ist seine Politik,

Zu eilen, um uns außerstand zu finden.

SOMERSET.

Allein er irrt sich, denn wir sind bereit.

MARGARETA.

So eifrig euch zu sehn, erfrischt mein Herz.

OXFORD.

Reih'n wir uns hier zur Schlacht und weichen nicht!


Ein Marsch. In der Entfernung erscheinen König Eduard, Clarence und Gloster mit ihren Truppen.


KÖNIG EDUARD.

Dort, Kriegsgefährten, steht der dorn'ge Wald,

Der, mit des Himmels Hülf' und eurer Kraft,

Vor nachts gefällt muß an der Wurzel sein.

Mehr Zunder braucht's für euer Feuer nicht,

Ich weiß, ihr lodert auf, sie zu verbrennen.

Gebt das Signal zur Schlacht, und frisch ans Werk!

MARGARETA.

Lords, Ritter, Edle! Was ich sagen sollte,

Versagen Tränen; denn bei jedem Wort,

Seht ihr, trink' ich das Wasser meiner Augen.

Drum dies nur: Heinrich, euer König, ist

Des Feinds Gefangner und sein Thron besetzt,

Sein Reich ein Schlachthaus, seine Bürger Opfer,

Sein Schatz vergeudet, sein Gebot vernichtet;

Dort ist des Wolf, der die Verheerung macht.

Ihr kämpft fürs Recht: drum, Lords, in Gottes Namen,

Seid tapfer, gebt das Zeichen zum Gefecht!


Alle ab.[779]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 777-780.
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