Fünfte Szene

[780] Getümmel, Angriffe, dann ein Rückzug. Hierauf kommen König Eduard, Clarence, Gloster, von Truppen begleitet, mit Königin Margareta, Oxford und Somerset als Gefangenen.


KÖNIG EDUARD.

So hat nun der Empörer-Zwist ein Ende.

Mit Oxford gleich zur Burg von Hammes fort,

Dem Somerset den schuld'gen Kopf herunter!

Geht, schafft sie fort, ich will die zwei nicht hören.

OXFORD.

Ich will mit Worten nicht dir lästig fallen.

SOMERSET.

Noch ich, mein Los ertrag' ich in Geduld.


Oxford und Somerset werden mit Wache abgeführt.


MARGARETA.

Wir scheiden traurig hier im Jammertal,

In Lust vereint das Paradies uns wieder.

KÖNIG EDUARD.

Ist ausgerufen, dem, der Eduard findet,

Sei großer Lohn geschenkt, und ihm sein Leben?

GLOSTER.

Man tat's, und seht, da kommt der junge Eduard.

Soldaten kommen mit Prinz Eduard.


KÖNIG EDUARD.

Führt mir den Braven vor, laßt uns ihn hören! –

Ei, fängt ein Dorn so jung zu stechen an?

Eduard, wie kannst du mir dafür genugtun,

Daß du mein Volk empört hast, Krieg geführt,

Und all das Unheil, das du mir gestiftet?

PRINZ.

Sprich wie ein Untertan, ehrsücht'ger York!

Nimm an, mein Vater rede jetzt aus mir.

Entsag' dem Thron und knie' du, wo ich stehe,

Weil ich an dich dieselben Worte richte,

Worauf du, Frevler, Antwort willst von mir.

MARGARETA.

Ach, wär' dein Vater doch so fest gewesen!

GLOSTER.

So hättet Ihr den Weiberrock behalten

Und Lancastern die Hosen nicht gestohlen.

PRINZ.

Äsop mag wohl in Winternächten fabeln,

Hier passen seine groben Rätsel nicht.

GLOSTER.

Beim Himmel, Brut, dafür will ich dich plagen.

MARGARETA.

Du bist geboren zu der Menschen Plage.[780]

GLOSTER.

Schafft doch das lose Maul von Weibe weg!

PRINZ.

Nein, lieber stopft dem Bucklichten das Maul!

KÖNIG EDUARD.

Still, trotzig Kind! Sonst will ich stumm dich machen.

CLARENCE.

Du bist zu vorlaut, unerzogner Knabe.

PRINZ.

Ich kenne meine Pflicht, ihr brecht sie alle.

Wollüst'ger Eduard und meineid'ger George

Und mißgeschaffner Richard! Alle wißt,

Verräter, wie ihr seid, ich bin eu'r Obrer.

Du maßest meines Vaters Recht und meins dir an.

KÖNIG EDUARD durchsticht ihn.

Nimm dies, du Abbild jener Schmäherin!

GLOSTER durchsticht ihn.

Zuckst du? Nimm dies, um deine Qual zu enden!

CLARENCE durchsticht ihn.

Dies hier, weil du mit Meineid mich gezwackt.

MARGARETA.

Oh, tötet mich mit ihm!

GLOSTER im Begriff sie umzubringen.

Fürwahr, das wollen wir.

KÖNIG EDUARD.

Halt, Richard, halt! Wir taten schon zu viel.

GLOSTER.

Warum soll sie die Welt mit Worten füllen?

KÖNIG EDUARD.

Sie fällt in Ohnmacht? Bringt sie wieder zu sich.

GLOSTER.

Clarence, entschuld'ge mich bei meinem Bruder.

In London gibt's ein dringendes Geschäft:

Eh' Ihr dahin kommt, sollt Ihr Neues hören.

CLARENCE.

Was? Was?

GLOSTER.

Der Turm! Der Turm!


Ab.


MARGARETA.

Mein Eduard! Sprich mit deiner Mutter, Kind!

Kannst du nicht sprechen? – O Verräter! Mörder!

Kein Blut vergossen die, so Cäsarn fällten,

Verbrachen nichts, verdienten keinen Schimpf,

Wär' diese Untat zum Vergleich daneben.

Er war ein Mann, dies gegen ihn ein Kind:

Kein Mann läßt seine Wut an Kindern aus.

Gibt's Ärgres noch als Mörder, daß ich's nenne?

Nein, nein! Mein Herz wird bersten, wenn ich rede,

Und reden will ich, daß das Herz mir berste.[781]

Schlächter und Buben! Blut'ge Kannibalen!

Welch süße Pflanze mähtet ihr zu früh!

Nein, ihr habt keine Kinder, der Gedanke

An sie hätt' eu'r Gewissen sonst gerührt:

Doch wird euch je ein Kind zu teil, erwartet,

Daß man es so in seiner Blüte wegrafft,

Wie diesen holden Prinz ihr Henker jetzt.

KÖNIG EDUARD.

Fort mit ihr! Geht, bringt mit Gewalt sie weg!

MARGARETA.

Nein, bringt nicht weg mich, gebt mir hier den Rest!

Hier birg dein Schwert, mein Tod sei dir verziehn.

Du willst nicht? Wie? – Dann, Clarence, tu es du!

CLARENCE.

Bei Gott, ich will dir nicht so Liebes tun.

MARGARETA.

Nun, bester Clarence! lieber Clarence, tu's doch!

CLARENCE.

So hast du nicht gehört, wie ich's verschwur?

MARGARETA.

Ja wohl, doch pflegst du deinen Schwur zu brechen:

Sonst war es Sünde, jetzt Barmherzigkeit.

Wie, willst du nicht? Wo ist der Höllenschlächter,

Der finstre Richard? Richard, sag, wo bist du?

Du bist nicht da; Mord ist Almosen dir,

Du weisest kein Gesuch um Blut zurück.

KÖNIG EDUARD.

Fort, sag' ich! Ich befehl' euch, bringt sie weg!

MARGARETA.

Euch und den Euren geh's wie diesem Prinzen!


Sie wird abgeführt.


KÖNIG EDUARD.

Wo ist nur Richard hin?

CLARENCE.

Nach London, ganz in Eil', und wie ich rate,

Ein blutig Abendmahl im Turm zu halten.

KÖNIG EDUARD.

Er säumt nicht, wenn was durch den Kopf ihm fährt.

Nun ziehn wir fort, entlassen die Gemeinen

Mit Sold und Dank, und laßt uns hin nach London

Und sehn, was unsre teure Gattin macht.

Sie hat schon, hoff' ich, einen Sohn für mich.


Alle ab.[782]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 780-783.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon