Fünfte Szene

[726] Ein andrer Teil des Schlachtfeldes. Getümmel. König Heinrich tritt auf.


KÖNIG HEINRICH.

Dies Treffen steht so wie des Morgens Krieg

Von sterbendem Gewölk mit regem Licht,

Dann, wann der Schäfer, auf die Nägel hauchend,

Es nicht entschieden Tag noch Nacht kann nennen.

Bald schwankt es hierhin, wie die mächt'ge See,

Gezwungen von der Flut dem Wind zu trotzen;

Bald schwankt es dorthin, wie dieselbe See,

Gezwungen vor des Windes Wut zu weichen.

Bald überwiegt die Flut und dann der Wind;

Nun stärker eins, das andre dann das stärkste;

Beid' um den Sieg sich reißend, Brust an Brust,

Doch keiner Überwinder, noch besiegt:

So wäget gleich sich dieser grimme Krieg.

Hier auf dem Maulwurfshügel will ich sitzen.

Der Sieg sei dessen, dem ihn Gott beschert!

Denn Margareta, mein Gemahl, und Clifford,

Sie schalten aus der Schlacht mich, beide schwörend,

Wenn ich entfernt sei, glück' es ihnen besser.

Wär' ich doch tot, wär's Gottes Wille so!

Wer wird in dieser Welt des Jammers froh?

O Gott! Mich dünkt, es wär' ein glücklich Leben,

Nichts Höher's als ein schlichter Hirt zu sein;

Auf einem Hügel sitzend, wie ich jetzt,

Mir Sonnenuhren zierlich auszuschnitzen,

Daran zu sehn, wie die Minuten laufen,

Wie viele eine Stunde machen voll,

Wie viele Stunden einen Tag vollbringen,

Wie viele Tage endigen ein Jahr,

Wie viele Jahr ein Mensch auf Erden lebt.

Wann ich dies weiß, dann teil' ich ein die Zeiten:

So viele Stunden muß die Herd' ich warten,

So viele Stunden muß der Ruh' ich pflegen,

So viele Stunden muß ich Andacht üben,

So viele Stunden muß ich mich ergötzen;[726]

So viele Tage trugen schon die Schafe,

So viele Wochen, bis die armen lammen,

So viele Jahr, eh' ich die Wolle schere.

Minuten, Stunden, Tage, Monden, Jahre,

Zu ihrem Ziel gediehen, würden so

Das weiße Haar zum stillen Grabe bringen.

Ach, welch ein Leben wär's! Wie süß! Wie lieblich!

Gibt nicht der Hagdorn einen süßern Schatten

Dem Schäfer, der die fromme Herd' erblickt,

Als wie ein reich gestickter Baldachin

Dem König, der Verrat der Bürger fürchtet?

O ja, das tut er, tausendmal so süß!

Und endlich ist des Schäfers magrer Quark,

Sein dünner Trank aus seiner Lederflasche,

Im kühlen Schatten sein gewohnter Schlaf,

Was alles süß und sorglos er genießt,

Weit über eines Fürsten Köstlichkeiten,

Die Speisen blinkend in der goldnen Schale,

Den Leib gelagert auf ein kunstreich Bett,

Wenn Sorge lauert, Argwohn und Verrat.


Getümmel. Es kommt ein Sohn, der seinen Vater umgebracht hat, und schleppt die Leiche herbei.


SOHN.

Schlecht weht der Wind, der keinem Vorteil bringt. –

Der Mann hier, den ich Hand an Hand erschlug,

Mag einen Vorrat Kronen bei sich haben,

Und ich, der ich sie glücklich jetzt ihm nehme,

Kann noch vor Nachts sie und mein Leben lassen

An einen andern, wie der Tote mir.

Wer ist's? O Gott, ich sehe meinen Vater,

Den im Gedräng' ich unverseh'ns getötet.

O schlimme Zeit, die solch Beginnen zeugt!

Aus London ward vom König ich gemahnt;

Mein Vater, als Vasall des Grafen Warwick,

Von dem gemahnt, kam auf der Yorkschen Seite.

Und ich, der ich von seiner Hand das Leben

Empfangen, raubt' es ihm mit meiner Hand.

Verzeih' mir, Gott, nicht wußt' ich, was ich tat![727]

Verzeih' auch, Vater, denn dich kannt' ich nicht!

Die blut'gen Zeichen sollen meine Tränen

Hinweg dir waschen, und kein Wort mehr nun,

Bis zur Genüge sie geflossen sind.

KÖNIG HEINRICH.

O kläglich Schauspiel! O der blut'gen Zeit!

Wenn Löwen um die Höhlen sich bekriegen,

Entgelten ihren Zwist harmlose Lämmer. –

Wein', armer Mann! Ich steh' dir Trän' um Träne

Mit Weinen bei, daß beiden Aug' und Herz,

Als wär' in uns ein bürgerlicher Krieg,

Erblind' in Tränen und vom Jammer breche.


Es kommt ein Vater, der seinen Sohn umgebracht hat, mit der Leiche in den Armen.


VATER.

Du, der so rüstig Widerstand geleistet,

Gib mir dein Gold, wofern du welches hast:

Mit hundert Streichen hab' ich es erkauft. –

Doch laßt mich sehn: ist dies ein Feindsgesicht?

Ach, nein, nein, nein! Es ist mein einz'ger Sohn. –

Ach, Kind! Wenn irgend Leben in dir ist,

Schlag' auf den Blick: sieh, welche Schau'r entstehn,

Von meines Herzens Sturm auf deine Wunden

Herbeigeweht, die Aug' und Herz mir töten. –

O Gott, erbarm' dich dieser Jammerzeit!

Was doch für Taten, grausam, schlächtermäßig,

Verblendet, meuterisch und unnatürlich,

Die tödliche Entzweiung täglich zeugt!

O Kind, dein Vater gab zu früh dir Leben

Und hat zu spät des Lebens dich beraubt!

KÖNIG HEINRICH.

Weh über Weh! Mehr als gemeines Leid!

O daß mein Tod die Greuel hemmen möchte!

Erbarmen, güt'ger Himmel, o Erbarmen!

Sein Antlitz führt die rote Ros' und weiße,

Die Unglücksfarben unsrer zwist'gen Häuser:

Der einen gleichet ganz sein purpurn Blut,

Die bleiche Wange stellt die andre dar;

Welk' eine Rose dann, und blüh' die andre!

Kämpft ihr, so müssen tausend Leben welken[728]

SOHN.

Wie wird die Mutter um des Vaters Tod

Mich schelten und sich nie zufrieden geben!

VATER.

Wie wird mein Weib des Sohnes Mord in Tränen

Ertränken und sich nie zufrieden geben!

KÖNIG HEINRICH.

Wie wird das Volk dem König dieses Elend

Verargen und sich nicht zufrieden geben!

SOHN.

Hat je ein Sohn den Vater so betrauert?

VATER.

Hat je ein Vater so den Sohn beweint?

KÖNIG HEINRICH.

Hat je ein König so sein Volk beklagt?

Eu'r Leid ist groß, doch zehnmal größer meins.

SOHN.

Ich trage dich mit fort, mich satt zu weinen.


Ab mit der Leiche.


VATER.

Hier diese Arme soll'n dein Leichenhemde,

Mein Herz dein Grabmal, süßer Junge, sein:

Denn niemals soll dein Bild mein Herz verlassen.

Die Brust soll das Geläut' dem Toten seufzen,

Dein Vater wird die Feier so begehn,

Um dich betrübt, da er nicht mehre hat,

Wie Priamus um all die tapfern Söhne.

Ich trag' dich fort, und fechtet, wie ihr wollt:

Ich hab' ermordet, wo ich nicht gesollt.


Ab mit der Leiche.


KÖNIG HEINRICH.

Ihr Traurigen, die Leidenslast umfängt!

Hier sitzt ein König, mehr wie ihr bedrängt.


Getümmel. Angriffe. Königin Margareta, Prinz von Wales und Exeter treten auf.

PRINZ.

Flieht, Vater, flieht! Entflohn sind alle Freunde,

Und Warwick tobt wie ein gehetzter Stier.

Fort! denn an unsern Fersen sitzt der Tod.

MARGARETA.

Zu Pferde, mein Gemahl! Nach Berwick jagt!

Eduard und Richard, wie ein paar Windhunde,

Den scheuen flücht'gen Hasen vor sich her,

Mit feur'gen Augen, funkelnd von der Wut,

Und blut'gem Stahl, in grimmer Hand gefaßt,

Sind hinter uns: und also schleunig fort!

EXETER.

Fort! denn die Rache kommt mit ihnen nach.

Nein, säumet nicht mit Einwendungen, eilt!

Sonst kommt mir nach, so will ich Euch voran.[729]

KÖNIG HEINRICH.

Nein, nimm mich mit dir, bester Exeter;

Ich fürchte nicht zu bleiben, doch ich wünsche

Der Königin zu folgen. Vorwärts, fort!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 726-730.
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