Zweite Szene

[718] Vor York.


König Heinrich, Königin Margareta, der Prinz von Wales, Clifford und Northumberland treten auf mit Truppen.


MARGARETA.

Willkommen vor der wackern Stadt von York!

Dort steht, mein Fürst, das Haupt von jenem Erzfeind,

Der sich mit Eurer Kron' umgeben wollte.

Erquickt der Gegenstand nicht Euer Herz?

KÖNIG HEINRICH.

Ja, so wie Klippen die, so Schiffbruch fürchten;

Mir tut der Anblick in der Seele weh. –

O straf' nicht, liebster Gott! Ich war nicht schuld,

Noch hab' ich wissentlich den Schwur verletzt.

CLIFFORD.

Mein gnäd'ger Fürst, die allzu große Milde

Und schädlich Mitleid müßt Ihr von Euch tun.

Wem wirft der Löwe sanfte Blicke zu?

Dem Tier nicht, das sich drängt in seine Höhle.

Und wessen Hand ist's, die der Waldbär leckt?

Nicht dessen, der sein Junges vor ihm würgt.

Wer weicht der Schlange Todesstachel aus?

Nicht wer den Fuß auf ihren Rücken setzt.

Der kleinste Wurm, getreten, windet sich,

Und Tauben picken, ihre Brut zu schützen.

Ehrgeizig strebte York nach deiner Krone:

Du lächeltest, wann er die Stirn gefaltet,

Er, nur ein Herzog, wollte seinen Sohn

Zum König machen, seinen Stamm erhöhn,

Als liebevoller Vater; du, ein König.

Der mit so wackerm Sohn gesegnet ist,[718]

Gabst deine Beistimmung, ihn zu enterben,

Was dich als höchst lieblosen Vater zeigte.

Es nähren unvernünft'ge Kreaturen

Die Brut, und scheun sie gleich des Menschen Antlitz,

Doch, zur Beschirmung ihrer zarten Kleinen,

Wer sah nicht oft sie mit denselben Schwingen,

Die sie wohl sonst zu banger Flucht gebraucht,

Auf den sich werfen, der ihr Nest erklomm,

Ihr Leben bietend zu der Jungen Schutz?

Schämt Euch, mein Fürst, und wählt zum Vorbild sie!

Wär's nicht ein Jammer, wenn der wackre Knabe

Sein Erbrecht durch des Vaters Schuld verlöre

Und spräch' zu seinem Kind in Zukunft einst:

»Was mein Großvater und mein Urgroßvater

Erwarben, gab mein Vater töricht weg?«

Ach! welche Schande wär's! Sieh auf den Knaben

Und laß sein männlich Antlitz, das die Gunst

Des Glücks verheißt, dein schmelzend Herz dir stählen,

Was dein, zu halten, ihm, was dein, zu lassen.

KÖNIG HEINRICH.

Wohl zeigte Clifford seine Redekunst

Und brachte Gründe vor von großer Kraft.

Doch sag mir, Clifford, hast du nie gehört,

Daß schlecht Erworbnes immer schlecht gerät?

Und war es immer glücklich für den Sohn,

Des Vater in die Hölle sich gekargt?

Ich lasse meine tugendhaften Taten

Dem Sohn zurück: und hätte doch mein Vater

Mir auch nicht mehr gelassen! Alles andre

Bringt tausendmal mehr Sorge zu bewahren,

Als im Besitz ein Tüttelchen von Lust. –

Ach, Vetter York! daß deine Freunde wüßten,

Wie es mich kümmert, daß dein Kopf da steht!

MARGARETA.

Mein Fürst, ermuntert Euch! Der Feind ist nah,

Und dieser weiche Mut schwächt Eure Leute.

Dem hoffnungsvollen Sohn gelobtet Ihr

Den Ritterschlag: zieht denn das Schwert und gebt ihn.

Eduard, knie nieder![719]

KÖNIG HEINRICH.

Eduard Plantagenet, steh als Ritter auf

Und zieh' dein Schwert nur für des Rechtes Lauf!

PRINZ.

Mit Eurer höchsten Gunst, mein gnäd'ger Vater:

Ich will es als des Thrones Erbe ziehn

Und in dem Streit es bis zum Tode führen.

CLIFFORD.

Das heißt gesprochen wie ein kühner Prinz.


Ein Bote tritt auf.


BOTE.

Ihr königlichen Feldherrn, seid bereit!

Mit einem Heer von dreißigtausend Mann

Kommt Warwick, für des Herzogs York Partei,

Und ruft, wie sie entlang ziehn in den Städten,

Ihn aus zum König, und ihm folgen viele.

Reiht eure Scharen, denn sie sind zur Hand.

CLIFFORD.

Will Eure Hoheit nicht das Schlachtfeld räumen?

In Eurem Absein hat die Königin

Den glücklichsten Erfolg.

MARGARETA.

Ja, bester Herr,

Tut das, und überlaßt uns unserm Schicksal.

KÖNIG HEINRICH.

Das ist mein Schicksal auch, drum will ich bleiben.

NORTHUMBERLAND.

So sei es mit Entschlossenheit zum Kampf.

PRINZ.

Mein königlicher Vater, muntert auf

Die edlen Lords, und wer zum Schutz Euch ficht;

Zieht Euer Schwert, mein Vater, ruft: Sankt George!


Ein Marsch. Eduard, George, Richard, Warwick, Norfolk und Montague treten auf mit Soldaten.


EDUARD.

Nun, falscher Heinrich! willst du knien um Gnade

Und setzen auf mein Haupt dein Diadem,

Wo nicht, des Feldes tödlich Los erproben?

MARGARETA.

Schilt deine Schmeichler, übermüt'ger Knabe!

Kommt es dir zu, so frech zu sein in Worten

Vor deinem König und rechtmäß'gen Herrn?

EDUARD.

Ich bin sein König, und er sollte knien:

Ich ward durch seine Zustimmung sein Erbe.

Seitdem brach man den Eid: denn, wie ich höre,

Habt Ihr, als die Ihr wirklich König seid,[720]

Trägt er die Krone gleich, ihn angestiftet,

Durch neuen Parlamentsschluß mich zu streichen

Und seinen eignen Sohn dafür zu setzen.

CLIFFORD.

Mit gutem Grund:

Wer soll dem Vater folgen, als der Sohn?

RICHARD.

Seid Ihr da, Schlächter? Oh, ich kann nicht reden!

CLIFFORD.

Ja, Bucklichter, hier steh' ich Rede dir

Und jedem noch so Stolzen deines Schlags.

RICHARD.

Ihr tötetet den jungen Rutland, nicht?

CLIFFORD.

Ja, und den alten York, und noch nicht satt.

RICHARD.

Um Gottes willen, Lords, gebt das Signal!

WARWICK.

Was sagst du, Heinrich? Willst der Kron' entsagen?

MARGARETA.

Wie nun, vorlauter Warwick? Sprecht Ihr mit?

Als Ihr und ich uns zu Sankt Albans trafen,

Da halfen besser Euch die Bein' als Hände.

WARWICK.

Da war's an mir zu fliehn, nun ist's an dir.

CLIFFORD.

Das sagtet Ihr auch da und floht dann doch.

WARWICK.

Nicht Euer Mut war's, was von dort mich trieb.

NORTHUMBERLAND.

Noch Euer Mannsinn, was Euch halten konnte.

RICHARD.

Northumberland, ich halte dich in Ehren. –

Brecht das Gespräch ab, denn ich hemme kaum

Die Auslassung des hochgeschwollnen Herzens

An diesem Clifford, dem grimmen Kindermörder.

CLIFFORD.

Ich schlug den Vater dir: nennst du ihn Kind?

RICHARD.

Ja, wie ein Feigling, eine tück'sche Memme,

Wie du erschlagen unsern zarten Rutland;

Doch sollst du noch vor nachts die Tat verfluchen.

KÖNIG HEINRICH.

Nun haltet inne, Lords, und hört mich an!

MARGARETA.

Trotz' ihnen denn, sonst öffne nicht die Lippen!

KÖNIG HEINRICH.

Gib meiner Zunge, bitt' ich, keine Schranken:

Ich bin ein König, und befugt zu reden.

CLIFFORD.

Mein Fürst, die Wunde heilen Worte nicht,

Die uns zusammen rief: darum seid still!

RICHARD.

Scharfrichter, so entblöße denn dein Schwert!

Bei dem, der uns erschuf, ich bin gewiß,

Daß Cliffords Mannsinn auf der Zunge wohnt.[721]

EDUARD.

Sag, Heinrich, wird mein Recht mir oder nicht?

Wohl tausend nahmen heut ihr Frühstück ein,

Die nie das Mittagsmahl verzehren werden,

Wofern du nicht dich ab der Krone tust.

WARWICK.

Wenn du es weigerst, auf dein Haupt ihr Blut!

Denn mit Gerechtigkeit führt York die Waffen.

PRINZ.

Ist das, was Warwick dafür ausgibt, recht,

So gibt's kein Unrecht, dann ist alles recht.

RICHARD.

Wer dich auch zeugte, dort steht deine Mutter,

Denn sicherlich, du hast der Mutter Zunge.

MARGARETA.

Doch du bist weder Vater gleich noch Mutter,

Nein, einem schnöden, mißgeschaffnen Brandmal,

Bezeichnet vom Geschick, daß man es meide

Wie gift'ge Kröten oder Eidechsstacheln.

RICHARD.

Eisen von Napel, englisch übergoldet!

Du, deren Vater König wird betitelt,

Als würde eine Pfütze See genannt:

Schämst du dich nicht, der Abkunft dir bewußt,

Daß deine Zung' ein niedrig Herz verrät?

EDUARD.

Ein Strohwisch wäre tausend Kronen wert

Zur Selbsterkenntnis für dies freche Nickel.

Weit schöner war die griech'sche Helena,

Mag schon dein Gatte Menelaus sein;

Auch kränkte nie den Bruder Agamemnons

Das falsche Weib, wie diesen König du.

Sein Vater schwärmt' in Frankreichs Herzen, zähmte

Den König, zwang den Dauphin sich zu beugen;

Und hätt' er sich nach seinem Rang vermählt,

So konnt' er diesen Glanz bis heut behaupten.

Doch als er eine Bettlerin sich nahm

Zur Bettgenossin, deinen armen Vater

Verherrlichte mit seinem Hochzeitstag:

Da zog der Sonnenschein ein Schau'r herbei,

Der seines Vaters Glück aus Frankreich schwemmte

Und heim auf seine Kron' Empörung häufte.

Denn was schuf diesen Aufruhr als dein Stolz?

Warst du nur glimpflich, schlief' unser Anspruch noch;[722]

Aus Mitleid für den sanften König hätten

Die Fod'rung wir auf andre Zeit verspart.

GEORGE.

Doch da wir sahn, daß unser Sonnenschein

Dir Frühling machte, ohne daß dein Sommer

Uns Früchte trüge, legten wir die Axt

An deine fremd hier eingedrängte Wurzel;

Und traf uns selbst die Schärfe gleich ein wenig,

So wisse, daß wir nach dem ersten Streich

Davon nicht lassen, bis wir dich gefällt,

Wo nicht, mit unserm heißen Blut gebadet.

EDUARD.

Und, so entschlossen, fodr' ich dich zum Kampf

Und will nichts mehr von Unterredung wissen,

Da du das Wort dem sanften König wehrst.

Trompeten blast! Laßt wehn die blut'gen Fahnen,

Den Weg zum Sieg uns oder Grab zu bahnen!

MARGARETA.

Halt, Eduard!

EDUARD.

Nein, hadernd Weib! Wir wollen auf und fort;

Zehntausend Leben kostet heut dein Wort.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 718-723.
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