Vierte Szene

[575] Lager des Herzogs von York in Anjou.


York, Warwick und andre treten auf.


YORK.

Führt vor die Zauberin, verdammt zum Feuer!


Die Pucelle kommt, von Wache umgeben, mit ihr ein Schäfer.


SCHÄFER.

Ach, Jeanne! Dies bricht deines Vaters Herz,

Hab' ich die Lande nah und fern durchsucht,

Und, nun sich's trifft, daß ich dich ausgefunden,

Komm' ich zu deinem frühen bittern Tode?

Ach, liebste Tochter, ich will mit dir sterben!

PUCELLE.

Elender Bettler! Abgelebter Knecht!

Von edlerm Blute bin ich abgestammt:

Du bist mein Vater noch mein Blutsfreund nicht.

SCHÄFER.

Pfui, pfui! – Ihr Herrn, erlaubt, dem ist nicht so;

Das ganze Kirchspiel weiß, ich zeugte sie;

Die Mutter, noch am Leben, kann's bezeugen,

Daß sie der Erstling meines Eh'stands war.

WARWICK.

Ruchlose! Willst du deine Sippschaft leugnen?

YORK.

Dies zeigt, was für ein Leben sie geführt,

Verderbt und bös, und so beschließt sie's auch.[575]

SCHÄFER.

O pfui doch, Jeanne, so verstockt zu sein!

Gott weiß, du bist von meinem Fleisch und Blut,

Und deinethalb vergoß ich manche Träne;

Verleugne doch mich nicht, mein liebstes Kind!

PUCELLE.

Pack' dich, du Bauer! Ihr habt den Mann bestellt,

Um meines Adels Krone zu verdunkeln.

SCHÄFER.

's ist wahr, ich gab dem Priester eine Krone,

Den Morgen, als ich ihre Mutter freite. –

Knie' hin und laß dich segnen, gutes Mädchen!

Du weigerst dich? Verflucht sei denn die Zeit,

Wo du zur Welt kamst! Wollt' ich doch, die Milch,

Die du an deiner Mutter Brüsten sogst,

Wär' deinetwillen Rattengift gewesen!

Und, wenn du meine Lämmer triebst zur Weide,

Wollt' ich, dich hätt' ein gier'ger Wolf verzehrt!

Verleugnest du den Vater, garst'ge Dirne?

Verbrennt, verbrennt sie! Hängen ist zu gut.


Ab.


YORK.

Schafft sie hinweg! Sie hat zu lang' gelebt,

Die Welt mit ihren Lastern zu erfüllen.

PUCELLE.

Laßt mich euch sagen erst, wen ihr verdammt.

Nicht mich, erzeugt von Hirten auf der Flur,

Nein, aus der Könige Geschlecht entsprossen;

Heilig und tugendsam; erwählt von droben,

(Durch himmlische Begeist'rung reich begnadigt,)

Auf Erden hohe Wunder zu bewirken.

Mit bösen Geistern hatt' ich nie zu tun;

Doch ihr, befleckt von euren eignen Lüsten,

Besudelt mit der Unschuld reinem Blut,

Verderbt und angesteckt von tausend Lastern:

Weil euch die Gnade fehlt, die andre haben,

So achtet ihr's für ein unmöglich Ding,

Ein Wunder wirken, ohne Macht der Teufel.

Nein, Mißbelehrte! Wißt, daß Jeanne d'Arc

Seit ihrer zarten Kindheit Jungfrau blieb,

Selbst in Gedanken keusch und unbefleckt;

Daß ihr jungfräulich Blut, so streng vergossen,

Um Rache schrein wird an des Himmels Toren.

YORK.

Ja, ja, nur fort mit ihr zur Hinrichtung![576]

WARWICK.

Und, Leute, hört: weil sie ein Mädchen ist,

So spart das Reisig nicht, gebt ihr genug,

Stellt Tonnen Pech noch um den Todespfahl,

Damit ihr so die Marter ihr verkürzt.

PUCELLE.

Kann eure starren Herzen nichts erweitern?

So gib denn, Jeanne, deine Schwachheit kund,

Die, dem Gesetz gemäß, ein Vorrecht dir gewährt. –

[Hört, schwanger bin ich, blut'ge Schlächter ihr!]

Drum mordet nicht die Frucht in meinem Schoß,

Schleppt ihr auch mich zum Tod gewaltsam hin.

YORK.

Verhüt' es Gott! Die heil'ge Jungfrau schwanger?

WARWICK.

Das größte Wunder, das Ihr je vollbracht!

Kam's dahin mit der strengen Züchtigkeit?

YORK.

Sie und der Dauphin hielten's mit einander;

Ich dacht' es, was die Ausflucht würde sein.

WARWICK.

Schon gut! Wir lassen keinen Bastard leben,

Wenn Karl der Vater sein muß, noch dazu.

PUCELLE.

Ihr irret Euch, mein Kind ist nicht von ihm;

Alençon war's, der meine Lieb' genoß.

YORK.

Alençon, der verrufne Machiavell!

Es stirbt, und wenn es tausend Leben hätte!

PUCELLE.

Nicht doch, verzeiht! Ich täuscht' Euch: weder Karl,

Noch der genannte Herzog, sondern Reignier,

König von Napel, war's, der mich gewann.

WARWICK.

Ein Mann im Eh'stand! Das ist noch das Ärgste.

YORK.

Ei, das ist mir ein Mädchen! die nicht weiß –

So viele waren's –, wen sie soll verklagen.

WARWICK.

Ein Zeichen, daß sie frei und willig war.

YORK.

Und doch, wahrhaftig, eine reine Jungfrau! –

Dein Wort verdammt dich, Metze, samt der Brut:

Versuch' kein Bitten, denn es ist umsonst.

PUCELLE.

So führt mich fort. – Euch lass' ich meinen Fluch.

Die lichte Sonne werfe ihre Strahlen

Nie auf das Land, das euch zum Sitze dient!

Umgeb' euch Nacht und düstrer Todesschatten,

Bis Unheil und Verzweifelung euch drängt,

Den Hals zu brechen oder euch zu hängen!


Sie wird von der Wache abgeführt.[577]


YORK.

Brich du in Stücke und zerfall' in Asche,

Verfluchte schwarze Dienerin der Hölle!


Kardinal Beaufort tritt auf mit Gefolge.


KARDINAL.

Mit einem Brief der Vollmacht, Lord Regent,

Begrüß' ich Eure Herrlichkeit vom König.

Denn wißt, Mylord, es haben sich die Staaten

Der Christenheit, bewogen von Erbarmen

Um diesen wüsten Streit, mit Ernst verwandt

Zum allgemeinen Frieden zwischen uns

Und der Franzosen hochgemutem Volk;

Und seht, schon naht der Dauphin und sein Zug

Um über diese Sache zu verhandeln.

YORK.

Ist dieses unsrer Arbeit ganze Frucht?

Nachdem so mancher Pair erschlagen worden,

So mancher Hauptmann, Edelmann, Soldat,

Die überwunden sind in diesem Streit

Und ihren Leib zum Wohl des Lands verkauft:

Soll man zuletzt so weibisch Frieden schließen?

Verloren wir den größten Teil der Städte

Durch Ränke nicht, durch Falschheit und Verrat,

Die unsre großen Ahnherrn all' erobert? –

O Warwick! Warwick! Trauernd seh' ich schon

Den gänzlichen Verlust des Frankenreichs.

WARWICK.

Sei ruhig, York: wenn wir den Frieden schließen,

Wird's mit so strengen Foderungen sein,

Daß die Franzosen wenig dran gewinnen.


Karl mit Gefolge, Alençon, der Bastard, Reignier und andre treten auf.


KARL.

Ihr Herrn von England, da genehmigt ist,

Daß Fried' im Land soll ausgerufen werden,

So kommen wir, um von euch selbst zu hören,

Was für Bedingungen der Bund erheischt.

YORK.

Sprich, Winchester; denn Gall' erstickt mir kochend

Den hohlen Ausweg meiner gift'gen Stimme

Beim Anblick der gehäss'gen Feinde da.

KARDINAL.

Karl und ihr andern, so ist's vorgeschrieben:

Daß ihr, inmaßen König Heinrich drein[578]

Aus bloßem Mitleid und aus Milde willigt,

Eu'r Land vom harten Kriege zu befrein

Und süßen Frieden atmen euch zu lassen,

Lehnsleute seiner Krone werden sollt:

Und, Karl, auf die Bedingung, daß du schwörst,

Tribut zu zahlen, dich zu unterwerfen,

Sollst du als Vizekönig unter ihm

Die königliche Würde fortgenießen.

ALENÇON.

So muß er denn sein eigner Schatte sein?

Mit einer Krone seine Schläfe zieren

Und doch, dem Ansehn und dem Wesen nach,

Die Rechte des Privatmanns nur behalten?

Verkehrt und ungereimt ist dies Erbieten.

KARL.

Es ist bekannt, daß ich bereits besitze

Mehr als das halbe gallische Gebiet

Und werde drin geehrt als echter König.

Um den Gewinn des unbezwungnen Rests

Soll ich dies Vorrecht mir um so viel schmälern,

Des Ganzen Vizekönig nur zu heißen?

Nein, Herr Gesandter, ich behalte lieber

Das, was ich hab', als daß ich, mehr begehrend,

Mich um die Möglichkeit von allem bringe.

YORK.

Hochmüt'ger Karl! Hast du dir insgeheim

Vermittlung ausgewirkt zu einem Bund,

Und, nun die Sache zum Vertrag soll kommen,

Hältst du dich mit Vergleichungen entfernt?

Entweder nimm den angemaßten Titel

Als nur von unserm König kommend an

Und nicht von einem Anspruch des Verdienstes,

Sonst plagen wir mit Krieg ohn' Ende dich.

REIGNIER.

Mein Prinz, Ihr tut nicht wohl, aus Eigenwillen

Zu mäkeln bei dem Fortgang des Vergleichs;

Versäumen wir ihn jetzt, zehn gegen eins,

Wir finden die Gelegenheit nicht wieder.

ALENÇON leise.

Es ist, in Wahrheit, Politik für Euch,

Eu'r Volk von solchem Blutbad zu erretten

Und grimmigem Gemetzel, als man täglich

Bei fortgesetzten Feindlichkeiten sieht:[579]

Geht also den Vertrag des Friedens ein,

Brecht Ihr ihn schon, sobald es Euch beliebt.

WARWICK.

Was sagst du, Karl? Soll die Bedingung gelten?

KARL.

Sie soll's;

Nur vorbehalten, daß ihr keinen Teil

An der Besatzung unsrer Städte fodert.

YORK.

So schwöre Lehnspflicht Seiner Majestät,

So wahr du Ritter bist, stets zu gehorchen

Der Krone Englands, nie dich aufzulehnen

Der Krone Englands, du samt deinem Adel!


Karl und die übrigen machen die Zeichen des Huldigungseides.


So, nun entlaßt Eu'r Heer, wann's Euch beliebt,

Hängt auf die Fahnen, laßt die Trommeln schweigen,

Denn feierlicher Fried' ist hier geschlossen.

Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 575-580.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmannswaldau, Christian Hoffmann von

Gedichte

Gedichte

»Was soll ich von deinen augen/ und den weissen brüsten sagen?/ Jene sind der Venus führer/ diese sind ihr sieges-wagen.«

224 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon