Dritte Szene

[600] Ein Zimmer im Palast.


Peter und andre Supplikanten kommen mit Bittschriften.


ERSTER SUPPLIKANT. Meisters, tretet dicht heran; Mylord Protektor wird hier gleich vorbeikommen, und dann können wir unsre Gesuche schriftlich überreichen.

ZWEITER SUPPLIKANT. Ei, Gott beschütz' ihn, denn er ist ein guter Mann. Der Herr Christus segne ihn!


Suffolk und Königin Margareta treten auf.


PETER. Da kommt er, denk' ich, und die Königin mit ihm: ich will gewiß der erste sein.

ZWEITER SUPPLIKANT. Zurück, du Narr! Das ist ja der Herzog von Suffolk und nicht Mylord Protektor.

SUFFOLK. Nun, Geselle? Wolltest du etwas von mir?

ERSTER SUPPLIKANT.

Ich bitte, Mylord, verzeiht mir; ich hielt

Euch für den Lord Protektor.

KÖNIGIN liest die Überschriften. »An Mylord Protektor.« Sind eure Bittschriften an Seine Herrlichkeit gerichtet? Laßt mich sie sehen! Was betrifft deine?

ERSTER SUPPLIKANT. Meine, mit Euer Gnaden Erlaubnis, ist gegen John Goodman, des Mylord Kardinal seinen Diener, weil er mir mein Haus und Ländereien und Frau und alles vorenthält.

SUFFOLK. Deine Frau auch? Da geschieht dir in der Tat zu nahe. – Was habt Ihr für eine? – Sieh da! Liest. »Wider den Herzog von Suffolk, wegen Einhegung der gemeinen Hut und Weide von Melford.« – Was soll das, Herr Schurke?

ZWEITER SUPPLIKANT. Ach, Herr, ich bin nur ein armer Supplikant für unsre ganze Bürgerschaft.

PETER überreicht seine Bittschrift. Gegen meinen Meister, Thomas Horner, weil er gesagt hat, daß der Herzog von York rechtmäßiger Erbe der Krone wäre.

KÖNIGIN. Was sagst du? Sagte der Herzog von York, er wäre rechtmäßiger Erbe der Krone?

PETER. Mein Meister wäre es? Nein, wahrhaftig; mein Meister sagte, er wäre es, und der König wäre ein Usurpator.[600]

SUFFOLK. Ist jemand da?


Bediente kommen.


Nehmt den Burschen mit herein und schickt sogleich mit einem Gerichtsboten nach seinem Meister. – Wir wollen von Eurer Sache mehr vor dem Könige hören.


Bedienter mit Peter ab.


KÖNIGIN.

Was euch betrifft, die ihr Protektion

Von des Protektors Gnadenflügeln liebt,

Erneuert die Gesuche! Geht an ihn!


Sie zerreißt die Bittschriften.


Fort, ihr Halunken! – Suffolk, laßt sie gehn.

ALLE.

Kommt! Laßt uns gehn!


Supplikanten ab.


KÖNIGIN.

Mylord von Suffolk, sagt, ist das die Art,

Ist das die Sitte so an Englands Hof?

Ist dies das Regiment der Briten-Insel

Und dies das Königtum von Albions Herrn?

Wie? Soll denn König Heinrich immer Mündel

Unter des mürr'schen Glosters Aufsicht sein?

Bin ich im Rang und Titel Königin,

Um einem Herzog untertan zu werden?

Ich sag' dir, Poole, als du in der Stadt Tours

Zu Ehren meiner Lieb' ein Rennen hieltest

Und stahlst die Herzen weg den fränk'schen Frauen:

Da dacht' ich, König Heinrich gliche dir

An Mut, an feiner Sitt' und Leibsgestalt.

Doch all sein Sinn steht nur auf Frömmigkeit,

Ave Marie am Rosenkranz zu zählen;

Ihm sind Propheten und Apostel Kämpfer,

Und seine Waffen heil'ge Bibelsprüche,

Sein Zimmer seine Rennbahn, seine Liebsten

Kanonisierter Heil'gen eh'rne Bilder.

Daß doch das Kardinal-Kollegium

Zum Papst ihn wählt' und brächte ihn nach Rom

Und setzt' ihm die dreifache Kron' aufs Haupt:

Das wär' ein Stand für seine Frömmigkeit.

SUFFOLK.

Seid ruhig, gnäd'ge Frau: wie ich gemacht,[601]

Daß Eure Hoheit kam nach England, will ich

In England völlig Euch zufriedenstellen.

KÖNIGIN.

Nächst dem Protektor haben wir noch Beaufort,

Den herrischen Pfaffen; Somerset, Buckingham,

Den murr'nden York: und der geringste dieser

Kann mehr in England als der König tun.

SUFFOLK.

Und der darunter, der am meisten kann,

Kann nicht mehr tun in England als die Nevils:

Salisbury und Warwick sind nicht bloße Pairs.

KÖNIGIN.

Mich kränken halb so sehr nicht all die Lords

Als des Protektors Weib, die stolze Dame.

Sie fährt herum am Hof mit Scharen Frau'n,

Wie eines Kaisers mehr als Herzogs Weib.

Ein Fremder hält sie für die Königin,

Sie trägt am Leib die Einkünft' eines Herzogs,

Und unsrer Armut spottet sie im Herzen.

Soll ich nicht Rache noch an ihr erleben?

Ein schlechtgebornes Nickel, wie sie ist,

Hat sie bei ihrem Schätzchen jüngst geprahlt,

Der Schlepp von ihrem schlechtsten Rocke sei

Mehr wert als meines Vaters Land, eh' Suffolk

Zwei Herzogtümer gab für seine Tochter.

SUFFOLK.

Ich hab' ihr eine Schlinge selbst gelegt

Und eine Schar Lockvögel ausgestellt,

Daß sie sich niederläßt, dem Lied zu horchen,

Und nie mehr aufsteigt und Euch Unruh' macht.

Drum laßt sie ruhn und hört mich, gnäd'ge Frau,

Ich bin so dreist. Euch hierin Rat zu geben:

Ist schon der Kardinal uns nicht gemütlich,

Verbinden wir mit ihm uns und den Lords,

Bis Herzog Humphrey wir in Schmach gebracht.

Was Herzog York betrifft, die neue Klage

Wird nicht gar viel zu seinem Vorteil tun,

So reuten wir sie nach einander aus,

Und Ihr sollt das beglückte Steuer führen.


König Heinrich, York und Somerset im Gespräch mit ihm; Herzog und Herzogin von Gloster, Kardinal Beaufort, Buckingham, Salisbury und Warwick treten auf.[602]


KÖNIG HEINRICH.

Für mein Teil, edle Lords, ich weigr' es keinem.

Sei's Somerset, sei's York, mir gilt es gleich.

YORK.

Wenn York in Frankreich übel sich benommen,

So schlagt ihm immer die Regentschaft ab.

SOMERSET.

Wenn Somerset der Stell' unwürdig ist,

Mag York Regent sein, und ich geb' ihm nach.

WARWICK.

Ob Euer Gnaden würdig ist, ob nicht,

Wird nicht gefragt: York ist der würdigste.

KARDINAL.

Ehrgeiz'ger Warwick, laß die Obern reden.

WARWICK.

Der Kardinal ist nicht im Feld mein Obrer.

BUCKINGHAM.

Hier sind sie alle deine Obern, Warwick.

WARWICK.

Warwick kann Oberster von allen werden.

SALISBURY.

Still, Sohn! – Und gib uns Gründe, Buckingham,

Daß Somerset hiebei sei vorzuziehn.

KÖNIGIN.

Ei, weil der König es so haben will.

GLOSTER.

Der König, gnäd'ge Frau, ist alt genug,

Um selbst zu stimmen; dies sind nicht Fraun-Geschäfte.

KÖNIGIN.

Ist er schon alt genug, was braucht Eu'r Gnaden

Protektor Seiner Herrlichkeit zu sein?

GLOSTER.

Ich bin des Reichs Protektor, gnäd'ge Frau;

Wenn's ihm beliebt, entsag' ich meinem Platz.

SUFFOLK.

Entsag' ihm denn und laß den Übermut!

Seitdem du König warst (wer ist's, als du?),

Ging täglich das gemeine Wesen unter;

Jenseit des Meers gewann der Dauphin Feld,

Und alle Pairs im Reich und Edle sind

Wie Sklaven deiner Herrschaft hier gewesen.

KARDINAL.

Das Volk hast du geplagt; der Klerisei

Hast du die Säckel leicht und leer gepreßt.

SOMERSET.

Dein prächtig Bau'n und deiner Frauen Schmuck

Hat große Haufen aus dem Schatz gekostet.

BUCKINGHAM.

Dein grausames Gericht, an Missetätern

Geübt, ging über das Gesetz hinaus

Und gibt dich in die Willkür des Gesetzes.

KÖNIGIN.

Dein Ämter-Handel, und mit Städten Frankreichs,[603]

Wär' er bekannt, wie er verdächtig ist,

Du sprängest bald wohl ohne Kopf herum.


Gloster ab. Die Königin läßt ihren Fächer fallen.


Hebt meinen Fächer auf. Ei, Schätzchen, könnt Ihr nicht?


Sie gibt der Herzogin eine Ohrfeige.


Wart Ihr es? Ja, da bitt' ich um Verzeihung.

HERZOGIN.

War ich's? Ja wohl, hochmütige Französin.

Könnt' ich an Euer schön Gesicht nur kommen,

Ich setzte meine zehn Gebote drein.

KÖNIG HEINRICH.

Still, liebste Tante; es geschah nicht gern.

HERZOGIN.

Nicht gern? Tu' bald ein Einsehn, guter König,

Sie närrt dich sonst und tänzelt dich wie ein Kind.

Man soll, gibt's hier gleich Männer ohne Hosen,

Nicht ungerächt Frau Leonoren schlagen.

Herzogin ab.


BUCKINGHAM.

Lord Kardinal, ich folge Leonoren

Und geb' auf Humphrey acht, wie er sich nimmt.

Sie ist gereizt, ihr Mut braucht keinen Sporn,

Sie rennt schon wild genug in ihr Verderben.


Buckingham ab.


Gloster kommt zurück.


GLOSTER.

Nun, Lords, da meine Galle sich gekühlt

Durch einen Gang um dieses Viereck her,

Komm' ich, von Staatsgeschäften hier zu reden.

Anlangend eure häm'schen falschen Rügen,

Beweist sie, und ich stehe dem Gesetz.

Doch Gott soll meiner Seele gnädig sein,

Wie ich mein Land und meinen König liebe!

Jedoch zur Sache, welche vor uns liegt.

Mein Fürst, ich sage, York schickt sich am besten,

Regent für Euch im Frankenreich zu sein.

SUFFOLK.

Erlaubt mir, eh' zur Wahl geschritten wird,

Mit Gründen von nicht kleiner Kraft zu zeigen,

Daß York am schlechtsten sich von allen schickt.

YORK.

Hör', Suffolk, denn, warum ich schlecht mich schicke:

Erst, weil ich deinem Stolz nicht schmeicheln kann;

Dann, wenn ich zu der Stelle werd' ernannt,

Wird hier Mylord von Somerset mich halten

Ohn' Abschluß, ohne Geld und Ausrüstung,[604]

Bis Frankreich in des Dauphins Hand gefallen.

Mußt' ich doch letzthin ihm zu Willen tanzen,

Bis man Paris berannt und ausgehungert.

WARWICK.

Das zeug' ich mit, und einen schnödern Streich

Beging im Lande kein Verräter je.

SUFFOLK.

Unbänd'ger Warwick, still!

WARWICK.

Du Bild des Stolzes, warum sollt' ich schweigen?


Bediente Suffolks führen Horner und Peter vor.


SUFFOLK.

Weil hier ein Mann ist, des Verrats beklagt.

Gott gebe, daß sich Herzog York entschuldigt!

YORK.

Klagt irgendwer York als Verräter an?

KÖNIG HEINRICH.

Was meinst du, Suffolk? Sag mir: wer sind diese?

SUFFOLK.

Beliebt's Eu'r Majestät, dies ist der Mann,

Der seinen Meister Hochverrats beklagt.

Er hat gesagt, daß Richard Herzog York

Rechtmäß'ger Erbe sei von Englands Krone

Und Eure Majestät ein Usurpator.

KÖNIG HEINRICH.

Sag, Mann, waren das deine Worte?

HORNER. Mit Euer Majestät Erlaubnis, ich habe niemals etwas dergleichen gesagt oder gedacht. Gott ist mein Zeuge, daß ich von dem Bösewicht fälschlich angeklagt werde.

PETER hält die Finger in die Höhe. Bei diesen zehn Gebeinen, gnädige Herren, er sagte es mir eines Abends auf der Dachkammer, als wir Mylords von York Rüstung abputzten.

YORK.

Gemeiner kot'ger Schurk' und Tagelöhner,

Mir zahlt dein Kopf für die Verräter-Rede.

Ich bitt' Eu'r königliche Majestät,

Laßt ihn die Strenge des Gesetzes fühlen.

HORNER. Ach, ich will gehängt sein, Mylord, wenn ich die Worte jemals gesagt habe. Mein Ankläger ist mein Lehrbursche, und da ich ihn letzthin für ein Vergehen züchtigte, gelobte er auf seinen Knieen, er wollte es mir vergelten: dafür habe ich gute Zeugnisse. Ich bitte Eure Majestät also, werft einen ehrlichen Mann nicht weg auf die Anklage eines Bösewichts.

KÖNIG HEINRICH.

Oheim, was sagen wir hiezu nach Rechten?[605]

GLOSTER.

Dies Urteil, wenn ich sprechen darf, mein Fürst:

Laßt Somerset Regent in Frankreich sein,

Weil dieses Argwohn wider York erzeugt;

Und diesen da beraumet einen Tag

Zum Zweikampf an, auf angemeßnem Platz:

Denn er hat Zeugen für des Knechtes Bosheit.

Dies ist das Recht und Herzogs Humphreys Spruch.

KÖNIG HEINRICH.

So sei es denn, Mylord von Somerset,

Wir machen zum Regenten Euch in Frankreich.

SOMERSET.

Ich dank' ergebenst Eurer Majestät.

HORNER.

Und ich bin zu dem Zweikampf gern bereit.

PETER. Ach, gnädiger Herr, ich kann nicht fechten; um Gottes willen, habt Erbarmen! Die Bosheit der Menschen ist mächtig wider mich. O Herr, sei mir gnädig! Ich bin nicht im stande, einen einzigen Streich zu tun. Ach Gott, mein Herz!

GLOSTER.

Ei, Bursch, du mußt nun fechten oder hängen.

KÖNIG HEINRICH.

Fort, schafft sie ins Gefängnis, und der Tag

Zum Zweikampf sei der letzte nächsten Monats. –

Komm, Somerset, damit wir weg dich senden.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 600-606.
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