Zweite Szene

[596] Ebendaselbst. Ein Zimmer im Hause des Herzogs von Gloster.


Gloster und die Herzogin treten auf.


HERZOGIN.

Warum senkt mein Gemahl das Haupt, wie Korn,

Beschwert von Ceres' überreifer Last?

Was zieht die Brau'n der große Herzog Humphrey,

Als säh' er finster auf der Welt Gesichter?

Was haftet nur dein Aug' am dumpfen Boden

Und starrt das an, was dein Gesicht bewölkt?

Was siehst du? König Heinrichs Diadem,

Verbrämt mit allen Ehren dieser Welt?[596]

Ist das, so starr' und kriech' auf deinem Antlitz,

Bis dir das Haupt davon umzirkelt ist.

Streck' aus den Arm nach dem glorreichen Gold!

Ist er zu kurz? Verlängern soll ihn meiner;

Und wenn wir zwei zusammen es gefaßt,

So heben wir das Haupt vereint zum Himmel

Und wollen unser Aug' nie so erniedern,

Noch eines Blicks den Bodenwert zu halten.

GLOSTER.

Oh, Herzens-Lene, liebst du deinen Gatten,

So bann' ehrgeiziger Gedanken Wurm!

Sei der Gedanke, wann ich meinem König,

Dem tugendhaften Heinrich, Arges sinne,

Mein letzter Hauch in dieser ird'schen Welt!

Mich macht mein ängst'ger Traum von nachts betrübt.

HERZOGIN.

Was träumte mein Gemahl? Sagt mir, ich lohn' es

Mit süßer Meldung meines Morgentraums.

GLOSTER.

Mir schien's, der Stab hier, meines Amtes Zeichen,

Ward mir zerbrochen; ich vergaß, durch wen,

Doch, wie ich denke, war's der Kardinal;

Und auf den Stücken ward dann aufgesteckt

Der Kopf von Edmund, Herzog Somerset,

Und de la Poole, dem ersten Herzog Suffolk.

Dies war mein Traum: Gott weiß, was er bedeutet.

HERZOGIN.

Ei, das war nichts als ein Beweis, daß der,

Der nur ein Reis in Glosters Lustwald bricht,

Den Kopf für seine Kühnheit soll verlieren.

Doch horch auf mich, mein Humphrey, liebster Herzog!

Mir war, ich säß' auf majestät'schem Sitz,

Im Dom zu Westminster, und auf dem Stuhl,

Wo Kön'ge man und Königinnen krönt,

Wo Heinrich und Margreta vor mir knieten

Und setzten auf mein Haupt das Diadem.

GLOSTER.

O nein, dann muß ich gradezu dich schelten,

Hochmüt'ge Frau, verzogne Leonore!

Bist du die zweite Frau im Reiche nicht

Und des Protektors Weib, geliebt von ihm?[597]

Steht weltliches Vergnügen dir nicht frei,

Mehr als dein Sinn erreichet und ermißt?

Und mußt du immer schmieden am Verrat,

Um deinen Gatten und dich selbst zu stürzen

Vom Ehrengipfel bis zum Fuß der Schmach?

Hinweg von mir, und laß mich nichts mehr hören!

HERZOGIN.

Wie, mein Gemahl? Seid Ihr mit Leonoren

So heftig, weil sie ihren Traum erzählt?

Ich will für mich die Träume schon behalten

Und nicht gescholten sein.

GLOSTER.

Nun, sei nicht zornig, ich bin wieder gut.


Ein Bote tritt auf.


BOTE.

Mylord Protektor, Seine Hoheit wünscht,

Daß Ihr zum Ritt Euch anschickt nach Sankt-Albans

Zur Falkenjagd mit Ihro Majestäten.

GLOSTER.

Ich geh'. – Komm, Lene, willst du mit uns reiten?

HERZOGIN.

Ja, bester Herr, ich folge gleich Euch nach.


Gloster und der Bote ab.


Vorangehn kann ich nicht, ich muß wohl folgen,

Solange Gloster klein und niedrig denkt.

Wär' ich ein Mann, ein Herzog, von Geblüt

Der Nächste: diese läst'gen Strauchelblöcke

Räumt' ich hinweg und ebnete mir bald

Auf den kopflosen Nacken meinen Weg;

Und selbst als Weib will ich nicht lässig sein,

Auch meine Roll' im Zug des Glücks zu spielen.

Wo seid Ihr denn, Sir John? Nicht bange, Freund!

Wir sind allein, nur du und ich sind hier.


Hume kommt hervor


HUME.

Jesus erhalte Eure Majestät!

HERZOGIN.

Was sagst du, Majestät? Ich bin nur Gnaden.

HUME.

Allein mit Gottes Gnad' und Humes Rat

Vervielfacht Euer Gnaden Titel sich[598]

HERZOGIN.

Was bringst du, Mann? Hast du dich schon besprochen

Mit Grete Jordan, der verschlagnen Hexe,

Und dem Beschwörer, Roger Bolingbroke?

Und unternehmen sie's, mir Dienst zu leisten?

HUME.

Dies haben sie gelobt, Euch einen Geist

Heraufzuholen aus der Tiefe drunten,

Der Antwort geben soll auf alle Fragen.

Die Euer Gnaden vorzulegen wünscht.

HERZOGIN.

Genug; ich will auf Fragen mich bedenken.

Sobald wir von Sankt-Albans heimgekehrt

Soll alles dieses in Erfüllung gehn.

Nimm diesen Lohn hier; mach' dich lustig, Mann,

Mit den Genossen bei der wicht'gen Sache.


Ab.


HUME.

Hume soll sich lustig machen mit dem Gold

Der Herzogin, ei ja, und wird es auch.

Doch wie nun, Sir John Hume? Versiegelt nur

Den Mund und gebt kein Wort von Euch, als: mum!

Die Sache heischt die stillste Heimlichkeit

Frau Leonore gibt mir Gold dafür,

Daß ich die Hexe zu ihr bringen soll;

Wär' sie ein Teufel, Gold kömmt immer recht.

Doch hab' ich Gold, das fliegt noch sonst wo her:

Ich darf nicht sagen, von dem reichen Kardinal

Und von dem großen neuen Herzog Suffolk,

Doch find' ich's so; denn, grad' heraus, die zwei,

Frau Leonorens hohes Trachten kennend

Erkauften mich, um sie zu untergraben

Und die Beschwörungen ihr einzublasen.

Man sagt, ein schlauer Schelm braucht keinen Mäkler,

Doch mäkl' ich Suffolk und dem Kardinal.

Hume, wenn du dich nicht hütest, fehlt nicht viel,

Du nenntest sie ein Paar von schlauen Schelmen.

Nun wohl, so steht's: und so, befürcht ich, stürzt

Humes Schelmerei zuletzt die Herzogin;

Und überweist man sie, muß Humphrey fallen.

Sei's, wie es sei, ich ziehe Gold von allen.


Ab.[599]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 596-600.
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