Siebente Szene

[665] Smithfield.


Getümmel. Von der einen Seite kommen Cade und sein Anhang; von der andern Bürger und königliche Truppen, angeführt von Matthias Gough. Sie fechten; die Bürger werden in die Flucht geschlagen, und Gough fällt.


CADE. So, Leute: nun geht und reißt das Savoyische Quartier ein; andre zu den Gerichtshöfen, nieder mit allen zusammen!

MÄRTEN. Ich habe ein Gesuch an Eure Herrlichkeit.[665]

CADE. Und wär' es eine Herrlichkeit, für das Wort soll's dir gewährt sein.

MÄRTEN. Bloß, daß die Gesetze von England aus Eurem Munde kommen mögen.

JOHANN beiseit. Sapperment, dann werden's heillose Gesetze sein, denn er ist mit einem Speer in den Mund gestochen, und das ist noch nicht heil.

SMITH beiseit. Nein, Johann, es werden stinkende Gesetze sein, denn er stinkt aus dem Munde nach geröstetem Käse.

CADE. Ich habe es bedacht, es soll so sein. Fort, verbrennt alle Urkunden des Reichs; mein Mund soll das Parlament von England sein.

JOHANN beiseit. Dann werden wir vermutlich beißende Statuten bekommen, wenn man ihm nicht die Zähne ausbricht.

CADE. Und hinfüro soll alles in Gemeinschaft sein.


Ein Bote tritt auf.


BOTE. Mylord, ein Fang! ein Fang! Hier ist der Lord Say, der die Städte in Frankreich verkauft hat; der uns einundzwanzig Funfzehnte hat bezahlen lassen und einen Schilling auf das Pfund zur letzten Kriegssteuer.


Georg Bevis kommt mit Lord Say.


CADE. Gut, er soll zehnmal dafür geköpft werden. – O Say, du sämischer, juchtener, rindslederner Lord! Nun stehst du recht als Zielscheibe unsrer königlichen Gerichtsbarkeit. Wie kannst du dich vor meiner Majestät deshalb rechtfertigen, daß du die Normandie an Musje Baisemoncu, den Dauphin von Frankreich, abgetreten hast? Kund und zu wissen sei dir hiemit durch Gegenwärtiges, namentlich durch gegenwärtigen Lord Mortimer, daß ich der Besen bin, welcher den Hof von solchem Unrat, wie du bist, rein kehren muß. Du hast höchst verräterischer Weise die Jugend des Reiches verderbet, indem du eine lateinische Schule errichtet; und da zuvor unsere Voreltern keine andern Bücher hatten als die Kreide und das Kerbholz, so hast du das Drucken aufgebracht, und hast zum Nachteil des Königs, seiner Krone und Würde, eine Papiermühle gebaut. Es wird dir ins Gesicht bewiesen werden, daß du Leute um dich hast, die[666] zu reden pflegen von Nomen und Verbum und dergleichen scheußliche Worte mehr, die kein Christenohr geduldig anhören kann. Du hast Friedensrichter angestellt, daß sie arme Leute vor sich rufen über Dinge, worauf sie nicht im stande sind zu antworten. Du hast sie ferner gefangen gesetzt, und weil sie nicht lesen konnten, hast du sie hängen lassen, da sie doch bloß aus dem Grunde am meisten verdienten zu leben. Du reitest auf einer Decke, nicht wahr?

SAY. Nun, was täte das?

CADE. Ei, du solltest dein Pferd keinen Mantel tragen lassen, derweil ehrlichere Leute als du in Wams und Hosen gehn.

MÄRTEN. Und im bloßen Hemde arbeiten obendrein; wie ich selbst zum Beispiel, der ich ein Metzger bin.

SAY. Ihr Männer von Kent, –

MÄRTEN. Was sagt Ihr von Kent?

SAY. Nichts als dies: es ist bona terra, mala gens.

CADE. Fort mit ihm! Fort mit ihm! Er spricht Latein.

SAY.

Hört nur und führt mich dann, wohin ihr wollt.

Kent heißt in dem Bericht, den Cäsar schrieb,

Der ganzen Insel freundlichstes Gebiet:

Das Land ist reich, mit Gütern wohl begabt,

Das Volk willfährig, tapfer, tätig, reich;

Was mich auf Mitleid von euch hoffen läßt.

Ich hab' nicht Maine und Normandie verkauft,

Gern kauft' ich sie zurück mit meinem Leben.

Das Recht hab' ich mit Güte stets geübt,

Mich rührten Bitten, Tränen, niemals Gaben,

Wann hab' ich was von eurer Hand erpreßt,

Zum Schutz für Kent, für König, Land und euch?

Gelahrten Männern gab ich große Summen,

Weil Buch und Schrift beim König mich befördert,

Und weil ich sah, es sei Unwissenheit

Der Fluch von Gott, und Wissenschaft der Fittig,

Womit wir in den Himmel uns erheben.

Seid ihr von Höllengeistern nicht besessen,

So könnt ihr nicht den Mord an mir begehn.

Bei fremden Kön'gen hat die Zunge hier

Für euch gesprochen, –[667]

CADE. Pah! Wann hast du irgendeinen Streich im Felde geführt?

SAY.

Der Großen Arm reicht weit: oft traf ich Menschen

Die nie mich sahn, und traf zum Tode sie.

GEORG. O die abscheuliche Memme! Die Leute hinterrücks anzufallen!

SAY. Die Wangen wacht' ich bleich in eurem Dienst.

CADE. Gebt ihm eine Ohrfeige, so werden sie schon wieder rot werden.

SAY.

Das lange Sitzen, um der armen Leute

Rechtshändel zu entscheiden, hat mich ganz

Mit Krankheit und Beschwerden angefüllt.

CADE. So sollt Ihr einen hänfnen Magentrank haben, und mit einem Beil soll man Euch helfen.

MÄRTEN. Was zitterst du, Mann?

SAY. Der Schlagfluß nötigt mich und nicht die Furcht.

CADE. Ja, er nickt uns zu, als wollte er sagen: »Ich will es mit euch aufnehmen.« Ich will sehn, ob sein Kopf auf einer Stange fester stehen wird; schafft ihn fort und köpft ihn!

SAY.

Sagt mir, worin verging ich mich am meisten?

Begehrt' ich Reichtum oder Ehre? Sprecht!

Sind meine Kisten voll erpreßten Goldes?

Und ist mein Aufzug kostbar anzuschaun?

Wen kränkt' ich, daß ihr meinen Tod so sucht?

Kein schuldlos Blut vergossen diese Hände,

Und diese Brust herbergt kein schnödes Falsch.

O laßt mich leben!

CADE. Ich fühle Mitleiden in mir mit seinen Worten, aber ich will es in Zaum halten; er soll sterben, und wär' es nur, weil er so gut für sein Leben spricht. Fort mit ihm! Er hat einen Hauskobold unter der Zunge sitzen, er spricht nicht im Namen Gottes. Geht, schafft ihn fort, sage ich, und schlagt ihm gleich den Kopf ab; und dann brecht in das Haus seines Schwiegersohnes Sir John Cromer und schlagt ihm den Kopf ab, und bringt sie beide auf zwei Stangen her!

ALLE.

Es soll geschehn.

SAY.

Ach, Landesleute! Wenn bei euren Bitten

Gott so verhärtet wäre wie ihr selbst,[668]

Wie ging' es euren abgeschiednen Seelen?

Darum erweicht euch noch und schont mein Leben!

CADE. Fort mit ihm, und tut, was ich euch befehle!


Einige ab mit Lord Say.


Der stolzeste Pair im Reich soll keinen Kopf auf den Schultern tragen, wenn er mir nicht Tribut zahlt; kein Mädchen soll sich verheiraten, ohne daß sie mir ihre Jungfernschaft bezahlt, eh' ihr Liebster sie kriegt; alle Menschen sollen unter mir in capite stehn, und ich verordne und befehle, daß ihre Weiber so frei sein sollen, als das Herz wünschen oder die Zunge sagen kann.

MÄRTEN. Mylord, wann sollen wir nach Cheapside gehn und mit unsern Hellebarden halbpart machen?

CADE. Ei, sogleich!

ALLE. O herrlich!


Es kommen Rebellen zurück mit den Köpfen des Lord Say und seines Schwiegersohnes.


CADE. Aber ist dies nicht noch herrlicher? – Laßt sie einander küssen, denn sie sind sich bei Lebzeiten zugetan gewesen. Nun haltet sie wieder aus einander, damit sie nicht ratschlagen, wie sie noch mehr französische Städte übergeben wollen. Soldaten, schiebt die Plünderung der Stadt auf bis nachts, denn wir wollen durch die Straßen reiten und diese Köpfe wie Szepter vor uns hertragen lassen, und an jeder Ecke sollen sie sich küssen. Fort!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 665-669.
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