Vierte Szene

[662] London. Ein Zimmer im Palast.


König Heinrich, der eine Supplik liest; der Herzog von Buckingham und Lord Say neben ihm; in der Entfernung Königin Margareta, die über Suffolks Kopf trauert.


KÖNIGIN.

Oft hört' ich, Gram erweiche das Gemüt,

Er mach' es zaghaft und entart' es ganz:

Drum denk' auf Rache und laß ab vom Weinen.

Doch wer ließ' ab vom Weinen, der dies sieht?

Hier liegt sein Haupt an meiner schwell'nden Brust:

Wo ist der Leib, den ich umarmen sollte?

BUCKINGHAM.

Welche Antwort erteilt Eure Hoheit auf die Supplik der Rebellen?

KÖNIG HEINRICH.

Ich send' als Mittler einen frommen Bischof.

Verhüte Gott, daß so viel arme Seelen

Umkommen durch das Schwert! Ich selber will,

Eh' sie der blut'ge Krieg vertilgen soll,

Mit ihrem General, Hans Cade, handeln.

Doch still, ich will's noch einmal überlesen.

KÖNIGIN.

Ah, die Barbaren! Hat dies holde Antlitz

Mich wie ein wandelnder Planet beherrscht?[662]

Und konnt' es nicht die nöt'gen, einzuhalten,

Die nicht verdienten, nur es anzuschaun?

KÖNIG HEINRICH.

Lord Say, Hans Cade schwört, er will nicht ruhn,

Als bis er Euren Kopf in Händen hat.

SAY.

Ja, doch ich hoffe, Eure Hoheit wird

Bald seinen haben.

KÖNIG HEINRICH.

Nun, Gemahlin! Wie?

Wehklagend stets und traurend um Suffolks Tod?

Ich fürchte, Herz, wenn ich gestorben wär',

Du hättest nicht so sehr um mich getrauert.

KÖNIGIN.

Nein, mein Herz, ich trau'rte nicht, ich stürb' um dich.


Ein Bote tritt auf.


KÖNIG HEINRICH.

Nun dann, was gibt's? Was kommst du so in Eil'?

BOTE.

Die Meuter sind in Southwark: flieht, mein Fürst!

Hans Cade erklärt sich für Lord Mortimer,

Vom Haus des Herzogs Clarence abgestammt,

Nennt öffentlich Eu'r Gnaden Usurpator

Und schwört, in Westminster sich selbst zu krönen.

Ein abgelumpter Haufen ist sein Heer

Von Bauersknechten, roh und unbarmherzig;

Sir Humphrey Staffords Tod und seines Bruders

Gab ihnen Herz und Mut, es fortzutreiben;

Gelehrte, Rechtsverständ'ge, Hof und Adel

Wird falsch Gezücht gescholten und zum Tod verdammt.

KÖNIG HEINRICH.

O ruchlos Volk! Es weiß nicht, was es tut.

BUCKINGHAM.

Mein gnäd'ger Herr, zieht Euch nach Kenelworth,

Bis man ein Heer versammelt, sie zu schlagen.

KÖNIGIN.

Ach, lebte Herzog Suffolk nun, wie bald

Wär' diese kent'sche Meuterei gestillt!

KÖNIG HEINRICH.

Lord Say, dich haßt die Rotte:

Deswegen fort mit uns nach Kenelworth!

SAY.

Das könnte meines Herrn Person gefährden,

Mein Anblick ist in ihrem Aug' verhaßt;

Und darum will ich in der Stadt nur bleiben

Und hier so heimlich, wie ich kann, es treiben.


Ein andrer Bote tritt auf.[663]

ZWEITER BOTE.

Hans Cade ist Meister von der London-Brücke,

Die Bürger fliehn vor ihm aus ihren Häusern;

Das schlechte Volk, nach Beute dürstend, tritt

Dem Frevler bei: so schwören sie, die Stadt

Und Euren königlichen Hof zu plündern.

BUCKINGHAM.

Dann zaudert nicht, mein Fürst! Zu Pferde, fort!

KÖNIG HEINRICH.

Margreta, komm! Gott, unsre Hoffnung, hilft uns.

KÖNIGIN.

Da Suffolk starb, ist meine Hoffnung hin.

KÖNIG HEINRICH zum Lord Say.

Lebt wohl, Mylord! Traut nicht den kent'schen Meutern!

BUCKINGHAM.

Traut keinem, aus Besorgnis vor Verrat!

SAY.

Auf meine Unschuld gründ' ich mein Vertraun,

Und darum bin ich kühn und unverzagt.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 662-664.
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