Erste Szene

[610] Sankt-Albans.


König Heinrich, Königin Margareta, Gloster, der Kardinal und Suffolk treten auf, mit Falkenieren, die ein Jagdgeschrei machen.


KÖNIGIN.

Ja, glaubt mir, Lords, zu einem Wasserflug

Gab's keine beßre Jagd seit langen Jahren.

Allein, verzeiht, der Wind war ziemlich stark,

Und zehn war's gegen eins, ob Hans nur stiege.

KÖNIG HEINRICH.

Doch welchen Schuß, Mylord, Eu'r Falke tat,

Und wie er über alle flog hinaus!

Wie Gott doch wirkt in seinen Kreaturen!

Ja, Mensch und Vogelschwingen gern sich hoch.

SUFFOLK.

Kein Wunder, mit Eu'r Majestät Erlaubnis,

Daß des Protektors Falken trefflich steigen:

Sie wissen wohl, Ihr Herr ist gern hoch oben

Und denkt hinaus weit über ihren Flug.

GLOSTER.

Mylord, ein niedrig schlecht Gemüt nur strebt

Nicht höher an, als sich ein Vogel schwingt.

KARDINAL.

Ich dacht' es wohl, er will bis in die Wolken.

GLOSTER.

Ja, Mylord Kardinal! Was meint Ihr? Wär's nicht gut,

Eu'r Gnaden könnte in den Himmel fliegen?

KÖNIG HEINRICH.

Den reichen Schoß der ew'gen Herrlichkeit!

KARDINAL.

Dein Himmel ist auf Erden; Aug' und Sinn

Gehn auf die Krone, deines Herzens Schatz.

Gefährlicher Protektor! Schlimmer Pair,

Der Land und König gleisnerisch berückt![610]

GLOSTER.

Wie, Kardinal? Vermißt sich Euer Priestertum?

Tantaene animis caelestibus irae?

Ein Pfaff so hitzig? Bergt den Groll, mein Ohm!

Bei der Frömmigkeit, wie könnt Ihr?

SUFFOLK.

Kein Groll da, Herr; nicht mehr, als wohl sich ziemt

Für solchen guten Streit und schlechten Pair.

GLOSTER.

Als wer, Mylord?

SUFFOLK.

Nun, als Ihr, Mylord;

Mit Euer Lord-Protektorschaft Erlaubnis.

GLOSTER.

Ja, Suffolk, England kennt schon deinen Trotz.

KÖNIGIN.

Und deinen Ehrgeiz, Gloster.

KÖNIG HEINRICH.

Bitte, Liebste,

Sei still und reiz' nicht diese heft'gen Pairs;

Gesegnet, die auf Erden Frieden stiften.

KARDINAL.

Mein sei der Segen, wenn ich Frieden stifte

Mit meinem Schwert hier wider den Protektor!

GLOSTER beiseit zum Kardinal.

Traun, frommer Ohm, ich wollt', es käm' dahin!

KARDINAL beiseit.

Hast du das Herz, nun gut!

GLOSTER beiseit.

Versammle keine Rotten für die Sache,

Dein eigner Leib steh' für den Unglimpf ein.

KARDINAL beiseit.

Ja, wo du dich nicht blicken läßt; und wagst du's,

Heut abend, an des Wäldchens Morgenseite.

KÖNIG HEINRICH.

Was gibt's, ihr Herrn?

KARDINAL.

Glaubt mir, mein Vetter Gloster,

Barg Euer Knecht den Vogel nicht so schnell,

So gab's mehr Jagd noch. –


Beiseit.


Du bringst dein doppelt Schwert?

GLOSTER.

Gut, Oheim.

KARDINAL beiseit.

Ihr wißt Bescheid? Des Wäldchens Morgenseite?

GLOSTER beiseit.

Kardinal, ich treff' Euch an.

KÖNIG HEINRICH.

Nun, Oheim Gloster?

GLOSTER.

Vom Beizen ein Gespräch; sonst nichts, mein Fürst. –


Beiseit.


Bei der Mutter Gottes, Pfaff', ich schere dir die Platte,

Sonst gilt mein Fechten nichts.[611]

KARDINAL beiseit.

Medice, te ipsum!

Protektor, sieh dich vor! Beschütz' dich selbst!

KÖNIG HEINRICH.

Der Wind wird stürmisch, Lords, wie euer Mut.

Wie widert meinem Herzen die Musik!

Wie wäre Harmonie zu hoffen da,

Wo solche Saiten einen Mißlaut machen?

Ich bitte, Lords, laßt diesen Zwist mich schlichten.


Ein Einwohner von Sankt-Albans kommt und schreit: »Ein Wunder!«


GLOSTER.

Was soll der Lärm?

Gesell, was für ein Wunder rufst du aus?

EINWOHNER.

Ein Wunder! Ein Wunder!

SUFFOLK.

Komm vor den König und erzähl' das Wunder.

EINWOHNER.

Ein Blinder, denkt, hat vor Sankt-Albans Schrein

In dieser Stunde sein Gesicht erlangt;

Ein Mann, der lebenslang nicht konnte sehn.

KÖNIG HEINRICH.

Gott sei gelobt, der gläub'gen Seelen Licht

Im Finstern gibt und in Verzweiflung Trost!


Der Schulz von Sankt-Albans und seine Bruder kommen; Simpcox wird von zwei Personen auf einem Sessel getragen, seine Frau und ein großer Haufe Volks folgt ihnen nach.


KARDINAL.

Da kommt die Bürgerschaft in Prozession,

Den Mann bei Eurer Hoheit vorzustellen.

KÖNIG HEINRICH.

Groß ist sein Trost in diesem Erdental,

Vervielfacht sein Gesicht schon seine Sünden.

GLOSTER.

Zurück, ihr Leute! Bringt ihn vor den König,

Seine Majestät geruht mit ihm zu reden.

KÖNIG HEINRICH.

Erzähl' uns hier den Hergang, guter Mensch,

Daß Gott für dich von uns verherrlicht werde.

Sag, warst du lange blind und bist geheilt?

SIMPCOX.

Blind geboren, verzeihn Euer Gnaden.

FRAU.

Ja, fürwahr, das ist er.

SUFFOLK.

Was ist dies für ein Weib?

FRAU.

Seine Frau, mit Euer Hochedlen Erlaubnis.

GLOSTER.

Wärst du seine Mutter, du könntest besser zeugen.

KÖNIG HEINRICH.

Was ist denn dein Geburtsort?[612]

SIMPCOX.

Berwick im Norden Herr, mit Eurer Gunst.

KÖNIG HEINRICH.

Viel Güt' erwies dir Gott, du arme Seele!

Laß Tag und Nacht fortan geheiligt sein,

Und stets bedenke, was der Herr getan.

KÖNIGIN.

Sag, guter Mensch, kamst du durch Zufall her

Oder aus Andacht zu dem heil'gen Schrein?

SIMPCOX.

Gott weiß, aus bloßer Andacht; denn mich rief

Der gute Sankt Albanus hundertmal

Im Schlaf und öfter; »Simpcox«, sagt' er, »komm!

Komm, bet' an meinem Schrein! Ich will dir helfen.«

FRAU.

Wahrhaftig wahr, und manches liebe Mal

Hört' ich von solcher Stimme selbst ihn rufen.

KARDINAL.

Wie, bist du lahm?

SIMPCOX.

Ja, helf' mir der allmächt'ge Gott!

SUFFOLK.

Wie wurdest du's?

SIMPCOX.

Ein Fall von einem Baum.

FRAU.

Ein Pflaumenbaum war's, Herr.

GLOSTER.

Wie lange bist du blind?

SIMPCOX.

Oh, so geboren, Herr.

GLOSTER.

Was, und du klettertest auf einen Baum?

SIMPCOX.

Mein Lebtag' nur auf den, als ein junger Mensch.

FRAU.

Ja wohl, und mußte schwer sein Klettern zahlen.

GLOSTER.

Traun, mochtest Pflaumen gern, dich so zu wagen.

SIMPCOX.

Ach, Herr, mein Weib verlangte ein paar Zwetschen

Und ließ mich klettern mit Gefahr des Lebens.

GLOSTER.

Ein feiner Schelm! Doch soll es ihm nichts helfen.

Laß mich deine Augen sehn: drück' zu, – mach' auf, –

Nach meiner Meinung siehst du noch nicht recht.

SIMPCOX.

Ja, Herr, klar wie der Tag; ich dank's Gott und Sankt Alban!

GLOSTER.

Ei so! Von welcher Farb' ist dieser Mantel?

SIMPCOX.

Rot, Herre, rot wie Blut.

GLOSTER.

Ganz recht. Von welcher Farbe ist mein Rock?

SIMPCOX.

Schwarz, mein' Treu; kohlschwarz wie Ebenholz.

KÖNIG HEINRICH.

Du weißt also, wie Ebenholz gefärbt ist?

SUFFOLK.

Doch, denk' ich, sah er nie kein Ebenholz.

GLOSTER.

Doch Röck' und Mäntel schon vor heut in Menge.

FRAU.

Niemals vor heute, all sein Lebenlang.[613]

GLOSTER.

Sag mir, Kerl, wie ist mein Name?

SIMPCOX.

Ach, Herr, ich weiß nicht.

GLOSTER.

Wie ist sein Name?

SIMPCOX.

Ich weiß nicht.

GLOSTER.

Auch seinen nicht?

SIMPCOX.

Nein, fürwahr, Herr.

GLOSTER.

Wie ist dein eigner Name?

SIMPCOX.

Sander Simpcox, zu Eurem Befehle, Herr.

GLOSTER.

So sitz' da, Sander, der verlogenste Schelm

Der Christenheit. Denn wärst du blind geboren,

Du hätt'st all unsre Namen wissen können

So gut, als so die Farben nennen, die

Wir tragen. Das Gesicht kann Farben unterscheiden,

Doch alle zu benennen auf einmal,

Das ist unmöglich.

Mylords, Sankt Alban hat ein Wunder hier getan;

Und hieltet ihr's nicht für eine große Kunst,

Die diesem Krüppel wieder auf die Beine hülf?

SIMPCOX.

O Herr, wenn Ihr das könntet!

GLOSTER. Ihr Leute von Sankt Albans, habt ihr nicht Büttel in eurer Stadt und Dinger, die man Peitschen heißt?

SCHULZ. Ja, Mylord, zu Euer Gnaden Befehl.

GLOSTER. So laßt unverzüglich einen holen.

SCHULZ. He, Bursch! Geh, hol' sogleich den Büttel her!


Einer aus dem Gefolge ab.


GLOSTER. Nun holt mir geschwind einen Schemel hieher.


Es wird ein Schemel gebracht.


Nun, Kerl, wenn Ihr ohne Peitschen davonkommen wollt, so springt mir über den Schemel und lauft davon.

SIMPCOX. Ach, Herr, ich bin nicht imstande, allein zu stehen: Ihr geht damit um, mich vergeblich zu plagen.


Der Abgeschickte kommt zurück mit dem Büttel.


GLOSTER. Nun, wir müssen Euch an Eure Beine helfen. He, Büttel, peitsch' ihn, bis er über den Schemel springt.

BÜTTEL. Das will ich, gnädiger Herr. – Komm, Kerl, geschwind mit deinem Wams herunter![614]

SIMPCOX. Ach, Herr, was soll ich tun? Ich bin nicht imstande zu stehen. Nachdem ihn der Büttel einmal geschlagen hat, springt er über den Schemel und läuft davon; und das Volk läuft nach und schreit: »Ein Wunder!«

KÖNIG HEINRICH. O Gott, du siehst dies und erträgst so lange?

KÖNIGIN. Ich mußte lachen, wie der Bube lief.

GLOSTER. Dem Schelm setzt nach und nehmt die Metze fort!

FRAU. Ach, Herr, wir taten's aus bloßer Not.

GLOSTER. Laßt sie durch alle Marktplätze peitschen, bis sie nach Berwick kommen, wo sie her sind.


Der Schulz, Büttel, Frau usw. ab.

KARDINAL.

Ein Wunder ist Herzog Humphrey heut gelungen.

SUFFOLK.

Ja wohl, der Lahme läuft und ist entsprungen.

GLOSTER.

Wohl größre Wunder tatet Ihr als dies,

Der ganze Städt' auf einmal springen ließ.


Buckingham tritt auf.


KÖNIG HEINRICH.

Was bringt uns Neues Vetter Buckingham?

BUCKINGHAM.

Was Euch mein Herz zu offenbaren bebt.

Ein Haufe Menschen von verworfnem Wandel

Hat unterm Schutze und im Einverständnis

Frau Leonorens, des Protektors Gattin,

Der Rädelsführerin der ganzen Rotte,

Gefährlich wider Euch es angelegt,

Zu Hexen und zu Zauberern sich haltend.

Wir haben sie ergriffen auf der Tat,

Da sie von drunten böse Geister riefen,

Nach König Heinrichs Tod und Leben fragend,

So wie nach andern vom geheimen Rat,

Wie Eure Hoheit soll des weitern wissen.

KARDINAL beiseit zu Gloster.

Und auf die Art, Mylord Protektor, muß

Sich die Gemahlin jetzt in London stellen.

Dies, denk' ich, wendet Eures Degens Spitze;

Vermutlich haltet Ihr die Stunde nicht.

GLOSTER.

Ehrgeiz'ger Pfaff'! Laß ab, mein Herz zu kränken:

All meine Kraft hat Gram und Leid bewältigt;[615]

Und wie ich bin bewältigt, weich' ich dir

Und dem geringsten Knecht.

KÖNIG HEINRICH.

O Gott, welch Unheil stiften doch die Bösen

Und häufen so Verwirrung auf ihr eignes Haupt!

KÖNIGIN.

Gloster, da schau den Flecken deines Nestes;

Sieh, ob du rein bist, sorge für dein Bestes.

GLOSTER.

Ich weiß, daß mir der Himmel Zeugnis gibt,

Wie ich den König und den Staat geliebt.

Mit meinem Weib, ich weiß nicht, wie's da steht;

Es tut mir leid zu hören, was ich hörte:

Sie ist von edlem Sinn, doch wenn sie Ehre

Vergaß und Tugend und mit Volk verkehrte,

Das, so wie Pech, befleckt ein adlig Haus,

So stoß' ich sie von Bett und Umgang aus,

Und sei sie dem Gesetz, der Schmach verpfändet,

Die Glosters reinen Namen so geschändet.

KÖNIG HEINRICH.

Nun gut, wir wollen diese Nacht hier ruhn,

Nach London morgen wiederum zurück,

Um dieser Sache auf den Grund zu sehn

Und Rechenschaft den Frevlern abzufodern;

Daß Recht den Fall in gleichen Schalen wäge,

So nimmer wankt und sieget allewege.


Trompetenstoß. Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 610-616.
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