Zweite Szene

[616] London. Garten des Herzogs von York.


York, Salisbury und Warwick treten auf.


YORK.

Nun, werte Lords von Salisbury und Warwick,

Nach unserm schlichten Mahl erlaubet mir,

In diesem Laubengang mir g'nugzutun,

Euch fragend, was ihr meint von meinem Anspruch

An Englands Krone, der untrüglich ist.

SALISBURY.

Mylord, ich wünsch' ausführlich es zu hören.

WARWICK.

Sprich, lieber York; und ist dein Anspruch gut,

So kannst du schalten mit der Nevils Dienst.[616]

YORK.

Dann so:

Eduard der Dritte hatte sieben Söhne;

Erst Eduard Prinz von Wales, der Schwarze Prinz;

Der zweite, William Hatfield; und der dritte,

Lionel, Herzog Clarence; dem zunächst

Kam John von Gaunt, der Herzog Lancaster;

Der fünfte, Edmund Langley, Herzog York;

Der sechste, Thomas von Woodstock, Herzog Gloster;

William von Windsor war der siebt' und letzte.

Eduard, der Schwarze Prinz, starb vor dem Vater

Und ließ als einz'gen Sohn den Richard nach,

Der nach Eduard des Dritten Tod regierte;

Bis Heinrich Bolingbroke, Herzog Lancaster,

Der ältste Sohn und Erbe Johns von Gaunt,

Der als der vierte Heinrich ward gekrönt,

Das Reich bewältigt, den rechtmäß'gen König

Entsetzt und seine arme Königin

Nach Frankreich fortgesandt, woher sie kam,

Und ihn nach Pomfret: wo der gute Richard,

Wie jeder weiß, verrät'risch ward ermordet.

WARWICK.

Vater, der Herzog redet wahr;

So kam das Haus von Lancaster zur Krone.

YORK.

Die nun sie durch Gewalt, nicht Recht, behaupten:

Nach Richards Tod, des ersten Sohnes Erben,

War an der Reih' des nächsten Sohns Geschlecht.

SALISBURY.

Doch William Hatfield starb ohn' einen Erben.

YORK.

Der dritte, Herzog Clarence, von des Stamm

Entsprossen ich die Krone heische, hatte

Nachkommenschaft: Philippa, eine Tochter,

Vermählt mit Edmund Mortimer, Graf von March.

Edmund erzeugte Roger, Graf von March,

Roger erzeugte Edmund, Anna und Lenore.

SALISBURY.

Der Edmund machte, unter Bolingbroke,

Wie ich gelesen, Anspruch an die Krone;

Und wo's nicht Owen Glendower getan,

So wär' er König worden: denn der hielt

Ihn in Gefangenschaft bis an den Tod.

Doch weiter![617]

YORK.

Seine ältste Schwester Anna

Und meine Mutter, als der Krone Erbin,

Heiratete Richard, Graf von Cambridge, Sohn

Von Edmund Langley, fünftem Sohn Eduard des Dritten.

Auf sie bau' ich den Anspruch: sie war Erbin

Von Roger, Graf von March; der war der Sohn

Von Edmund Mortimer, der Philippen hatte,

Die einz'ge Tochter Lionels von Clarence.

So, wenn des ältern Sohns Nachkommenschaft

Vor der des jüngern vorgeht, bin ich König.

WARWICK.

Das Klarste kann nicht klarer sein als dies.

Heinrich besitzt den Thron von John von Gaunt,

Dem vierten Sohn; York heischt ihn von dem dritten

Bis Lionels Geschlecht erloschen, sollte

Seins nicht regieren; es erlosch noch nicht,

Es blüht vielmehr in dir und deinen Söhnen,

Den schönen Sprößlingen von solchem Stamm.

Drum, Vater Salisbury, laß beid' uns knien

Und hier am stillen Ort die ersten sein,

Die unsern echten Oberherrn begrüßen

Mit Ehren des Geburtsrechts an den Thron.

BEIDE.

Lang' lebe König Richard, unser Herr!

YORK.

Wir danken euch. Doch, Lords, ich bin nicht König,

Bis ich gekrönt bin und mein Schwert sich färbte

Mit Herzblut von dem Hause Lancaster;

Und das ist übereilt nicht auszuführen,

Mit Klugheit nur und stiller Heimlichkeit.

Tut ihr wie ich in diesen schlimmen Tagen:

Seid blind für Herzog Suffolks Übermut,

Für Beauforts Stolz, die Ehrsucht Somersets,

Für Buckingham und ihre ganze Schar;

Bis sie der Herde Schäfer erst verstrickt,

Den tugendhaften Prinzen, Herzog Humphrey.

Das suchen sie und finden, dieses suchend,

Den eignen Tod, weiß York zu prophezein.

SALISBURY.

Mylord, genug! Wir sind nun unterrichtet.

WARWICK.

Mein Herz beteuert mir, der Graf von Warwick

Macht Herzog York zum König eines Tags.[618]

YORK.

Und, Nevil, dies beteur' ich selber mir:

Richard erlebt's und macht den Graf von Warwick

Zum größten Mann in England, nach dem König.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 616-619.
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