Siebente Szene

[83] Der Garten der Abtei Swinstead.


Prinz Heinrich, Salisbury, Bigot und andre treten auf.


PRINZ HEINRICH.

Es ist zu spät, das Leben seines Bluts

Ist tödlich angesteckt, und sein Gehirn,

Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren,

Sagt uns durch seine eitlen Grübelei'n

Das Ende seiner Sterblichkeit vorher.


Pembroke tritt auf.[83]


PEMBROKE.

Der König spricht noch, und er hegt den Glauben,

Daß, wenn man an die freie Luft ihn brächte,

So lindert' es die brennende Gewalt

Des scharfen Giftes, welches ihn bestürmt.

PRINZ HEINRICH.

So laßt ihn bringen in den Garten hier!


Bigot ab.


Rast er noch immer?

PEMBROKE.

Er ist ruhiger,

Als da Ihr ihn verließt; jetzt eben sang er.

PRINZ HEINRICH.

O Wahn der Krankheit! Wildeste Zerrüttung,

Wenn sie beharret, fühlt sich selbst nicht mehr.

Der Tod, wenn er die äußern Teil' erbeutet,

Verläßt sie unsichtbar; sein Sitz ist nun

Nach dem Gemüt zu, das er sticht und quält

Mit Legionen seltner Phantaseien,

Die sich im Drang um diesen letzten Halt

Verwirren. Seltsam, daß der Tod noch singt! –

Ich bin das Schwänlein dieses bleichen Schwans,

Der Klage-Hymnen tönt dem eignen Tod

Und aus der Orgelpfeife seiner Schwäche

Zu ew'ger Ruhe Leib und Seele singt.

SALISBURY.

Seid gutes Mutes, Prinz; Ihr seid geboren,

Um Bildung dem vcrworrnen Stoff zu geben,

Den er so roh und so gestaltlos ließ.


Bigot kommt zurük mit Begleitern.


Die den König Johann auf einem Stuhle hereintragen.


KÖNIG JOHANN.

Ah, nun schöpft meine Seele freie Luft!

Sie wollt' aus Tür noch Fenster nicht hinaus.

So heißer Sommer ist in meinem Busen,

Daß er mein Eingeweid' in Staub zermalmt.

Ich bin ein hingekritzelt Bild, gezeichnet

Auf einem Pergament; vor diesem Feuer

Verschrumpf' ich.

PRINZ HEINRICH.

Was macht Eure Majestät?

KÖNIG JOHANN.

Gift, – übel, – tot, verlassen, ausgestoßen;

Und keiner will den Winter kommen heißen,[84]

Die eis'ge Hand mir in den Leib zu stecken,

Noch mir die Ströme meines Reiches leiten

In den verbrannten Busen, noch den Nord

Bewegen, daß er seine scharfen Winde

Mir küssen lasse die gesprungnen Lippen

Und mich mit Kälte labe; – wenig bitt' ich,

Nur kalten Trost; und doch seid ihr so karg

Und undankbar, daß ihr mir das versagt.

PRINZ HEINRICH.

O wär' doch eine Kraft in meinen Tränen,

Die Euch erquickte!

KÖNIG JOHANN.

Das Salz in ihnen brennt.

In mir ist eine Hölle, und das Gift

Ist eingesperrt da, wie ein böser Feind,

Um rettungslos verdammtes Blut zu quälen.


Der Bastard kommt.


BASTARD.

Oh, ich bin siedend, von dem hast'gen Lauf

Und Eilen, Eure Majestät zu sehn!

KÖNIG JOHANN.

O Vetter, du kommst her, mein Aug' zu schließen!

Verbrannt ist meines Herzens Takelwerk,

Und alle Tau' an meines Lebens Segeln

Sind nur ein Faden, nur ein dünnes Haar;

Mein Herz hängt noch an einer armen Schnur,

Die kaum wird halten während deiner Zeitung;

Dann ist, was du hier siehst, nichts als ein Erdkloß

Und Abbild des zerstörten Königtums.

BASTARD.

Der Dauphin rüstet sich zum Zug hieher,

Wo wir ihn, Gott weiß wie, empfangen werden.

Denn meiner Truppen beste Hälfte ward,

Als ich zurückzog, sichern Stand zu fassen,

In einer Nacht, ganz plötzlich, in den Lachen

Verschlungen von der unverseh'nen Flut.


Der König stirbt.


SALISBURY.

Ihr sagt die tote Nachricht toten Ohren. –

Mein Fürst! Mein Herr! – Kaum König noch, – nun so![85]

PRINZ HEINRICH.

So muß auch meine Bahn sein, so mein Ziel.

Wo ist denn auf die Welt Verlaß und Glaube,

Wenn, was ein König war, so wird zu Staube?

BASTARD.

Bist du dahin? Ich bleibe nur zurück,

Für dich den Dienst der Rache zu verrichten,

Dann soll dir meine Seel' im Himmel folgen,

Wie sie auf Erden immer dir gedient. –

Nun, Sterne, die ihr rollt in eignen Sphären,

Wo ist eu'r Einfluß? Zeigt nun beßre Treu',

Und augenblicklich kehrt mit mir zurück,

Zerstörung und beständ'ge Schmach zu stoßen

Aus des erschlafften Landes schwachem Tor!

Stracks laßt uns suchen, daß man uns nicht sucht;

Der Dauphin wütet schon an unsern Fersen.

SALISBURY.

So scheint es, Ihr wißt weniger als wir:

Der Kardinal Pandulpho rastet drinnen,

Er kam vom Dauphin vor der halben Stunde

Und bringt von ihm Vorschläge zu dem Frieden,

Die wir mit Ehr' und Anstand eingehn dürfen,

Mit Absicht, gleich von diesem Krieg zu lassen.

BASTARD.

Er tut es um so eher, wenn er sieht,

Daß wir zur Gegenwehr uns wohl gestärkt.

SALISBURY.

Ja, ein'germaßen ist es schon getan,

Denn viele Wagen hat er weggesandt

Zur Küste hin, und seinen Zwist und Handel

Dem Kardinal zu schlichten überlassen;

Mit welchem Ihr, ich und die andern Herrn,

Wenn es Euch gut dünkt, diesen Nachmittag

Zu des Geschäfts Vollendung reisen wollen.

BASTARD.

So mag es sein, und Ihr, mein edler Prinz,

Mit andern Herrn, die dort entbehrlich sind,

Besorget das Begängnis Eures Vaters!

PRINZ HEINRICH.

Zu Worcester muß sein Leib beerdigt werden,

Denn so verlangt' er's.

BASTARD.

Dahin soll er denn!

Und glücklich lege Euer holdes Selbst

Des Lands ererbten Staat und Hoheit an,

Dem ich in aller Demut, auf den Knie'n,[86]

Zu eigen gebe meinen treuen Dienst

Und Unterwürfigkeit für ew'ge Zeiten.

SALISBURY.

Wir tun ein gleich Erbieten unsrer Liebe,

Daß immerdar sie ohne Flecken sei.

PRINZ HEINRICH.

Ich hab' ein freundlich Herz, das gern Euch dankte

Und es nicht weiß zu tun als nur mit Tränen.

BASTARD.

Laßt uns der Zeit das nöt'ge Weh nur zahlen,

Weil sie vorausgeeilt ist unserm Gram. –

Dies England lag noch nie und wird auch nie

Zu eines Siegers stolzen Füßen liegen,

Als wenn es erst sich selbst verwunden half.

Nun seine Großen heimgekommen sind,

So rüste sich die Welt an dreien Enden,

Wir trotzen ihr: nichts bringt uns Not und Reu',

Bleibt England nur sich selber immer treu.


Alle ab.[87]

Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
König Johann
King John / König Johann: Englisch-deutsche Studienausgabe (Engl. / Dt.) Englischer Originaltext und deutsche Prosaübersetzung
William Shakespeare's Dramatische Werke: König Johann (German Edition)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Anders als in seinen früheren, naturalistischen Stücken, widmet sich Schnitzler in seinem einsamen Weg dem sozialpsychologischen Problem menschlicher Kommunikation. Die Schicksale der Familie des Kunstprofessors Wegrat, des alten Malers Julian Fichtner und des sterbenskranken Dichters Stephan von Sala sind in Wien um 1900 tragisch miteinander verwoben und enden schließlich alle in der Einsamkeit.

70 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon