Vierte Szene

[79] Ein andrer Teil des Schlachtfeldes.


Salisbury, Pembroke, Bigot und andre treten auf


SALISBURY.

Ich hielt den König nicht so reich an Freunden.

PEMBROKE.

Noch einmal auf! Ermutigt die Franzosen!

Mißglückt es ihnen, so mißglückt es uns.

SALISBURY.

Der mißgeborne Teufel, Faulconbridge

Trotz allem Trotz, hält er die Schlacht allein.

PEMBROKE.

Es heißt, der König räumte krank das Feld.


Melun kommt, verwundet und von Soldaten geführt.


MELUN.

Führt mich zu den Rebellen Englands hier!

SALISBURY.

In unserm Glück gab man uns andre Namen.

PEMBROKE.

Es ist Graf Melun.

SALISBURY.

Auf den Tod verwundet.

MELUN.

Flieht, edle Englische, ihr seid verkauft;

Entfädelt der Empörung rauhes Öhr

Und neu bewillkommt die entlaßne Treu'![79]

Sucht euren König auf, fallt ihm zu Füßen:

Denn wird der Dauphin Herr des schwülen Tags,

So denkt er euch genommne Müh' zu lohnen,

Indem er euch enthauptet; er beschwor's,

Und ich mit ihm, und viele mehr mit mir

Auf dem Altare zu Sankt Edmunds-Bury,

Auf eben dem Altar, wo teure Freundschaft

Und ew'ge Liebe wir euch zugeschworen.

SALISBURY.

O wär' das möglich! Sollt' es Wahrheit sein!

MELUN.

Hab' ich nicht grausen Tod im Angesicht?

Und heg' in mir nur etwas Leben noch,

Das weg mir blutet, wie ein wächsern Bild,

Am Feuer schmelzend, die Gestalt verliert?

Was in der Welt kann mich zum Trug bewegen,

Jetzt, da kein Trug Gewinn mir bringen kann?

Warum denn sollt' ich falsch sein, da ich weiß,

Daß ich hier sterb' und dort durch Wahrheit lebe?

Ich sag' es noch: ist Louis Sieger heut,

So schwur er falsch, wenn diese eure Augen

Je einen andern Tag anbrechen sehn.

Ja, diese Nacht noch, deren schwarzer Hauch

Schon dampfet um den glüh'nden Federbusch

Der alten, schwachen, tagemüden Sonne, –

Noch diese böse Nacht sollt ihr verscheiden,

Zur Buße für bedungenen Verrat,

Verräterisch gebüßt um euer Leben,

Wenn Louis unter eurem Beistand siegt.

Grüßt einen Hubert, der beim König blieb:

Die Freundschaft zwischen uns, und überdies

Die Rücksicht, daß mein Ahn aus England stammte,

Weckt mein Gewissen auf, dies zu bekennen.

Dafür, ich bitt' euch, tragt von hinnen mich,

Aus dem Getös' und Lärm des Feldes weg,

Wo ich in Frieden der Gedanken Rest

Ausdenken kann und Leib und Seele trennen

In der Betrachtung und in frommen Wünschen.

SALISBURY.

Wir glauben dir, – und strafe mich der Himmel,[80]

Gefällt mir nicht die Mien' und die Gestalt

Von dieser freundlichen Gelegenheit,

Den Weg verdammter Flucht zurückzumessen,

Wir wollen uns, gesunknen Fluten gleich,

Die Ausschweifung und irre Bahn verlassend,

Den Schranken neigen, die wir überströmt,

Und in Gehorsam ruhig gleiten hin

Zu unserm Meer, zu unserm großen König. –

Mein Arm soll helfen, dich hier wegzubringen,

Denn schon seh' ich die bittre Todesangst

In deinem Blick. – Fort, Freunde! Neue Flucht!

Neuheit ist Glück, wenn altes Recht die Frucht.


Alle ab. Melun wird weggeführt.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 79-81.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
König Johann
King John / König Johann: Englisch-deutsche Studienausgabe (Engl. / Dt.) Englischer Originaltext und deutsche Prosaübersetzung
William Shakespeare's Dramatische Werke: König Johann (German Edition)

Buchempfehlung

Stramm, August

Gedichte

Gedichte

Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

50 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon