Zweite Szene

[73] Eine Ebene bei Sankt Edmunds-Bury.


Louis, Salisbury, Melun, Pembroke, Bigot kommen in Waffen mit Soldaten.


LOUIS.

Graf Melun, laßt dies hier in Abschrift nehmen,

Und die bewahrt zum Angedenken uns;

Die Urschrift gebt Ihr diesen Herrn zurück,

Daß sie sowohl wie wir, die Schrift durchlesend,

Die unsern Bund beglaubigt, wissen mögen,

Worauf wir jetzt das Sakrament genommen

Und fest und unverletzt die Treue halten.

SALISBURY.

Wir werden unsrerseits sie nimmer brechen.

Und, edler Dauphin, schwören wir Euch schon[73]

Willfähr'gen Eifer, ungezwungne Treu'

Zu Eurem Fortschritt: dennoch glaubt mir, Prinz,

Ich bin nicht froh, daß solch Geschwür der Zeit

Ein Pflaster in verschmähtem Aufruhr sucht

Und einer Wunde eingefreßnen Schaden

Durch viele heilet: oh! es quält mein Herz,

Daß ich den Stahl muß von der Seite ziehn

Und Witwen machen; – oh! und eben da,

Wo ehrenvolle Gegenwehr und Rettung

Lautmahnend ruft den Namen Salisbury.

Allein, so groß ist der Verderb der Zeit,

Daß wir zur Pfleg' und Heilung unsers Rechts

Zu Werk nicht können gehn, als mit der Hand

Des harten Unrechts und verwirrten Übels. –

Und ist's nicht Jammer, o bedrängte Freunde!

Daß wir, die Söhn' und Kinder dieses Eilands,

Solch eine trübe Stund' erleben mußten,

Wo wir auf ihren milden Busen treten

Nach fremdem Marsch und ihrer Feinde Reih'n

Ausfüllen (ich muß abgewandt beweinen

Die Schande dieser notgedrungnen Wahl),

Den Adel eines fernen Lands zu zieren,

Zu folgen unbekannten Fahnen hier?

Wie, hier? – O Volk, daß du von hinnen könntest!

Daß dich Neptun, des Arme dich umfassen,

Wegtrüge von der Kenntnis deiner selbst

Und würfe dich auf einen Heidenstrand,

Wo diese Christenheere leiten könnten

Der Feindschaft Blut in eine Bundesader

Und nicht es so unnachbarlich vergießen!

LOUIS.

Ein edles Wesen zeigest du hierin:

Aus großen Trieben, dir im Busen ringend,

Bricht ein Erdbeben aus von Edelmut.

O welchen edlen Zweikampf hast du nicht

Gefochten zwischen Not und biedrer Rücksicht!

Laß trocknen mich den ehrenvollen Tau,

Der silbern über deine Wangen schleicht:

Es schmolz mein Herz bei Frauentränen wohl,[74]

Die doch gemeine Überschwemmung sind;

Doch dieser Tropfen männliche Ergießung,

Dies Schauer, von der Seele Sturm erregt,

Entsetzt mein Aug' und macht bestürzter mich,

Als säh' ich das gewölbte Dach des Himmels

Mit glüh'nden Meteoren ganz gestreift.

Erheb' die Stirn, berühmter Salisbury,

Und dräng' den Sturm mit großem Herzen weg:

Laß diese Wasser jenen Säuglings-Augen,

Die nie die Riesenwelt in Wut gesehn,

Noch anders als beim Fest das Glück getroffen,

Von Blut erhitzt, von Lust und Brüderschaft.

Komm, komm! denn du sollst deine Hand so tief

In des Erfolges reichen Beutel stecken

Als Louis selbst; – das, Edle, soll ein jeder,

Der seiner Sehnen Kraft an meine knüpft.


Pandulpho tritt auf mit Gefolge.


Und eben jetzt dünkt mich, ein Engel sprach:

Seht! dort erscheint der heilige Legat,

Uns Vollmacht von des Himmels Hand zu geben

Und unserm Tun zu leihn des Rechtes Namen

Durch heil'ges Wort.

PANDULPHO.

Heil, edler Prinz von Frankreich!

Dies folgt demnächst: versöhnt hat sich mit Rom

König Johann; sein Sinn hat sich gewandt,

Der so der heil'gen Kirche widerstrebte,

Der größten Hauptstadt und dem Stuhl von Rom

Drum rolle nun die droh'nden Fahnen auf

Und zähm' den wüsten Geist des wilden Krieges,

Daß, wie ein Löwe nach der Hand gezogen,

Er ruhig liege zu des Friedens Fuß

Und nur dem Ansehn nach gefährlich sei.

LOUIS.

Verzeiht, Hochwürden, ich will nicht zurück:

Ich bin zu hochgeboren, um mit mir

Zu lassen schalten, mich zu untergeben

Als ein bequemer Dienstmann, als ein Werkzeug,

An irgend eine Herrschaft in der Welt.[75]

Eu'r Odem schürte erst die toten Kohlen

Des Krieges zwischen diesem Reich und mir;

Ihr schafftet Stoff herbei, die Glut zu nähren;

Nun ist sie viel zu stark, sie auszublasen

Mit jenem schwachen Wind, der sie entflammt.

Ihr lehrtet mich, des Rechtes Antlitz kennen,

Ihr zeigtet mir Ansprüche auf dies Land,

Ja, warft dies Unternehmen in mein Herz.

Und kommt Ihr nun und sagt mir, daß Johann

Mit Rom den Frieden schloß? Was kümmert's mich?

Ich, kraft der Würde meines Ehebetts,

Begehr' als mein dies Land nach Arthurs Abgang;

Und nun ich's halb erobert, muß ich weichen,

Bloß weil Johann mit Rom den Frieden schloß?

Bin ich Roms Sklav'? Wo schaffte Rom denn Gelder,

Wo warb es Truppen, sandte Kriegsgerät,

Dies Werk zu unterstützen? Bin ich's nicht.

Der diese Bürde trägt? Wer sonst als ich

Und die, so, meinem Anspruch pflichtig, schwitzen

In diesem Handel und bestehn den Krieg?

Rief nicht dies Inselvolk: »Vive le Roi!«

Als ich vorbei an ihren Städten fuhr?

Hab' ich die besten Karten nicht zum Sieg

In diesem leichten Spiel um eine Krone?

Und gäb' ich nun den Satz auf, der schon mein ist?

Nein, nein! Auf Ehre, nie soll man das sagen.

PANDULPHO.

Ihr seht die Sache nur von außen an.

LOUIS.

Von außen oder innen, ich beharre,

Bis mein Versuch so weit verherrlicht ist,

Als meiner hohen Hoffnung ward versprochen,

Eh' ich dies wackre Kriegsheer aufgebracht

Und diese feur'gen Geister auserkoren,

Den Sieg zu überfliegen, Ruhm zu suchen

Im Rachen der Gefahr, des Todes selbst. –


Trompetenstoß.


Welch mutige Trompete mahnet uns?


Der Bastard mit Gefolge tritt auf.[76]


BASTARD.

Der Höflichkeits-Gebühr der Welt gemäß

Gebt mir Gehör: ich bin gesandt zu reden. –

Vom König komm' ich, heil'ger Herr von Mailand,

Zu hören, wie Ihr Euch für ihn verwandt;

Und wie Ihr Antwort gebt, weiß ich die Grenze

Und Vollmacht, meiner Zunge vorgezeichnet.

PANDULPHO.

Der Dauphin ist zu widersetzlich starr

Und will sich nicht auf mein Gesuch bequemen.

Er sagt: er lege nicht die Waffen nieder.

BASTARD.

Bei allem Blut, das je die Wut gehaucht,

Der junge Mann tut wohl. – Hört Englands König nun,

Denn so spricht seine Majestät durch mich:

Er ist gerüstet, und das ziemt sich auch;

Denn Eure äffisch dreiste Fahrt hieher,

Geharn'schte Mummerei und tolle Posse,

Unbärt'ge Keckheit, knabenhafte Truppen

Belacht der König, und ist wohl gerüstet,

Die Zwerges-Waffen, den Pygmäen-Krieg

Aus seiner Länder Kreise wegzupeitschen.

Die Hand, die Kraft besaß, vor Euren Türen

Euch abzuprügeln, daß Ihr sprangt ins Haus,

Wie Eimer in verborgne Brunnen tauchtet,

In Eurer Stallverschläge Lager krocht,

Wie Pfänder Euch in Kisten schloßt und Kasten,

Bei Säuen stalltet, süße Sicherheit

In Gruft und Kerker suchtet und erbebtet

Selbst vor dem Schrei'n von Eures Volkes Hahn,

Als wär' die Stimm' ein englischer Soldat; –

Soll hier die Siegerhand entkräftet sein,

Die Euch gezüchtigt hat in Euren Kammern?

Nein! Wißt, der tapfre Fürst ist in den Waffen

Und schwebt als Adler über seiner Brut,

Herabzuschießen, wenn dem Nest was naht.

Und ihr abtrünn'ge, undankbare Art,

Blutdürst'ge Neros, die den Leib zerfleischen

Der Mutter England, werdet rot vor Scham!

Denn eure eignen Frau'n und blassen Mädchen,

Wie Amazonen, trippeln nach der Trommel,[77]

Aus Fingerhüten Waffenhandschuh' machend,

Aus Nadeln Lanzen, und das sanfte Herz

Zu blutiger und wilder Regung kehrend.

LOUIS.

Dein Pochen ende hier, und scheid' in Frieden!

Wir geben's zu, du kannst uns überschelten:

Leb wohl! Wir achten unsre Zeit zu hoch,

Um sie mit solchem Prahler zu verschwenden.

PANDULPHO.

Erlaubt zu reden mir!

BASTARD.

Nein, ich will reden.

LOUIS.

Wir wollen keinen hören. Rührt die Trommel!

Des Krieges Zunge führe nun das Wort

Für unsern Anspruch und für unser Hiersein!

BASTARD.

Ja, schlagt die Trommeln, und sie werden schrein;

Ihr auch, wenn wir euch schlagen. Wecke nur

Ein Echo auf mit deiner Trommel Lärm,

Und eine Trommel ist bereit zur Hand,

Die laut, wie deine, widerschallen soll;

Rühr' eine andre, und die andre soll

So laut wie dein' ans Ohr des Himmels schmettern,

Des tiefen Donners spottend: denn schon naht,

Nicht trauend diesem hinkenden Legaten,

Den er aus Spaß viel mehr als Not gebraucht,

Der krieg'rische Johann; und auf der Stirn

Sitet ihm ein Beingeripp', des Amt es ist,

Zu Tausenden Franzosen aufzuschwelgen.

LOUIS.

Rührt unsre Trommeln, sucht denn die Gefahr!

BASTARD.

Du wirst sie finden, Dauphin, das bleibt wahr!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 73-78.
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