Dritte Szene

[833] Eine Straße.


Zwei Bürger begegnen sich.


ERSTER BÜRGER.

Guten Morgen, Nachbar! Wohin so in Eil'?

ZWEITER BÜRGER.

Ich weiß es selber kaum, beteur' ich Euch.

Ihr wißt die Neuigkeit?[833]

ERSTER BÜRGER.

Ja, daß der König tot ist.

ZWEITER BÜRGER.

Schlimme Neuigkeit,

Bei Unsrer Frauen! Selten kommt was Beßres;

Ich fürcht', ich fürcht', es geht die Welt rundum.


Ein andrer Bürger kommt.


DRITTER BÜRGER.

Gott grüß' euch, Nachbarn!

ERSTER BÜRGER.

Geb' Euch guten Tag!

DRITTER BÜRGER.

Bestätigt sich des guten Königs Tod?

ZWEITER BÜRGER.

Ja, 's ist nur allzuwahr: Gott steh' uns bei!

DRITTER BÜRGER.

Dann, Leut', erwartet eine stürm'sche Welt.

ERSTER BÜRGER.

Nein, nein! Sein Sohn herrscht nun durch Gottes Gnaden.

DRITTER BÜRGER.

Weh einem Lande, das ein Kind regiert!

ZWEITER BÜRGER.

Bei ihm ist Hoffnung auf das Regiment,

Daß in der Minderjährigkeit sein Rat

Und, wann er reif an Jahren ist, er selbst

Dann und bis dahin gut regieren werden.

ERSTER BÜRGER.

So stund der Staat auch, als der sechste Heinrich

Neun Monat alt gekrönt ward in Paris.

DRITTER BÜRGER.

Stund der Staat so? Nein, nein! Gott weiß, ihr Freunde!

Denn dieses Land war damals hoch begabt

Mit würd'ger Staatskunst; und der König hatte

Oheime voll Verdienst zur Vormundschaft.

ERSTER BÜRGER.

Die hat er auch vom Vater wie der Mutter.

DRITTER BÜRGER.

Viel besser wär's, sie wären bloß vom Vater,

Oder es wär' vom Vater ihrer keiner.

Denn Eifersucht, der Nächste nun zu sein,

Tritt uns gesamt zu nah, wenn's Gott nicht wendet.

Oh, sehr gefährlich ist der Herzog Gloster,

Der Kön'gin Söhn' und Brüder frech und stolz;

Und würden sie beherrscht und herrschten nicht,

Dies kranke Land gediehe noch wie sonst.

ERSTER BÜRGER.

Geht, geht! Wir zagen: alles wird noch gut.

DRITTER BÜRGER.

Wann Wolken ziehn, nimmt man den Mantel um,[834]

Wann Blätter fallen, ist der Winter nah;

Wer harrt der Nacht nicht, wann die Sonne sinkt?

Unzeit'ge Stürme künden Teu'rung an.

Noch kann es gut gehn: doch, wenn's Gott so lenkt,

Ist's mehr, als ich erwart' und wir verdienen.

ZWEITER BÜRGER.

Wahrlich, der Menschen Herzen sind voll Furcht:

Ihr könnt nicht reden fast mit einem Mann,

Der nicht bedenklich aussieht und voll Schrecken.

DRITTER BÜRGER.

So ist es immer vor des Wechsels Tagen.

Auf höhern Antrieb mißtraun die Gemüter

Der kommenden Gefahr; so sehn wir ja

Die Wasser schwellen vor dem wüsten Sturm.

Doch lassen wir das Gotte. Wohin geht's?

ZWEITER BÜRGER.

Die Richter haben beid' uns rufen lassen.

DRITTER BÜRGER.

Mich auch; so will ich euch Gesellschaft leisten.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 833-835.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
König Richard III.
Korol' richard 3 / Die Tragödie von König Richard III. / The Tragedy of King Richard the Third (in Russischer Sprache / Russisch / Russian / Buch / book / kniga)
König Richard III.
King Richard III / König Richard III. [Zweisprachig]
König Richard III.: Zweisprachige Ausgabe
Richard III / König Lear

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon