Fünfte Szene

[434] Belmont. Ein Garten. Lanzelot und Jessica kommen.


LANZELOT. Ja, wahrhaftig! Denn seht Ihr, die Sünden der Väter sollen an den Kindern heimgesucht werden: darum glaubt mir, ich bin besorgt für Euch. Ich ging immer grade gegen Euch heraus, und so sage ich Euch meine Deliberazion über die Sache. Also seid gutes Mutes, denn wahrhaftig, ich denke, Ihr seid verdammt. Es ist nur eine Hoffnung dabei, die Euch zu statten kommen kann, und das ist auch nur so 'ne Art von Bastardhoffnung.

JESSICA. Und welche Hoffnung ist das?

LANZELOT. Ei, Ihr könnt gewissermaßen hoffen, daß Euer Vater Euch nicht erzeugt hat, daß Ihr nicht des Juden Tochter seid.

JESSICA. Das wäre in der Tat eine Art von Bastardhoffnung: dann würden die Sünden meiner Mutter an mir heimgesucht werden.

LANZELOT. Wahrhaftig, dann fürchte ich, Ihr seid von Vaters und Mutters wegen verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle ich in die Charybdis, Eure Mutter: gut, Ihr seid auf die eine und die andre Art verloren.

JESSICA. Ich werde durch meinen Mann selig wer den: er hat mich zu einer Christin gemacht.

LANZELOT. Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon Christen genug, grade so viel, als neben einander gut bestehen konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne für Geld mehr zu haben.


Lorenzo kommt.


JESSICA. Ich will meinem Mann erzählen, was Ihr sagt. Lanzelot: hier kommt er.

LORENZO. Bald werde ich eifersüchtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine Frau so in die Ecken zieht.

JESSICA. Ihr habt nichts zu befürchten, Lorenzo; Lanzelot[434] und ich, wir sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine Gnade für mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er behauptet, daß Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid, weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des Schweinefleisches steigert.

LORENZO. Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten, als Ihr Eure Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weißer seid, Lanzelot, hättet Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen.

LANZELOT. Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weis gemacht habe: aber da das Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein.

LORENZO. Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewähren, und Gesprächigkeit bloß noch an Papageien gelobt werden. – Geht ins Haus, Bursch, sagt, daß sie zur Mahlzeit zurichten.

LANZELOT. Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Mägen.

(

LORENZO.

Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid!

Sagt also, daß sie die Mahlzeit anrichten.

LANZELOT. Das ist auch geschehen,) es fehlt nur am Decken.

LORENZO. Wollt Ihr also decken?

LANZELOT. Mich, Herr? Ich weiß besser, was sich schickt.

LORENZO. Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen Kameraden, heiß' sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen.

LANZELOT. Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei laßt Lust und Laune walten. Ab.

LORENZO.

O heilige Vernunft, was eitle Worte!

Der Narr hat ins Gedächtnis sich ein Heer

Wortspiele eingeprägt. Und kenn' ich doch

Gar manchen Narr'n an einer bessern Stelle,

So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort[435]

Die Sache preis gibt. – Wie geht's dir, Jessica?

Und nun sag deine Meinung, liebes Herz,

Wie Don Bassanios Gattin dir gefällt?

JESSICA.

Mehr als ich sagen kann. Es schickt sich wohl,

Daß Don Bassanio fromm sein Leben führe:

Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist,

Find't er des Himmels Lust auf Erden schon.

Und will er das auf Erden nicht, so wär's

Ihm recht, er käme niemals in den Himmel.

Ja, wenn zwei Götter irgend eine Wette

Des Himmels um zwei ird'sche Weiber spielten,

Und Porzia wär' die eine, tät' es not,

Noch sonst was mit der andern auf das Spiel

Zu setzen; denn die arme rohe Welt

Hat ihres Gleichen nicht.

LORENZO.

Und solchen Mann

Hast du an mir, als er an ihr ein Weib.

JESSICA.

Ei, fragt doch darum meine Meinung auch!

LORENZO.

Sogleich, doch laß uns erst zur Mahlzeit gehn!

JESSICA.

Nein, laßt mich vor der Sättigung Euch loben!

LORENZO.

Nein, bitte, spare das zum Tischgespräch:

Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern

Werd' ich's verdaun.

JESSICA.

Nun gut, ich werd' Euch anzupreisen wissen.


Ab.[436]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 434-437.
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