Zweite Szene

[628] Eine andre Gegend der Insel.


Caliban kommt mit einer Tracht Holz. Man hört in der Entfernung donnern.


CALIBAN.

Daß aller Giftqualm, den die Sonn' aufsaugt

Aus Sumpf, Moor, Pfuhl, auf Prosper fall' und mach' ihn

Siech durch und durch! Mich hören seine Geister.

Und muß doch fluchen. Zwar sie kneifen nicht,

Erschrecken mich als Igel, stecken mich

In Kot, noch führen sie wie Bränd' im Dunkeln

Mich irre, wenn er's nicht geheißen; aber

Für jeden Bettel hetzt er sie auf mich;

Wie Affen bald, die Mäuler ziehn und plärren

Und dann mich beißen; bald wie Stachelschweine,

Die, wo ich barfuß geh', sich wälzen und

Die Borsten sträuben, wenn mein Fuß auftritt;

Manchmal bin ich von Nattern ganz umwunden,

Die mit gespaltnen Zungen toll mich zischen.


Trinculo kommt.


Seht! jetzt! Hu, hu! Da kommt ein Geist von ihm,

Um mich zu plagen, weil ich's Holz nicht bringe;

Platt fall' ich hin, so merkt er wohl mich nicht.

TRINCULO. Hier ist weder Busch noch Strauch, einen nur ein bißchen vor dem Wetter zu schützen, und schon munkelt ein neues Ungewitter. Ich hör's im Winde pfeifen: die schwarze Wolke da, die große, sieht wie ein alter Schlauch aus, der sein Getränk verschütten will. Wenn es wieder so donnert wie vorher, so weiß ich nicht, wo ich unterducken soll; die Wolke da muß schlechterdings mit Mulden gießen. – Was gibt's hier? Ein Mensch oder ein Fisch? Tot oder lebendig? Ein Fisch: er riecht wie ein Fisch; 's ist ein recht ranziger und fischichter Geruch; so 'ne Art Laberdan, nicht von dem frischesten. Ein seltsamer Fisch! Wenn ich nun in England wäre, wie ich einmal gewesen bin, und hätte den Fisch nur gemalt, jeder Pfingstnarr gäbe mir dort ein Stück Silber. Da wäre ich mit dem Ungeheuer ein gemachter Mann; jedes[628] fremde Tier macht dort seinen Mann; wenn sie keinen Deut geben wollen, einem lahmen Bettler zu helfen, so wenden sie zehn dran, einen toten Indianer zu sehn. – Beine wie ein Mensch! Seine Floßfedern wie Arme! Warm, mein' Seel'! Ich lasse jetzt meine Meinung fahren und behaupte sie nicht länger: es ist kein Fisch, sondern einer von der Insel, den ein Donnerkeil eben erschlagen hat. Donner. O weh! das Ungewitter ist wieder heraufgekommen: das beste ist, ich krieche unter seinen Mantel, es gibt hier herum kein andres Obdach. Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen; ich will mich hier einwickeln, bis die Grundsuppe des Gewitters vorüber ist.


Stephano kommt singend, eine Flasche in der Hand.


STEPHANO.

Ich geh' nicht mehr zur See, zur See,

Hier sterb' ich auf dem Land. –


Das ist eine lausige Melodie, gut bei einer Beerdigung zu singen: aber hier ist mein Trost. Trinkt.

Der Meister, der Bootsmann, der Konstabel und ich,

Wir halten's mit artigen Mädchen,

Mit Lieschen und Gretchen und Hedewig;

Doch keiner fragt was nach Käthchen.

Denn sie macht ein beständig Gekeifel;

Kommt ein Seemann, da heißt's: geh zum Teufel!

Den Pech- und den Teergeruch haßt sie aufs Blut;

Doch ein Schneider, der juckt sie, wo's nötig ihr tut,

Auf die See, Kerls, und hol' sie der Teufel!

Das ist auch eine lausige Melodie; aber hier ist mein Trost.

Trinkt.


CALIBAN. Plage mich nicht! Oh!

STEPHANO. Was heißt das? Gibt's hier Teufel! Habt ihr uns zum besten mit Wilden und indianischen Männern? Ha! Dazu bin ich nicht nahe am Ersaufen gewesen, um mich jetzt vor deinen vier Beinen zu fürchten; denn es heißt von ihm: so 'n wackrer Kerl, als jemals auf vier Beinen gegangen ist, kann ihn nicht zum Weichen bringen; und es soll auch ferner so heißen, solange Stephano einen lebendigen Odem in seiner Nase hat.[629]

CALIBAN. Der Geist plagt mich – Oh! –

STEPHANO. Dies ist ein Ungeheuer aus der Insel mit vier Beinen, der meines Bedünkens das Fieber gekriegt hat. Wo Henker mag er unsre Sprache gelernt haben? Ich will ihm was zur Stärkung geben, wär's nur deswegen: kann ich ihn wieder zurecht bringen und ihn zahm machen, und nach Neapel mit ihm kommen, so ist er ein Präsent für den besten Kaiser, der je auf Rindsleder getreten ist.

CALIBAN. Plag' mich nicht, bitte! Ich will mein Holz geschwinder zu Haus bringen.

STEPHANO. Er hat jetzt seinen Anfall und redet nicht zum gescheitesten. Er soll aus meiner Flasche kosten; wenn er noch niemals Wein getrunken hat, so kann es ihm leicht das Fieber vertreiben. Kann ich ihn wieder zurecht bringen und ihn zahm ma chen, so will ich nicht zu viel für ihn nehmen: wer ihn kriegt, soll für ihn bezahlen, und das tüchtig.

CALIBAN. Noch tust du mir nicht viel zu Leid; du wirst es bald, ich merk's an deinem Zittern. Jetzt treibt dich Prospero.

STEPHANO. Laß das gut sein! Mach' das Maul auf! Hier ist was, das dich zur Vernunft bringen soll, Katze: mach' das Maul auf! Dies wird dein Schütteln schütteln, sag' ich dir, und das tüchtig. Niemand weiß, wer sein Freund ist. Tu' die Kinnbacken wieder auf!

TRINCULO. Ich sollte die Stimme kennen; das wäre ja wohl – aber er ist ertrunken, und dies sind Teufel. Oh, behüte mich!

STEPHANO. Vier Beine und zwei Stimmen: ein allerliebstes Ungeheuer! Seine Vorderstimme wird nun Gutes von seinem Freunde reden; seine Hinterstimme wird böse Reden ausstoßen und verleumden. Reicht der Wein in meiner Flasche hin, ihn zurecht zu bringen, so will ich sein Fieber kurieren. Komm! – Amen! Ich will dir was in deinen andern Mund gießen.

TRINCULO. Stephano –

STEPHANO. Ruft mich dein andrer Mund bei Namen? Behüte! Behüte! Dies ist der Teufel und kein Ungeheuer. Ich will keine Suppe mit ihm essen, ich habe keinen langen Löffel.[630]

TRINCULO. Stephano! – Wenn du Stephano bist, rühr' mich an und sprich mit mir, denn ich bin Trinculo – fürchte dich nicht! – dein guter Freund Trinculo.

STEPHANO. Wenn du Trinculo bist, so komm heraus! Ich will dich bei den dünneren Beinen ziehen: wenn hier welche Trinculos Beine sind, so sind's diese. – Du bist wirklich ganz und gar Trinculo. Wie kamst du dazu, der Abgang dieses Mondkalbes zu sein? Kann er Trinculos von sich geben?

TRINCULO. Ich dachte, er wäre vom Blitz erschlagen. – Bist du denn nicht ertrunken, Stephano? Ich will hoffen, du bist nicht ertrunken. Ist das Ungewitter vorüber? Ich steckte mich unter des toten Mondkalbes Mantel, weil ich vor dem Ungewitter bange war. Du bist also am Leben, Stephano? O Stephano, zwei Neapolitaner davon gekommen!

STEPHANO. Ich bitte dich, dreh' mich nicht so herum, mein Magen ist nicht recht standfest.

CALIBAN.

Gar schöne Dinger, wo's nicht Geister sind!

Das ist ein wackrer Gott, hat Himmelstrank:

Will vor ihm knien.

STEPHANO. Wie kamst du davon? Wie kamst du hieher? Schwöre bei dieser Flasche, wie du herkamst. Ich habe mich auf einem Fasse Sekt gerettet, das die Matrosen über Bord warfen: bei dieser Flasche, die ich aus Baumrinden mit meinen eignen Händen gemacht habe, seit ich ans Land getrieben bin!

CALIBAN. Bei der Flasche will ich schwören, dein treuer Knecht zu sein, denn das ist kein irdisches Getränk.

STEPHANO. Hier schwöre nun: wie kamst du ans Land?

TRINCULO. Ans Land geschwommen, Kerl, wie 'ne Ente; ich kann schwimmen wie 'ne Ente, das schwör' ich dir.

STEPHANO. Hier küsse das Buch! Kannst du schon schwimmen wie 'ne Ente, so bist du doch natürlich wie eine Gans.

TRINCULO. O Stephano, hast mehr davon?

STEPHANO. Das ganze Faß, Kerl; mein Keller ist in einem Felsen an der See, da habe ich meinen Wein versteckt. Nun, Mondkalb? was macht dein Fieber?

CALIBAN. Bist du nicht vom Himmel gefallen?[631]

STEPHANO. Ja, aus dem Monde, glaub's mir: ich war zu seiner Zeit der Mann im Monde.

CALIBAN. Ich habe dich drin gesehn und bete dich an. Meine Gebieterin zeigte dich mir und deinen Hund und deinen Busch.

STEPHANO. Komm, schwöre hierauf! Küsse das Buch! Ich will es gleich mit neuem Inhalt anfüllen! Schwöre!

TRINCULO. Beim Firmament, das ist ein recht einfältiges Ungeheuer. – Ich mich vor ihm fürchten? – Ein recht betrübtes Ungeheuer! Der Mann im Monde? – Ein armes leichtgläubiges Ungeheuer! – Gut ausgedacht, Ungeheuer, meiner Treu!

CALIBAN.

Ich zeig' dir jeden fruchtbar'n Fleck der Insel

Und will den Fuß dir küssen: bitte, sei mein Gott!

TRINCULO. Beim Firmament, ein recht hinterlistiges betrunknes Ungeheuer! Wenn sein Gott schläft, wird es ihm die Flasche stehlen.

CALIBAN.

Ich will den Fuß dir küssen, will mich schwören

Zu deinem Knecht.

STEPHANO. So komm denn: nieder, und schwöre!

TRINCULO. Ich lache mich zu Tode über dies mopsköpfige Ungeheuer. Ein lausiges Ungeheuer! Ich könnte über mich gewinnen, es zu prügeln. –

STEPHANO. Komm! küß!

TRINCULO. Wenn das arme Ungeheuer nicht besoffen wäre. – Ein abscheuliches Ungeheuer!

CALIBAN.

Will dir die Quellen zeigen, Beeren pflücken,

Will fischen und dir Holz genugsam schaffen.

Pest dem Tyrannen, dem ich dienen muß!

Ich trag' ihm keine Klötze mehr; ich folge

Dir nach, du Wundermann.

TRINCULO. Ein lächerliches Ungeheuer, aus einem armen Trunkenbolde ein Wunder zu machen.

CALIBAN.

Laß mich dir weisen, wo die Holzbirn' wächst;

Mit meinen langen Nägeln grab' ich Trüffeln,

Zeig' dir des Hähers Nest; ich lehre dich,

Die hurt'ge Meerkatz' fangen; bringe dich

Zum vollen Haselbusch und hol' dir manchmal

Vom Felsen junge Möwen. Willst du mitgehn?[632]

STEPHANO. Ich bitte dich, geh voran, ohne weiter zu schwatzen. – Trinculo, da der König und unsre ganze Mannschaft ertrunken ist, so wollen wir hier Besitz nehmen. – Hier, trag' meine Flasche! – Kamerad Trinculo, wir wollen sie gleich wieder füllen.

CALIBAN singt im betrunknen Mute.

Leb wohl, mein Meister! Leb wohl! leb wohl!

TRINCULO.

Ein heulendes Ungeheuer! ein besoffenes Ungeheuer!

CALIBAN.

Will nicht mehr Fischfänger sein,

Noch Feu'rung holen,

Wie's befohlen;

Noch die Teller scheuern rein:

Ban, ban, Ca – Caliban

Hat zum Herrn einen andern Mann:

Schaff einen neuen Diener dir an!

Freiheit, heisa! heisa, Freiheit! Freiheit, heisa! Freiheit!

STEPHANO.

O tapfres Ungeheuer, zeig' uns den Weg!


Alle ab.[633]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 628-634.
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