Dritte Szene

[39] Straße.


Antipholus von Syrakus.


ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Kein Mensch begegnet mir, der mich nicht grüßt,

Als sei ich ihm ein längst bekannter Freund,

Und jedermann nennt mich bei meinem Namen.

Der bietet Gold mir an, der lädt mich ein,

Der dankt mir für erzeigte Höflichkeit,

Der schlägt mir vor, ihm Waren abzukaufen;

Erst eben rief ein Schneider mich ins Haus

Und zeigte Stoffe, die er mir gekauft,

Und nahm zugleich das Maß mir ohne weitres.[39]

Gewiß, Trugbilder sind's der Phantasie,

Und Lapplands Hexenmeister wohnen hier.


Dromio von Syrakus kommt.


DROMIO VON SYRAKUS. Herr, hier ist das Gold, das ich Euch holen sollte. Nun, wo habt Ihr denn das Bild des alten Adam im neuen Rocke gelassen?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Was für Gold ist dies? Welchen Adam meinst du?

DROMIO VON SYRAKUS. Nicht den Adam, der das Paradies hütete, sondern den Adam, der das Gefängnis hütet; den, der mit dem Fell des Kalbes angetan ist, das für den verlornen Sohn geschlachtet ward; den, der hinter Euch herkam, Herr, wie ein böser Engel, und Euch Eurer Freiheit entsagen hieß.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Ich verstehe dich nicht.

DROMIO VON SYRAKUS. Nicht? die Sache ist doch klar! Ich meine den, der wie eine Baßgeige in seinem ledernen Futteral geht; den Kerl, Herr, der, wenn einer müde wird, ihn auf die Schulter klopft und ihn zum Sitzen nötigt; der sich über die Wildfänge erbarmt und sie zu gesetzten Leuten macht; den ein Gläubiger aussendet, um die Verleugner einzufangen –

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Was? du meinst einen Häscher?

DROMIO VON SYRAKUS. Ja, Herr, den schriftgelehrtesten aller Häscher; denn er weiß immer genau, ob sich einer verschrieben hat, und seine Hauptgeschicklichkeit besteht im bündigen Schließen.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Nun, Freund, komm auch mit deinen Possen zum Schluß! Geht heut abend noch ein Schiff ab? Kommen wir fort?

DROMIO VON SYRAKUS. Ei, Herr, ich brachte Euch schon vor einer Stunde den Bescheid, daß die Jacht »Geschwindigkeit« heut abend in See stäche; da hielt der Häscher Euch auf, und Ihr mußtet erst das Boot »Aufschub« abwarten. Hier sind die Engel, nach denen Ihr schicktet, die Euch befreien sollen.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Der Bursch ist ganz verwirrt, das bin ich auch;[40]

Wir wandern unter Trug und Blendwerk hier;

Ein guter Geist entführ' uns bald von hinnen! –


Eine Kurtisane tritt auf.


KURTISANE.

Willkomm', willkommen, Herr Antipholus!

Ich seh', Ihr habt den Goldschmied jetzt gefunden;

Ist das die Kette, die Ihr mir verspracht?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Satan, zurück! Führ' mich nicht in Versuchung!

DROMIO VON SYRAKUS. Herr, ist dies Mädchen der Satan?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Es ist der Teufel.

DROMIO VON SYRAKUS. Nein, sie ist noch was Schlimmres, sie ist des Teufels Großmutter; und hier kommt sie und scheint ins Feld wie eine leichte Schöne oder eine schöne Leuchte. Denn, wenn die leichten Dirnen sagen, »Gott verdamme mich«, so heißt das eigentlich so viel als »Gott laß mich eine Leuchte werden«: denn es steht, geschrieben, sie erscheinen den Menschen wie leuchtende Engel; alle Leuchten aber sind feurig, und Feuer brennt; ergo, wenn sie zu den Leichten gehören, verbrennt man sich an ihnen; darum kommt ihr nicht zu nah!

KURTISANE.

Eu'r Bursch und Ihr seid heut sehr aufgeräumt;

Kommt mit, wir essen noch zu Nacht ein wenig.

DROMIO VON SYRAKUS. Herr, wenn's Suppe gibt, so seht Euch nach einem langen Löffel um!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Warum, Dromio?

DROMIO VON SYRAKUS. Nun, mein' Seel', der braucht einen langen Löffel, der mit dem Teufel ißt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Fort, böser Geist! Was sagst du mir von Essen?

Du bist 'ne Hexe, wie ihr alle seid;

In's Himmels Namen: Laß von mir und geh! –

KURTISANE.

Gebt mir den Ring, den Ihr bei Tisch mir nahmt

Oder vertauscht die Kette für den Demant;

Dann geh' ich fort und fall' Euch nicht zur Last.

DROMIO VON SYRAKUS.

Sonst fodern Teufel wohl ein Stückchen Nagel,

Ein Haar, 'nen Strohhalm, Tropfen Blut, 'ne Nadel,[41]

'ne Nuß, 'nen Kirschkern; aber die ist geiz'ger,

Die will 'ne Kette.

Nehmt Euch in acht; wenn Ihr die Kette gebt,

So klirrt der Teufel und erschreckt uns, Herr.

KURTISANE.

Ich bitt' Euch, gebt den Ring, wo nicht die Kette;

Das wär' zu viel: erst Raub und dann noch Hohn!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Hebe dich weg, du Kobold! Fort, Dromio, fort, mein Sohn! –

DROMIO VON SYRAKUS.

Laß ab vom Stolz, so schreit der Pfau; nicht wahr, das wißt Ihr schon?


Antipholus und Dromio gehn ab.


KURTISANE.

Nun, ganz gewiß, Antipholus ist toll,

Sonst würd' er so verrückt sich nicht gebärden;

Er nahm 'nen Ring, vierzig Dukaten wert,

Und dafür bot er mir 'ne goldne Kette;

Doch beides will er jetzo mir verleugnen.

Woraus ich schon den Wahnsinn erst erriet

(Auch ohne seine jetz'ge Raserei),

War tolles Zeug: daß er bei Tisch erzählte,

Wie man die eigne Tür vor ihm verschlossen.

Ich denke wohl, die Frau kennt diese Schauer

Und schloß mit Fleiß das Tor ihm, als er kam.

Am besten wär's, gleich ging' ich in sein Haus

Und sagte seiner Frau, wie er im Fieber

Zu mir hineindrang und mir mit Gewalt

Den Ring entwandt: das wird das Klügste sein; –

Vierzig Dukaten büßt man ungern ein.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 39-42.
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