Vierte Szene

[42] Andre Straße.


Antipholus von Ephesus und der Schließer treten auf.


ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Sei unbesorgt, mein Freund, ich flüchte nicht:

Ich schaff' dir, eh' ich geh', die ganze Summe

Und kaufe so mich los von dem Verhaft.[42]

Mein Weib ist heut in wunderlicher Laune

Und glaubt gewiß dem Boten nicht so leicht,

Daß ich gefangen sei in Ephesus;

Ich weiß, sie wird dem eignen Ohr nicht traun!


Dromio von Ephesus kommt mit einem Strick.


Hier kommt mein Bursch; ich denk', er hat das Geld. –

Nun, Freund? Bringst du mir mit, wonach ich schickte?

DROMIO VON EPHESUS.

Hier hab' ich bare Zahlung für sie alle.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Allein, wo ist das Geld?

DROMIO VON EPHESUS.

Ei, Herr, das Geld bezahlt' ich für den Strick.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Fünfhundert Stück Dukaten für 'nen Strick?

DROMIO VON EPHESUS.

Wenn Ihr's verlangt, ich schaff' Euch noch fünfhundert.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Zu welchem Ende schickt' ich dich nach Haus?

DROMIO VON EPHESUS. Zu des Stricks Ende, Herr, und zu dem Ende bin ich wieder da.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und zu dem Ende, Herr, nehmt diesen Willkomm.


Er schlägt Dromio.


SCHLIESSER. Lieber Herr, seid geduldig!

DROMIO VON EPHESUS. Nein, an mir ist's, geduldig zu sein; ich bin in Trübsal.

SCHLIESSER. Mein Sohn, halt' dein Maul!

DROMIO VON EPHESUS. Nein, verlangt lieber, daß er seine Hände halte.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS. Du nichtsnutziger, fühlloser Schlingel!

DROMIO VON EPHESUS. Ich wollt', ich wäre fühllos, Herr, so täten mir Eure Schläge nichts.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS. Du hast nur Gefühl für Schläge, wie ein Esel.

DROMIO VON EPHESUS. Jawohl, ein Esel; so lang werdet Ihr mir die Ohren noch ziehen. – Ich habe ihm von der Stunde meiner Geburt an bis auf diesen Augenblick gedient, und habe[43] nie etwas davon gehabt, als Schläge. Wenn mich friert, so heizt er mir ein mit Schlägen; wenn ich heiß bin, so kühlt er mich ab mit Schlägen; ich werde damit geweckt, wenn ich schlafe, auf die Beine gebracht, wenn ich sitze, aus der Tür gejagt, wenn ich ausgehe, bewillkommt, wenn ich zu Haus komme; ja wahrhaftig, ich trage sie auf der Schulter, wie die Bettlerin ihren Balg, und ich denke, wenn er mich erst lahm geprügelt hat, werde ich von Tür zu Tür damit betteln gehn.


Adriana, Luciana, die Kurtisane, Zwick der Schulmeister und Bediente kommen.


ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

So folgt mir nur, denn dort kommt meine Frau.

DROMIO VON EPHESUS. Frau, respice finem; gedenkt ans Ende, oder vielmehr, wie der Prophet spricht und der Papagei sagt: Hütet Euch vor des Stricks Ende.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wann wirst du schweigen, Kerl?


Schlägt ihn.


KURTISANE.

Was sagt Ihr nun? Nicht wahr, Eu'r Mann ist toll?

ADRIANA.

Nach seinem rauhen Wesen glaub' ich's fast.

Herr Doktor Zwick, Ihr seid ja ein Beschwörer:

Ich bitt' Euch, bringt ihn wieder zu Verstand,

Ich will Euch zahlen, was Ihr nur begehrt.

LUCIANA.

O Himmel! Wie er wild und grimmig blickt!

KURTISANE.

Seht, wie er zittert; recht wie ein Beseßner! –

ZWICK.

Gebt mir die Hand, laßt mich den Puls Euch fühlen!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Da ist die Hand, laßt Euer Ohr mich fühlen!

ZWICK.

Du Satan, der in diesem Manne wohnt,

Gib dich gefangen meinem frommen Spruch

Und kehr' zurück ins Reich der Finsternis!

Bei allen Heiligen beschwör' ich dich! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Blödsinn'ger Fas'ler, schweig'! Ich bin nicht toll.

ADRIANA.

Ach, wär'st du's nicht, du arme kranke Seele!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Sag, Schätzchen, sag: sind das die werten Freunde?[44]

Die safrangelbe Fratze, schmauste sie

Und zecht' an meinem Tische heut bei dir,

Indes sich mir die sünd'ge Pforte schloß

Und mir das eigne Haus verweigert ward?

ADRIANA.

Gott weiß, zu Haus ja speistest du, mein Teurer,

Und wär'st du doch bis jetzt bei mir geblieben,

Frei von dem Schimpf und von dem Stadtgerede!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Zu Haus gespeist? Du Schurke, rede du!

DROMIO VON EPHESUS.

Herr, grad' heraus, Ihr speistet nicht zu Haus.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

War nicht die Türe zu? ich ausgesperrt?

DROMIO VON EPHESUS.

Mein' Seel', die Tür war zu, Ihr ausgesperrt.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und hat sie selbst nicht schimpflich mir begegnet?

DROMIO VON EPHESUS.

Wahrhaftig, schimpflich hat sie Euch begegnet.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Schalt, höhnt' und zankte nicht die Küchenmagd?

DROMIO VON EPHESUS.

Weiß Gott, das Küchenfräulein zankt' Euch aus.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und ging ich nicht in größter Wut von dannen?

DROMIO VON EPHESUS.

Ja, das ist wahr; mein Rücken kann's bezeugen;

Er trägt die Spuren Eurer kräft'gen Wut.

ADRIANA.

Ist's gut, ihm in dem Unsinn recht zu geben?

ZWICK.

Nicht übel; nein! Der Bursch merkt, wo's ihm fehlt:

Stets sagt er ja und fügt sich seinem Rasen.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Dem Goldschmied gabst du's an, mich zu verhaften! –

ADRIANA.

O Gott, ich schickte Geld, dich zu befrein,

Durch Dromio hier, der eilig deshalb kam.

DROMIO VON EPHESUS.

Was? Geld durch mich? Vielleicht wohl in Gedanken;

Doch Geld, mein' Seel'! empfing ich keinen Heller.[45]

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Gingst du nicht hin, die Börse Gold zu holen?

ADRIANA.

Er kam zu mir, ich gab sie ihm sogleich.

LUCIANA.

Und ich bin Zeuge, daß er sie bekam.

DROMIO VON EPHESUS.

Gott und der Seiler können mir's bezeugen:

Ich ward nur ausgeschickt nach einem Strick!

ZWICK.

Frau! Herr und Diener, beide sind besessen,

Ich seh's an ihrem bleichen, stieren Blick:

Man bind' und führ' sie in ein dunkles Loch!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Sprich! warum hast du heut mich ausgesperrt?


Zu Dromio.


Und weshalb leugnest du den Beutel Gold?

ADRIANA.

Mein teurer Mann, ich sperrte dich nicht aus! –

DROMIO VON EPHESUS.

Und ich, mein teurer Herr, empfing kein Gold; –

Doch das bekenn' ich, Herr, man sperrt' uns aus.

ADRIANA.

Du heuchlerischer Schuft, das lügst du beides!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Du freche Heuchlerin, du lügst in allem

Und bist verschworen mit verruchtem Volk,

Ehrlosen Spott und Schimpf mir anzutun!

Ausreißen will ich dir die falschen Augen,

Die ihre Lust an meiner Schande sehn! –


Mehrere Diener kommen und wollen Hand an ihn legen; er sträubt sich.


ADRIANA.

Oh, bind't ihn, bind't ihn! Laßt ihn nicht heran! –

ZWICK.

Mehr Leute her! Der Feind ist stark in ihm!

LUCIANA.

Ach, armer Mann! wie krank und bleich er sieht!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wollt ihr mich morden? Schließer, dir gehör' ich,

Als dein Gefangner: leid'st du, daß sie mich

Von hier entführen?

SCHLIESSER.

Leute, laßt ihn gehn;

's ist ein Gefangner, ihr bekommt ihn nicht.

ZWICK.

Bindet mir den, denn der ist auch verrückt.

ADRIANA.

Was willst du tun, du unverständ'ger Schließer?

Macht dir's Vergnügen, wenn ein armer Kranker

Sich selber in Verdruß und Unglück bringt?[46]

SCHLIESSER.

's ist mein Gefangner; ließ' ich jetzt ihn los,

So müßt' ich Bürge sein für seine Schuld.

ADRIANA.

Die will ich tilgen, eh' ich von dir geh'.

Bring' mich von hier zu seinem Gläubiger,

Und weiß ich nur der Schuld Belauf, so zahl' ich.


Antipholus und Dromio werden gebunden.


Mein werter Doktor, schafft in Sicherheit

Ihn in mein Haus; o unglücksel'ger Tag!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

O unglücksel'ges, freches Weib! –

DROMIO VON EPHESUS.

Herr, Eurethalb bin ich in Banden hier.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Zum Teufel, Kerl! Willst du mich rasend machen?

DROMIO VON EPHESUS.

Wollt Ihr für nichts gebunden sein? So rast doch,

Und flucht bei Höll' und Teufel, lieber Herr!

LUCIANA.

Gott helf' euch Armen! Was für Zeug sie faseln!

ADRIANA.

Geht, bringt sie fort; du, Schwester, komm mit mir!


Zwick, Antipholus, Dromio und Bediente ab.


Nun sprich! Auf wessen Klag' ist er verhaftet?

SCHLIESSER.

Des Goldschmieds Angelo; kennt Ihr ihn nicht?

ADRIANA.

Ich kenn' ihn. Welche Summ' ist er ihm schuldig?

SCHLIESSER.

Zweihundert Stück Dukaten.

ADRIANA.

Und wofür?

SCHLIESSER.

Für eine Kette, die Eu'r Mann empfing.

ADRIANA.

Die hatt' er mir bestellt, doch nicht erhalten.

KURTISANE.

Nun seht: als Euer Mann, ganz wütig, heut

Zu mir ins Haus lief und den Ring mir nahm

(Ich sah den Ring noch jetzt an seiner Hand),

Gleich drauf begegnet' ich ihm mit der Kette.

ADRIANA.

Das kann wohl sein, allein ich sah sie nicht.

Kommt, Schließer, zeigt mir, wo der Goldschmied wohnt:

Genau erführ' ich gern, wie sich's verhält.


Antipholus von Syrakus kommt mit gezognem Degen; ihm folgt Dromio von Syrakus.


LUCIANA.

Gott sei uns gnädig; sie sind wieder los![47]

ADRIANA.

Und gar mit bloßem Degen! Ruf' nach Hülfe,

Daß man sie wieder binde!

SCHLIESSER.

Lauft, lauft, sie stechen uns tot!


Sie entfliehn eilig.


ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Ich seh', die Hexen fürchten blanke Degen!

DROMIO VON SYRAKUS.

Die Eure Frau will sein, lief nun vor Euch!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Komm zum Zentauren; schaff' die Sachen weg!

Und wären wir doch sicher erst am Bord! –

DROMIO VON SYRAKUS. Wahrhaftig, Ihr solltet die Nacht noch hier bleiben, sie werden uns nichts antun. Ihr seht, sie geben uns noch gute Worte und bringen uns Gold; mich dünkt, es ist eine so liebe Nation, daß, wäre nicht jener Berg von tollem Fleisch, der mich zur Ehe verlangt, ich könnte es übers Herz bringen, immer hier zu bleiben und unter die Hexen zu gehn.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Nicht um die ganze Stadt bleib' ich die Nacht;

Drum fort, und schaff' die Sachen schnell an Bord!


Sie gehn ab.[48]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 42-49.
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