Sechste Szene

[167] Lager vor Florenz.


Bertram und die beiden französischen Edelleute treten auf.


ERSTER EDELMANN. Ja, lieber Graf, versucht's mit ihm; laßt ihm einmal seinen Willen!

ZWEITER EDELMANN. Wenn Ihr nicht findet, er sei ein Lump, gnädiger Herr, so versagt mir auf immer Eure Achtung!

ERSTER EDELMANN. So wahr ich lebe, gnädiger Herr, eine Schaumblase.

BERTRAM. Meint Ihr, ich hätte mich so ganz in ihm getäuscht?

ERSTER EDELMANN. Glaubt mir's, Graf, nach allem, was ich unmittelbar von ihm weiß – ohne irgend Bosheit, und indem ich nur von ihm rede, wie ich von meinem Vetter tun würde –, er ist ein ausgemachter Hasenfuß, ein unendlicher und grenzenloser Lügner, ein stündlicher Wortbrecher und Besitzer[167] keine einzigen Eigenschaft, die es verdiente, daß Eure Herrlichkeit sich seiner annimmt.

ZWEITER EDELMANN. Es wäre gut, Ihr durchschautet ihn, damit Ihr nicht bei zu viel Vertrauen auf seine Tapferkeit, die er nicht hat, in einem großen und erheblichen Vorfall, wo es gelten möchte, von ihm getäuscht werdet.

BERTRAM. Ich wollte, es ergäbe sich eine besondere Veranlassung, ihn auf die Probe zu stellen.

ZWEITER EDELMANN. Am besten, Ihr laßt ihn seine Trommel wieder holen, was er, wie Ihr hört, so zuversichtlich übernimmt.

ERSTER EDELMANN. Ich, mit einem Trupp Florentiner, werde ihn plötzlich überfallen; ich will solche auswählen, die er gewiß nicht vom Feinde unterscheidet. Wir wollen ihn dergestalt fesseln und ihm die Augen verbinden, daß er nicht anders denken soll, als er sei ins Lager der Feinde geführt, wenn wir ihn in unsre eigne Zelte bringen. Seid Ihr nur, mein gnädiger Herr, bei seinem Verhör zugegen: wenn er nicht, um seinen Pardon zu erhalten, und in der äußersten Beklemmung einer schändlichen Furcht, sich erbietet, Euch zu verraten, und alles, was er irgend weiß, gegen Euch auszusagen, ja, und obendrein das ewige Heil seiner Seele verschwört, – so sollt Ihr nie wieder meinem Urteil in irgend etwas trauen.

ZWEITER EDELMANN. Oh, der Lachlust wegen laßt ihn seine Trommel holen! Er sagt, er hat eine Kriegslist dazu. Wenn Ihr alsdann, mein gnädiger Herr, seinem Erfolg auf den Grund seht, und in welche Schlacken dieser aufgehäufte Klumpen Erz einschmelzen wird, – und Ihr traktiert ihn hernach nicht wie einen, der eine Tracht Schläge verdient, so ist Eure Zuneigung nicht zu vertilgen. Da kommt er.


Parolles tritt auf.


ERSTER EDELMANN. Oh, der Lachlust wegen, hindert den beabsichtigten Spaß nicht: laßt ihn auf jeden Fall seine Trommel holen!

BERTRAM. Wie geht's, Monsieur? Diese Trommel scheint Euch schwer auf dem Herzen zu liegen.[168]

ZWEITER EDELMANN. Hol' sie der Henker! Laßt sie doch, es ist ja nur eine Trommel.

PAROLLES. Nur eine Trommel? Nur eine Trommel, sagt Ihr? Eine Trommel so zu verlieren! Das war mir ein herrliches Kommando! Mit der Reiterei in unsern eignen Flügel einzuhauen, und unsre eignen Leute zu werfen! –

ERSTER EDELMANN. Das war nicht die Schuld des Kommando; es war ein Kriegsunglück, das Cäsar selbst nicht hätte hindern können, wenn er uns kommandiert hätte.

BERTRAM. Nun, wir haben nicht so sehr über unser Schicksal zu klagen; etwas Unehre bringt uns freilich der Verlust dieser Trommel, aber die ist einmal nicht wieder zu bekommen.

PAROLLES. Man konnte sie wieder bekommen! –

BERTRAM. Man konnte! Aber das ist jetzt vorbei.

PAROLLES. Man kann sie noch wieder bekommen. Wenn nur das Verdienst im Felde nicht so selten dem wahren und eigentlichen Vollbringer zugerechnet würde, – ich schaffte diese Trommel wieder, oder eine andre, oder hic jacet ...

BERTRAM. Nun, wenn Ihr so großes Gelüst danach habt, Monsieur, – wenn Ihr glaubt, Eure geheime Wissenschaft von Kriegslisten könne dies Instrument der Ehre wieder in sein heimisches Quartier bringen, so zeigt Euch großherzig in der Unternehmung, und geht ans Werk! Ich will den Versuch als eine glorreiche Tat mit Ruhm erheben: wenn sie Euch gelingt, soll der Herzog nicht nur davon sprechen, sondern Euch bis zur kleinsten Silbe Eures Verdienstes so bedenken, wie sich's für seine Größe geziemen wird.

PAROLLES. Bei der Hand eines Soldaten! Ich will's unternehmen.

BERTRAM. Ihr müßt aber die Sache nicht schlummern lassen.

PAROLLES. Noch diesen Abend will ich dran; gleich jetzt will ich meinen Operationsplan aufs Papier werfen, mich in meiner Zuversicht ermutigen, mein militärisches Testament aufsetzen, – und um Mitternacht mögt Ihr weiter nach mir fragen.

BERTRAM. Darf ich im voraus den Herzog davon benachrichtigen, daß Ihr Euch an das Unternehmen macht?[169]

PAROLLES. Ich weiß nicht, wie der Erfolg sein wird, gnädiger Herr, aber den Versuch gelob' ich.

BERTRAM. Ich weiß, du bist tapfer; und für das Äußerste, was dein Soldatencharakter nur möglich machen kann, will ich mich für dich verbürgen. Fahre wohl!

PAROLLES. Ich bin kein Freund von vielen Worten. Geht ab.

ERSTER EDELMANN. So wenig als ein Fisch vom Wasser. – Ist das nicht ein wunderlicher Kauz, gnädiger Herr, der so zuversichtlich diese Sache zu unternehmen scheint, von der er weiß, sie sei nicht durchzuführen? Der sich dazu verdammt, sie zu tun, und lieber verdammt wäre, eh' er sie täte?

ZWEITER EDELMANN. Ihr kennt ihn nicht, gnädiger Herr, wie wir. Wahr ist's, daß er sich wohl in jemands Gunst zu stehlen weiß und eine Woche lang mannigfachen Entdeckungen auszuweichen versteht: aber durchschaut ihn einmal, so habt Ihr ihn dann für immer.

BERTRAM. Wie! Meint ihr denn, er wird von dem allem nichts tun, wozu er sich doch so ernstlich anheischig macht?

ZWEITER EDELMANN. Nicht das mindeste; mit einer Erfindung wird er wiederkommen und Euch zwei oder drei wahrscheinliche Lügen auftischen. Aber wir haben ihn schon fast müde gehetzt, und Ihr sollt ihn diese Nacht fallen sehn; denn in der Tat, er verdient Euer Gnaden Achtung nicht.

ERSTER EDELMANN. Wir wollen Euch erst noch eine kleine Jagd mit dem Fuchs halten, eh' wir ihn abstreifen. Der alte Herr Lafeu hat ihn zuerst ausgewittert; wenn er seine Maske einmal abgelegt, sollt Ihr sehn, was für einen Zeisig Ihr an ihm habt, und noch diesen Abend werdet Ihr's erleben.

ZWEITER EDELMANN. Ich muß gehn und nach meinen Leimruten sehn; er wird bald fest sein.

BERTRAM.

Doch erst soll Euer Bruder mit mir gehn.

ZWEITER EDELMANN.

Wie's Euch gefällt; ich will mich Euch empfehlen.

BERTRAM.

Nun führ' ich Euch zum Haus, Ihr seht das Mädchen,

Von der ich sprach.

ERSTER EDELMANN.

Doch sagt Ihr, sie sei keusch?[170]

BERTRAM.

Das ist ihr Fehl; ich sprach sie einmal nur,

Und fand sie seltsam streng; doch schickt' ich ihr

Durch jenen Narr'n, den wir entlarven wollen,

Geschenk' und Briefe, die zurück sie sandte. –


So stehn wir nun; sie ist ein reizend Kind:

Wollt Ihr sie sehn?

ERSTER EDELMANN.

Sehr gern, mein gnäd'ger Herr.


Sie gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 167-171.
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