Erste Szene

[117] Roussillon.


Es treten auf Bertram, die Gräfin von Roussillon, Helena und Lafeu, sämtlich in Trauer.


GRÄFIN. Indem ich meinen Sohn in die Welt schicke, begrabe ich einen zweiten Gemahl.

BERTRAM. Und ich, indem ich gehe, teure Mutter, beweine meines Vaters Tod aufs neue; aber ich muß dem Befehl des Königs gehorchen, dessen Mündel ich jetzt, so wie für immer sein Vasall bin.

LAFEU. Ihr, gnädige Frau, werdet an dem Könige einen Gemahl finden; Ihr, Graf, einen Vater. Er, der so unbedingt zu allen Zeiten gut ist, muß notwendig auch gegen Euch sich so bewähren, denn Euer Wert würde seine Tugend erwecken, selbst wenn sie mangelte; und um so weniger wird diese Euch entstehn, da er sie im Überfluß besitzt.

GRÄFIN. Was für Hoffnung hat man für die Besserung Seiner Majestät?

LAFEU. Er hat seine Ärzte verabschiedet, gnädige Frau, unter deren Behandlung er die Zeit mit Hoffnung verschwendet und in ihrem Verlauf nur das gewonnen hatte, daß er mit der Zeit auch die Hoffnung verlor.

GRÄFIN. Dieses junge Mädchen hatte einen Vater – (oh, dies »hatte«! – welcher traurige Gedanke liegt darin!), dessen Talent fast so groß war als seine Rechtschaffenheit. Wäre es ihr ganz gleich gekommen, es hätte die Natur unsterblich gemacht, und der Tod, aus Mangel an Arbeit, hätte sich dem Spiel ergeben. Ich wünschte um des Königs willen, er[117] lebte noch; ich glaube, das würde für des Königs Krankheit der Tod sein.

LAFEU. Wie hieß der Arzt, von dem Ihr redet, gnädige Frau?

GRÄFIN. Er war in seiner Kunst hochberühmt, und zwar mit größtem Recht: Gerhard von Narbonne.

LAFEU. Allerdings war er ein vortrefflicher Mann, gnädige Frau; der König sprach noch neulich von ihm mit Bewund'rung und Bedauern. Er war geschickt genug, um immer zu leben, wenn Wissenschaft gegen Sterblichkeit in die Schranken treten könnte.

BERTRAM. Und woran leidet der König, mein teurer Herr?

LAFEU. An einer Fistel, Herr Graf.

BERTRAM. Davon habe ich noch nie gehört.

LAFEU. Ich wollte, es wüßte niemand davon! – War dies junge Mädchen die Tochter Gerhards von Narbonne? –

GRÄFIN. Sein einziges Kind, Herr Ritter, und meiner Aufsicht anvertraut. Ich hoffe, sie wird durch ihre Güte erfüllen, was ihre Erziehung verspricht; ihre Anlagen sind ihr angeerbt, und dadurch werden schöne Gaben noch schöner: denn wenn ein unlautres Gemüt herrliche Fähigkeiten besitzt, so lobt man, indem man bedauert: es sind Vorzüge und zugleich Verräter; in ihr aber stehen sie um so höher wegen ihrer Reinheit. – Ihre Tugend ist ihr angestammt, ihre Herzensgüte hat sie sich erworben.

LAFEU. Eure Lobsprüche, gnädige Frau, entlocken ihr Tränen! –

GRÄFIN. Das beste Salz, womit ein Mädchen ihr Lob würzen kann. Das Gedächtnis ihres Vaters kommt nie in ihr Herz, ohne daß die Tyrannei ihres Kummers alle Farbe des Lebens von ihrer Wange nimmt. Nicht mehr so, meine Helena! Nicht so! Damit man nicht glaube, du pflegst traurig zu scheinen, ohne es zu sein!

HELENA. Allerdings pflege ich meine Trauer, aber ich bin auch traurig.

LAFEU. Gemäßigte Klage ist das Recht des Toten; übertriebener Gram der Feind des Lebenden.

HELENA. Wenn der Lebende dem Gram erst feind ist, wird diesem das Übermaß bald tödlich werden.[118]

BERTRAM. Teure Mutter, ich bitte um Euer Gebet für mich.

LAFEU indem er Helena ansieht.

Wie verstehn wir das?

GRÄFIN.

Dich segn' ich, Bertram! Gleiche deinem Vater

An Sinn wie an Gestalt; Blut so wie Tugend

Regieren dich gleichmäßig: deine Güte

Entspreche deinem Stamm! Lieb' alle, wen'gen traue;

Beleid'ge keinen; sei dem Feinde furchtbar,

Durch Kraft mehr als Gebrauch; den Freund bewahre

So wie dein Herz! Laß dich zum Schweigen tadeln,

Doch nie um Reden schelten! Was der Himmel

Dir sonst an Segen spenden, und mein Beten

Erflehn mag, fall' auf dieses Haupt! Leb wohl! –


Mein Herr, noch nicht gereift zum Hofmann ist er:

Beratet ihn!-

LAFEU.

Was meine Lieb' vermag, sei ihm gewährt.

GRÄFIN.

Der Himmel segne dich! Bertram, leb wohl!


Ab.


BERTRAM zu Helena: Die besten Wünsche, die in der Werkstatt Eurer Gedanken reifen können, mögen Euch dienstbar sein! Seid der Trost meiner Mutter, Eurer Gebieterin, und haltet sie wert! –

LAFEU. Lebt wohl, schönes Kind! Ihr müßt den Ruhm Eures Vaters aufrecht erhalten.


Bertram und Lafeu gehn ab.


HELENA.

Ach, wär's nur das! Des Vaters denk' ich kaum;

Und jener Großen Träne ehrt ihn mehr,

Als seiner Tochter Gram. – Wie sah er aus?

Vergessen hab' ich ihn; kein andres Bild

Wohnt mehr in meiner Phantasie als Bertram.

Ich bin verloren! Alles Leben schwindet

Dahin, wenn Bertram geht. Gleichviel ja wär's,

Liebt' ich am Himmel einen hellen Stern,

Und wünscht' ihn zum Gemahl; er steht so hoch!

An seinem hellen Glanz und lichten Strahl

Darf ich mich freun; in seiner Sphäre nie.

So straft sich selbst der Ehrgeiz meiner Liebe:

Die Hindin, die den Löwen wünscht zum Gatten,

Muß liebend sterben. O der süßen Qual,[119]

Ihn stündlich anzusehn! Ich saß und malte

Die hohen Brau'n, sein Falkenaug', die Locken

In meines Herzens Tafel, allzu offen

Für jeden Zug des süßen Angesichts!

Nun ist er fort, und mein abgöttisch Lieben

Bewahrt und heiligt seine Spur. – Wer kommt? –


Parolles tritt auf.


Sein Reisefreund. – Ich lieb' ihn seinethalb,

Und kenn' ihn doch als ausgemachten Lügner,

Weiß, er ist Narr im Haufen, einzeln Memme:

Doch dies bestimmte Böse macht ihn schmuck

Und hält ihn warm, indes stahlherz'ge Tugend

Im Frost erstarrt. Dem Reichtum, noch so schlecht,

Dient oft die Weisheit arm und nackt als Knecht.

PAROLLES. Gott schütz' Euch, meine Königin!

HELENA. Und Euch, mein Sultan!

PAROLLES. Der? Nein! –

HELENA. Und ich auch nicht.

PAROLLES. Denkt Ihr über das Wesen des Jungfrauentums nach?

HELENA. Ja, eben. Ihr seid so ein Stück von Soldaten; laßt mich Euch eine Frage tun. Die Männer sind dem Jungfrauentum feind: wie können wir's vor ihnen verschanzen?

PAROLLES. Weist sie zurück!

HELENA. Aber sie belagern uns, und unser Jungfrauentum, wenn auch in der Verteidigung tapfer, ist dennoch schwach; – lehrt uns einen kunstgerechten Widerstand!

PAROLLES. Alles vergeblich; die Männer, sich vor euch lagernd, unterminieren euch und sprengen euch in die Luft.

HELENA. Der Himmel bewahre unser armes Jungfrauentum vor Minierern und Luftsprengern! Gibt's keine Kriegspolitik, wie Jungfrauen die Männer in die Luft sprengen könnten? –

PAROLLES. Läßt sich denn ein vernünftiger Grund im Naturrecht nachweisen, das Jungfrauentum zu bewahren? Verlust des Jungfrauentums ist vielmehr verständige Zunahme; und noch nie ward eine Jungfrau geboren, daß nicht vorher ein[120] Jungfrauentum verloren ward. Das, woraus Ihr besteht, ist Stoff, um Jungfrauen hervorzubringen. Euer Jungfrauentum, einmal verloren, kann zehnmal wieder ersetzt werden; wollt Ihr's immer erhalten, so geht's auf ewig verloren; es ist ein zu frostiger Gefährte: weg damit!

HELENA. Ich will's doch noch ein wenig behaupten, und sollt' ich darüber als Mädchen sterben.

PAROLLES. Dafür läßt sich wenig sagen; es ist gegen die Ordnung der Natur. Die Partei des Jungfrauentums nehmen, heißt, seine Mutter anklagen; welches offenbare Empörung wäre. Einer, der sich aufhängt, ist wie solch eine Jungfrau: das Jungfrauentum gleicht einem Selbstmörder, und sollte an der Heerstraße begraben werden, fern von aller geweihten Erde, wie ein tollkühner Frevler gegen die Natur. Das Jungfrauentum brütet Grillen, wie ein Käse Maden, zehrt sich ab bis auf die Rinde und stirbt, indem sich's von seinem eignen Eingeweide nährt. Überdem ist das Jungfrauentum wunderlich, stolz, untätig, aus Selbstliebe zusammengesetzt, welches die verpönteste Sünde in den zehn Geboten ist. Behaltet's nicht; Ihr könnt gar nicht anders, als dabei verlieren. Leiht es aus, im Lauf eines Jahrs habt Ihr zwei für eins; das ist ein hübscher Zins, und das Kapital hat nicht sehr dadurch abgenommen. Fort damit!

HELENA. Was aber tun, um es anzubringen nach eignem Wohlgefallen?

PAROLLES. Laßt sehn! Ei nun, leiden vielmehr, um dem wohlzugefallen, dem es gefällt. Es ist eine Ware, die durchs Liegen allen Glanz verliert; je länger aufbewahrt, je weniger wert: fort damit, solange es noch verkäuflich ist. Nutzt die Zeit der Nachfrage! Das Jungfrauentum, wie eine welke Hofdame, trägt eine altmodische Haube, ein Hofkleid, dem keiner mehr den Hof macht; wie die Schleife am Hut und der Zahnstocher, die jetzt veraltet sind. – –

HELENA.

Nun warten tausend Liebsten deines Herrn,

Eine Mutter, – eine Freundin, – eine Braut, –


Ein Phönix, – eine Feindin und Monarchin, –


Göttin, und Führerin, und Königin,

Ratgeberin, Verräterin, und Liebchen,[121]

Demüt'ger Ehrgeiz und ehrgeiz'ge Demut,

Harmon'sche Dissonanz, verstimmter Einklang,

Und Treu', und süßer Unstern; und so nennt er

'ne Unzahl art'ger, holder Liebeskinder,

Die Amor aus der Taufe hebt. – Nun wird er –


Ich weiß nicht, was er wird, – Gott send' ihm Heil;

Es lernt sich viel am Hof; und er ist einer –

PAROLLES.

Nun, was für einer?

HELENA.

Mit dem ich's gut gemeint; – und schade ist's, –

PAROLLES.

Um was? –

HELENA.

Daß unserm Wunsch kein Körper ward verliehn,

Der fühlbar sei; damit wir Ärmeren,

Beschränkt von unserm neid'schen Stern auf Wünsche,

Mit ihrer Wirkung folgten dem Geliebten,

Und er empfände, wie wir sein gedacht,

Wofür uns kaum ein Dank wird.


Ein Page tritt auf.

PAGE. Monsieur Parolles, der Graf läßt Euch rufen. Ab.

PAROLLES. Kleines Helenchen, leb wohl! Wenn ich mich auf dich besinnen kann, will ich deiner am Hofe gedenken.

HELENA. Monsieur Parolles, Ihr seid unter einem liebreichen Stern geboren.

PAROLLES. Unterm Mars!

HELENA. Das hab' ich immer gedacht: unterm Mars.

PAROLLES. Warum unterm Mars?

HELENA. Der Krieg hat Euch immer so herunter gebracht, daß Ihr notwendig unterm Mars müßt geboren sein.

PAROLLES. Als er am Himmel dominierte.

HELENA. Sagt lieber, als er am Himmel retrogradierte.

PAROLLES. Warum glaubt Ihr das?

HELENA. Ihr geht immer so sehr rückwärts, wenn Ihr fechtet!

PAROLLES. Das geschieht um meines Vorteils willen.

HELENA. So ist's auch mit dem Weglaufen, wenn Furcht die Sicherheit empfiehlt. Aber die Mischung, die Eure Tapferkeit und Eure Furcht in Euch hervorbringen, ist eine schönbeflügelte Tugend, und die Euch wohl ansteht.

PAROLLES. Ich bin so voller Geschäfte, daß ich dir nicht gleich[122] spitzig antworten kann. Ich kehre zurück als ein vollkommner Hofmann; dann soll mein Unterricht dich hier naturalisieren, wenn du anders für eines Hofmanns Geheimnis empfänglich bist und begreifen willst, was weiser Rat dir mitteilt; wo nicht, so stirb dann in deiner Undankbarkeit, und deine Unwissenheit raffe dich hinweg! Leb wohl! Wenn du Zeit hast, sprich dein Gebet; wenn du keine hast, denk' an deine Freunde! Schaff' dir einen guten Mann und halte ihn, wie er dich hält, und so leb wohl! Ab.

HELENA.

Oft ist's der eigne Geist, der Rettung schafft,

Die wir beim Himmel suchen. Unsrer Kraft

Verleiht er freien Raum, und nur dem Trägen,

Dem Willenlosen, stellt er sich entgegen.

Mein Liebesmut die höchste Höh' ersteigt,

Doch naht mir nicht, was sich dem Auge zeigt.

Des Glückes weitsten Raum vereint Natur,

Daß sich das Fernste küßt wie Gleiches nur.

Wer klügelnd abwägt und dem Ziel entsagt,

Weil er vor dem, was nie geschehn, verzagt,

Erreicht das Größte nie. Wann rang nach Liebe

Ein volles Herz, und fand nicht Gegenliebe?

Des Königs Krankheit – täuscht mich nicht, Gedanken;

Ich halte fest und folg' Euch ohne Wanken.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 117-123.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Ende gut, alles gut
Ende gut, alles gut.
Ein Sommernachtstraum / Der Widerspenstigen Zähmung / Viel Lärm um nichts / Die lustigen Weiber von Windsor / Was Ihr wollt / Ende gut, alles gut
Shakespeares dramatische Werke: Elfter Band: König Lear, Troilus und Cressida, Ende gut, alles gut, Zwölfter Band: Othello, Cymbeline, Macbeth
All's Well That Ends Well. Ende gut, alles gut
Ende gut, alles gut

Buchempfehlung

Wilbrandt, Adolf von

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Geschichte des Gaius Sempronius Gracchus, der 123 v. Chr. Volkstribun wurde.

62 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon