Zweite Szene

[123] Paris.


Trompeten und Zinken. Der König von Frankreich, einen Brief in der Hand, und mehrere Lords treten auf.


KÖNIG.

Florenz und Siena sind schon handgemein;

Die Schlacht blieb unentschieden, und der Krieg

Wird eifrig fortgesetzt.

ERSTER LORD.

So wird erzählt. –

KÖNIG.

So weiß man's schon gewiß. Hier meldet uns

Die sichre Nachricht unser Vetter Östreich

Und fügt hinzu, wie uns um schnellen Beistand

Florenz ersuchen wird; es warnt zugleich[123]

Mein teurer Freund uns im voraus und hofft,

Wir schlagen's ab.

ERSTER LORD.

Sein Rat und seine Treu',

So oft erprobt von Eurer Majestät,

Verdienen vollen Glauben.

KÖNIG.

Er bestimmt uns:

Florenz ist abgewiesen, eh' es wirbt. –


Doch unsern Rittern, die sich schon gerüstet

Zum Feldzug in Toskana, stell' ich frei,

Nach ihrer Wahl hier oder dort zu fechten.

ERSTER LORD.

Erwünschte Schule unsrer edeln Jugend,

Die sich nach Krieg und Taten sehnt.

KÖNIG.

Wer kommt?


Bertram, Lafeu und Parolles treten auf.


ERSTER LORD.

Graf Roussillon, mein Fürst, der junge Bertram. –

KÖNIG.

Jüngling, du trägst die Züge deines Vaters.

Die gütige Natur hat wohlbedacht,

Nicht übereilt, dich schön geformt: sei drum

Auch deiner väterlichen Tugend Erbe!

Willkommen in Paris!

BERTRAM.

Mein Dienst und Dank sind Eurer Majestät.

KÖNIG.

O hätt' ich jetzt die Fülle der Gesundheit,

Als da dein Vater und ich selbst in Freundschaft

Zuerst als Krieger uns versucht! Den Dienst

Der Zeiten hatt' er wohl studiert und war

Der Bravsten Schüler. Lange hielt er aus;

Doch welkes Alter überschlich uns beide

Und nahm uns aus der Bahn. Ja, es erquickt mich,

Des Edlen zu gedenken. – In der Jugend

Hatt' er den Witz, den ich wohl auch bemerkt

An unsern jetz'gen Herrn: nur scherzen die,

Bis stumpf der Hohn zu ihnen wiederkehrt,

Eh' sie den leichten Sinn in Ehre kleiden.

Hofmann so echt, daß Bitterkeit noch Hochmut

Nie färbten seine Streng' und seinen Stolz:

Geschah's, so war's nur gegen seines Gleichen.

Und seine Ehre zeigt' als treue Uhr[124]

Genau den Punkt, wo Zeit ihn reden hieß,

Und dann gehorcht' ihr Zeiger seiner Hand.

Geringre

Behandelt' er als Wesen andrer Art;

Beu gt' ihrer Niedrigkeit den hohen Wipfel,

Daß sie sich stolz durch seine Demut fühlten,

Wie er herabstieg in ihr armes Lob.

Solch Vorbild mangelt diesen jüngern Zeiten;

Und wär' es da, so zeigt' es uns zu sehr

Als rückwärts Schreitende.

BERTRAM.

Sein guter Nachruhm

Glänzt mehr von Euerm Mund als seinem Grabe:

So rühmlich preist ihn nicht sein Epitaph,

Als Euer königliches Wort.

KÖNIG.

O daß ich mit ihm wär'! Er sagte stets –


(Mich dünkt, ich hör' ihn noch: sein goldnes Wort

Streut' er nicht in das Ohr, er pflanzt' es tief,

Damit es keim' und reife): – »ich mag nicht leben« –


(So sagt' er oft in lebenswertem Ernst

Im letzten Akt und Schluß des Zeitvertreibs,

Wenn man sich trennte) –, »ich mag nicht leben«, sprach er,

»Wenn's meiner Flamm' an Öl gebricht, als Schnuppe

Der jungen Welt, die mit leichtfert'gem Sinn

Nichts als das Neue liebt; die ihren Ernst

Allein auf Moden lenkt; bei der die Treue

Mit ihren Trachten wechselt«: Also wünscht' er.

Ich, scheidend, wünsche wie der Abgeschiedne,

Weil ich nicht Wachs noch Honig bringe heim,

Recht bald erlöst zu sein aus meinem Stock,

Raum gönnend Jüngern.

ZWEITER LORD.

Sire, Euch liebt das Volk;

Wer Euch verkennt, wird Euch am meisten missen.

KÖNIG.

Ich füll' 'nen Platz, ich weiß. – Wie lang' ist's, Graf,

Seit Eures Vaters Arzt gestorben ist?

Man rühmt' ihn sehr.

BERTRAM.

Sechs Monat sind's, mein Fürst.

KÖNIG.

Lebt' er noch, hätt' ich's doch mit ihm versucht.

Gebt mir den Arm! – Die andern schwächten mich[125]

Durch mancherlei Behandlung: mag's Natur

Und Krankheit nun entscheiden. – Willkommen, Graf! –


Mein Sohn ist mir nicht teurer.

BERTRAM.

Dank Eu'r Hoheit! –


Trompetenstoß. Alle gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 123-126.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Ende gut, alles gut
Ende gut, alles gut.
Ein Sommernachtstraum / Der Widerspenstigen Zähmung / Viel Lärm um nichts / Die lustigen Weiber von Windsor / Was Ihr wollt / Ende gut, alles gut
Shakespeares dramatische Werke: Elfter Band: König Lear, Troilus und Cressida, Ende gut, alles gut, Zwölfter Band: Othello, Cymbeline, Macbeth
All's Well That Ends Well. Ende gut, alles gut
Ende gut, alles gut

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Die Reise nach Braunschweig

Die Reise nach Braunschweig

Eine Reisegruppe von vier sehr unterschiedlichen Charakteren auf dem Wege nach Braunschweig, wo der Luftschiffer Blanchard einen spektakulären Ballonflug vorführen wird. Dem schwatzhaften Pfarrer, dem trotteligen Förster, dem zahlenverliebten Amtmann und dessen langsamen Sohn widerfahren allerlei Missgeschicke, die dieser »comische Roman« facettenreich nachzeichnet.

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon