Erste Szene

[134] Paris.


Es treten auf der König von Frankreich, mehrere junge Edelleute, Bertram und Parolles. Trompeten und Zinken.


KÖNIG.

Lebt wohl, Herr; diese krieg'rische Gesinnung

Haltet mir fest; auch Ihr, Herr, lebet wohl!

Teilt unter euch den Rat; nimmt jeder alles,

Dehnt sich die Gabe den Empfängern aus

Und reicht für beide hin.

ERSTER EDELMANN.

Wir hoffen, Herr,

Als wohlversuchte Krieger heimzukehren

Und Eure Majestät gesund zu finden.

KÖNIG.

Nein, nein, das kann nicht sein; doch will mein Herz

Sich nicht gestehn, daß es die Krankheit hegt,

Die meinem Leben droht. Geht, junge Ritter!

Leb' ich nun oder sterbe, seid die Söhne

Würd'ger Franzosen: zeigt dem obern Welschland,

Den Ausgearteten, die nur den Fall

Der letzten Monarchie geerbt, ihr kamet

Als Freier nicht, – nein, als der Ehre Buhlen,

Und wo der Bravste zagt, erringt das Ziel,

Daß Fama laut von euch erschall'! Lebt wohl! –

ZWEITER EDELMANN.

Heil Euch, mein König! Ganz nach Euerm Wunsch! –

KÖNIG.

Die welschen Mädchen – seid auf eurer Hut! –


Der Franke, sagt man, kann, was sie verlangen,

Nicht weigern – werdet nicht Gefangene,

Bevor ihr dientet!

BEIDE.

Dank für Eure Warnung! –[134]

KÖNIG.

Lebt wohl! – Kommt her zu mir!


Der König legt sich auf ein Ruhebett.


ERSTER EDELMANN.

O lieber Graf! Daß Ihr nicht mit uns zieht!

PAROLLES.

Schad' um den jungen Degen!

ZWEITER EDELMANN.

Edler Krieg!

PAROLLES.

Höchst glorreich. Schon erlebt' ich solchen Krieg.

BERTRAM.

Man hält mich fest – und stets das alte Lied:

»Zu jung«; und »künftig Jahr«; und »noch zu früh!«

PAROLLES.

Treibt dich das Herz, mein Sohn, so stiehl dich weg!

BERTRAM.

Man will, ich soll den Weiberknecht agieren,

Hier auf dem Estrich meine Schuh vernutzend,

Bis Ehre weggekauft, kein Schwert getragen,

Als nur zum Tanz! – Weiß Gott, ich stehl' mich weg!

ERSTER EDELMANN.

Der Diebstahl brächt' Euch Ruhm.

PAROLLES.

Begeht ihn, Graf!

ZWEITER EDELMANN.

Ich mach' Halbpart mit Euch; und so lebt wohl!

BERTRAM. Ich bin so sehr der Eure, daß unsre Trennung einem gefolterten Körper gleicht.

ERSTER EDELMANN. Lebt wohl, Hauptmann!

ZWEITER EDELMANN. Teurer Monsieur Parolles –

PAROLLES. Edle Paladine, mein Schwert und das eure sind Blutsfreunde: treffliche Degen und junge Recken; ein Wort, meine Phönixe: Im Regiment der Spini werdet ihr einen Hauptmann Spurio finden, mit einer Narbe, einem Kriegsemblem, hier auf seiner linken Wange: diese gute Klinge grub sie ein; sagt ihm, ich lebe, und beachtet, was er von mir aussagen wird!

ZWEITER EDELMANN. Das wollen wir, edler Hauptmann.


Die beiden Edelleute gehn ab.


PAROLLES. Mars verschwende seine Gunst an euch, seine Novizen! – Nun, was wollt Ihr tun? –

BERTRAM. Bleiben. – Der König ...

PAROLLES. Ihr solltet gegen diese edeln Kavaliere ein ausdrucksvolleres Zeremoniell annehmen; Ihr aber beschränkt[135] Euch in den Grenzen eines allzu kaltsinnigen Abschieds. Zeigt ihnen mehr Entgegenkommen; denn sie schwimmen obenauf in der Strömung der Zeit; sie sind die vollkommenen Meister des echten Gehens, Essens und Redens und bewegen sich unter dem Einfluß des anerkanntesten Gestirns; und wäre der Teufel ihr Vortänzer, man muß ihnen dennoch nachfolgen. Darum nach! Und nehmt einen förmlicheren Abschied! –

BERTRAM. Das will ich tun! –

PAROLLES. Allerliebste Bursche! Und gewiß mit der Zeit recht herkulische Ehrenrichter! –


Sie gehn ab.


Lafeu tritt auf.


LAFEU knieend.

Verzeihn, mein Fürst, für mich und meine Botschaft!

KÖNIG.

Dein Aufstehn sei die Zahlung! –

LAFEU.

Wohl! Hier steh' ich

Und kaufe mir Verzeihn. Ich wünschte, Sire,

Ihr hättet hier gekniet, um mich zu bitten,

Und könntet aufstehn, wenn ich's Euch geheißen.

KÖNIG.

Ich gleichfalls! Dann zerschlüg' ich dir den Kopf

Und bät' dich um Verzeihung.

LAFEU.

Kreuzweis' wohl gar? Doch, teurer Herr, erlaubt:

Wünscht Ihr geheilt zu sein von Eurer Krankheit?

KÖNIG.

Nein.

LAFEU.

Wollt Ihr nicht die schönen Trauben essen,

Mein königlicher Fuchs? O ja, Ihr wollt;

Wenn nur mein königlicher Fuchs die Trauben

Erreichen könnt'! – Ich hab' Arznei gesehn,

Die hauchte wohl den Steinen Leben ein,

Brächt' einen Fels in Gang und macht' Euch selbst

Gaillarden tanzen flink und leicht; berührt

Von ihrer Hand, erstände Fürst Pipin,

Ja, Carol Magnus nahm' zur Hand die Feder

Und schriebe Vers' an sie.

KÖNIG.

An welche Sie?

LAFEU.

Ei, eine Ärztin, Sire: sie ist schon hier,

Wenn Ihr sie ansehn wollt. Auf Her' und Treu',[136]

Wenn ich nach diesem leichten Vortrag ernstlich

Berichten darf: – ich sprach mit einem Mädchen,

Das mich durch Absicht, Jugend und Geschlecht,

Verstand und festen Sinn so sehr entzückt,

Daß ich mich drum nicht tadle. Seht sie selbst

(Das ist ihr Wunsch) und hört, was sie Euch bringt;

Dann lacht mich aus nach Lust!

KÖNIG.

Nun, Freund Lafeu,

Zeig' uns dies Wunder, daß wir ihm mit dir

Unser Erstaunen zollen, oder deins

Vermindern durch Erstaunen, wie dir's kam.

LAFEU.

Nun, ich will Euch bedienen, und sogleich.


Lafeu geht.

KÖNIG.

So hält er stets Prologe seinem Nichts.


Lafeu kommt zurück mit Helena.


LAFEU.

Nun tretet vor!

KÖNIG.

Die Eil' hat wahrlich Flügel!

LAFEU.

Nein, tretet vor!

Hier Seine Majestät: sagt Euern Wunsch!

Eu'r Blick ist sehr verrät'risch, doch der König

Scheut selten solcherlei Verrat; ich bin

Der Oheim Cressidas, der's wagen darf,

Zwei so allein zu lassen. Fahrt nun wohl!


Geht ab.


KÖNIG.

Nun, schönes Kind, habt Ihr mit uns Geschäfte?

HELENA.

Ja, hoher König. Gerhard von Narbonne war

Mein Vater, wohlerprobt in seiner Kunst.

KÖNIG.

Ich kannt' ihn.

HELENA.

So eh'r erspar' ich mir, ihn Euch zu rühmen;

Ihn kennen, ist genug. Auf seinem Todbett

Gab er mir manch Rezept; vor allen eins,

Das als die höchste Blume seiner Forschung

Und vielerfahrnen Praxis liebstes Kleinod

Er mich verwahren hieß als dreifach Auge,

Teurer als meine beiden. Also tat ich;

Und hörend, wie Eu'r Majestät verschmachtet

An jener bösen Krankheit, die den Ruhm[137]

Von meines Vaters Kunst zumeist erhöht,

Kam ich mit Wünschen und mit Demut, Euch

Die Rettung anzubieten.

KÖNIG.

Dank Euch, Jungfrau.

Doch glaub' ich nicht so leicht an Heilung mehr,

Wo so gelehrte Ärzt' uns aufgegeben,

Und die vereinte Fakultät entschied,

Kunst könne nie aus unheilbarem Zustand

Natur erlösen. Drum soll unser Urteil

Nicht so abirrn, noch Hoffnung uns verleiten,

Ein rettungsloses Übel preis zu geben

Quacksalbern; Majestät und Zutraun so

Zu schmähn, sinnlosem Beistand nachzutrachten,

Wenn wir als Unsinn allen Beistand achten.

HELENA.

So zahlt die treue Pflicht mir mein Bemühn:

Nicht weiter sei mein Dienst Euch aufgedrängt;

Und nur in Demut bitt' ich Eure Hoheit

Bescheidentlich, mich gnädig zu entlassen.

KÖNIG.

Das ist das mind'ste, was ich muß gewähren;

Dein guter Wunsch ist meines Dankes wert,

Weil stets der Kranke gern von Bess'rung hört;

Doch was du ganz verkennst, durchschau' ich klar:

Wie fern dein Trost, wie nah mir die Gefahr.

HELENA.

Unschädlich wär's, wenn den Versuch Ihr wagt,

Weil Ihr der Heilung wie dem Trost entsagt;

Er, der die größten Taten läßt vollbringen,

Legt oft in schwache Hände das Gelingen:

So zeigt die Schrift in Kindern weisen Mut,

Wo Männer kindisch waren; große Flut

Entspringt aus kleinem Quell, und Meere schwinden,

Ob Weise auch die Wunder nicht ergründen,

Oft schlägt Erwartung fehl, und dann zumeist,

Wo sie gewissen Beistand uns verheißt;

Und wird erfüllt, wo Hoffnung längst erkaltet,

Wo Glaube schwand und die Verzweiflung waltet.

KÖNIG.

Genug, mein Kind! Zu lange weilst du schon,

Und dein vergeblich Mühn trägt keinen Lohn,

Als Dank für einen Dienst, den ich nicht brauche.[138]

HELENA.

So weicht, was Gott mir eingab, einem Hauche;

Er ist nicht so, der alles mag durchschaun,

Wie wir, die stets dem leeren Schein vertraun,

Und stolzer Hochmut wär's, der Gottheit Trachten

Und Himmelswort für Menschenwerk zu achten.

O teurer Fürst, gebt meinen Wünschen nach;

Denkt nicht, daß ich, – nein, daß der Himmel sprach!

Ich treibe nicht mit Euch ein trüglich Spiel,

Noch berg' ich meiner Worte wahres Ziel.

Ich glaub' es, Herr, und glaub' auf festem Grunde:

Noch siegt die Kunst, nah ist der Rettung Stunde.

KÖNIG.

Das hoffst du so gewiß? In wie viel Zeit?

HELENA.

Wenn mir die höchste Gnade Gnade leiht,

Eh' zweimal noch das Lichtgespann durchschreitet

Die Bahn, auf der sein Lenker Glanz verbreitet,

Eh' zweimal in dem Tau der trüben Feuchte

Der Abendstern auslöscht die müde Leuchte.

Ja, eh' die Sanduhr vierundzwanzig Stunden

Dem Schiffer zeigt, die diebisch ihm verschwunden,

Seid Ihr genesen; Euer Schmerz entflieht,

Die Krankheit stirbt, und neue Kraft erblüht.

KÖNIG.

Bei so viel Selbstvertraun und Sicherheit,

Was wagst du?

HELENA.

Daß man mich der Frechheit zeiht;

Mich Metze schilt; der Pöbel mich verspottet,

Schimpflieder singt; und schmählich ausgerottet

Mein Jungfrau'n-Name sei; ja, daß mein Leben

Sich ende, schnöden Martern preis gegeben.

KÖNIG.

Mir scheint, es spricht aus dir ein sel'ger Geist,

Der sich in schwachem Werkzeug stark erweist,

Und was die Sinnen sonst unmöglich nennen,

Muß ich in höherm Sinn jetzt anerkennen;

Dein Leben ist dir wert, denn dich beglückt

Noch alles, was das Dasein je geschmückt:

Schönheit und Anmut, Weisheit, hoher Mut,

Und was nur Frühling hofft als Lebensgut: –


So viel zu wagen, solch Vertraun zu zeigen,

Ist nur der Kunst, wo nicht dem Wahnsinn eigen;[139]

Drum, lieber Arzt, versuch' an mir dein Heil,

Und sterb' ich, wird dir selbst der Tod zu teil.

HELENA.

Fehl' ich die Zeit, mißlingt ein Wort von allen,

Die ich verhieß, – sei ich dem Tod verfallen,

Wie ich's verdient! Helf' ich Euch nicht, so sterb' ich:

Doch, wenn ich helfe, welchen Lohnerwerb' ich?

KÖNIG.

Fodre, mein Kind!

HELENA.

Und wollt Ihr's wirklich geben?

KÖNIG.

Bei meinem Szepter, ja, beim ew'gen Leben!

HELENA.

Gib zum Gemahl mit königlicher Hand,

Wen ich mir fodern darf in deinem Land!

Doch ferne sei von mir der Übermut,

Daß ich ihn wähl' aus Frankreichs Fürstenblut,

Und ein Geschlecht, unwürdig wie das meine,

Mit deines Stamms erhabnem Zweig sich eine;

Nein, solchen Untertan, den ich in Ehren

Von dir verlangen darf, und du gewähren.

KÖNIG.

Hier meine Hand. Kannst du dein Wort erfüllen,

So bürg' ich dir, ich tu' nach deinem Willen.

Nun wähl' dir selbst die Zeit: es ziemt dem Kranken,

Des Arztes Wort zu folgen ohne Wanken.

Zwar möcht' ich viel noch fragen, viel noch hören

(Ob Zweifel auch den Glauben nimmer stören):

Woher du kamst, mit wem? Doch sei's gewagt;

Vertraun und Liebe biet' ich ungefragt. –


He! Kommt und helft mir auf! – Schaffst du mir Rat,

So lohn' auch deine Taten meine Tat!

Sie gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 134-140.
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