Erste Szene

[263] Im Park.


Biron tritt auf, ein Papier in der Hand.


BIRON. Der König jagt das Wild, ich hetze mich selbst; sie sind erpicht auf ihre Netze, ich bin umnetzt von Pech; Pech, welches besudelt; besudelt! ein garstiges Wort! – Nun, setze dich, Gram! – denn so, sagt man, sprach der Narr; und so sag' ich, ich, der Narr. Wohl bewiesen mein Witz! – Beim Himmel, diese Liebe ist so toll, wie Ajax, sie tötet Schafe: sie tötet mich, mich das Schaf. Abermals wohl bewiesen meinerseits! – Ich will nicht lieben: wenn ich's tue, hängt mich auf; auf Ehre, ich will's nicht. Ach, aber ihr Auge! Beim Sonnenlicht, wär's nicht um ihres Auges willen, ich würde sie nicht lieben; ja, um ihrer beiden Augen willen; wahrhaftig, ich tue nichts in der Welt als lügen, und in meinen Hals hineinlügen. Beim Himmel, ich liebe, und das lehrt mich reimen und schwermütig sein, und hier ist ein Stück von meinem Gereim und von meiner Schwermut. Nun, eins von meinen Sonetten hat sie schon: der Tölpel bracht' es, der Narr sandt' es, und das Fräulein hat es: süßer Tölpel, süßerer Narr, süßestes Fräulein! Bei Gott, ich wollte alles drum geben, wenn die drei andern auch soweit wären. Hier kommt einer mit einem Papier: gebe der Himmel, daß er seufzen möge! – Er versteckt sich.

KÖNIG. Weh mir!

BIRON beiseit. Angeschossen, beim Himmel! Nur zu, liebster Cupido; du hast ihm mit deinem Vogelbolzen eins unter die linke Brust abgegeben. Wahrhaftig, Geschriebenes? –[263]

KÖNIG liest.

»So lieblich küßt die goldne Sonne nicht

Die Morgenperlen, die an Rosen hangen,

Als deiner Augen frisches Strahlenlicht

Die Nacht des Taus vertilgt auf meinen Wangen.


Der Silbermond nur halb so glänzend flimmert

Durch der kristallnen Fluten tiefe Reine,

Als dein Gesicht durch meine Tränen schimmert:

Du strahlst in jeder Träne, die ich weine.


Dich trägt als Siegeswagen jede Zähre,

Auf meinem Schmerz fährt deine Herrlichkeit;

So schau, wie ich die Tränenschar vermehre,

Es wächst dein Ruhm, je herber wird mein Leid.


Doch liebe dich nicht selbst; die Tränen scheinen

Dir Spiegel sonst, und ewig müßt' ich weinen.

O aller Jungfrau'n Haupt, du hochgekröntes,

Kein Geist erdenkt dein Lob, kein Mund ertönt es!«


Wie wird mein Leid dir kund? Hier lieg' du, Blatt:

Birg Torheit, freundlich Laub! Wer tritt hervor?


Der König tritt auf die Seite. Longaville kommt mit einem Papiere.


Was, Longaville und lesend? Horch, mein Ohr!

BIRON beiseit.

In gleicher Herrlichkeit der dritte Tor! –

LONGAVILLE.

Weh mir, ich brach den Schwur! –

BIRON beiseit.

Er trägt den Zettel

Wie einer, der für Meineid steht am Pranger! –

KÖNIG beiseit.

Verliebt? Genossenschaft wird Scham versüßen!

BIRON beiseit.

Ein Trunkenbold wird gern den andern grüßen.

LONGAVILLE.

Ich bin wohl nicht meineidig so allein.

BIRON beiseit.

Ich könnte leicht dich trösten, ich weiß sogar von zwein!

Wir woll'n als Kleeblatt uns, als Triumvirn assoziieren,

Die Redlichkeit am Tyburn des Amor strangulieren.

LONGAVILLE.

Wenn Rührung nur dem starren Vers nicht fehlte!

O süßes Kind, Maria, Auserwählte! –

Die Reime da zerreiß' ich, schreib' in Prose.[264]

BIRON beiseit.

Reime sind Schleifen an Cupidos Hose;

Verdirb ihm nicht die Ware!

LONGAVILLE.

Ja, so geht's.


Liest das Sonett.


»Nur die Rhetorik deiner Himmelsblicke

(Die Welt kann ihr nicht bündig widersprechen)

Verführte mich zu dieses Meineids Tücke;

Nicht sträflich ist's, um dich den Schwur zu brechen.


Dem Weib entsagt' ich: doch ist sonnenklar,

Da Göttin du, niemals entsagt' ich dir;

Himmlisch bist du, mein Eid nur irdisch war;

Geheiligt dir, heilt jede Sünd' in mir.


Ein Schwur ist Hauch, und Hauch ist Dunst; o schein'

Auf meine Erde, Sonne, du mein Licht,

Zieh' auf das Dunstgelübd', dann ist es dein:


Gebrochen dann, tat ich die Sünde nicht.

Ja, bräch' ich's auch, kein Tor wird sich besinnen,

Um Wortsverlust den Himmel zu gewinnen.«

BIRON beiseit.

O brünst'ge Liebesglut! Das nenn' ich Ketzerei!

Ein unreif Gänschen verehren, als ob's 'ne Göttin sei!

Gott helf' uns, ach, Gott helfe! Verirrten wir uns so weit? –

LONGAVILLE.

Durch wen nur send' ich es? Halt! Gesellschaft? ich trete beiseit.


Er tritt auf die Seite. Dumain kommt.


BIRON beiseit.

Versteckt in allen Ecken, ein Spiel aus Kinderzeit!

Ich throne wie ein Halbgott, verhüllt in meiner Wolke,

Zu strenger Aufsicht diesem höchst argen Sündervolke.

Noch neue Säcke zur Mühle? O mehr als Hoffen verhieß!

Dumain ist auch verwandelt: vier Schnepfen an einem Spieß!

DUMAIN.

O Käthchen, göttlich Käthchen!

BIRON beiseit.

O Tropf, profaner Tropf!

DUMAIN.

Beim Himmel! Als ein Wunder jeglichen Blick vergnügst du!

BIRON beiseit.

Bei der Erde, sie ist keins, o Menschenkind, dies lügst du.[265]

DUMAIN.

Ihr Ambrahaar beschämt den Ambra selber.

BIRON beiseit.

Merkwürdig genug! Ein Rab', ein ambragelber! –

DUMAIN.

Wie Zedern schlank!

BIRON beiseit.

Ist guter Hoffnung nicht

Ihr Schulterblatt?

DUMAIN.

Glanzvoll, wie Tageslicht! –

BIRON beiseit.

O ja, nur muß die Sonne just nicht scheinen.

DUMAIN.

O hätt' ich meinen Wunsch!

LONGAVILLE beiseit.

Und ich den meinen!

KÖNIG beiseit.

Und ich den meinen auch, du edler Lord!

BIRON beiseit.

Amen, und meinen ich: das war ein trefflich Wort.

DUMAIN.

Wo find' ich Ruh'? Sie glüht als Fieber täglich

Im Blut mir; sie vergessen wird unmöglich.

BIRON beiseit.

In deinem Blut? Dann mußt du Ader lassen,

Und, schöner Unsinn! fängst sie auf in Tassen.

DUMAIN.

Noch einmal les' ich durch, was ich geschrieben.

BIRON beiseit.

Noch einen seh' ich hier, verdummt durch Lieben.

DUMAIN liest.

»Einst – o wehe, muß ich klagen! –

In des Maies Liebestagen

Spähte Lieb' ein Röslein duftig,

Wie's am Stengel schwankte luftig;

Durch den Samt der Blätter wehn

Schmeichelwinde ungesehn:

Der Geliebt', in Todespein,

Wünscht des Himmels Hauch zu sein.

Luft, spricht er, küßt deine Wangen,

Könnt' ich den Triumph erlangen! –

Schwur, ach! hält die Hand zurücke;

Daß sie nicht vom Dorn dich pflücke;

Ach, so schwört die Jugend nicht,

Die so gerne Blüten bricht.

Nenn' es Sünde nicht, daß ich

Jene Eide brach für dich.

Dir ja hätte Zeus geschworen,

Juno gleiche schwarzen Mohren;

Sterblich stieg' er selbst zur Erden,

Um in Liebe dein zu werden.«[266]

Dies send' ich, will noch klarer ihr in Bildern

Der treuen Liebe Sehnsuchtsqualen schildern.

O daß der Fürst, Biron und Longaville

Auch liebten! Spielt hier jeder böses Spiel,

Wird meiner Stirn der Makel fortgeschafft:

Denn keiner fehlt, sind alle gleich vergafft.

LONGAVILLE hervortretend.

Dumain, fern ist dein Lieben aller Gnade!

Genossen willst du auf verliebtem Pfade? –

Oh, sieh nur blaß; ich weiß, ich würd' erröten,

Fänd' ich mich so ertappt im Übertreten.

KÖNIG hervortretend.

Ja, werde rot, dein Fall ist gleich so schwer!

Du schiltst auf ihn und sündigst zweimal mehr;

Du liebst wohl nicht Marien? Longaville

Schrieb niemals ein Sonett im hohen Stil? –

Hielt auf der Brust die Arme nie gefalten,

Um nieder nur sein klopfend Herz zu halten?

Hier im Gebüsch, das schirmend mich versteckt,

Sah ich euch beid' und war für beid' erschreckt.

Die freveln Reime last ihr recht beweglich,

Die Seufzer dampften auf, ihr stöhntet kläglich;

Der rief zum Zeus, der ließ ein Ach! erschallen.

Der nannt' ihr Haar Gold, der ihr Aug' Kristallen,

Der wollt' um Meineid sich den Himmel kaufen,

Der ließ den Zeus der Juno selbst entlaufen.

Wie spottet wohl Biron, wenn er erfuhr,

Gebrochen sei, was man so eifrig schwur;

Wie wird er euch verlachen, jubilieren,

Und Witze sprühn und höhnisch triumphieren!

Um alle Schätze, die ich je gesehn,

Ich möcht' ihm so nicht gegenüber stehn.

BIRON hervortretend.

Jetzt, Heuchelei, jetzt ist's um dich geschehn:

Verzeih', o mein erlauchter Souverän!

Mit welchem Anstand schiltst du diese Kälber:

Sag, gutes Herz, wer liebt mehr als du selber?

Dein Aug' ist nie ein Wagen? Wenn es weint,

Gibt's keine Fürstin, die drin widerscheint?[267]

Du brichst um keinen Preis den Eid, ich wette,

Und nur ein Bänkelsänger schreibt Sonette.

Schämt ihr euch nicht? Ihr schämt euch ohne Frage,

Ihr alle drei, daß dies so kam zu Tage.

Du fand'st an ihm, der Fürst an dir den Splitter;

Ich euren Balken, ihr drei Liebesritter.

O Himmel, welch ausbünd'ge Narrenszene,

Von Seufzen, Gram, von Ächzen, von Gestöhne!

Wie ernsthaft blieb ich, als vor meinem Blicke

Ein hoher Fürst sich umgeformt zur Mücke!

Als Herkules, der Held, den Kreisel drehte

Und Salomo ein Gassenliedchen krähte,

Nestor mit Kindern Seifenblasen machte

Und Läst'rer Timon über Possen lachte!

Wo schmerzt es dich, Freund Longaville, gesteh' es?

Wo, Dumain, fließt die Quelle deines Wehes?

Wo Eurer Hoheit? Allen wohnt's im Herzen! –

He, bringt ein Licht! –

KÖNIG.

Zu bitter wird dein Scherzen;

Sind wir durch deine Klugheit so verraten?

BIRON.

Nicht ihr durch mich, ich bin durch euch verraten:

Ich, stets so brav; ich; der's wie Sünde scheut,

Zu brechen den von mir gelobten Eid,

Ich bin verraten, weil ich mich verband,

Menschen, so menschlich, so voll Unbestand.

Wann sah man mich ein Lied in Reime zwingen?

Um Lenen stöhnen? Wann den Tag verbringen

Mit Putzen? Wann vernahmt ihr, daß ich sang

Gedicht' auf Hand, auf Wang', auf Aug' und Gang,

Figur, Natur, auf Stirn, auf Fuß und Zeh',

Auf Lust und Brust?


Jacquenette und Schädel treten auf; als Biron sie kommen sieht, läuft er ihnen entgegen.


KÖNIG.

Wohin entläufst du? Steh!

Trabst du als Ehrlich oder Dieb so eilig?

BIRON.

Der Lieb' entflieh'nd, nicht bei Verliebten weil' ich.

JACQUENETTE.

Gott grüß' den König![268]

KÖNIG.

Bringst du was für mich? –

SCHÄDEL.

Was von Verrat, Herr!

KÖNIG.

Wie entspann er sich? –

SCHÄDEL.

Gesponnen ward er nicht.

KÖNIG.

Nun, wenn auch nicht gestrickt,

So seid Verrat und du nach Hause jetzt geschickt.

JACQUENETTE.

Seid doch so gut, Herr König: lest, was sich begeben hat,

Dem Pfarrer schien's bedenklich; er sagt, es sei ein Verrat.

KÖNIG.

Nimm, Biron, lies ihn vor! Wer hat ihn dir gegeben?

JACQUENETTE.

Das war der Schädel da.

KÖNIG.

Wer hat ihn dir gegeben?

SCHÄDEL.

Tonn' Adramotte war's, Tonn' Adramodio.

KÖNIG.

Wie nun, was ficht dich an? Warum den Brief zerstören?

BIRON.

's ist kein Verrat, mein König; ein Tand, das kann ich beschwören.

LONGAVILLE.

Er bracht' ihn ganz in Zorn, und deshalb woll'n wir ihn hören.

DUMAIN.

's ist Birons Hand, wahrhaftig, und hier sein Name dazu.

BIRON.

O Tölpel, verdammter Tropf! Mußt du mich beschämen? du?

Strafbar, mein König, strafbar; ich klage selbst mich an.

KÖNIG.

Wie das?

BIRON.

Euch fehlt ein vierter Narr: vollständig ist nun das Gespann.

Den, diesen, und Euch, mein Fürst, und mich traf gleiches Verderben;

Wir alle sind Gauner der Lieb', und verdienen, des Todes zu sterben.

Entlaßt die edle Versammlung, und mehr noch meld' ich Euch hier.

DUMAIN.

Was ungleich, ward jetzt eben.

BIRON.

Jawohl, wir sind nun vier.

Entfliegen die Tauben nicht bald?

KÖNIG.

Was zaudert ihr noch? Geht fort! –

SCHÄDEL.

Wir beiden Gerechten gehn, die Verräter bleiben am Ort.


Schädel und Jacquenette ab.[269]


BIRON.

Nun, Freunde, Liebende, seid mir umarmt! –

Wir sind so treu, als Fleisch und Blut nur reicht;

See ebbt und flutet, Winterluft erwarmt,

Jung Blut zerbricht die alte Satzung leicht.

Nicht zu umgehn ist, was uns selbst geboren:

Drum war der Eid im Schwur schon falsch geschworen.

KÖNIG.

Sprach Liebe jenes Blatt? Ich wette drauf!

BIRON.

Du fragst? Wer schaut zu Rosalinen auf,

Der gleich dem wilden Sohn des Inderstrands,

Wenn sich der Ost erschließt zu Pracht und Lust,

Nicht beugt das Haupt, anbetend seinen Glanz,

Und küßt den Staub mit untertän'ger Brust? –

Welch überkühnes Adlerauge wendet

Zur Sonne sich, von keiner Wolk' umhüllt,

Und wird von ihrer Hoheit nicht geblendet? –

KÖNIG.

Welch Eifern? Welche Wut hat dich erfüllt?

Ein Mond, herrscht meine Dam' in sanftem Licht,

Weil sie als Dienstgestirn kaum sichtbar funkelt.

BIRON.

Dann ist mein Sehn kein Sehn, ich Biron nicht;

Wär' nicht mein Liebchen, Tag wär' nachtumdunkelt.

Die Quintessenz der Farbenschönheit strahlt

Wie reinste Edelstein' auf ihren Wangen;

Wie sich ein Bild aus tausend Reizen malt,

Ein Meisterwerk selbst meisterndem Verlangen.

Hätt' ich den Zauber höchster Redekunst, –

Nein, sie bedarf dein nicht, erborgter Schimmer! –

Verkäuflich Gut empfehl' des Käufers Gunst,

Sie steht zu hoch dem Lob für jetzt und immer.

Ein Mönch, verdorrt und hundert Winter alt,

Wirft funfzig ab, kann er ins Aug' ihr blicken;

Schönheit verjüngt ihm kräftig die Gestalt,

Tauscht mit der Kindheit Wiege seine Krücken:

Oh, Licht und Leben strahlt sie gleich der Sonne.

KÖNIG.

Ei, deine Dam' ist schwarz wie Ebenholz! –

BIRON.

Ist Ebenholz ihr gleich? O Holz der Wonne! –

Ein Weib, daraus gezimmert, wär' mein Stolz.

Wo ist ein Buch? Fest soll mein Schwur bestehn,

Daß Schönheit selbst die Schönheit nicht erreicht,[270]

Lernt sie von ihrem Auge nicht das Sehn:

Und keine schön, die ihr an Schwärze weicht.

KÖNIG.

Sophisterei! Schwarz ist Livrei der Hölle,

Des Kerkers Farbe, Schule finstrer Nacht,

Und helles Weiß thront auf des Himmels Schwelle.

BIRON.

Zu täuschen, wählt der Teufel lichte Tracht.

Wenn Schwarz die Stirne meiner Liebsten deckt,

So trauert sie, daß falsches Haar, Karmin

Verliebte reizt mit täuschendem Aspekt;

Das Schwarz ward hell, da sie zur Welt erschien.

Ihr Antlitz lenkt die Mod' auf neue Bahn,

Natürlich Blut hört man als Schminke schelten:

Und Rot, des Glänzen gilt für eitlen Wahn,

Färbt schwarz sich, ihrer Stirne gleich zu gelten.

DUMAIN.

Ihr gleich zu sein, sind schwarz die Schornsteinfeger!

LONGAVILLE.

Seit sie erschien, dünkt sich der Köhler schmuck.

KÖNIG.

Mit seiner holden Farbe prangt der Neger!

DUMAIN.

Spart alle Kerzen, Nacht ist hell genug.

BIRON.

Die Damen, die ihr wähltet, scheun den Regen,

Er möcht' an ihrer muntern Schminke naschen.

KÖNIG.

Doch deiner, dächt' ich, käm' er recht gelegen:

Du nennst die Schönste, die sich nicht gewaschen.

BIRON.

Währt's bis zum Jüngsten Tag, ihr Schönsein preis' ich!

KÖNIG.

Dann schreckt ihn mehr als sie der Teufel nicht.

DUMAIN.

Kein Mensch war so vergafft in Dorn und Reisig!

LONGAVILLE.

Sieh hier ihr Bild: mein Schuh und ihr Gesicht.

BIRON.

Oh, wären deine Augen Pflastersteine,

Ihr Fuß wär' viel zu zart, um drauf zu gehn!

DUMAIN.

Damit recht deutlich dann der Straß' erscheine,

Was sonst, wenn auf dem Kopf man steht, zu sehn.

KÖNIG.

Sind alle wir verliebt? – All' aus dem Gleise? –

BIRON.

Unleugbar; und meineidig alle drei.

KÖNIG.

So schweigt nun, und Biron, mein Freund, beweise,

Daß Lieb' erlaubt und nicht ein Treubruch sei!

DUMAIN.

O ja, reich' etwas Balsam diesem Zweifel!

LONGAVILLE.

Ach, stände jetzt dir Weisheit zu Gebot,

Logik und List, zu prellen klug den Teufel![271]

DUMAIN.

Tinktur für Meineid!

BIRON.

Wahrlich, die tut not.

Auf, ins Gewehr, streitbare Liebesritter! –

Erwägt, was ihr zuerst beschworen habt:

Fasten, studieren, keine Frauen sehn; –

Klarer Verrat am Königtum der Jugend.

Sagt, könnt ihr fasten? Ihr seid all' zu jung;

Und die Enthaltsamkeit zeugt Krankheit nur;

Und als ihr zu studieren habt gelobt,

Da habt ihr euerm Buch schon abgeschworen.

Könnt ihr stets träumen, grübeln, darauf starren?

Wie hättet Ihr, o Herr, und Ihr, und Ihr

Erforscht die Herrlichkeit der Wissenschaft,

Half euch die Schönheit nicht der Frau'ngesichter?

Aus Frauenaugen zieh' ich diese Lehre;

Sie sind der Grund, das Buch, die hohe Schule,

Aus der Prometheus' echtes Feu'r entglüht.

Ei, stets sich abarbeiten, kerkert ein

Die raschen Lebensgeister im Geblüt,

Wie rastlos angestrengtes Wandern endlich

Die Sehnenkraft des Reisenden ermüdet.

Nun, wollt ihr nie ein Frauenantlitz schaun,

Habt den Gebrauch der Augen ihr verschworen

Und auch das Studium, dem ihr euch gelobt.

Denn, welcher Autor in der ganzen Welt

Lehrt solche Schönheit, wie ein Frauenauge?

Das Wissen ist ein Anhang nur zu uns,

Und wo wir sind, ist unser Wissen auch.

Drum, wenn wir uns in Mädchenaugen sehn,

Sehn wir nicht gleichfalls unser Wissen dort? –

Oh, wir gelobten Studien, werte Lords:

Mit dem Gelübd' entsagten wir den Büchern.

Wie hättet Ihr, o Herr, und Ihr, und Ihr

Durch bleierne Betrachtung je ersonnen

So glüh'nden Vers, als den begeisternd Augen

Von Schönheitspflegerinnen euch gespendet? –

Das andre träge Wissen bleibt im Hirn,

Und deshalb finden seine dürren Knechte[272]

Mühsel'ge Ernte kaum nach schwerem Dienst.

Doch Lieb', in Frauenaugen erst gelernt,

Lebt nicht allein vermauert im Gehirn,

Nein, mit der Regung aller edlen Geister

Strömt sie gedankenschnell durch jede Kraft

Und zeugt jedweder Kraft zwiefache Kraft,

Weit höher als ihr Wirken und ihr Amt.

Die feinste Schärfe leiht sie dem Gesicht;

Wer liebt, des Auge schaut den Adler blind.

Wer liebt, des Ohr vernimmt den schwächsten Laut,

Wo selbst des Diebs argwöhnisch Horchen taub ist.

Die Liebe fühlt empfindlicher und feiner,

Als der beschalten Schnecke zartes Horn;

Schmeckt sie, wird Bacchus' leckre Zunge stumpf;

Ist Lieb' an Kühnheit nicht ein Herkules,

Der stets der Hesperiden Bäum' erklimmt? –

Schlau wie die Sphinx, so süß und musikalisch

Wie Phöbus' Lei'r, bespannt mit seinem Haar? –

Wenn Liebe spricht, dann lullt der Götter Stimme

Den Himmel ein durch ihre Harmonie;

Nie wagt's ein Dichter und ergriff die Feder,

Eh' er sie eingetaucht in Liebesseufzer! –

Dann erst entzückt sein Lied des Wilden Ohr,

Pflanzt in Tyrannen holde Menschlichkeit.

Aus Frauenaugen zieh' ich diese Lehre:

Sie sprühn noch jetzt Prometheus' echte Glut;

Sie sind das Buch, die Kunst, die hohe Schule,

Die alle Welt umfaßt, erläutert, nährt.

Sonst überall ist nichts Vollkommnes da.

Drum wart ihr Toren, diesen Frau'n entsagend,

Und haltet ihr den Schwur, so bleibt ihr Toren.

Der Weisheit halb, – ein Wort, das jeder liebt –

Der Liebe halb, – ein Wort, das jeden liebt –

Der Männer halb, die Schöpfer sind der Frau'n, –

Der Frauen halb, durch die wir Männer sind,

Laßt uns den Eid vernichten, uns zu retten,

Sonst retten wir den Eid, vernichten uns.

's ist Religion, meineidig so zu werden,[273]

Denn Gnade selber schrieb uns das Gebot;

Und wer mag Liebe trennen von der Gnade?

KÖNIG.

Sankt Amor denn! Und, Ritter, auf! Ins Feld! –

BIRON.

Voran die Banner, und zum Angriff, Lords;

Nieder mit ihnen, drängt und sprengt die Reih'n;

Doch seid bedacht, die Sonn' im Kampf zu teilen.

LONGAVILLE.

Nun, schlicht und ehrlich, ohne viel Figuren:

Soll'n wir um die französ'schen Mädchen frein?

KÖNIG.

Frein und gedeihn: deshalb laßt uns ersinnen

Ein festlich Spiel für sie in ihren Zelten!

BIRON.

Erst führen wir hieher sie aus dem Park,

Dann heimwärts leit' ein jeder an der Hand

Sein schönes Liebchen; diesen Nachmittag

Soll sie ein art'ger Zeitvertreib ergötzen,

So gut die kurze Zeit vergönnen will;

Es bahnen Spiele, Masken, Fest' und Tänze

Den Weg der Lieb' und streun ihr Blumenkränze.

KÖNIG.

Fort, daß wir müßig nicht die Zeit versitzen:

Die Stunde, die noch unser, laßt uns nützen!

BIRON.

Allons! Wer Unkraut sät, drischt kein Getreide,

Gerechtigkeit wägt stets in richt'gen Schalen;

Der Dirnen Leichtsinn straft gebrochne Eide;

Nichts Beßres kaufen, die mit Kupfer zahlen.


Sie gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 263-274.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Liebes Leid und Lust
Shakespeare's dramatische Werke, Band 8: Die beiden Veroneser. Coriolanus. Liebes Leid und Lust
Shakespeare, William: Shakespeare's dramatische Werke / Die Comödie der Irrungen. - Die beiden Veroneser. - Coriolanus. Liebes Leid und Lust
Shakespeares dramatische Werke - Siebter Band: Der Widerspenstigen Zähmung, Viel Lärm um Nichts, Die Comödie der Irrungen, Achter Band: Die beiden Veroneser, Coriolanus, Liebes Leid und Lust
Shakespeare's Dramatische Werke: Einleitungen. Viel Lärmen Um Nichts. Die Comödie Der Irrungen. Die Beiden Veroneser. Coriolanus / Uebersetzt Von Dorothea Tieck. Liebes Leid Und Lust (German Edition)

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Nachdem Musarion sich mit ihrem Freund Phanias gestrittet hat, flüchtet sich dieser in sinnenfeindliche Meditation und hängt zwei radikalen philosophischen Lehrern an. Musarion provoziert eine Diskussion zwischen den Philosophen, die in einer Prügelei mündet und Phanias erkennen lässt, dass die beiden »nicht ganz so weise als ihr System sind.«

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon