Sechste Szene

[331] Von der einen Seite tritt auf Simonides, welcher einen Brief liest; die Ritter kommen ihm von der anderen Seite entgegen.


ERSTER RITTER.

Simonides dem Guten Heil und Glück.

SIMONIDES.

Die Tochter will, ich soll euch, Helden, sagen,

Daß innerhalb zwölf Monden sie sich nicht

Vermählen will; den Grund weiß sie nur selber,

Ich kann ihn keineswegs von ihr erfahren.

ZWEITER RITTER.

Und nicht vergönnt ist es, ihr aufzuwarten?

SIMONIDES.

Auf keine Weise; denn sie hält so strenge

Sich eingesperrt, daß es unmöglich ist.

Sie will Dianens Tracht zwölf Monden tragen:

Bei Cynthias Augen hat sie das beschworen,

Und hält den Schwur, bei ihrer Jungfrauenehre.

DRITTER RITTER.

Wir nehmen Urlaub, traurig, so zu scheiden.


Sie gehn ab.[331]


SIMONIDES.

So, sie sind fort! Nun zu der Tochter Brief.

Sie schreibt, vermählt sie sich dem Fremden nicht,

So will sie nicht mehr sehen des Tages Licht.

Recht gut, Fräulein, die Wahl stimmt mit der meinen:

Es freut mich; aber, wie befehlerisch!

Ganz sorglos, ob es mir auch recht mag sein.

Ich lobe ihre Wahl, und will nicht länger

Verzögern, – aber still, hier kommt er selbst;

Ich will mich noch verstellen.


Perikles tritt auf.


PERIKLES.

Simonides dem Guten alles Glück!

SIMONIDES.

Euch ebenfalls! Ich bin Euch sehr verbunden

Für Eure süße Musik gestern abend;

Niemals, beteu'r ich, ward mein Ohr gerührt

Von so anmutig schöner Harmonie.

PERIKLES.

Mich loben ist Euer Hoheit Wohlgefallen,

Denn ich verdien' es nicht.

SIMONIDES.

Ihr seid ein Meister.

PERIKLES.

Der schlechteste der Schüler, guter Herr.

SIMONIDES.

Laßt mich Euch etwas fragen. Sagt, wie dünkt

Euch meine Tochter?

PERIKLES.

Höchst verehrungswürdig.

SIMONIDES.

Auch schön ist sie; nicht wahr?

PERIKLES.

So wie ein Sommertag; von hoher Schönheit.

SIMONIDES.

Und meine Tochter denkt sehr gut von Euch,

So gut, daß Ihr ihr Meister werden müßt,

Denn sie will zu Euch in die Schule gehen.

PERIKLES.

Unwert bin ich, sie irgend zu belehren.

SIMONIDES.

Sie denkt nicht so, denn lest nur diesen Brief.

PERIKLES.

Wie? Was? Ein Brief, daß sie von Tyrus liebt den Ritter?

Des Königs List, mein Leben mir zu nehmen. –

O edler Herr, nicht sucht mich so zu fangen,

Ein fremder Ritter ich, im Unglück strebte

Niemals so hoch, zu lieben Eure Tochter;

Mein Dienst war ihrer Ehre stets gewidmet.

SIMONIDES.

Bezaubert hast du meine Tochter, bist

Ein Niederträcht'ger.[332]

PERIKLES.

Bei den Göttern, nein!

Auch kein Gedanke hat sie wollen kränken,

Nichts tat ich, ihre Gunst auf mich zu lenken

Und Euern Zorn.

SIMONIDES.

Du lügst, Verräter!

PERIKLES.

Verräter?

SIMONIDES.

Ja, Verräter!

PERIKLES.

In jeden Hals, den König ausgenommen,

Wer mich Verräter nennt, schleudr' ich die Lüge!

SIMONIDES.

Nun, bei den Göttern, mir gefällt sein Mut!

PERIKLES.

So edel wie mein Sinn sind meine Taten,

Die nimmer noch nach niedrer Abkunft schmeckten,

Um Ehre kam ich her an deinen Hof,

Und nicht, ihr also schändlich abzufallen;

Und wer es immer anders von mir meint,

Dem zeigt dies Schwert, er sei der Ehre Feind.

SIMONIDES.

Nicht? – Hier kommt mein Kind, die es bezeugen kann.

Thaisa kommt.


PERIKLES.

Dann, wie Ihr seid gleich tugendhart und schön,

So sagt dem zornigen Vater, ob ich je

Mit Worten um Euch warb, ob ich das Kleinste

Je tat, um Eure Liebe zu gewinnen.

THAISA.

Und wär' es auch gescheh'n,

Wen kränkt, was ich mit Freuden würde seh'n?

SIMONIDES.

Ei, Fräulein, seid Ihr denn so übermütig? –

Von Herzen freut mich's. – Bänd'gen will ich Euch,

Ja, ich will Euch wohl unterwürfig machen!

Wie, ohne meinen Willen

Willst du die Lieb' und deine Zuneigung

Auf einen Fremden werfen? – (Der, ich glaub' es,

Und kann nicht anders denken, von Geschlecht

So hoch wohl ist, als ich nur selber bin) –

Drum, Fräulein, hört, entweder meinem Willen

Gebt nach, und Ihr, mein Herr, fügt Euch im Guten,

Wo nicht, so mach' ich euch – zu Mann und Frau! –

Kommt, Händ' und Lippen müssen's auch besiegeln,

Und so vereint, stör' ich so eure Hoffnung.[333]

Zur Strafe denn – Gott geb' euch viele Freude!

Nun, seid ihr glücklich?

THAISA.

Ja, wenn Ihr mich liebt.

PERIKLES.

So wie mein Leben, wie mein Lebensblut!

SIMONIDES.

Nun, seid ihr einig?

BEIDE.

Ja, wenn's Euch gefällt, mein König.

SIMONIDES.

So gut, daß ich euch gleich vermählt will seh'n,

Dann sollt ihr auch alsbald zu Bette gehn.


Sie gehn ab.[334]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 331-335.
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