Elfte Szene

[112] Ebendaselbst. Äneas und Trojaner treten auf.


ÄNEAS.

Halt! Weicht nur nicht! Noch ist das Schlachtfeld unser,

Wir halten stand, erwarten hier den Tag.


Troilus tritt auf.


TROILUS.

Hektor ist tot.

ALLE.

Hektor? Verhüt'es Zeus! –

TROILUS.

Ja, tot; und an dem Roßschweif seines Mörders

Viehisch geschleift auf der beschämten Flur.

Zürnt, Götter! Eure Rache treff' uns schnell;

Hohnlächelnd schaut von Euerm Thron herab,

Die Gnade nur gewährt, und endet schnell:

Verzögert nicht den sichern Untergang!

ÄNEAS.

Mein Prinz, das ganze Heer entmutigt Ihr!

TROILUS.

Ihr faßt nicht meinen Sinn, wenn Ihr so sprecht.

Ich rede nicht von Furcht, von Flucht, noch Tod;

Trotz biet' ich allem Grau'n, womit die Götter[112]

Und Menschen noch bedrohn. – Hektor dahin! –


Wer sagt es Priam? Wer der Hekuba?

Wer hat den Mut, als nächt'ge Eule krächzend,

In Troja zu verkünden: Hektor fiel!

Solch Wort verwandelt Priamus in Stein,

In Quell'n und Niobes: Jungfrau'n und Weiber,

Jüngling' in Marmorbilder, und entsetzt

Troja zum Wahnsinn. Auf denn, Freunde, fort!

Hektor ist hin! Das ist das Todeswort.

Doch halt! Ihr schnöden, gottverhaßten Zelte,

So stolz gereiht auf unsrer phryg'schen Flur –


Erhebe Titan sich, so früh er mag,

Ich stürm' euch durch! Und du, feigherz'ger Riese,

Kein Erdenraum soll trennen unsern Haß:

Dir jag' ich wie dein bös Gewissen nach,

Das Larven scheußlich weckt wie Fieberwahnsinn. –


Schlagt rasch den Marsch zur Heimkehr; faßt euch Herz:

Der Rache Wunsch betäub' den innern Schmerz!


Äneas mit den Troern ab.


Pandarus kommt.

PANDARUS.

Hört mich, mein Prinz! Hört mich! –

TROILUS.

Fort, kupplerischer Pandar! Dein Gedächtnis

Sei ew'ge Schmach, und Schande dein Vermächtnis!


Troilus geht.


PANDARUS. Eine schöne Arznei für meine Gliederschmerzen! Oh, Welt, Welt, Welt! So wird dein armer Unterhändler verhöhnt! O ihr Verführer und Kuppler, wie eifrig nimmt man eure guten Dienste in Anspruch, und wie schlecht lohnt man euch! Warum sind unsre Bemühungen so geliebt, und unser Ausgang so getrübt? Welchen Denkreim gibt's dafür? Welch Gleichnis? Laß sehn: –

Recht lustiglich summt euch das Bienchen vor,

Solang' es Waff und Honig nicht verlor;

Doch ist sein scharfer Stachel erst heraus,

Ist's mit dem süßen Ton und süßen Honig aus.

Ihr, die ihr euch des schwachen Fleisches annehmt, setzt dies in eure gemalten Tapeten:[113]

So viel hier von der Zunft des Pandar sind,

Halb blind schon, weint bei seinem Fall euch blind;

Und stöhnt, wenn euch die Träne ward versagt,

Wenn nicht um mich, doch weil die Gicht euch plagt.

Hört, wer zum Kupplerorden sich bekennt,

Auf nächsten Herbst mach' ich mein Testament:

Ich tät' es jetzt, doch trat die Furcht dazwischen,

Ein Gänschen aus Winchester möchte zischen.

Drum laßt mir Zeit, mich schwitzend neu zu fiedern,

Und all mein Kreuz vermach' ich euern Gliedern.


Er geht ab.[114]

Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975.
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