Zweite Szene

[689] Daselbst. Ein andres Zimmer.


Es treten auf Charmion, Iras, Alexas und ein Wahrsager.


CHARMION. Herzens Alexas, süßer Alexas, ausbündigster Alexas, du allersublimiertester Alexas, wo ist der Wahrsager, den du der Königin so gerühmt? O kennte ich doch diesen Ehemann, der, wie du sagst, seine Hörner für Kränze ansieht! –

ALEXAS. Wahrsager! –

WAHRSAGER. Was wollt Ihr? –

CHARMION. Ist dies der Mann? Seid Ihr's, der alles weiß?

WAHRSAGER.

In der Natur unendlichem Geheimnis

Les' ich ein wenig.

ALEXAS.

Zeig' ihm deine Hand!


Enobarbus tritt auf.


ENOBARBUS.

Bringt das Bankett sogleich, und Wein genug,

Aufs Wohl Cleopatras zu trinken!

CHARMION. Freund, schenk' mir gutes Glück!

WAHRSAGER. Ich mach' es nicht, ich seh' es nur voraus.

CHARMION. Ersieh' mir eins!

WAHRSAGER. Ihr werdet noch an Schönheit zunehmen.[689]

CHARMION. Er meint an Umfang.

IRAS. Nein, wenn du alt geworden bist, wirst du dich schminken.

CHARMION. Nur keine Runzeln! –

ALEXAS.

Stört den Propheten nicht! Gebt Achtung!

CHARMION.

Mum! –

WAHRSAGER. Ihr werdet mehr verliebt sein als geliebt.

CHARMION. Nein, lieber mag mir Wein die Leber wärmen.

ALEXAS. So hört ihn doch!

CHARMION. Nun ein recht schönes Glück: laß mich an einem Vormittage drei Könige heiraten und sie alle begraben; laß mich im funfzigsten Jahr ein Kind bekommen, dem Herodes, der Judenkönig, huldigt: sieh zu, daß du mich mit dem Octavius Cäsar verheiratest und meiner Gebieterin gleich stellst.

WAHRSAGER.

Ihr überlebt die Fürstin, der Ihr dient. –

CHARMION.

O trefflich! Langes Leben ist mir lieber als Feigen.

WAHRSAGER.

Ihr habt bisher ein beßres Glück erfahren,

Als Euch bevorsteht.

CHARMION. So werden meine Kinder wohl ohne Namen bleiben: – sage doch, wie viel Buben und Mädchen bekomme ich noch? –

WAHRSAGER.

Wenn jeder deiner Wünsche wär' ein Schoß,

Und fruchtbar jeder Wunsch, – 'ne Million.

CHARMION. Geh, Narr, ich vergebe dir, weil du ein Hexenmeister bist.

ALEXAS. Ihr meint, nur Eure Bettücher wüßten um Eure Wünsche?

CHARMION. Nun sag auch Iras' Zukunft!

ALEXAS. Wir wollen alle unser Schicksal wissen.

ENOBARBUS. Mein und der meisten Schicksal für heut abend wird sein – betrunken zu Bett.

IRAS. Hier ist eine flache Hand, die weissagt Keuschheit, wenn nichts anders.

CHARMION. Grade wie die Überschwemmung des Nils Hunger weissagt.

IRAS. Geh, du wilde Gesellin, du verstehst nichts vom Wahrsagen.[690]

CHARMION. Nein, wenn eine feuchte Hand nicht ein Wahrzeichen von Fruchtbarkeit ist, so kann ich mir nicht das Ohr kratzen. – Bitte dich, sag ihr nur ein Alltagsschicksal!

WAHRSAGER. Euer Schicksal ist sich gleich.

IRAS. Doch wie? Doch wie? Sag mir's umständlicher!

WAHRSAGER. Ich bin zu Ende.

IRAS. Soll ich nicht um einen Zoll breit beßres Schicksal haben als sie? –

CHARMION. Nun, wenn dir das Schicksal just einen Zoll mehr gönnt, als mir, wo sollt' er hinkommen?

IRAS. Nicht an meines Mannes Nase.

CHARMION. O Himmel, beßre unsre bösen Gedanken! Alexas, komm; dein Schicksal, dein Schicksal! O laß ihn ein Weib heiraten, das nicht gehn kann, liebste Isis, ich flehe dich! Und laß sie ihm sterben, und gib ihm eine Schlimmere, und auf die Schlimmere eine noch Schlimmre, bis die Schlimmste von allen ihm lachend zu Grabe folgt, dem funfzigfältigen Hahnrei! Gute Isis, erhöre dies Gebet, wenn du mir auch etwas Wichtiges abschlägst; gute Isis, ich bitte dich! –

IRAS. Amen! Liebe Göttin, höre dieses Gebet deines Volkes! Denn wie es herzbrechend ist, einen hübschen Mann mit einer lockern Frau zu sehn, so ist's eine tödliche Betrübnis; wenn ein häßlicher Schelm unbehornt einhergeht: darum, lebe Isis, sieh auf den Anstand, und send' ihm sein verdientes Schicksal!

CHARMION. Amen!

ALEXAS. Nun seht mir! Wenn's in ihrer Hand stände, mich zum Hahnrei zu machen, sie würden zu Huren, um es zu tun.

ENOBARBUS.

Still da, Antonius kommt.

CHARMION.

Nicht er, die Fürstin.


Cleopatra kommt.


CLEOPATRA. Saht ihr Anton?

ENOBARBUS. Nein, Herrin.

CLEOPATRA. War er nicht hier?

CHARMION. Nein, gnäd'ge Frau.

CLEOPATRA.

Er war gestimmt zum Frohsinn, da, auf einmal

Ergriff ihn ein Gedank' an Rom ... Enobarbus! –

ENOBARBUS. Fürstin? –[691]

CLEOPATRA. Such' ihn und bring' ihn her! Wo ist Alexas?

ALEXAS. Hier, Fürstin, Euch zum Dienst. – Der Feldherr naht.


Antonius kommt mit einem Boten und Gefolge.


CLEOPATRA. Wir wollen ihn nicht ansehn. Geht mit uns.

Cleopatra, Enobarbus, Alexas, Iras, Charmion, Wahrsager und Gefolge ab.


BOTE.

Fulvia, dein Weib, erschien zuerst im Feld.

ANTONIUS.

Wider meinen Bruder Lucius?

BOTE.

Ja,

Doch bald zu Ende war der Krieg. Der Zeitlauf

Einte die zwei zum Bündnis wider Cäsar,

Des beßres Glück im Felde von Italien

Sie nach der ersten Schlacht vertrieb.

ANTONIUS.

Nun gut; –

Was Schlimmres? –

BOTE.

Der bösen Zeitung Gift macht krank den Boten.

ANTONIUS.

Wenn er sie Narr'n und Feigen meldet; weiter!

Mir ist Geschehnes abgetan. Vernimm,

Wer mir die Wahrheit sagt, und spräch' er Tod,

Ich hört' ihn an, als schmeichelt' er.

BOTE.

Labienus

(O harte Post!) hat mit dem Partherheer,

Vom Euphrat aus, sich Asien erobert:

Sein triumphierend Banner weht von Syrien

Bis Lydien und Jonien; indes ...

ANTONIUS.

Antonius, willst du sagen ...

BOTE.

O mein Feldherr!

ANTONIUS.

Sprich dreist, verfeinre nicht des Volkes Zunge,

Nenne Cleopatra, wie Rom sie nennt,

Tadle mit Fulvias Schmähn, schilt meine Fehler

Mit allem Freimut, wie nur Haß und Wahrheit

Sie zeichnen mag! Nur Unkraut tragen wir,

Wenn uns kein Wind durchschüttelt; und uns schelten,

Heißt nur rein jäten. Lebe wohl für jetzt!

BOTE.

Nach Eurem hohen Willen.


Ab.


ANTONIUS.

Was meldet man von Sicyon? Sag an.[692]

ERSTER DIENER.

Der Bot' aus Sicyon! War nicht einer da?

ZWEITER DIENER.

Er harrt auf Euren Ruf.

ANTONIUS.

Laßt ihn erscheinen. –


Diener gehn.

– Die starke ägypt'sche Fessel muß ich brechen,

Sonst geh' in Lieb' ich unter. – Wer bist du? –

ZWEITER BOTE.

Fulvia, dein Weib, ist tot.

ANTONIUS.

Wo starb sie?

ZWEITER BOTE.

Herr,

In Sicyon:

Der Krankheit Dauer, und was sonst von Nachdruck

Dir frommt zu wissen, sagt dies Blatt. –

ANTONIUS.

Entfernt Euch! –


Bote ab.


Da schied ein hoher Geist! Das war mein Wunsch: –

Was wir verachtend oft hinweggeschleudert,

Das wünschen wir zurück: erfüllte Freude,

Durch Zeitumschwung ermattet, wandelt sich

Ins Gegenteil: gut ist sie nun, weil tot:

Nun reicht' ich gern die Hand, die ihr gedroht.

Fliehn muß ich diese Zauberkönigin:

Zehntausend Weh'n, und schlimmre, als ich weiß,

Brütet mein Müßiggang. He! – Enobarbus! –


Enobarbus kommt.

ENOBARBUS. Was wünscht Ihr, Herr? –

ANTONIUS. Ich muß in Eil' von hier.

ENOBARBUS. Nun, dann bringen wir alle unsre Weiber um: wir sehn ja, wie tödlich ihnen eine Unfreundlichkeit wird: wenn sie unsre Abreise überstehn müssen, so ist Tod die Losung.

ANTONIUS. Ich muß hinweg!

ENOBARBUS. Ist eine Notwendigkeit da, so laßt die Weiber sterben. Schade wär's, sie um nichts wegzuwerfen: aber ist von ihnen und einer wichtigen Sache die Rede, so muß man sie für nichts rechnen. Cleopatra, wenn sie nur das Mindeste hievon wittert, stirbt augenblicklich: ich habe sie zwanzigmal um weit armseligem Grund sterben sehn. Ich denke, es steckt eine Kraft im Tode, die wie eine Liebesumarmung[693] auf sie wirkt, so ist sie mit dem Sterben bei der Hand.

ANTONIUS. Sie ist listiger, als man's denken kann! –

ENOBARBUS. Ach nein, Herr, nein; ihre Leidenschaften bestehn aus nichts, als aus den feinsten Teilen der reinen Liebe. Diese Stürme und Fluten können wir nicht Seufzer und Tränen nennen: das sind größere Orkane und Ungewitter, als wovon Kalender Meldung tun. List kann das nicht sein: wenn es ist, so macht sie ein Regenwetter so gut als Jupiter.

ANTONIUS. Hätt' ich sie nie gesehen! –

ENOBARBUS. O Herr, dann hättet Ihr ein wundervolles Meisterwerk ungesehn gelassen: Euch diese Freude versagen, würde Eure Reise um allen Kredit gebracht haben.

ANTONIUS. Fulvia ist tot.

ENOBARBUS. Herr?

ANTONIUS. Fulvia ist tot.

ENOBARBUS. Fulvia?

ANTONIUS. Tot!

ENOBARBUS. Nun, Herr, so bringt den Göttern ein Dankopfer! Wenn es ihrer himmlischen Regierung gefällt, einem Mann seine Frau zu nehmen, so gedenke er an die Schneider hier auf Erden, und beruhige sich damit, daß, wenn alte Kleider aufgetragen wurden, diese dazu gesetzt sind, neue zu machen. Gäbe es nicht mehr Weiber, als Fulvia, so wäre es allerdings ein Elend, und die Geschichte stände schlimm. Dieser Gram ist mit Trost gekrönt: aus Euerm alten Weiberhemd läßt sich ein neuer Unterrock machen: und in der Tat, die Tränen müssen in einer Zwiebel leben, die um diesen Kummer flössen.

ANTONIUS.

Die Unruh'n, die sie mir im Staat erregt,

Erlauben mir nicht mehr, entfernt zu sein.

ENOBARBUS. Und die Unruhe, die Ihr hier erregt habt, erlaubt nicht, daß Ihr geht: besonders die der Cleopatra, die allein von Eurem Hiersein lebt.

ANTONIUS.

Nicht leichter Reden mehr! Unsern Beschluß

Tu' kund den Führern! Ich verständ'ge dann

Der Königin den Anlaß dieser Eil',

Urlaub von ihrer Liebe fordernd. Nicht allein[694]

Der Fulvia Tod und andre ernste Mahnung

Ruft uns nachdrücklich; andre Briefe auch,

Von vielen wohlbemühten röm'schen Freunden,

Verlangen uns daheim. Sextus Pompejus

Hat Cäsarn Trotz geboten, und beherrscht

Das weite Meer: das wankelmüt'ge Volk

(Des Gunst nie fest dem Wohlverdienten bleibt,

Bis sein Verdienst vorüber) wirft nun schon,

Was je Pompejus nur, der Große, tat,

Auf seinen Sohn, der hoch in Macht und Namen,

Und höher noch durch Mut und Kraft ersteht,

Als Held des Heeres. Sein Ansehn, wächst es ferner,

Bedroht den Bau der Welt. – Viel brütet jetzt,

Das gleich dem Roßhaar nur erst Leben hat,

Noch nicht der Schlange Gift. – Geh und verkünde

Des Heers Hauptleuten, unser Wille fordre

Schleunigen Aufbruch aller!

ENOBARBUS.

Ich besorg' es.

Beide ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 689-695.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Antonius und Cleopatra
Antonius und Cleopatra.
Antony and Cleopatra/ Antonius und Cleopatra [Zweisprachig]
Antonius und Cleopatra (Theatralische Werke in 21 Einzelbänden, Bd.10)
Julius Cäsar /Antonius und Cleopatra /Coriolanus
Antony and Cleopatra / Antonius und Kleopatra: Englisch-deutsche Studienausgabe (Engl. / Dt.) Englischer Originaltext und deutsche Prosaübersetzung

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Als einen humoristischen Autoren beschreibt sich E.T.A. Hoffmann in Verteidigung seines von den Zensurbehörden beschlagnahmten Manuskriptes, der »die Gebilde des wirklichen Lebens nur in der Abstraction des Humors wie in einem Spiegel auffassend reflectirt«. Es nützt nichts, die Episode um den Geheimen Hofrat Knarrpanti, in dem sich der preußische Polizeidirektor von Kamptz erkannt haben will, fällt der Zensur zum Opfer und erscheint erst 90 Jahre später. Das gegen ihn eingeleitete Disziplinarverfahren, der Jurist Hoffmann ist zu dieser Zeit Mitglied des Oberappellationssenates am Berliner Kammergericht, erlebt er nicht mehr. Er stirbt kurz nach Erscheinen der zensierten Fassung seines »Märchens in sieben Abenteuern«.

128 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon