Dritte Szene

[877] Man hört Musik von innen; es kommt ein Diener.


ERSTER DIENER.

Wein, Wein! Was ist das für Aufwartung?

– Ich glaube, die Bursche sind alle im Schlaf.


Geht ab.


Ein zweiter Diener kommt.[877]


ZWEITER DIENER. Wo ist Cotus? Der Herr ruft ihn. Cotus!


Geht ab.


Coriolanus tritt auf.


CORIOLANUS. Ein hübsches Haus; das Mahl riecht gut. Doch ich Seh' keinem Gaste gleich.


Der erste Diener kommt wieder.


ERSTER DIENER.

Was wollt Ihr, Freund? Woher kommt Ihr?

Hier ist kein Platz für Euch. Bitte, macht Euch fort!

CORIOLANUS.

Ich habe bessern Willkomm nicht verdient,

Wenn Coriolan ich bin.

Der weite Diener kommt.


ZWEITER DIENER. Wo kommst du her, Freund? Hat der Pförtner keine Augen im Kopf, daß er solche Gesellen herein läßt? Bitte, mach' dich fort!

CORIOLANUS. Hinweg!

ZWEITER DIENER. Hinweg? Geh du hinweg!

CORIOLANUS. Du bist mir lästig.

ZWEITER DIENER. Bist du so trotzig? Man wird schon mit dir sprechen.


Der dritte Diener kommt.


DRITTER DIENER. Was ist das für ein Mensch?

ERSTER DIENER. Ein so wunderlicher, wie ich noch keinen sah. Ich kann ihn nicht aus dem Hause kriegen. Ich bitte, ruf doch mal den Herrn her!

DRITTER DIENER. Was habt Ihr hier zu suchen, Mensch? Bitte, scher' dich aus dem Haus!

CORIOLANUS. Laßt mich hier stehn, nicht schad' ich Euerm Herd.

DRITTER DIENER. Wer seid Ihr?

CORIOLANUS. Ein Mann von Stande.

DRITTER DIENER. Ein verwünscht armer.

CORIOLANUS. Gewiß, das bin ich.

DRITTER DIENER. Ich bitte Euch, armer Mann von Stande, sucht Euch ein andres Quartier; hier ist kein Platz für Euch. – Ich bitte Euch, packt Euch fort!

CORIOLANUS. Euerm Berufe folgt! Hinweg! Stopft Euch mit kalten Bissen.


Stößt den Diener weg.[878]


DRITTER DIENER. Was, Ihr wollt nicht? Bitte, sage doch meinem Herrn, was er hier für einen seltsamen Gast hat.

ZWEITER DIENER. Das will ich. Geht ab.

DRITTER DIENER. Wo wohnst du?

CORIOLANUS. Unter dem Firmament.

DRITTER DIENER. Unter dem Firmament?

CORIOLANUS. Ja.

DRITTER DIENER. Wo ist das?

CORIOLANUS. In der Stadt der Geier und Krähen.

DRITTER DIENER. In der Stadt der Geier und Krähen? Was das für ein Esel ist! So wohnst du auch wohl bei den Dohlen?

CORIOLANUS. Nein, ich diene nicht deinem Herrn.

ERSTER DIENER. Kerl! was hast du mit meinem Herrn zu schaffen?

CORIOLANUS. Nun, das ist doch schicklicher, als wenn ich mit deiner Frau zu schaffen hätte. Du schwatzest und schwatzest. – Trag' deine Teller weg! Marsch! Er schlägt ihn hinaus.


Aufidius tritt auf.


AUFIDIUS. Wo ist der Mensch?

ZWEITER DIENER. Hier, Herr. Ich hätte ihn wie einen Hund hinausgeprügelt, ich wollte nur die Herren drinnen nicht stören.

AUFIDIUS. Woher kommst du? Was willst du? Dein Name? Weshalb antwortest du nicht? Sprich, Mensch, wie heißest du?

CORIOLANUS schlägt den Mantel auseinander.

Wenn, Tullus,

Du doch nicht mich erkennst, und, mich beschauend,

Nicht findest, wer ich bin, zwingt mich die Not,

Mich selbst zu nennen.

AUFIDIUS.

Und wie ist dein Name?

CORIOLANUS.

Ein Name, schneidend für der Volsker Ohr,

Und rauhen Klangs für dich.

AUFIDIUS.

Wie ist dein Name?

Du hast 'nen wüsten Schein' und deine Mien' ist

Gebieterisch. Ist auch zerfetzt dein Tauwerk,

Zeigst du als wackres Schiff dich. Wie dein Name?[879]

CORIOLANUS.

Zieh' deine Stirn in Falten! Kennst mich jetzt?

AUFIDIUS.

Nicht kenn' ich dich. Dein Name?

CORIOLANUS.

Mein Nam' ist Cajus Marcius, der dich selbst

Vorerst und alle deine Landsgenossen

Sehr schwerverletzt' und elend machte; zeuge

Mein dritter Name Coriolan. Die Kriegsmüh'n.

Die Todsgefahr und all die Tropfen Bluts,

Vergossen für das undankbare Rom,

Das alles wird bezahlt mit diesem Namen,

Er, starkes Mahnwort und Anreiz zu Haß

Und Feindschaft, die du mir mußt hegen.

Nur Der Name bleibt. Die Grausamkeit des Volks,

Ihr Neid, gestattet von dem feigen Adel,

Die alle mich verließen, schlang das andre.

Sie duldeten's, mich durch der Sklaven Stimmen

Aus Rom gezischt zu sehn. – Diese Verruchtheit

Bringt mich an deinen Herd; die Hoffnung nicht,

Versteh' mich recht, mein Leben zu erhalten;

Denn fürchtet' ich den Tod, so mied' ich wohl

Von allen Menschen dich zumeist; – nein, Haß, Ganz

meinen Neidern alles wett zu machen,

Bringt mich hieher. – Wenn du nun in dir trägst

Ein Herz des Grimms, das Rache heischt für alles,

Was dich als Mann gekränkt, und die Verstümm'lung

Und Schmach in deinem ganzen Land will strafen,

Mach' dich gleich dran, daß dir mein Elend nütze,

Daß dir mein Rachedienst zur Wohltat werde;

Denn ich bekämpfe

Mein gifterfülltes Land mit aller Wut

Der Höllengeister. Doch fügt es sich so:

Du wagst es nicht und bist ermüdet, höher

Dein Glück zu steigern, dann, mit einem Wort,

Bin ich des Lebens auch höchst überdrüssig,

Dann biet' ich dir und deinem alten Haß

Hier meine Gurgel. – Schneidest du sie nicht,

So würdest du nur als ein Tor dich zeigen;

Denn immer hab' ich dich mit Grimm verfolgt

Und Tonnen Blutes deinem Land entzapft.[880]

Ich kann nur leben dir zum Hohn, es sei denn,

Um Dienste dir zu tun.

AUFIDIUS.

O Marcius, Marcius!

Ein jedes Wort von dir hat eine Wurzel

Des alten Neids mir aus der Brust gejätet.

Wenn Jupiter

Von jener Wolk' uns als Orakel riefe:

»Wahr ist's!« – nicht mehr als dir würd' ich ihm glauben.

Ganz edler Marcius! oh! laß mich umwinden

Den Leib mit meinen Armen, gegen den

Mein fester Speer wohl hundertmal zerbrach,

Und schlug den Mond mit Splittern. Hier umfang' ich

Den Amboß meines Schwerts, und ringe nun

So edel und so heiß mit deiner Liebe,

Als je mein eifersücht'ger Mut gerungen

Mit deiner Tapferkeit. Laß mich bekennen:

Ich liebte meine Braut, nie seufzt' ein Mann

Mit treu'rer Seele; doch, dich hier zu sehn,

Du hoher Geist! dem springt mein Herz noch freud'ger,

Als da mein neuvermähltes Weib zuerst

Mein Haus betrat. Du Mars, ich sage dir,

Ganz fertig steht ein Kriegsheer, und ich wollte

Noch einmal dir den Schild vom Arme hauen,

Wo nicht den Arm verlieren. Zwölfmal hast du

Mich ausgeklopft, und jede Nacht seitdem

Träumt' ich vom Balgen zwischen dir und mir.

Wir waren beid' in meinem Schlaf am Boden,

Die Helme reißend, bei der Kehl' uns packend;

Halbtot vom Nichts erwacht' ich. – Würd'ger Marcius!

Hätt' ich nicht andern Streit mit Rom, als nur,

Daß du von dort verbannt, ich böte auf

Von zwölf zu siebzig alles Volk, um Krieg

Ins Herz des undankbaren Roms zu gießen,

Mit überschwell'nder Flut. – O komm! tritt ein,

Und nimm die Freundeshand der Senatoren,

Die jetzt hier sind, mir Lebewohl zu sagen,

Der eure Länderei'n angreifen wollte,

Wenn auch nicht Rom selbst.[881]

CORIOLANUS.

Götter, seid gepriesen!

AUFIDIUS.

Willst du nun selbst als unumschränkter Herr

Dein eigner Rächer sein, so übernimm

Die Hälfte meiner Macht, bestimme du,

Wie dir gefällt, da du am besten kennst

Des Landes Kraft und Schwäche, deinen Weg, –

Sei's, anzuklopfen an die Tore Roms,

Sei's, sie an fernen Grenzen heimzusuchen,

Erst schreckend, dann vernichtend. Doch tritt ein,

Und sei empfohlen jenen, daß sie ja

Zu deinen Wünschen sprechen. – Tausend Willkomm!

Und mehr mein Freund als du je Feind gewesen,

Und, Marcius, das ist viel. Komm, deine Hand!


Coriolanus und Aufidius gehn ab.


ERSTER DIENER. Das ist eine wunderliche Veränderung.

ZWEITER DIENER. Bei meiner Hand, ich dachte ihn mit eine Prügel hinaus zu schlagen, und doch ahnete mir, seine Kleider machten von ihm eine falsche Aussage.

ERSTER DIENER. Was hat er für einen Arm! Er schwenkte mich herum mit seinem Daum und Finger, wie man einen Kreisel tanzen läßt.

ZWEITER DIENER. Nun, ich sah gleich an seinem Gesicht, daß was Besonderes in ihm steckte. Er hatte dir eine Art von Gesicht, sag' ich – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.

ERSTER DIENER. Das hatte er. Er sah aus, gleichsam – ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht dachte, es wäre mehr in ihm, als ich denken konnte.

ZWEITER DIENER. Das dachte ich auch, mein' Seel'. Er ist gradezu der herrlichste Mann in der Welt.

ERSTER DIENER. Das glaube ich auch. Aber einen besseren Krieger als erkennest du doch wohl.

ZWEITER DIENER. Wer? mein Herr?

ERSTER DIENER. Ja, das ist keine Frage.

ZWEITER DIENER. Der wiegt sechs solche auf.

ERSTER DIENER. Nein, das nun auch nicht; doch ich halte ihn für einen bessern Krieger.

ZWEITER DIENER. Mein' Treu'! sieh, man kann nicht sagen, was[882]

man davon denken soll; was die Verteidigung einer Stadt betrifft, da ist unser Feldherr vorzüglich.

ERSTER DIENER. Ja, und auch für den Angriff.


Der dritte Diener kommt zurück.


DRITTER DIENER. Oh, Bursche, ich kann euch Neuigkeiten erzählen, Neuigkeiten, ihr Flegel!

DIE BEIDEN ANDERN. Was? was? was? Laß hören!

DRITTER DIENER. Ich wollte kein Römer sein, lieber alles in der Welt, lieber wäre ich ein verurteilter Mensch.

ERSTER UND ZWEITER DIENER. Warum? warum?

DRITTER DIENER. Nun, der ist da, der unsern Feldherrn immer zwackte, der Cajus Marcius.

ERSTER DIENER. Warum sagtest du, »unsern Feldherrn zwacken«?

DRITTER DIENER. Ich sage just nicht, »unsern Feldherrn zwacken«; aber er war ihm doch immer gewachsen.

ZWEITER DIENER. Kommt, wir sind Freunde und Kameraden. Er war ihm immer zu mächtig, das habe ich ihn selbst sagen hören.

ERSTER DIENER. Er war ihm, kurz und gut, zu mächtig. Vor Corioli hackte und zackte er ihn wie eine Karbonade.

ZWEITER DIENER. Und hätte er was von einem Kannibalen gehabt, so hätte er ihn wohlgebraten und aufgegessen dazu.

ERSTER DIENER. Aber dein andres Neues?

DRITTER DIENER. Nun, da drinnen machen sie so viel Aufhebens von ihm, als wenn er der Sohn und Erbe des Mars wäre. Obenan gesetzt bei Tische, von keinem der Senatoren gefragt, der sich nicht barhäuptig vor ihn hinstellt. Unser Feldherr selbst tut, als wenn er seine Geliebte wäre, segnet sich mit Berührung seiner Hand, und dreht das Weiße in den Augen heraus, wenn er spricht. Aber der Grund und Boden meiner Neuigkeit ist: unser Feldherr ist mitten durchgeschnitten, und nur noch die Hälfte von dem, was er gestern war; denn der andre hat die Hälfte durch Ansuchen und Genehmigung der ganzen Tafel. Er sagt, er will gehn und den Pförtner von Rom bei den Ohren im Kot sühlen,[883] er will alles vor sich niedermähen und sich glatten Weg machen.

ZWEITER DIENER. Und er ist der Mann danach, es zu tun, mehr als irgend jemand, den ich kenne.

DRITTER DIENER. Es zu tun? Freilich wird er's tun! Denn versteht, Leute, er hat ebenso viel Freunde als Feinde; und diese Freunde, Leute, wagten gleichsam nicht, versteht mich, Leute, sich als seine Freunde, wie man zu sagen pflegt, zu zeigen, solange er in Mißkreditierung war.

ERSTER DIENER. In Mißkreditierung? was ist das?

DRITTER DIENER. Aber Leute, wenn sie seinen Helmbusch wieder hoch sehen werden, und den Mann in seiner Kraft, so werden sie aus ihren Höhlen kriechen wie Kaninchen nach dem Regen, und ihm alle nachlaufen.

ERSTER DIENER. Aber wann geht das los?

DRITTER DIENER. Morgen, heute, sogleich. Ihr werdet die Trommel heut nachmittag schlagen hören, es ist gleichsam noch eine Schüssel zu ihrem Fest, die verzehrt werden muß, ehe sie sich den Mund abwischen.

ZWEITER DIENER. Nun, so kriegen wir doch wieder eine muntre Welt. Der Friede ist zu nichts gut, als Eisen zu rosten Schneider zu vermehren und Bänkelsänger zu schaffen.

ERSTER DIENER. Ich bin für den Krieg, sage ich, er übertrifft den Frieden, wie der Tag die Nacht; er ist lustig, wachsam, gesprächig, immer was Neues; Friede ist Stumpfheit, Schlafsucht, dick, faul, taub, unempfindlich, und bringt mehr Bastarde hervor, als der Krieg Menschen erwürgt.

ZWEITER DIENER. Richtig; und wie man auf gewisse Weise den Krieg Notzucht nennen kann, so macht, ohne Widerrede, der Friede viele Hahnrei.

ERSTER DIENER. Ja, und er macht, daß die Menschen einander hassen.

DRITTER DIENER. Und warum? Weil sie dann einander weniger nötig haben. Der Krieg ist mein Mann. – Ich hoffe, Römer sollen noch eben so wohlfeil werden als Volsker. Sie stehn auf, sie stehn auf!

ALLE. Hinein! hinein!


Alle ab.[884]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 877-885.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Coriolanus
Shakespeare, William: Shakespeare's dramatische Werke / Die Comödie der Irrungen. - Die beiden Veroneser. - Coriolanus. Liebes Leid und Lust
Coriolanus. Tragödie.
Julius Cäsar /Antonius und Cleopatra /Coriolanus
Coriolan / The Tragedy of Coriolanus (Gesamtausgabe, Band 31)
Shakespeare's Dramatische Werke: Einleitungen. Viel Lärmen Um Nichts. Die Comödie Der Irrungen. Die Beiden Veroneser. Coriolanus / Uebersetzt Von Dorothea Tieck. Liebes Leid Und Lust (German Edition)

Buchempfehlung

Jean Paul

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Der Held Gustav wird einer Reihe ungewöhnlicher Erziehungsmethoden ausgesetzt. Die ersten acht Jahre seines Lebens verbringt er unter der Erde in der Obhut eines herrnhutischen Erziehers. Danach verläuft er sich im Wald, wird aufgegriffen und musisch erzogen bis er schließlich im Kadettenhaus eine militärische Ausbildung erhält und an einem Fürstenhof landet.

358 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon