Vierte Szene

[950] Vorhalle in Timons Hause.


Es treten auf zwei Diener des Varro und ein Diener des Lucius; Titus, Hortensius und andere Diener von Timons Gläubigern.


VARROS DIENER.

Recht! Guten Morgen, Titus und Hortensius!

TITUS.

Euch gleichfalls, guter Varro!

HORTENSIUS.

Lucius!

Wie, treffen wir uns hier?

LUCIUS' DIENER.

Und, wie ich glaube,

Führt ein Geschäft uns alle her; denn mein's

Ist Geld.

TITUS.

Und so ist ihrs und unsers.


Philotus tritt auf.


LUCIUS' DIENER.

Ei!

Philotus auch!

PHILOTUS.

Guten Morgen![950]

LUCIUS' DIENER.

Freund, willkommen!

Was ist's wohl an der Zeit?

PHILOTUS.

Nicht weit von neun.

LUCIUS' DIENER.

So spät?

PHILOTUS.

War Mylord noch nicht sichtbar?

LUCIUS' DIENER.

Nein.

PHILOTUS.

Mich wundert's; schon um sieben strahlt' er sonst.

LUCIUS' DIENER.

Ja, doch sein Tag ist kürzer jetzt geworden.

Seht, Freunde, des Verschwenders Lauf ist gleich

Der Sonne; doch erneut sich nicht, wie sie.

Ich fürcht', in Timons Beutel ist es Winter;

Das heißt, steckt man die Hand auch tief hinein,

Man findet wenig.

PHILOTUS.

Ja, das fürcht' ich auch.

TITUS.

Jetzt merkt' mal auf ein höchst seltsames Ding:

Euer Herr schickt Euch nach Geld?

HORTENSIUS.

Gewiß, das tut er.

TITUS.

Und trägt Juwelen, die ihm Timon schenkte,

Für die ich Geld erwarte.

HORTENSIUS.

's ist gegen mein Gemüt.

LUCIUS' DIENER.

Ja, wundersam,

Timon bezahlt, was niemals er bekam:

Als wenn dein Herr, weil er Juwelen trägt,

Sich dafür Geld von Timon geben ließe.

HORTENSIUS.

Ich bin des Auftrags satt, die Götter wissen's:

Sehr viel erhielt mein Herr, als Timon reich;

Sein Undank macht dies jetzt dem Diebstahl gleich.

VARROS DIENER. Meins ist dreitausend Kronen; und das deine?

LUCIUS' DIENER. Fünftausend.

VARROS ERSTER DIENER.

Das ist sehr viel, und nach der Summe scheint's,

Dein Herr war ihm vertrauter als der meine;

Sonst wäre sicher auch die Fod'rung gleich.


Flaminius tritt auf.


TITUS. Einer von Timons Dienern.

LUCIUS' DIENER. Flaminius! auf ein Wort: Ich bitte dich, ist dein Herr bereit, heraus zu kommen?

FLAMINIUS. Nein, gewiß nicht.[951]

TITUS. Wir erwarten Seine Gnaden; und ich bitte dich, tu' ihm das zu wissen!

FLAMINIUS. Ich habe nicht nötig, es ihm zu sagen; er weiß wohl daß ihr nur zu beflissen seid.


Flaminius geht ab. Flavius tritt auf, in einen Mantel verhüllt.


LUCIUS' DIENER.

Ist der Verhüllte nicht sein Hausverwalter?

Er geht in einer Wolke fort. He! ruft ihn!

TITUS.

Hört Ihr nicht, Freund?

VARROS ERSTER DIENER.

Mit Eurer Erlaubnis, Herr –

FLAVIUS.

Was wollt Ihr von mir haben, meine Freunde?

TITUS.

Wir warten auf gewisse Gelder.

FLAVIUS.

Ja,

Wär' Geld so sicher nur als Euer Warten,

Wär's euch gewiß. Weshalb nicht brachtet ihr

Die Schuldbrief, als die falschen Herren schwelgten

An Timons Tisch? Sie kosten, mahnten nicht,

Und lächelten, und nahmen noch den Zins

In gier'gen Schlund. Ihr tut euch selbst zu nah,

Daß ihr mich reizt; laßt ruhig mich von hinnen;

Mein Herr kann jetzt nebst mir den Haushalt enden:

Ich bin mit Rechnen fertig, er mit Spenden.

LUCIUS' DIENER.

Ja, doch die Antwort dient nicht.

FLAVIUS.

Dient sie nicht,

Ist besser sie als ihr; denn ihr dient Schelmen.


Flavius geht ab.


VARROS ERSTER DIENER. Was murmelt da der abgedankte gnädige Herr?

VARROS ZWEITER DIENER. Das ist einerlei; er ist arm, und das ist Strafe genug für ihn. Wer kann freier sprechen, als der, der kein Haus hat, den Kopf hinein zu tun? Solche Leute dürfen auf große Gebäude schelten.

Servilius tritt auf.


TITUS. Hier ist Servilius; nun werden wir wohl irgendein Antwort bekommen.

SERVILIUS.

Wenn ich euch bitten darf, ihr guten Herren,

So kommt zu einer andern Stunde; sehr[952]

Will ich's euch danken: denn, glaubt meinem Wort,

Mein Herr ist außerordentlich verstimmt.

Sein heitrer Sinn hat gänzlich ihn verlassen;

Denn er ist krank und muß sein Zimmer hüten.

LUCIUS' DIENER.

Das Zimmer hütet mancher, der nicht krank ist;

Und, ist er so sehr leidend, sollt' er, mein' ich,

Um so viel eher seine Schulden zahlen

Und sich den Weg frei machen zu den Göttern.

SERVILIUS. Ihr Götter!

TITUS. Dies können wir für keine Antwort nehmen.

FLAMINIUS drinnen. Servilius! komm und hilf! Mylord, Mylord!


Timon tritt auf in einem Anfall von Wut, Flaminius folgt ihm.


TIMON.

Was, sperrt die eigne Tür den Durchgang mir?

War ich stets frei, und muß mein eigen Haus

Mein Feind sein, der mich fesselt, und mein Kerker?

Der Platz, der Lust geweiht, zeigt er nun auch,

Wie alle Menschen, mir ein eisern Herz?

LUCIUS' DIENER. Mach' dich an ihn, Titus!

TITUS. Mylord, hier ist meine Verschreibung.

LUCIUS' DIENER. Und meine.

HORTENSIUS. Und meine.

DIE BEIDEN DIENER DES VARRO. Und unsre, Herr.

PHILOTUS. Alle unsre Verschreibungen.

TIMON. So haut mich nieder, spaltet mich zum Gürtel!

LUCIUS' DIENER. Ach! Herr –

TIMON. Zerteilt mein Herz!

TITUS. Funfzig Talente hier.

TIMON. Nehmt denn mein Blut!

LUCIUS' DIENER. Fünftausend Kronen, Herr.

TIMON.

Fünftausend Tropfen zahlen die. Und Ihr?

Und Ihr?

VARROS ERSTER DIENER. Herr!

VARROS ZWEITER DIENER. Herr!

TIMON. Reißt mich in Stück', und töten euch die Götter!


Er geht ab.


HORTENSIUS. Nun, ich sehe wohl, unsre Herren mögen ihre Mützen nach ihrem Gelde schmeißen: diese Schulden kann[953] man wohl verzweifelte nennen, da ein Rasender sie bezahlen soll.


Sie gehn alle ab.


Timon kommt zurück mit Flavius.


TIMON.

Es nahmen Luft und Atem mir die Sklaven.

Gläubiger! – Teufel! –

FLAVIUS.

Mein teurer Herr!

TIMON.

Und könnt's nicht so geschehn?

FLAVIUS.

Mein gnädiger Herr!

TIMON.

So soll es sein: – Mein Hausverwalter!

FLAVIUS.

Hier, Herr!

TIMON.

So schnell? Geh, lade mir die Freunde wieder,

Lucius, Lucullus und Sempronius, alle;

Ich will die Schufte noch einmal bewirten.

FLAVIUS.

O teurer Herr,

Das sprecht Ihr nur aus tief zerstörtem Sinn:

Es ist nicht so viel übrig, auszurichten

Ein mäß'ges Mahl.

TIMON.

Still, lade all', befehl' ich:

Daß noch einmal herein die Schelmzucht breche;

Mein Koch und ich besorgen schon die Zeche.


Sie gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 950-954.
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