Fünfte Szene

[990] Vor den Toren von Athen.


Trompeten. Alcibiades tritt auf mit seinem Heer.


ALCIBIADES.

Blast dieser feigen, schwelgerischen Stadt

Ins Ohr mein schrecklich Nahn!


Trompeten. Die Senatoren erscheinen auf den Mauern.


Bis jetzt gelang es euch, die Zeit zu widmen

Mit Maß der Willkür; Satzung war allein,

Was gut euch dünkte; ich und andre schliefen

Im Schatten eurer Macht, und wanderten,

Kreuzweis die Arm', und seufzten unser Leid

Vergeblich nur. Nun ist die Zeit erwachsen,[990]

Das Lasttier darf im Dienst sich kräftig fühlen

Und schreit von selbst: »Nicht mehr!« In Polsterstühlen

Wird jetzt bequem geschmähte Kränkung ruhn,

Und der goldschwere Übermut wird keuchen,

In Furcht und grauser Flucht.

ERSTER SENATOR.

O edler Jüngling,

Als deine erste Kränkung noch Gedanke,

Eh' du 'Gewalt hatt'st und wir Grund, zu fürchten,

Kam Botschaft dir, mit Balsam deine Wut,

Mit Liebe unsern Undank auszutilgen,

Mehr zahlend als die Schuld.

ZWEITER SENATOR.

Auch luden wir

Zu unsrer Stadt den umgeschaffnen Timon,

Demütig flehend, liebevoll versprechend.

Nicht alle fehlten, drum verdienen alle

Des Krieges Geißel nicht.

ERSTER SENATOR.

Hier diese Mauern,

Sie wurden nicht durch deren Hand gebaut,

Die dich gekränkt; noch ist so groß die Kränkung,

Daß diese Türm' und Tempel fallen sollten

Um Schuld der einzelnen.

ZWEITER SENATOR.

Auch sind sie tot,

Die Ursach' waren, daß du dich schied'st von hier:

Scham über ihren Fehl, in Übermaß,

Zerbrach ihr Herz. So zieh' denn, edler Feldherr,

Mit fliegendem Panier in unsre Stadt:

Laß, durch das Los bestimmt, den Zehnten sterben;

Hungert dein Rachgefühl nach dieser Speise,

Vor der Natur ergraut, nimm du den Zehnten;

Wie, durch Geschick, des Würfels Flecken fallen,

So falle der Befleckte!

ERSTER SENATOR.

Alle fehlten nicht;

Nicht billig ist's, für die Verstorbnen Rache

An Lebenden zu nehmen: Sünde erbt

Sich nicht, wie Land und Gut. Drum, teurer Landsmann,

Führ' ein dein Heer, doch laß die Wut da draußen:

Schon' deiner Wieg', Athens, verwandten Bluts,

Das deines Zornes Sturm vergießen würde[991]

Mit dem der Schuldigen: gleich einem Schäfer

Nah' deiner Hürd', und sondre das Erkrankte,

Doch nicht erwürge alles!

ZWEITER SENATOR.

Was du foderst,

Wirst du mit deinem Lächeln eh' erzwingen,

Als mit dem Schwert erhaun,

ERSTER SENATOR.

Setz' nur den Fuß

An dies bollwerkte Tor, so springt es auf,

Hast du dein mildes Herz voraus gesandt

Als Freundesboten.

ZWEITER SENATOR.

Wirf den Handschuh her;

Gib jedes andre Unterpfand der Ehre,

Daß du zur Herstellung den Krieg nur nutzest

Und nicht zu unserm Sturz, – so nimmt dein Heer

Wohnung in unsrer Stadt, bis wir bewilligt

Dein vollestes Begehr.

ALCIBIADES.

Hier ist mein Handschuh:

Tut auf das unbewehrte Tor, steigt nieder!

Die, welche Timons Feind' und meine sind,

Und die ihr selbst zur Strafe ziehen sollt,

Die einzig fallen: eure Furcht soll tilgen

Mein Ehrenwort, daß nicht ein Mann verläßt

Sein Standquartier, den Strom auch keiner trübe

Des hergebrachten Rechts in eurer Stadt:

Geschieht's, so zieh' ihn eure eigne Satzung

Zur strengen Rechenschaft!

BEIDE.

Ein edles Wort!

ALCIBIADES.

So steigt herab und haltet das Versprechen!


Die Senatoren steigen herab und öffnen die Tore.


Ein, Soldat tritt auf.


SOLDAT.

Mein edler Feldherr, Timon ist gestorben

Und an des Meeres ödem Strand begraben.

Auf seinem Grabstein fand ich diese Schrift;

Ich prägte sie in Wachs, des sanfte Form

Dir deute, was ich selbst nicht lesen kann.

ALCIBIADES liest.

»Hier liegt der traurige Leib, dem der traur'ge Geist entschwebt;[992]

Forscht meinen Namen nicht: Fluch allem, was da lebt!

Hier lieg' ich, Timon: da ich lebt', haßt' ich, was Leben hegt:

Geh, fluch' von Herzen, aber mach', daß fort dein Fuß dich trägt!«

Wohl drückt dies aus, was du zuletzt gefühlt:

Hast unser menschlich Leid du auch verachtet,

Die Tränenflut, die Tropfen, welche karg

Die Rührung fallen läßt: doch lehrte dich

Dein reicher Witz, Neptunus selbst zu zwingen,

Daß er nun ewig weint gesühnte Fehler

Auf deinem niedern Grab. Gestorben ist

Der edle Timon; künftig mehr von ihm!

Führt mich in eure Stadt, und mit dem Schwert

Bring' ich den Ölzweig: Krieg erzeuge Frieden,

Und Frieden hemme Krieg; jeder erteile

Dem andern Rat, daß eins das andre heile! –

Rührt eure Trommeln!


Alle gehn ab.[993]

Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Timon von Athen
Timon von Athen (Theatralische Werke in 21 Einzelbänden, Bd.7)
König Lear /Macbeth /Timon von Athen
Timon of Athens / Timon von Athen: Englisch-deutsche Studienausgabe (Engl. / Dt.) Englischer Originaltext und deutsche Prosaübersetzung
Timon von Athen

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

In Paris ergötzt sich am 14. Juli 1789 ein adeliges Publikum an einer primitiven Schaupielinszenierung, die ihm suggeriert, »unter dem gefährlichsten Gesindel von Paris zu sitzen«. Als der reale Aufruhr der Revolution die Straßen von Paris erfasst, verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit. Für Schnitzler ungewöhnlich montiert der Autor im »grünen Kakadu« die Ebenen von Illusion und Wiklichkeit vor einer historischen Kulisse.

38 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon