Erste Szene

[7] Rom. Vor dem Kapitol.


Trompetenstoß. Es erscheinen oben auf der Bühne Senatoren und Tribunen, wie zur Versammlung; dann von der einen Seite Saturninus mit seinem Gefolge, von der andern Bassianus mit dem seinigen. Trommeln und Fahnen.


SATURNINUS.

Edle Patrizier, Schirmer meines Rechts,

Verteidigt meinen Anspruch mit dem Schwert;

Und ihr, Mitbürger, Freunde wert und treu,

Werbt mit den Waffen um mein erblich Recht!

Ich bin des Erstgeborner, den zuletzt

Geschmückt Roms kaiserliches Diadem:

So folge mir des Vaters Würde nach!

Kränkt meinen Vorrang nicht durch diese Schmach!

BASSIANUS.

Römer, Gefährten, Förd'rer meines Rechts!

Wenn je zuvor Bassianus, Cäsars Sohn,

Roms königlichem Auge wohlgefiel,

Besetzt den Zugang hier zum Kapitol,

Und duldet nicht, daß Unwert dürfe nahn

Dem Kaisersitz, der Tugend stets geweiht,

Dem Recht, der Mäßigung, dem Edelmut:

Laßt Stimmenmehrheit das Verdienst erhöhn,

Und, Römer! kämpft für Freiheit eurer Wahl! –


Marcus Andronicus oben auf der Bühne, mit der Krone.


MARCUS.

Ihr Prinzen, die durch Anhang und Partei'n

Ehrgeizig strebt nach Herrschaft und Gewalt:

Es grüßt das röm'sche Volk, für das wir stehn

Mit unsern Freunden, durch einmüt'gen Ruf

Nach seinem Wahlrecht, als des Reiches Fürst[7]

Andronicus, der Fromme zubenamt,

Für sein vielfach und groß Verdienst um Rom. –

Ein beßrer Krieger, ein getreu'rer Mann

Lebt nicht zu dieser Stund' in unsrer Stadt;

Er ist zurückberufen vom Senat

Aus heißem Kampf mit den barbar'schen Goten;

Er mit den Söhnen, unsrer Feinde Schreck,

Bezwang dies starke, kriegsgewohnte Volk.

Zehn Jahre sind es nun, seit er zuerst

Roms Sache führt' und strafte mit dem Schwert

Der Feinde Hochmut; fünfmal kehrt' er heim

Blutig, nach Rom, die tapfern Söhne führend

Auf Bahren aus dem Feld;

Und nun, zuletzt, geschmückt mit Ruhmstrophäen,

Zieht dieser wackre Titus heim gen Rom,

Andronicus, der edle Waffenheld.

Wir bitten euch, bei seines Namens Glanz,

Den ihr für würdig achtet eures Throns,

Und den ihr im Senat und Kapitol

Zu ehren denkt und vor ihm hinzuknien, –

Entfernt euch jetzt, entsagt der Übermacht,

Schickt heim die Freund', und wie's Bewerbern ziemt,

Verfolgt in Fried' und Demut eu'r Gesuch!

SATURNINUS.

Wie schön spricht, mich zu sänft'gen, der Tribun!

BASSIANUS.

Marcus Andronicus, ich trau' so sehr

Auf deinen unbestechbar graden Sinn,

Dich und die Deinen ehr' und lieb' ich so,

Den edlen Bruder Titus, seine Söhne,

Und sie, der unser Sinn in Demut neigt,

Die reizende Lavinia, Zierde Roms, –

Daß ich heim sende meiner Treuen Schar,

Und meinem Glück und unsers Volkes Gunst

Vertraun will zur Entscheidung mein Gesuch.


Die Soldaten des Bassianus gehn ab.


SATURNINUS.

Freunde, die so bereit mein Recht geschirmt,

Ich dank' euch all'n, und all' entlass' ich euch;[8]

Und meines Vaterlandes Lieb' und Gunst

Vertrau' ich hier mich selbst und mein Gesuch. –

Rom, sei gerecht und so gewogen mir,

Als ich mit vollem Zutraun neige dir;

Öffnet das Tor und laßt mich ein!

BASSIANUS.

Auch mich, Tribunen, mit bescheidnem Flehn!


Alle gehn in das Senatsgebäude.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 7-9.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Titus Andronicus
TheComplete Arkangel Shakespeare: Titus Andronicus by Shakespeare, William ( Author ) ON Jan-01-1900, Audio cassette
Titus Andronicus [Zweisprachig]
Titus Andronicus: Zweisprachige Ausgabe
Titus Andronicus / Julius Caesar

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon