Fünfundsechzigstes Kapitel.

[272] Eines Abends erhielt Petronius den Besuch des Senators Scaevinus, der mit ihm ein Gespräch über die schweren Zeiten, in der beide lebten, und über den Caesar begann. Er sprach so offen, daß Petronius, obgleich er mit ihm befreundet war, vorsichtig zu werden begann. Scaevinus klagte, die Welt lebe in Ungerechtigkeit und Wahnwitz und müsse, alles zusammengenommen, in einer noch schrecklichere Katastrophe enden, als es der Brand Roms gewesen sei. Er erwähnte, sogar Augustianer seien mißvergnügt, Fenius Rufus, der zweite Präfekt der Prätorianer, führe nur mit dem größten Widerstreben Tigellinus' unmenschliche Befehle aus und die ganze Familie Senecas sei durch das neuerliche Verhalten des Caesars sowohl gegen den alten Philosophen wie gegen Lucanus erbittert. Schließlich sprach er noch von der Unzufriedenheit[272] des Volkes und selbst der Prätorianer, von denen Fenius Rufus einen beträchtlichen Teil auf seine Seite gebracht habe.

»Wozu erzählst du mir dies alles?« fragte ihn Petronius.

»Aus Besorgnis um den Caesar,« entgegnete Scaevinus. »Ich habe einen Verwandten unter den Prätorianern, der ebenfalls Scaevinus heißt, und durch ihn erfahre ich alles, was im Lager vorgeht ... Die Mißstimmung wächst auch dort ... Caligula, siehst du, war auch verrückt, und du weißt ja, was sich ereignete. Cassius Chaerea trat auf ... Es war eine grausige Tat, und gewiß gibt es niemanden unter uns, der sie loben möchte, und doch hat Chaerea die Welt von einem Ungeheuer befreit.«

»Der Sinn deiner Rede ist also der: Ich lobe Chaerea nicht, aber er hat sich als Mann erwiesen, und möchten uns doch die Götter möglichst viele seiner Art schenken.«

Scaevinus wechselte nun das Gesprächsthema und begann unerwartet Piso zu rühmen. Er pries seine Familie, seinen alten Adel, seine Anhänglichkeit an seine Gattin und schließlich seinen Geist, seine Ruhe und seine bewunderungswürdige Gabe, die Menschen für sich einzunehmen.

»Der Caesar ist kinderlos,« fuhr er fort, »und allgemein erblickt man in Piso seinen Nachfolger. Unzweifelhaft wird jedermann aus vollstem Herzen bereit sein, ihm zur Macht zu verhelfen. Fenius Rufus ist sein Freund, ebenso ist ihm die Familie der Annaeer völlig ergeben. Plautius Lateranus und Tullius Senecio würden für ihn durchs Feuer gehen, ebenso Natalis, Subrius Flavius, Sulpicius Asper, Atronicus Quinctianus und selbst Vestinus.«

»Der letztere wird Piso nicht viel nützen,« erwiderte Petronius; »Vestinus fürchtet sich vor seinem eigenen Schatten.«

»Vestinus fürchtet sich vor Träumen und Geistern,« versetzte Scaevinus; »aber ist ein brauchbarer Mann, den man mit Recht zum Konsul ernennen will. Daß er in seinem[273] Innern ein Gegner der Christenverfolgung ist, darfst du ihm nicht übelnehmen, denn auch dir kommt es ja darauf an, daß dieser Wahnwitz bald ein Ende nimmt.«

»Nicht mir, wohl aber Vinicius,« antwortete Petronius. »Aus Rücksicht auf diesen möchte ich gern ein Mädchen retten, aber ich kann es nicht, da ich beim Rotbart in Ungnade gefallen bin.«

»Wieso? Hast du nicht bemerkt, daß der Caesar sich dir wieder nähert und anfängt, sich mit dir zu unterhalten? Ich will dir auch sagen, weshalb. Er wird sich jetzt von neuem nach Achaja begeben, wo er griechische Hymnen eigener Komposition vortragen will. Er ist Feuer und Flamme für diese Reise, fürchtet sich aber zugleich davor beim Gedanken an den spottlustigen Geist der Griechen. Er hegt die Überzeugung, daß ihn dort der höchste Triumph oder die schmählichste Niederlage erwartet. Er bedarf guten Rates und weiß, daß niemand ihm einen besseren geben kann als du. Dies ist der Grund, weshalb du wieder zu Gnaden angenommen wirst.«

»Lucanus kann mich vollständig ersetzen.«

»Der Rotbart haßt ihn und hat seinen Tod beschlossen. Er sucht nur einen Vorwand, wie er es stets tut. Lucanus weiß, daß Eile vonnöten ist.«

»Beim Kastor!« rief Petronius, »es ist möglich. Aber ich hätte vielleicht noch ein anderes Mittel, seine Gunst wiederzugewinnen.«

»Was meinst du?«

»Ich brauchte dem Rotbart nur zu wiederholen, was du soeben zu mir gesagt hast.«

»Ich habe nichts gesagt!« rief Scaevinus unruhig. Doch Petronius legte ihm die Hand auf die Schulter: »Du hast den Caesar einen Verrückten genannt, du hast dich um die Nachfolge Pisos erwärmt und hast gesagt: Lucanus weiß, daß Eile vonnöten ist. Womit wollt ihr denn eilen, carissime?«[274]

Scaevinus erblaßte, und beide sahen sich einen Augenblick an.

»Du wirst es nicht wiederholen!«

»Bei den Hüften der Kypris! Wie gut du mich kennst! Nein, ich werde es nicht wiederholen. Ich habe nichts gehört, will aber auch nichts hören ... Verstehst du mich? Das Leben ist zu kurz, als daß es sich der Mühe verlohnte, etwas zu unternehmen. Ich bitte dich nur um das eine, mache heut auch Tigellinus einen Besuch und unterhalte dich mit ihm ebensolange über ein beliebiges Thema wie mit mir.«

»Warum?«

»Damit, wenn Tigellinus einmal zu mir sagt: Scaevinus ist bei dir gewesen, ich ihm antworten kann: Er war desselben Tages auch bei dir.«

Scaevinus zerbrach den Elfenbeinstock, den er in der Hand hielt und sagte: »Möge das Unglück diesen Stock treffen! Ich werde heut noch zu Tigellinus gehen und dann auf das Fest zu Nerva. Du bist doch auch da? Jedenfalls auf Wiedersehen übermorgen im Amphitheater, wo die letzten Christen auftreten sollen! ... Auf Wiedersehen!«

»Übermorgen also!« wiederholte Petronius, als er allein war. »Es ist also keine Zeit zu verlieren. Der Rotbart bedarf meiner wirklich in Achaja; er wird daher vielleicht mit mir rechnen.«

Er entschloß sich, das letzte Mittel zu versuchen.

Wirklich verlangte der Caesar auf dem Feste bei Nerva, daß Petronius ihm gegenüber Platz nehme, weil er mit ihm über Achaja und die Städte sprechen wollte, in denen er mit dem größten Erfolge auftreten könnte. Vor allem kam es ihm auf die Athener an, die er fürchtete. Die anderen Augustianer hörten der Unterredung aufmerksam zu, um einige Körnchen von Petronius' Weisheit zu erhaschen und später damit zu glänzen.

»Es ist mir, als hätte ich bisher nicht gelebt,« sagte Nero, »und als würde ich erst in Griechenland geboren.«[275]

»Du wirst dort zu neuem Ruhm und zur Unsterblichkeit geboren werden,« erwiderte Petronius.

»Ich hoffe, daß dies der Fall sein wird und Apollo sich nicht eifersüchtig zeigt. Wenn ich im Triumph zurückkehre, so will ich ihm eine Hekatombe opfern, wie sie bisher noch kein Gott empfangen hat.«

Scaevinus begann Horatius' Verse zu zitieren:


»Sic te diva potens Cypri,

Sic fratres Helenae, lucida sidera,

Ventorumque regat pater ...«1


»Das Schiff liegt in Neapel segelfertig vor Anker,« versetzte der Caesar. »Ich wollte, ich könnte schon morgen aufbrechen.«

Petronius erhob sich, sah Nero fest ins Auge und erwiderte: »Gestatte mir, Gottheit, an einem Hochzeitsfeste teilzunehmen, zu dem ich dich vor allen anderen einladen werde.«

»Eine Hochzeit? welche?« fragte Nero.

»Die des Vinicius mit der lygischen Königstochter, deiner Geisel. Sie befindet sich zwar augenblicklich im Gefängnisse, aber erstens durfte sie als Geisel gar nicht eingekerkert werden, und zweitens hast du Vinicius selber befohlen, sie zu heiraten. Da nun deine Beschlüsse unabänderlich sind wie die des Zeus, so gib den Befehl, sie aus dem Gefängnis zu entlassen, damit ich sie ihrem Verlobten zuführen kann.«

Die Kaltblütigkeit und das ruhige Selbstvertrauen, mit dem Petronius gesprochen hatte, setzten Nero in Verwirrung, wie dies stets geschah, so oft jemand zu ihm in einem derartigen Tone sprach.

»Ich weiß es,« sagte er, mit den Augen blinzelnd. »Ich habe schon an sie und an jenen Riesen gedacht, der seinerzeit Kroton tötete.«[276]

»Dann sind beide gerettet,« erwiderte Petronius ruhig.

Doch Tigellinus kam seinem Herrn zu Hilfe.

»Sie befindet sich auf Befehl des Caesars im Gefängnis,« sprach er, »und du hast selbst gesagt, Petronius, daß seine Beschlüsse unabänderlich sind.«

Da alle Anwesenden Vinicius' und Lygias Geschichte kannten, so wußten sie sofort, worum es sich handelte, und schwiegen in gespannter Erwartung, welchen Ausgang die Unterredung nehmen werde.

»Sie befindet sich infolge eines Irrtums von dir und infolge deiner Unkenntnis des Völkerrechts gegen den Willen des Caesars im Gefängnis,« erwiderte Petronius mit Nachdruck. »Du bist sehr naiv, Tigellinus, aber auch du wirst nicht behaupten wollen, daß das Mädchen Rom in Brand gesteckt hat, übrigens würde dir der Caesar gar nicht glauben, selbst wenn du es behaupten wolltest.«

Nero hatte sich inzwischen erholt und kniff seine kurzsichtigen Augen mit unsagbar boshaftem Ausdruck zusammen: »Petronius hat recht,« sagte er nach einiger Zeit.

Tigellinus sah ihn erstaunt an.

»Petronius hat recht,« wiederholte Nero, »morgen werden sich dem Mädchen die Tore des Kerkers öffnen, und übermorgen werden wir im Amphitheater über das Hochzeitsfest sprechen.«

»Ich habe abermals verspielt,« dachte Petronius.

Als er nach Hause zurückkehrte, war er so fest von Lygias bevorstehendem Tode überzeugt, daß er des Morgens früh einen zuverlässigen Freigelassenen nach dem Amphitheater schickte, um mit dem Aufseher des Spoliariums über die Auslieferung ihres Leichnams zu verhandeln, den er Vinicius zu übergeben wünschte.

1

So geleite dich Cypris hin,

So das Zwillingsgestirn, Helenas Brüderpaar,

So der Vater der Winde auch.

Quelle:
Sienkiewicz, Henryk: Quo vadis? Zwei Bände, Leipzig [o.J.], Band 2, S. 272-277.
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