3. Szene.

[76] Bauernhütte.

Fausts Vater arbeitend, Fausts Mutter und Elise spinnend.


FAUSTS VATER. Hast du den Kohl begossen, Mutter?

FAUSTS MUTTER. Ja, Vater.

FAUSTS VATER. Ist Melamp gefüttert?

FAUSTS MUTTER. Ja.

FAUSTS VATER. Mieze, hat sie zu fressen bekommen? Das arme Tier hat Junge, die an ihr zehren!

FAUSTS MUTTER. Sei ruhig, alles ist versorgt, auch die Wachtel.[76]

FAUSTS VATER. Gut! Mutter, daß mir ja keins Not leidet! Sie haben treulich bei uns ausgehalten und mit uns gehungert, eh' wir den Schatz fanden, und also ist's Pflicht –

FAUSTS MUTTER. Ja, mit dem Schatze ist's auch nicht richtig zugegangen.

FAUSTS VATER. Nicht richtig? Sieh nur, Mutter, die Liese spinnt und hat ja nicht einmal Wasser im Näpfchen.

FAUSTS MUTTER. Siehst du nicht, daß sie weint? Sie netzt mit ihren Tränen.

FAUSTS VATER. Das arme Ding! – Nicht richtig, sagst du? Hab' ich ihn nicht ehrlich und redlich?

FAUSTS MUTTER. Das wohl, aber –

FAUSTS VATER. Lag er nicht unter dem Holunderstrauche in meinem Gärtchen?

FAUSTS MUTTER. Das schon, aber –

FAUSTS VATER. Lag wohl ein schwarzer Pudel dabei mit feurigen Augen?

FAUSTS MUTTER. Freilich nicht, aber – daß du ihn grade jetzt finden mußtest.

FAUSTS VATER. Ich hätt' ihn nie gefunden; denn der Holunderstrauch, so dürr er war, war mir aus Herz gewachsen; ich hatt' ihn gepflanzt an unserm Verlobungstag. Aber Fieber schüttelte dich, das Holz war alle. O ich werd's nie vergessen, jeder Beilhieb ging mir durchs Herz.

FAUSTS MUTTER. Wer weiß, wem das Gold gehörte.

FAUSTS VATER. Mutter, das verstehst du nicht. Das ist im Kriege vergraben; denn da schlagen sich die armen Leute tot und die Reichen füllen ihre Beutel; und wenn's denn Not wird, vergraben sie's und –

FAUSTS MUTTER. Wenn nur Hans nicht mit im Spiel ist!

FAUSTS VATER. Hans? Hu! Was du mir da in den Kopf setzest! Hans? Das verhüte der Himmel! Das wäre Höllengeld.

FAUSTS MUTTER. Das nicht; er kann's ja auch verdient und so heimlich uns zugesteckt haben.

FAUSTS VATER. Verdient? Was arbeitete er denn in der Schenke? Uns heimlich zugesteckt? Soll der Sohn sich schämen[77] den Vater zu nähren? Wüßt' ich, es wäre Satans Geld, ich verkaufte die Hütte wieder und –

FAUSTS MUTTER. Ach! Es ist wohl auch mit Hansen nicht so arg, als es die Leute machen.

FAUSTS VATER. Nicht arg, nicht arg? Hat er nicht mit dem Gottseibeiuns ein Bündnis eingegangen?

LIESE aufstehend. Ach, Vater, er ist ja mit mir versprochen.

FAUSTS VATER. Freilich, arme Hexe! Aber die großen Herren versprechen sich zehnmal.

FAUSTS MUTTER. Wer weiß, ob's wahr ist.

FAUSTS VATER. Wahr? Wahr? Frage ganz Ingolstadt! Das ganze Bayerland! Und das kommt vom Studieren. – Hat er sich nicht dem Teufel mit seinem Blut verschrieben?

LIESE freudig. Nein, Vater! Die Handschrift hab' ich. Soll ich sie holen?

FAUSTS VATER. Arme Liese! Laß sie stecken; die großen Herren stellen die Handschriften aus wie die Wechsel. Einlösen muß sie nur der Bürger und Bauer.

FAUSTS MUTTER. Die Leute sagen wohl auch mehr, als sie verantworten können.

FAUSTS VATER. Wahr ist's. Der Teufel hat die Handschrift auf dem Markt vorgezeigt. Und das kommt vom Studieren.

FAUSTS MUTTER. Freilich waren die Leute neidisch darüber, daß unser Hans so ein großer Mann geworden ist.

FAUSTS VATER. Ein großer Mann? Was? Was? Ein Hexenmeister, ein Teufelsbanner?

FAUSTS MUTTER. Ich kann's nicht glauben; ich – und ich muß es doch wissen; hab' ich ihn nicht unter dem Herzen getragen?

FAUSTS VATER. Ein großer Mann? Kann er arbeiten? Kann er säen, pflügen, dreschen?

FAUSTS MUTTER. Das nicht, aber er hat studiert.

FAUSTS VATER. Studiert? Konnte er wohl unser Holzspalten lernen?[78]

FAUSTS MUTTER. Tag und Nacht saß er über den Büchern.

FAUSTS VATER. Ja, ja, da wächst auch das Korn heraus.

FAUSTS MUTTER. Und ist ein Doktor geworden; bedenk's nur, Vater, ein Gelehrter, und die Gelehrten regieren die Welt.

FAUSTS VATER. Daß Gott erbarm', da sitzt's eben! Alles will regieren, und zuletzt müssen wir schlechten Leute zum Land hinaus laufen und den Herren Regierern Platz machen.

FAUSTS MUTTER. Aber er ist doch ein vornehmer Herr, und der ist doch mehr als unsereiner.

FAUSTS VATER. Mehr? – Mutter, schwätz mir nicht so albern! Hab' ich nicht jetzt auch einen Taler Geld? Wenn mir abends das Schnitzmesser aus der Hand fällt, da bin ich ein vornehmer Herr. Aber die Zeitdiebe? Sieh, Liese, wer pocht!

LIESE an die Türe. Ein Wandersmann, Vater.

FAUSTS VATER. Was sucht er?

LIESE. Herberge.

FAUSTS VATER. Die Schenke ist unten im Dorfe.

LIESE. Es regnet, Vater, und der Wind saust.

FAUSTS MUTTER. Laß ihn herein! Für die Not muß unser Hüttchen immer noch Platz haben.

FAUSTS VATER. Recht, Mutter. Mach auf, Liese!


Quelle:
Soden, Julius von: Doktor Faust. Neustadt a.d. Aisch 1931, S. 76-79.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Haffner, Carl

Die Fledermaus. Operette in drei Aufzügen

Die Fledermaus. Operette in drei Aufzügen

Die Fledermaus ist eine berühmtesten Operetten von Johann Strauß, sie wird regelmäßig an großen internationalen Opernhäusern inszeniert. Der eingängig ironische Ton des Librettos von Carl Haffner hat großen Anteil an dem bis heute währenden Erfolg.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon