An mein Zimmer zu Marburg

[168] Im Herbst 1808


O seliger Abend, beglückende Stille,

Die mir so ätherisch mein Zimmer erhellt!

Indem ich in deine Umschattung mich hülle,

Versinken die Nebel der täuschenden Welt.

Heut weih' ich auf immer zu himmlischem Frieden,

Zu Wonnen des Herzens dich feierlich ein,

Hier will ich, von täuschenden Freuden geschieden,

Mich eurer Umarmung, ihr Göttlichen! weihn.


Hier sollen die lieblichsten Haine mir prangen,

Zum Kranze die Rosen des Himmels erblühn,

Hesperiens Lauben mich traulich umfangen,

Schon schimmert ihr duftendes stralendes Grün.

Bald rieseln, dann rauschen die ewigen Quellen;

Wie glänzet ihr Bogen vom stralenden Licht!

Wie Helios's Flammen den Aether erhellen,

Und Hesperos's Feuer die Nebel durchbricht!


Du, die uns so lieblich das Leben erheitert,

An magischen Banden durchs Nebelthal führt,

Mit göttlicher Milde die Seele erweitert,

Das Reich der Ideen allmächtig regiert,

Und freundlich verbirgst unterm rosigen Schleier

Die Thräne, die Lieb' uns und Sehnsucht erpresst,

O Hoffnung! dir weih' ich die würdigste Feier,

Dich lad' ich hier ein zum beglückenden Fest!
[169]

So sanft, wie ein Lenztag die Blumen verschönet,

Verklärst du mein Zimmer mit rosigem Glanz;

Wenn bang' dem beklommenen Busen enttönet

Die Klage, dann winket dein schimmernder Kranz!

Er blühet mir unter den trauernden Zweigen,

Wo Charon sich immer der Thränen erbarmt;

Da seh' ich dich schweben im himmlischen Reigen,

Wo Freundschaft und Liebe sich ewig umarmt!


Aus dieser Umgebung auf immer verwiesen

Sey alles, was Geist und Empfindung entehrt;

Das Grosse, das Gute sey würdig gepriesen,

Und nimmer verkannt und verringert sein Werth;

Behagliches Wohlseyn bereite dem Freunde,

Ihm weihe ein Herz, das voll Redlichkeit schlägt,

Das duldend voll Mitleid dem heuchelnden Feinde

Mit Güte begegnet und schonend ihn trägt!


Das freudig dem Scherz und dem Frohsinn Altäre

Und ihr, der beglückenden Häuslichkeit, weiht!

Leicht fliesse dem Dulder die tröstende Zähre,

Nie werde die heilige Wahrheit entweiht!

Ihr Urbild entströmte in Edens Gefilde,

Da wallt es so stralend den Seligen nach,

Dort thront es vergöttert in himmlischem Bilde,

Die Nebel versinken – schon dämmert der Tag!

Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 168-170.
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