Morgenschimmer

[254] Im Lichtgewölk, wie dort aus höhern Sphären,

Umfieng mich der Kamöne milder Schein,

Sie weihte mich an Helios Altären

Mit holdem Blick zu Götterwonnen ein;

Ich will des Leben Nachtpfad dir verklären,

Dein Pharus, sprach sie himmlisch, will ich seyn;

Doch musst du selbst das Schöne tief empfinden,

Willst du beglückend meine Nähe finden!


Da schwebt' ich auf mit der Begeist'rung Flügel

Empor zum blumenreichen Helikon;

Froh stimmt' ich dort am sanft umkränzten Hügel

Mit Hochentzücken meiner Lyra Ton;

Da wurde mir der Ozean zum Spiegel,

Die Zweige wölbten sich zum Stralenthron –

In dieses Reiches lichtumflossnen Räumen

Verschwand die Welt, mit ihren Schattenträumen.
[255]

Ein holdes Tempe, reich an süssen Blüthen,

Umfieng mich dort in jenem Zauberland;

Ich sah die Charis mit den Hesperiden

Durch zarte Bande schwesterlich verwandt.

Hier prangten Früchte, die so golden glühten,

Da wallten Götter traulich Hand in Hand;

Dort schlangen Oreaden, Amoretten,

Aus Rosendüften sanfte Blumenketten.


Mir war ein hehrer Licht-Tag aufgegangen,

Ein wundervolles, seliges Gebiet,

Die Morgenschimmer dieses Tempe drangen

Mit Göttermacht in's innerste Gemüth;

Die Himmelstöne sanfter Harfen klangen

Im Blumenthal, am traurigen Kozyt;

Von Phantasie'n allmächtig fortgezogen,

Schwebt' ich empor auf seines Aethers Wogen.


An mild umgrünten Ufern ruht' ich trunken,

Der Flut entstieg ein stilles Friedensland,

Wo, tief in seiner Schönheit Reiz versunken,

Der Vorwelt goldne Zeit ich wiederfand;

Sanft, wie der thauigen Hyaden Funken,

War jeder Kranz, den ich gerührt mir wand;

Im leicht beschwingten Tanze schwand die Hore,

Umschimmert von der göttlichen Aurore.
[256]

Von dieses Aethers lichtem Glanz umflossen,

Hob höh'rer Schmelz die junge Blumenflur;

Im Morgenthau, von Blüthen übergossen,

Lag feiernd da die göttliche Natur; –

Im dunkeln Hain, im Duft von Maiensprossen

Umwehte mich der Gottheit leise Spur;

Ich stieg auf der Empfindung Stufenleiter

Zur Sternenbahn, und immer – immer weiter.


Sie webte in dies zarte Seelenleben,

Ein Friedens-Tempe voller Harmonie'n,

Die leicht den Geist dem Irdischen entheben,

Und eitle kleine Schattenfreuden flieh'n.

O selig, selig, wen sie hold umschweben.

Da eilt der Gram zu dem Avernos hin;

Das Wehen bessrer Welten, Himmelsfriede

Erheben den Gesang zum Feierliede.


So tönte nun der Gottheit meine Leyer,

Und hochentzückt schlug höher da mein Herz.

Der Freundschaft weiht' ich Stunden stiller Feier,

Tief fühlt' ich ihre Wonnen, ihren Schmerz.

Um Grab-Zypressen, in der Wehmuth Schleier,

Sang ich bewegt, die Blicke himmelwärts;

Der Sorgen Angst, der Wehmuth Schmerzgefühle,

Verhallten oft in lauer Abendkühle.
[257]

Wird mir noch einst ein schön'rer Morgen glänzen,

Und dieser Oede stilles Glück entblüh'n?

Seh' ich noch Feste unter frohen Tänzen,

Dem Wiedersehn geweiht, vorüberzieh'n?

Dann weih' ich fröhlich zwischen Rosenkränzen,

Der dunklen Myrthe feierliches Grün;

Dann soll mein schönstes Lied dies Fest verschönen,

Und seinem Schöpfer Dank und Jubel tönen.

Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 254-258.
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