Prinz Leander, oder die schwere Prüfung.

[218] Ein Mährchen.


Ein König hatte einst einen Sohn, welchen die Schmeichler sich eifrig bemühten, zu verderben, indem sie ihm alle Tage erzählten, wie groß und mächtig das Reich sei, das einst sein Eigenthum würde, und wie klug und weise und schön er selbst wäre. Prinz Leander glaubte ihnen aufs Wort, und das war eben nicht gut. Er ward dabei weichlich und träge. Ein Weiser, der den König liebte, und sehr von diesem geachtet ward, schüttelte darüber das Haupt und sprach: »Ei,[218] ei, wie soll das werden?« Den König, der ihm um Rath fragte, rieth er, ihn in ein fernes Land zu senden, und ihn durch Erfahrungen zu bessern und zu belehren, daß er nicht anders und nicht besser sei, als andere Menschen. Da der König ihm alles überließ, so gab der Weise dem Prinzen unvermerkt ein Pulver. Leander schlief ein, und sahe nun wie die Feinde in das Land brachen, und nach harten Kämpfen sein väterliches Erbe ihm raubten, den König mordeten, und wie er selbst nur mit Mühe noch durch die Flucht entkam. Schaudernd erwachte er von dem schrecklichen Traume und erblickte sich allein, im Walde unter einem Baume liegend, in armseliger Kleidung. So war es doch kein bloßer Traum, rief er aufspringend, und betrachtete sich selbst und alles um ihn her. O! wie unglücklich bin ich nun! und mein armer, lieber Vater! ihn habe ich verloren und Krone und Reich! Aber ich will meine getreuen Unterthanen zusammenberufen, und sie werden mir helfen, mich wieder auf den Thron zu schwingen. Er ging aus dem Walde, einen kleinem Pfade folgend, der ihn zu menschlichen Wohnungen führte. Hier gab er sich zu erkennen, und forderte Hülfe und Beistand; aber man gab ihm zur Antwort, der neue König herrsche milde und gütig, und man wisse ja nicht,[219] ob er auch besser noch regieren, und seine Unterthanen noch glücklicher machen werde. Voll Zorn entfernte er sich und ging in die Stadt. Da war es aber noch ärger; er erfuhr, daß man eine große Summe demjenigen versprochen, welcher ihn auslieferte, oder seinen Aufenthalt verrieth; und wie groß war sein Schmerz, als er es gewahr wurde, daß, statt ihm zu helfen, seine Rechte auf sein Reich zu behaupten, mehrere Schlechtdenkende sich verbunden hatten, ihn auszuliefern. Nur mit genauer Noth entkam er noch, und durfte nun nicht einmal sich zu erkennen geben. Flüchtig irrte er umher; und suchte er auch ein Unterkommen, so fand sich keines für ihn, denn er hatte, in dem Wahne, ein Prinz brauche sich den Kopf eben nicht mit Lernen zu beschweren, den vortrefflichen Unterricht, den er erhielt, nicht gehörig benutzt, und wußte so, von allem etwas und doch nichts gründliches. Selbst als Taglöhner war er nicht gut zu gebrauchen, da er seine Kräfte nie gehörig geübt, und an ein weichliches Leben gewöhnt war. So vergingen Monate, in denen er mit allen möglichen Drangsalen, mit Hunger, Frost und endlich Krankheiten zu kämpfen hatte, und wie schmerzlich bedauerte er es nun, die ersten Jugendjahre so zwecklos vertändelt zu haben, statt sich nützliche Kenntnisse zu erwerben, und seinen[220] Körper abzuhärten. Endlich, eines Abends aber kam er ganz erschöpft, noch matt von der langen Krankheit, in die Hütte eines Einsiedlers, welchen er mit Lesen beschäftiget fand. Der Greis nahm ihn freundlich auf, brachte ihm Milch und Früchte, und bereitete ihm ein Lager. Leander, nachdem er gegessen, legte sich nieder und schlief ununterbrochen bis zum hellen Morgen. Neu gestärkt stand er auf, und nachdem er ein Frühstück zu sich genommen, sahe er sich seufzend nach seinem Wanderstabe um. Auf die Frage des Greises, wohin er gehe, fühlte er sich von tiefer Rührung übermannt. Er brach in Thränen aus, und gestand, daß er schon lange ohne Heimath umherirre. Nun so bleibe bei mir, mein Sohn! sprach der Alte; aber dann mußt du mir auch helfen mein Feld und meinen Acker bauen, daß sie mehr Früchte hervorbringen, um auch dich zu ernähren; doch, nicht immer giebt es zu arbeiten; in der Zwischenzeit lese ich, denn der Mensch muß seinen Geist zu bilden streben, und je älter er wird, und je mehr Kenntnisse und Erfahrungen er gesammelt hat, um desto mehr lernt er einsehen, wie unvollkommen dennoch das höchste menschliche Wissen ist. Versuche es einige Tage bei mir, und gefällt es dir, so magst du da bleiben. Der Prinz dankte dem Greis[221] herzlich, und theilte seine Beschäftigungen und seine Erholungen, die im Lesen bestanden, mit ihm. Die Weisheit des erfahrnen Alten, ließ Leandern, der mit Vergnügen ihm zuhörte, und immer neue Fragen an ihn that, die Einsamkeit nicht lästig finden, und die Arbeit, welche seinen Körper und seine Kräfte stählte, machte ihm endlich Vergnügen. Er lernte allmählich einsehen, daß die Völker nicht um der Fürsten willen da sind, sondern diese, oder ihre Stammältern aus der Mitte des Volkes hervorgerufen wurden, um die Gesetze aufrecht zu erhalten, und das Vaterland zu schützen, und für diese großen Mühen, Sorgen und Aufopferungen wurden ihnen in der Ehre und Macht wiederum große Entschädigungen. So vergingen zwei Jahre; da verbreitete sich das Gerücht, daß Feinde ins Vaterland des Prinzen eingebrochen, und gräßliche Verwüstungen darin anrichteten, und mit Feuer und Schwert alles vernichteten. Leander war tief ergriffen von dieser Nachricht. »Es ist wahr, mein Vater! sprach er zu dem Greise, mein Vaterland ist ungerecht gegen mich gewesen, daß es einen Fremdling, der den Thron eroberte, die Rechte einräumte, die dem Sohne des besten Königes zukamen; allein die Gefahr und Noth dieses Augenblickes versöhnt mich wieder mit ihm, und ich fühle, daß ich verbunden[222] bin, mein Leben zu seiner Rettung zu wagen, und wenn es seyn muß, aufzuopfern.« Gehe hin, mein Sohn, sprach der gerührte Greis, und mein Seegen begleite dich! Sie trennten sich, nachdem Leander von seinem zweiten Vater wohl zehnmal Abschied genommen; er eilte nun zu der Armee der Seinigen. Es war eigentlich nur noch ein kleines Häufchen, das der Macht des Feindes eher weichen mußte, als es ihn sich entgegensetzen konnte; dennoch standen sie im Begriff eine Schlacht zu liefern, als Leander zu ihnen kam, um sich dem dreimal stärkern Feinde zu widersetzen. Der Prinz focht mit Löwenmuth; und als der Anführer fiel, und bestürzt die Uebrigen zurückwichen, warf er sich an ihre Spitze, und seine Kühnheit und die Klugheit mit der er sie leitete, indem er richtig den kleinen Haufen eintheilte und ordnete, gab ihnen wieder neuen Muth und Vertrauen zu dem neuen Anführer. Was fast unmöglich schien, geschah. Die kleine Armee, von Vaterlandsliebe beseelt, für ihre gerechte Sache entbrannt, besiegte die große, welche freilich nicht so richtige und edle Beweggründe hatte, tapfer zu seyn. Sie ward geschlagen und zurückgedrängt. Diese unerwartete Wendung des Geschickes gab den Unterdrückten neuen Muth und ein unbegrenztes Vertrauen zu dem neuen Feldherrn. Es fanden sich viele[223] ein, die sich dem Haufen anschloßen, der dadurch täglich größer ward, so wie der feindliche sich verringerte, und nach einer neuen blutigen Schlacht, gelang es Leandern den Feind gänzlich zu schlagen, und einen sehr vortheilhaften Frieden, welcher dem Reiche noch viele neue schöne Besitzungen verschafte, zu erzwingen. Im Triumpfe kehrte er mit der siegreichen Armee in die Hauptstadt; entschlossen, seine Stelle unerkannt nieder zu legen und zu seinem väterlichen Freund zurück zu kehren. Triumpfbögen und feierliche Prozessionen empfingen die Helden überall, und noch schöner das laute, freudige Zurufen des Dankes der Menge. So zogen sie in die Hauptstadt der königlichen Residenz. Aber wie ward dem Prinzen, als er statt des fremden Beherrschers seinen Vater, im königlichen Gewande, mit der Krone auf dem Haupte, erblickte, und an der einen Seite desselben, seine Mutter, die Königin, und an der andern, den Greis aus der Einsiedelei, erkannte. Entzückt schlossen sie den Sohn in ihre Arme, und ein jauchzendes Geschrei: »Hoch lebe der Prinz Leander,« erhob sich vom Volke in die Lüfte. Nun ward ihm erst die Auflösung des Räthsels, und er danke den Eltern, wie dem Weisen, der ihn durch Zaubermittel aus einem Thronfolger zum verlaßnen Flüchtling machte, von ganzem Herzen für diese schwere,[224] aber heilsame Prüfung. Es versteht sich, daß der Weise und der Greis im Walde nur eine Person war. Leander blieb wie er war, und ergab sich nie mehr dem weichlichen Leben, noch lieh er den Schmeichlern sein Ohr. So ward er ein edler und gerechter Beherrscher seines Volkes.

Quelle:
Karoline Stahl: Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder. Nürnberg 21821, S. 218-225.
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